Ästhetik · Strahl 03 · Die Schönheit der Mathematik
Beide Antworten stimmen. Warum ist die eine schöner?
Nicht nur 5050 als Ergebnis erhalten, sondern sehen, warum diese Summe herauskommt. Schönheit ist keine Auszeichnung für Schnelligkeit.
Am Ende steht auf beiden Blättern 5050.
Die Aufgabe lautete, die Zahlen von eins bis hundert zu addieren. Das erste Blatt ist mit Additionen gefüllt; neben jedem Schritt steht die bisherige Summe. Auf dem zweiten stehen nur wenige Zeilen: 1 zu 100, 2 zu 99, 3 zu 98. Jedes Paar ergibt 101. Es gibt fünfzig Paare.
Wäre dies eine Prüfung, müssten beide Lösungen Punkte erhalten. Die erste ist nicht falsch, und die aufgewandte Zeit ist kein Vergehen.
Sammeln wir die Blätter aber noch nicht ein, sondern legen sie nebeneinander, fällt etwas Zusätzliches auf dem zweiten auf. Es liefert uns nicht nur die Antwort. Es gibt dem Grund, warum diese Zahlen genau diese Summe ergeben, eine sichtbare Gestalt.
Folgen wir den Zahlenpaaren, gleichen sich die Veränderungen aus: Was auf der einen Seite hinzukommt, fällt auf der anderen weg. Aus der langen Reihe einzelner Additionen sind fünfzig Paare mit derselben Summe geworden.
»Ach, so geht es auch.«
Manchmal klingt darin Ärger mit: Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen? Manchmal nur Freude. Unabhängig von diesem Gefühl können wir noch einmal auf das Blatt sehen. Was die Paarbildung trägt, ist nicht die Klugheit der Person, die sie aufgeschrieben hat.
Nicht weil es schnell geht
Ein Taschenrechner könnte 5050 anzeigen, noch bevor wir den Stift angesetzt haben. Er wäre schneller. Vielleicht vertrauen wir seinem Ergebnis vollkommen.
Aber seine Geschwindigkeit lässt uns die fünfzig Paare nicht sehen.
Sogar die Paarbildung kann zu einer bloßen Anweisung werden: Erste und letzte Zahl addieren, mit der Zahl der Glieder multiplizieren, durch zwei teilen. Auswendig gelernt lässt sich das gut einsetzen. Richtige Anwendung bedeutet aber nicht, dass wir jedes Mal das Warum sehen. Ein Verfahren, das einmal ein Aha-Erlebnis ermöglichte, kann später ein handliches Werkzeug in der Schublade sein.
Das Werkzeug ist deshalb nicht kaputt. Dieser Essay möchte es nur vor dem Benutzen noch einen Augenblick betrachten.
Ersetzen wir hundert durch zehn: 1 zu 10, 2 zu 9 – fünf Paare zu je 11. Die Zahlen sind weniger geworden; die Beziehung bleibt. Nehmen wir stattdessen neun, bleibt in der Mitte eine 5 übrig. Wir müssen beachten, dass sich die vorigen »fünfzig Paare« nicht unverändert übertragen lassen.
Wir können die Zahlen eins bis neun auch zweimal aufschreiben, einmal vorwärts und einmal rückwärts. Übereinander ergeben sich neun Paare mit der Summe 10, insgesamt 90. Da wir die ganze Reihe zweimal verwendet haben, beträgt die gesuchte Summe 45.
Von hier aus sehen wir auch das zweite Blatt mit eins bis hundert anders. Es spart nicht bloß viele Schritte. Es zeigt, welche Beziehungen sich mit der Länge der Reihe verändern und welche Bestand haben. Für jede neue Reihe müssen wir nicht erneut einem ganz neuen Ergebnis glauben.
»Schön« ist hier also kein Preis für das höchste Tempo. Es gibt eine Klarheit, deren Weg wir selbst noch einmal gehen können.
Kürze kann Länge auch nur verstecken
Manche Lösungen bestehen aus einem einzigen Satz: »Das folgt aus dem betreffenden Satz.«
Wer den mathematischen Satz kennt, kommt damit vielleicht aus. Er weiß, was ausgelassen wurde, und kann es entfalten. Für jemand anderen verweist das Blatt nur von etwas Unbekanntem auf etwas noch Unbekannteres.
