Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung nach dem chinesischen Original. Auf der Originalseite lässt sich zwischen vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen wechseln.
Die Mitglieder der Sektion 9 für öffentliche Sicherheit haben zum allergrößten Teil vollständig oder nahezu vollständig prothetische Körper.
Ehemalige Soldaten, ehemalige Spezialkräfte, ehemalige Geheimdienstleute. Jeder beherrscht etwas bis zur Vollendung: Nahkampf, Scharfschießen, Infiltration, elektronische Kriegführung, nachrichtendienstliche Analyse.
Einer von ihnen passt nicht in dieses Bild.
Togusa. Ehemaliger Kriminalbeamter, verheiratet, Vater. Sein Körper ist fast vollständig der ursprüngliche; nur sein Gehirn hat die grundlegendsten elektronischen Erweiterungen. Er trägt einen Revolver. Weil er daran gewöhnt ist.
In einer solchen Organisation ist er, nach jedem einzelnen Leistungsmaßstab, der Schwächste.
Motoko hat ihn persönlich angeworben.
Ihre Begründung
In Mamoru Oshiis Filmfassung von 1995 erklärt Motoko, warum sie Togusa braucht. Ihre Begründung handelt nicht von seinen Vorzügen. Sie lässt sich auch auf seinen Platz in Stand Alone Complex beziehen.
Sinngemäß sagt sie: Wenn wir ausschließlich aus derselben Art von Spezialisten bestehen, wird das System anfällig. Übermäßige Spezialisierung bedeutet einen langsamen Tod.
Das ist ein technisches Urteil, kein moralisches.
Darauf kommt es an. Der Satz lässt sich allzu leicht als schöne Aussage über Offenheit und Inklusion lesen.
Das ist er nicht. Er besagt: Eine Organisation, die nur aus Gleichartigen besteht, wird auf dieselbe Weise Fehler machen.
Neun erstklassige Kämpfer mit künstlichen Körpern kommen in derselben Lage zum selben Urteil. Sehr wahrscheinlich haben sie recht; sie sind schließlich erstklassig. Wenn das Urteil aber falsch ist, irren sich alle neun zusammen. Und alle irren in genau derselben Richtung.
Wie gut eine Organisation Fehler verkraftet, hängt nicht davon ab, wie stark ihr stärkstes Mitglied ist. Es hängt davon ab, wie verschieden ihre Mitglieder sind.
Das ist dieselbe Frage wie bei den Tachikoma im vorigen Essay, nur von der anderen Seite betrachtet.
Bei den Tachikoma wird Gleichheit verlangt. Sie sind Waffen; nichts ist wichtiger als ihre Berechenbarkeit.
Bei Sektion 9 wird Gleichheit vermieden. Die Organisation muss mit unbekannten Situationen umgehen. Sind alle gleich, haben sie auch dieselben blinden Flecken.
Über die beiden Fassungen hinweg trifft Motoko diese entgegengesetzten Entscheidungen. Beide sind richtig. Der Unterschied liegt darin, wozu die jeweilige Sache da ist.
Was er danach tut
Die zweiundfünfzig Folgen von Stand Alone Complex bestätigen diesen Gedanken durch das, was Togusa tut.
Togusa sieht Dinge, die den anderen entgehen. Nicht weil er klüger wäre; er ist offensichtlich nicht der Klügste. Sondern weil er an einem anderen Ort steht.
Ihm fällt auf, dass die Liste der Empfänger des Murai-Impfstoffs aus der zuständigen Behörde verschwunden ist.
In vielen Fällen stammt das erste Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt, von ihm. Er stellt Fragen, die andere für unnötig halten, und geht Spuren nach, die andere nicht verfolgen würden.
Er arbeitet wie ein Kriminalbeamter: Er besucht Leute, vergleicht Angaben, läuft Wege ab, fragt nach. In einer Abteilung, die vor allem elektronische Kriegführung betreibt, wirkt diese Arbeitsweise lächerlich ineffizient. Gelegentlich findet sie aber etwas, das der elektronischen Kriegführung entgeht.
Der Grund ist kein Geheimnis. Wer jedes System hacken kann, wird zuerst versuchen, das System zu hacken. Manche Dinge stehen aber in keinem System. Sie stecken in einer beiläufigen Bemerkung, in der Anordnung von Unterlagen in einer Papierakte, in einer Pause, bevor jemand am Telefon antwortet.
Togusa schaut dort nach, weil ihm nur diese Mittel zur Verfügung stehen. Nicht weil er mehr durchschaut.
Sein Wert liegt nicht darin, dass er etwas kann, was die anderen nicht können. Er schaut in Richtungen, in die sie nicht schauen würden.
Und das tut er gerade deshalb, weil er nicht einer von ihnen ist.
Was an ihr selbst ihr gehört
Damit kommen wir zur anderen Hälfte dieses Essays.
Motoko Kusanagi hat einen vollständig prothetischen Körper.
Sie bekam ihn sehr früh. Nach einem Unfall, als sie noch ein Kind war, wurde fast ihr ganzer Körper ersetzt.
