Das Zhuangzi neu aufschlagen · 15 · Wind und Öffnungen
Ein Wind, zehntausend Öffnungen, zehntausend Stimmen
Was wir hören, stammt nicht nur von einer Seite. Das entbindet uns nicht vom Prüfen dessen, was gesagt wird.
Qi wu lun beginnt nicht mit einer Definition. Zuerst sieht der Schüler den Lehrer sitzen und bemerkt etwas Ungewohntes an ihm. Nanguo Ziqi lehnt an einem kleinen Tisch, blickt auf und atmet aus, als habe er etwas verloren, das ihn sonst immer begleitet. Yancheng Ziyou fragt ihn: Kann der Körper wie dürres Holz und das Herz wie kalte Asche werden? Der Mensch, der jetzt hier lehnt, ist anders als früher. Das Wort ‚früher‘ muss nicht gestern heißen. Wichtig ist, dass der Schüler eine Veränderung erkennt und noch nicht weiß, was sie bedeutet. Ziqi tadelt seine Frage nicht. Er nennt sie gut.
Eben habe ich mich selbst verloren. Weißt du das?
Eben habe ich das ‚Ich‘ verloren – weißt du es? Ziqi erläutert nicht sogleich, woraus dieses Ich besteht. Er beginnt vom Wind zu sprechen.
1. Die Öffnungen, die zuvor leer waren
Wenn die große Erde ihren Atem ausstößt, nennen wir es Wind. Solange er sich nicht erhebt, bleibt es still; erhebt er sich, heulen die zehntausend Öffnungen.
Die Erde atmet aus: Wind. In der Ruhe geschieht nichts, mit seinem Aufkommen erklingen die Hohlräume. Löcher in den Bäumen sehen wie Nasen oder Münder aus, sind tief oder flach. Verschieden sind auch ihre Klänge: Aufbrausen, Rufen, leise Antwort. Bei schwachem Wind leise, bei starkem laut; ist er vorüber, sind die Öffnungen wieder leer. Viel Leben herrscht in dieser Beschreibung. Der Schüler hat darüber seine anfängliche Frage aber nicht vergessen. Den Menschenklang versteht er als das Erklingen von Bambusröhren, den Erdklang als diese Hohlräume. Was ist dann der Himmelsklang? Ziqi antwortet:
Der Wind bläst durch die zehntausend Verschiedenheiten und lässt sie jeweils selbst sein; jede nimmt sich das Ihre. Doch wer lässt sie so aufbrausen?
Die zehntausend Dinge geraten in Bewegung, verschieden und jeweils auf ihre Weise. Wer bringt sie so zum Klingen? Diese Sätze werden seit Langem unterschiedlich ausgelegt. Hier möchte ich langsam der Frage folgen, wie der Klang entsteht, statt sie zum Rätsel mit nur einer erlaubten Lösung zu machen.
2. Der Klang gehört nicht allein einer Seite
Wenn wir etwas hören, sagen wir leicht: Das ist der Wind. Doch derselbe Wind ergibt an unterschiedlichen Öffnungen andere Töne. Die Form des Lochs ist an dem Klang beteiligt. Umgekehrt bleibt es stumm, wenn wir nur das Loch betrachten. Legt sich der Wind, gehen Rufen und Antworten von eben nicht weiter. Daraus wird weder ein physikalisches Gesetz, der Wind selbst könne niemals Geräusche erzeugen, noch die Behauptung, auf alle zehntausend Öffnungen wirkten genau dieselben Bedingungen. Die Fabel zeigt eine Beziehung: Wie dieser Ton zustande kommt, lässt sich nicht durch die Frage nach nur einer Seite erklären.
Auf menschliche Urteile übertragen verändert das Bild auch die Frage. Ich höre einen Satz oder lese eine Reihe von Zahlen und komme unmittelbar zu einem Schluss. Was darin stammt aus dem Material, was aus meiner Aufmerksamkeit, meinem Übersehen und meinen Erwartungen? Das Material verschwindet nicht, und es ist auch nicht alles von mir bestimmt. Nur wird mein eigener Anteil häufig weniger sichtbar als das Material von außen.