Weniger Wörter bringen das Warum nicht unbedingt näher. Manchmal zeigt gerade eine ausführlichere Lösung die Beziehungen klarer: Woher kommt diese Zeile? Warum folgt darauf gerade die nächste? Wer liest, muss keine Lücke überspringen und so tun, als hätte er verstanden.
Umgekehrt liefert auch eine besonders regelmäßige Zahlenfolge noch keinen Grund. Dass die ersten Fälle passen, garantiert nicht, dass es später so bleibt. Regelmäßigkeit zieht uns an; das ist verständlich. Doch zum Suchen nach einem Beweis anzuregen ist etwas anderes, als schon selbst ein Beweis zu sein.
Schönheit kann den Wunsch wecken, weiterzugehen. Sie erspart denen, die weitergehen, nicht die Prüfung. Ein wunderschön wirkender Gedanke kann falsch sein. Finden wir einen Fehler, müssen wir unser Urteil ändern, statt das Unpassende heimlich zu verbergen, um die Schönheit zu retten.
Der Aufsatz beharrt hier auf einer einfachen Unterscheidung: Ein Ergebnis gilt; oder es zeigt zugleich, warum es gilt. Das ist nicht dasselbe. Richtig und kurz, schwierig und berühmt – keine dieser Eigenschaften ersetzt das Sichtbarwerden des Grundes.
Auch andere können den Weg noch einmal gehen
Ein weiterer alter Beweis zeigt, warum die Primzahlen nicht irgendwann ausgehen. Eine Primzahl ist eine ganze Zahl größer als 1, die nur durch 1 und sich selbst ohne Rest teilbar ist: etwa 2, 3, 5 oder 7.
Fragen wir vorerst nicht nach ihrer Gesamtzahl. Bitten wir jemanden, eine endliche Liste vorzulegen und zu behaupten: »Das sind alle.«
Multiplizieren wir die Primzahlen dieser Liste und addieren 1. Teilen wir die entstandene Zahl durch irgendeine Primzahl auf der Liste, bleibt stets der Rest 1. Da sie aber größer als 1 ist, muss sie durch irgendeine Primzahl teilbar sein. Diese Primzahl steht nicht auf der ursprünglichen Liste.
Die neue Zahl muss nicht selbst eine Primzahl sein; diesen Schritt dürfen wir nicht auslassen. Die Liste 2, 3, 5 ergibt nach Multiplikation und Addition von 1 die Primzahl 31. Die Liste 2, 3, 5, 7, 11, 13 ergibt hingegen 30031, also 59 mal 509. Wir müssen nicht jedes Mal unmittelbar eine neue Primzahl erzeugen. Es genügt, dass die erzeugte Zahl mindestens einen Primfaktor enthält, der auf der Liste fehlte.
Ist dieser Schritt klar, hängt die Sache nicht mehr von der Länge der Liste ab. Auch wenn wir die gerade fehlende Zahl ergänzen und nun erneut Vollständigkeit behaupten, lässt sich dasselbe Verfahren anwenden. Die Liste selbst gibt uns das Material, über sie hinauszugehen.
Dazu braucht es durchaus Geduld. Beim ersten Lesen nicht zu verstehen ist kein ästhetisches Versagen. Man kann eine kürzere Liste nehmen, selbst einige Divisionen ausführen und dann noch einmal hinsehen.
Sobald der Weg aber nachvollzogen ist, gehört der Grund nicht mehr nur der Person, die ihn erklärt hat. Wir nehmen ihn nicht an, weil ein berühmter Mathematiker dafür bürgt. Wir können die Schritte selbst wiederholen und wissen, wo man nichts unterschieben darf. Der erste Entdecker muss nicht für immer vorangehen und den Weg weisen.
Darin liegt etwas Besonderes an mathematischer Schönheit. Den ursprünglichen Augenblick einer Entdeckung können wir nicht wiederholen. Die Beziehung, die sie trägt, können spätere Menschen jedoch erneut nachvollziehen. Sie sind nicht darauf angewiesen, sich nur von der damaligen Begeisterung erzählen zu lassen.
