Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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SAE · Nikomachische Ethik · Deutsche Neufassung
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Kann man gegen sich selbst ungerecht sein?

Han Qin (秦汉)

Warum Selbstungerechtigkeit selbstverständlich klingt

Die Alltagssprache kennt Selbstungerechtigkeit mühelos. Jemand vergeudet eine Begabung, zerstört seinen Körper oder bricht eine Verpflichtung gegenüber der eigenen Zukunft. Wir sagen: Du tust dir Unrecht. Aristoteles widersetzt sich der wörtlichen Lesart. Im fünften Buch ist strenge Gerechtigkeit relational: Einer erhält mehr, ein anderer weniger; Täter und Betroffener besetzen verschiedene Stellen.

Sein härtester Fall ist der Suizid aus Zorn. Die Person handelt gegen richtige Vernunft und gegen das Gesetz. Aber wem tut sie Unrecht? Aristoteles antwortet: der Polis, nicht sich selbst. Niemand stiehlt seinen eigenen Besitz von sich oder begeht Ehebruch mit der eigenen Frau gegen sich. Die Grammatik strenger Ungerechtigkeit verlangt Parteien.

Gerechtigkeit kehrt als Analogie zurück

Inneren Konflikt leugnet Aristoteles nicht. Zwischen vernünftigem und unvernünftigem Seelenteil könne analog eine Gerechtigkeit bestehen, ähnlich der Relation von Herrschendem und Beherrschtem. Der Begriff kehrt zurück, nachdem sein Status geändert wurde. Eine Person wird nicht heimlich zu zwei Rechtssubjekten.

Diese Genauigkeit hilft auch heute. „Ich habe meine eigene Grenze verletzt“ kann etwas Reales bezeichnen. Doch dieselbe Person setzte die Grenze, überschritt sie, deutet die Überschreitung und kann ihre Bedeutung später ändern. Die fehlende Trennung verändert die Möglichkeiten von Klage, Zustimmung, Ersatz und Überprüfung.

Reflexivität ist keine Unabhängigkeit

SAE erlaubt einem Urteil, sich auf den Urteilenden zu richten. Ein Subjekt kann eigene Voraussetzungen prüfen, frühere Einträge ändern und zum Gegenstand seines Anspruchs werden. Diese Reflexivität ist notwendig. Sie darf nicht als externe Kontrolle ausgegeben werden. Der Apparat, der einen blinden Fleck erzeugte, kann nicht garantieren, ihn vollständig gefunden zu haben.

Bei der Selbstprüfung liefere ich Evidenz, bestimme Adresse und Einwände und stelle die korrigierte Rechnung aus. All das kann gewissenhaft sein; dennoch gewinne ich keine nichtüberlappende Position. Aristoteles ändert den Namen: strenge Gerechtigkeit wird Analogie. SAE ändert die Beweiskraft: Der Vollzug bleibt Prüfung, aber seine Unabhängigkeit ist geringer.

Gemeinsame Voraussetzungen, erfundene Gegner

Selbstkritik wirkt streng, wenn sie zwei Stimmen inszeniert. Die eine klagt an, die andere verteidigt. Beide können jedoch dieselbe entscheidende Voraussetzung teilen. Eine Perfektionistin nennt sich faul und verteidigt sich mit Arbeitsstunden; beide Stimmen setzen voraus, dass Wert von Leistung abhängt. Der Streit ist laut, der Boden unberührt.

Härte ist deshalb kein Perspektivunterschied. Ein grausamer innerer Richter kann weniger entdecken als ein großzügiger Freund. SAE kann überlappende Adressen sichtbar machen: Verkläger, Beklagter und Prüfer erben dieselbe Annahme. Verfahrensvielfalt erzeugt noch keine epistemische Unabhängigkeit.

Was „Du schuldest es dir“ bedeutet

Die alltägliche Formel muss nicht verboten werden. Sie kann zeitliche Kontinuität ausdrücken: Das heutige Selbst erbt ein früheres Versprechen, das künftige trägt heutige Kosten. Doch ein Versprechen an mich kann ich anders revidieren als eines an eine andere Person. Meine spätere Zustimmung erledigt deren Anspruch nicht rückwirkend.

Aristoteles’ Vorsicht bleibt daher wirksam, auch wenn man seine Seelenteilung nicht übernimmt. Menschen können sich schädigen, mit sich in Konflikt geraten und eigene Maßstäbe verfehlen. „Ungerechtigkeit“ beleuchtet dies analogisch. SAE fügt hinzu: Selbstprüfung ist wirklich, notwendig und nicht selbstbeglaubigend.

Kann man gegen sich selbst ungerecht sein? In moralischer Alltagssprache ja; bei Aristoteles nicht im selben strengen Sinn wie gegen einen anderen. Der Unterschied erklärt, warum Selbstbestrafung und Selbstvergebung geschlossene Kreise werden können. Das Verfahren kann sich nach innen wenden. Eine unabhängige Position entsteht nicht bloß dadurch, dass dieselben Augen den Stuhl wechseln.

Aristoteles hinterlässt dabei eine Beziehungskarte: vernünftiger und unvernünftiger Teil, Herrschendes und Beherrschtes, Erleidender und Handelnder. SAE muss diese Psychologie nicht übernehmen. Es besitzt bisher eher eine Obergrenze—Selbstprüfung findet nicht garantiert alle eigenen blinden Flecken—als eine Erklärung, welche gemeinsam benutzten Prämissen, Informationswege und Kategorien die Grenze erzeugen. Eine Grenze sagt, wo man nicht ankommt; eine Karte fragt, warum.

Ein einfaches Korrekturlesen zeigt die Differenz. Ich lese meinen Satz dreimal und übersehe denselben Fehler, weil ich den gemeinten statt den geschriebenen Satz wahrnehme. Die Tätigkeit der Prüfung ist wirklich; ihre Kraft bleibt kürzer. Ein anderer Leser entdeckt den Fehler sofort, nicht weil zwei Personen magisch Wahrheit garantieren, sondern weil sein Informationsweg nicht vollständig mit meinem zusammenfällt. SAE sollte daher nicht bloß nach der Zahl der Stimmen, sondern nach der Differenz ihrer Zugänge fragen.