An die Zeit davor erinnert sie sich kaum.
Die Serie berührt diese Frage immer wieder. Und bleibt jedes Mal an derselben Stelle stehen: Sie hat keine Möglichkeit, es zu überprüfen.
Sie kann nicht beweisen, dass die heutige Motoko dieselbe ist wie das damalige Kind. Sie kann nicht beweisen, dass ihre Seele noch die ursprüngliche ist. Sie hat nichts in der Hand, womit sie feststellen könnte, woher das stammt, was an ihr ihr selbst gehört, ob es jemals ersetzt wurde und wie viel davon noch übrig ist.
Bei einem Menschen mit vollständig künstlichem Körper liegen die Erinnerungen im Cyberhirn. In ein Cyberhirn kann man Daten hineinschreiben: falsche Erinnerungen einpflanzen, Lebensläufe umschreiben.
Wie grausam das sein kann, zeigt wiederum die Filmfassung von 1995. Dort begegnet Motoko dem Fall eines Müllarbeiters, dem die Erinnerung an eine Familie eingepflanzt wurde.
Der Mann ist überzeugt, eine Frau und eine Tochter zu haben, und tut viel für sie. Dabei ist ihm dieses ganze Leben eingeschrieben worden. Seine Gefühle sind echt. Seine Handlungen sind echt. Was er für diese Familie aufbringt, ist echt. Nur hat es die Familie nie gegeben.
Dieser Fall aus dem Film verschärft die Frage, die sich an Motoko in Stand Alone Complex stellen lässt. Er liefert keine Antwort auf ihre eigene Identität.
Dort ermittelt sie weiter, ohne dass ihr die Arbeit den Beweis liefert, dass ihre eigenen Erinnerungen unverändert sind.
Sie behält einen Menschen in ihrer Organisation, weil er anders ist. Sie selbst ist in dieser Geschichte der Mensch, der am wenigsten beweisen kann, dass das Eigene an ihm noch das Ursprüngliche ist.
Das Kind
In der zweiten Staffel kommt ein Teil ihrer Vergangenheit zum Vorschein.
Der Unfall aus ihrer Kindheit verbindet sie mit einem anderen Menschen.
Kuze erhielt in seiner Jugend ebenfalls nach einem Flugzeugunglück einen künstlichen Körper. Von ihm war im zweiten Essay die Rede: Er ist derjenige, der sich aus dem ideologisch lenkenden Virus befreit hat.
Beide waren in denselben Unfall verwickelt. Beide lagen im selben Krankenhaus.
Motoko erinnert sich an sehr wenig. Eine dieser Erinnerungen zeigt einen Jungen, der Papierkraniche faltet.
Ob diese Erinnerung wahr ist, ob sie ihr gehört oder ob spätere Informationen sie nachträglich ausgefüllt haben, bestätigt die Serie nicht.
Sie behandelt die Erinnerung als etwas, das Motoko überprüfen möchte und nicht überprüfen kann. Sie sucht Kuze. Sie will es wissen. Doch was sie in Erfahrung bringen kann, reicht nie zur Gewissheit.
Ein Mensch möchte wissen, ob eine Erinnerung an seine Kindheit wahr ist. Und hat kein einziges Werkzeug, mit dem sich das feststellen ließe.
Motokos Lage ist dabei noch schlechter als die anderer Menschen. Andere können sich nicht sicher sein, weil Erinnerungen nun einmal unzuverlässig sind. Sie kann sich nicht sicher sein, weil ihre Erinnerungen in einem Apparat liegen, von dem längst bewiesen ist, dass man ihm Inhalte einschreiben kann. Und ihre eigene Arbeit besteht darin, solche Fälle zu bearbeiten.
Sie weiß besser als jeder andere, wie weit das gehen kann.
Beides nebeneinander
Hier kann dieser Essay zum Schluss kommen.
Motokos Entscheidung, in einer Organisation voller Spezialisten einen anderen Menschen zu behalten, ist das klarste Urteil der gesamten Serie. Es ist richtig. Die zweiundfünfzig Folgen bestätigen es immer wieder.
Ob die Person, die dieses Urteil fällt, das Anderssein an sich selbst beweisen könnte, weiß sie nicht.
Sie hat diese Entscheidung nicht getroffen, weil sie endlich wusste, wer sie ist. Sie trifft ein richtiges Urteil über die Struktur einer Organisation, während sie sich völlig im Unklaren darüber ist, was sie selbst eigentlich ist.
Ein Mensch kann eine Sache vollkommen klar durchdenken, ohne feststellen zu können, wer er selbst ist.
Zwischen beidem besteht kein Zusammenhang. Die Serie stellt auch keinen her. Es gibt keine Folge, in der Motoko durch einen Fall „zu sich selbst findet“ und fortan besser urteilt.
Sie findet sich nie. Ihr Urteil bleibt präzise.
Und der Mensch, den sie eigens behalten, den sie gerade wegen seines Andersseins angeworben hat, tut in der letzten Folge etwas.
Er vollzieht dieselbe Handlung, die alle anderen schon vollzogen haben.
Darum geht es im letzten Essay.