Unfertiges ist nicht unbedingt schöner
Bis hierher könnte es scheinen, nur Bewiesenes besitze Schönheit. Der Aufsatz lässt eine andere Möglichkeit offen: Die Antwort fehlt noch, aber die bereits erkannten Beziehungen lassen deutlich werden, welche Begründung aussteht.
Er erörtert diese offene Stelle an der Riemannschen Vermutung. Dafür braucht es mehr mathematische Vorbereitung; einige bildhafte Sätze sollen hier nicht ihren Inhalt vortäuschen. Halten wir vorerst nur die Unterscheidung fest: Es gibt viel Unbekanntes. Nicht alles ist schon deshalb bewundernswert.
Habe ich eine Übungsaufgabe nicht gelöst, fehlt mir vielleicht nur eine gelernte Methode. Sind die Dezimalstellen einer Zahl noch nicht bis zu einem bestimmten Punkt berechnet, wurde womöglich bloß nicht weitergerechnet. Allein »Noch nicht fertig« macht daraus keine tiefe Schönheit.
Gemeint ist eine bestimmtere Lücke. Beziehungen, die bereits Bestand haben, machen erkennbar, welches Warum noch fehlt. Dafür wird kein Glanz von einer künftigen Antwort geliehen; schon heute gibt es etwas zu sehen. Doch sein schönes Aussehen kann dem fehlenden Beweis nicht vorab Gültigkeit verschaffen.
Diese Möglichkeit steht nicht über der fertigen Paarungstabelle. Wir dürfen die Spannung des Suchens mögen und ebenso die Ruhe einer Antwort, deren Grund auch beim erneuten Betrachten klar bleibt. Wir brauchen nichts Fertiges geringzuschätzen, um unsere Liebe zum Entdecken zu beweisen.
Am Tisch dreht jemand das zweite Blatt zum anderen hin und reicht es dem Menschen, der das erste beschrieben hat. Dieser nimmt einen Stift, zieht eine Linie zwischen 1 und 100 und dann noch eine.
Jetzt muss niemand sagen: »So einfach! Warum bist du nicht selbst darauf gekommen?«
Damit würde aus dem gerade selbst begehbaren Weg wieder eine Prüfung, ob jemand klug genug ist.
Lassen wir ihn die Linien zu Ende ziehen. Vielleicht lächelt er, vielleicht nickt er nur. Er darf Mathematik später immer noch nicht mögen.
Heute hat er gesehen, warum diese Zahlen so zusammengehören können. Das ist bereits etwas in sich Vollständiges.
Quellen und weiterführende Lektüre
Die deutschen Leseressays sind eigenständig nach den vollständigen veröffentlichten chinesischen Manuskripten geschrieben. Die schon vorhandene englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; vereinfachtes und traditionelles Chinesisch enthalten die vollständigen Texte. Die Essays sind keine technischen Vollübersetzungen der wissenschaftlichen Aufsätze. Jede Folge behält ihren eigenen vollständigen Hinweis zu erfundenen Beispielszenen, nachprüfbaren Sachverhalten und Grenzen der Deutung sowie sämtliche Quellenlinks. Die SAE-Aufsätze sind auf Englisch und Chinesisch zugänglich. Die getrennte Sammlung mit Kunstbetrachtungen besitzt eine deutsche Ausgabe; tägliche Entdeckungen und der ältere Essay über den Tod des Künstlers liegen auf Englisch und in vereinfachtem Chinesisch vor. Die hier angebotenen Links zu diesen beiden Bereichen führen zur englischen Lektüre.
Zum Essay und seiner Grundlage
Geschrieben auf Grundlage des Aufsatzes »Die Schönheit der Mathematik«. Die beiden Rechenblätter und die Szene mit dem weitergereichten Stift sind Beispiele, keine historische Rekonstruktion der Kindheitsgeschichte von Gauß. Paarbildung und Primzahlbeweis lassen sich Schritt für Schritt prüfen; die neu erzeugte Zahl muss nicht selbst prim sein. Die Riemannsche Vermutung erscheint erst im letzten Abschnitt als Zugang zum ausführlicheren Aufsatz. Weder ihre Definition noch ihr Beweis werden hier durch ein Bild ersetzt.