3. Das verlorene ‚Ich‘
‚Ich habe mich verloren‘ lädt zu einer schönen Erklärung ein: Das eine sei das wahre, das andere das falsche Selbst. Das falsche werde losgelassen, das wahre trete hervor. Diese Lesart ist möglich. Dass im Chinesischen zwei verschiedene Zeichen für das Ich stehen, wu und wo, beweist aber noch nicht, dass der alte Text zwei Arten des Selbst streng getrennt hätte. Schauen wir zuerst auf das Gespräch selbst. Ziqi spricht noch, erkennt den Schüler und kann auf seine Frage antworten. ‚Sich verlieren‘ muss also zumindest nicht heißen, von nun an ohne Gedanken, Handlungen und eigene Stimme zu sein.
Ich würde darin eher das Lockern einer Stellung sehen, die sonst fest in der Mitte sitzt. Die Sicherheit des ‚Natürlich sehe ich es so‘ vertritt nicht mehr fraglos die Sache selbst. Erlebnisse, Charakter und Erinnerungen werden dadurch nicht ausradiert. Durch eine einzelne Einsicht wird auch niemand zu einem Menschen, auf den noch nie etwas eingewirkt hätte. Eher bemerke ich plötzlich: Der Schmerz, den ich eben für ausschließlich vom anderen verursacht hielt, hat auch meine mitgebrachten Erwartungen durchlaufen. Das hebt seine Verantwortung nicht automatisch auf. Vielleicht verwechsle ich dann aber meine erste Reaktion nicht mehr mit dem letzten Urteil.
4. Dieselbe E-Mail, drei Klänge
In einer E-Mail steht: ‚Lassen Sie uns diesen Termin noch einmal bestätigen.‘ Einer hört Druck, eine andere ein Hilfsangebot, ein Dritter das Misstrauen des Vorgesetzten. Niemand muss lügen. Die drei können tatsächlich verschiedene Arbeitserfahrungen mitbringen und sich an andere Vorgeschichten erinnern. Aufrichtigkeit garantiert allerdings keine richtige Deutung. Was der Absender zugesagt hatte und wonach er diesmal fragt, kann weiterhin geprüft werden. Manche Deutungen passen vielleicht besser zum Zusammenhang, andere beruhen auf einem Missverständnis.
Wenn die Geschichte hilft, dann nicht durch ein ‚Alle haben recht‘. Sie fügt dem Gespräch einen Schritt hinzu: Warum habe ich zuerst gerade diesen Sinn gehört? Welche Auskunft könnte mich umstimmen? Manchmal genügt die Rückfrage: ‚Sorgen Sie sich, dass die Zeit nicht reicht, oder möchten Sie wissen, wie weit ich schon gekommen bin?‘ Gegenüber weiterem Raten entsteht dann etwas, das gemeinsam geklärt werden kann. Menschen sind keine Löcher von unveränderlicher Gestalt. Wir erklären, ergänzen und lernen an unseren Reaktionen. Auch dieser Unterschied muss in den Vergleich eingehen.
5. Der vorige Kürbis ist noch da
Im vorigen Essay fand Huizi den Kürbis ungeeignet, etwas aufzunehmen, und erklärte ihn für nutzlos. Wir fragten, wer den Maßstab für die Verwendung mitgebracht hatte. Wind und Öffnungen rücken den Gedanken näher an den Urteilenden selbst. Eine allzu vertraute Verwendung prägt – wie die Form eines Hohlraums den Klang – auch den Schluss, den er hört: ‚Unbrauchbar.‘ Nicht jeder mit Huizis Erlebnissen muss deshalb dasselbe Urteil fällen. Erfahrung ist kein Programm, aus dem sich jeder Satz exakt errechnen ließe. Auch die von Huizi gesehenen Mängel werden damit nicht sämtlich falsch.
Hinzuzunehmen ist vielmehr: Mein Maßstab gehört selbst zu dem, was gerade geschieht. Er steht nicht außerhalb als Richter, der von Natur aus keiner Erklärung bedürfte. Das gilt ebenso für meine Auslegung. Ich verbinde die Geschichten aus bestimmten Fragen heraus und wähle Schwerpunkte. Wenn Leser auf ein anderes Detail hinweisen, haben sie nicht notwendig den Anschluss verloren. Vielleicht höre ich dadurch gerade den Klang, der mir zuvor entgangen war.
6. Worte sind nicht bloß Wind
Im weiteren Verlauf von Qi wu lun folgt ein Satz, den wir danebenlegen sollten:
Worte sind nicht bloß ein Blasen. Wer spricht, hat etwas zu sagen.
Sprechen ist nicht nur Atemausstoßen; jemand sagt etwas. Danach fragt der Text weiter, ob dieses Gesagte schon feststeht. Von den klingenden Öffnungen darf man daher nicht unmittelbar zu ‚Alle Meinungen sind nur Geräusche, über wahr und falsch gibt es nichts zu sagen‘ rutschen. Was Menschen sagen, bleibt wichtig. Ein schöner Vergleich ersetzt weder die Frage nach Gründen noch die nach verletzenden Wirkungen. Führt derselbe Datensatz zu verschiedenen Schlüssen, müssen wir Auswahl, Begriffe, Auslassungen und Argumentation prüfen. Wir verstehen das Zustandekommen von Unterschieden, um ernsthafter zu urteilen, nicht um vom Urteilen befreit zu werden.
Nach dem Wind schweigen die Öffnungen. Daraus folgt auch nicht, dass die Folgen eines Streits verschwinden. Eine missverstandene E-Mail hat vielleicht schon Vertrauen beschädigt, ein Urteil vielleicht bereits über die Chance eines Menschen entschieden. Gerade deshalb lohnt die frühe Klärung.
7. ‚Du hast einen Standpunkt‘ ist nicht das letzte Wort
Zwei Sätze dieser Lektion lernt man leicht und verwendet sie ebenso leicht falsch. Der erste lautet: Weil jeder seine eigene Sicht hat, lassen wir es gut sein und reden nicht weiter. Was dabei zuerst verschwindet, ist meist nicht das Vorurteil, sondern die Möglichkeit, es zu korrigieren. Der zweite lautet: Ich weiß schon, dass alle anderen einen Standpunkt haben; deshalb kann ich alles, was sie sagen, als Ausdruck dieses Standpunkts erklären. Ich brauche den anderen nicht mehr ernsthaft zu hören, weil ich zu wissen glaube, weshalb er so spricht. Das liegt nicht weit von Huizis Zuschreibung entfernt, Zhuangzi wolle seinen Kanzlerposten. Selbst ein Gedanke über Offenheit kann am Ende zum Schließen der Tür dienen.
Schwieriger ist es, den Satz zuerst auf mich selbst zurückkommen zu lassen. Ich muss nicht ‚Mir ist überhaupt nichts gewiss‘ vorführen. Ich sollte auch in meiner Gewissheit konkret sagen können, worauf sie beruht und welche Belege sie verändern würden.
8. Die Frage darf weitergehen
Die Frage ‚Wer lässt sie aufbrausen?‘ steht in der Antwort über den Himmelsklang. Sie klingt wie die Suche nach dem, der alle zum Klingen bringt, und lässt zugleich zögern: Muss hinter sämtlichen Stimmen unbedingt ein Herrscher stehen? Man kann Natur erörtern, das jeweilige Entstehen aus sich selbst oder weitere Kommentare vergleichen. Ich möchte nicht vortäuschen, die Alten hätten absichtlich nur ein leeres Fragezeichen ohne philosophischen Gehalt hinterlassen. Noch weniger erkläre ich meine Lesart zur letzten Antwort. Für mich bleibt aus dem Gespräch die Erinnerung: Wenn ein Klang zu hören ist, schreiben wir ihn nicht zu schnell vollständig der bequemsten Quelle zu.
Auch du wirst beim Lesen manche Sätze annehmen und andere ablehnen. Diese Reaktionen müssen nicht verschwinden. Vielleicht enthalten sie gerade Fragen, denen der Essay sich stellen muss. Gemeinsam können wir prüfen, was davon aus dem Text und was aus unserer jeweiligen Erfahrung kommt. Öffnungen können nur auf Wind warten. Menschen können nachfragen, vergleichen, überprüfen und antworten. Vielleicht behalten wir gerade in diesem Hin und Her unsere eigene Stimme, ohne sie für den ganzen Wind halten zu müssen.
Text und Lesart
Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Ereignisse des alten Textes. Die theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Text und Lesart: Erörterung über die Gleichheit der Dinge · Qi wu lun.
Die chinesische Seite bewahrt das klassische Zitat; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Zeitgenössische Vergleiche und weiterführende Überlegungen sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Vorgänge, die das Original berichtet.