Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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IV · Von der Freiheit zur Institution
Essay 13 von 15

Wie dicht soll eine Institution sein – und wer darf an ihr meißeln?

Han Qin (秦汉)

Groß heißt nicht dicht, klein nicht dünn

Der Staat braucht viele Regeln, unter Freunden genügt Vertrauen – so lautet eine verbreitete Intuition. Doch eine riesige Freizeitgemeinschaft kommt vielleicht mit wenigen Verfahren aus, weil Mitglieder ohne großen Verlust gehen können. Eine Ehe zwischen zwei Menschen benötigt dagegen genaue Regeln für Vermögen, Sorge, Privatheit, Rede und gemeinsame Kinder, weil die Beziehung dicht und der Austritt teuer ist.

SAE leitet institutionelle Dichte deshalb nicht aus der Zahl der Beteiligten ab. Zwei Größen sind wichtiger: Wie stark überlagern sich ihre Leben, und wie kostspielig ist der Ausgang? Je dichter die Schnittpunkte, desto mehr wiederkehrende Reste entstehen. Je höher die Austrittskosten, desto weniger taugt „Dann geh doch“ als Korrekturverfahren.

Ein Unternehmen verbindet Beschäftigte, Nutzende, Eigentümer, Partner und Leitung und kann in manchen Hinsichten dichter geregelt sein als eine Verfassung. Eine Freundschaft ist klein, kann aber nach langem Anvertrauen deutlich bezeichnete unverletzliche Bereiche benötigen. Bedingungen bestimmen die Dichte, nicht der Name des Gebildes.

Minimalität bedeutet nicht möglichst wenige Regeln

Das Minimalitätsprinzip von SAE lautet: Konstruiere nicht, was nicht konstruiert werden muss, denn jede Konstruktion erzeugt neue Reste. Regeln verlangen Auslegung, Durchsetzung und Urteil. Sie können von Macht übernommen werden. Wer ein altes Problem mit einer neuen Ordnung löst, erzeugt zugleich einen Gegenstand künftiger Kritik.

Minimalität heißt dennoch nicht pauschaler Abbau. Bei hohen Austrittskosten, ungleicher Macht und dichter Verflechtung überlässt eine zu dünne Institution das Urteil stillschweigend den Stärkeren. Das richtige Minimum ist ausreichender Schutz ohne unbegründete Erweiterung, nicht die kleinste Zahl von Paragrafen.

Eine gute Institution kann erklären, warum sie genau so dicht ist: Dieses Verfahren beantwortet ein bestimmtes Machtgefälle; jenes Recht schützt eine Person in einer kaum verlassbaren Beziehung; diese Pflicht trifft die Seite, weil sie über größere Eingriffsmacht verfügt.

Drei Arten der Entartung

Institutionen können sich mindestens dreifach von ihrer Aufgabe entfernen. Schließung versperrt Kritik und Änderung und erklärt die Ordnung für unbefragbar. Aushöhlung bewahrt schöne Texte, während tatsächlicher Schutz und Kontrolle verschwinden. Überkonstruktion überschreitet den gemeinsamen Schnittpunkt und schreibt Personen vor, was sie glauben, lieben und aus ihrem Leben machen sollen.

Alle drei verwandeln ein Werkzeug in einen Zweck. Schließung verweigert Zeit, Aushöhlung tarnt Macht mit einer Hülle, Überkonstruktion dringt in die Emergenzschicht ein. Dort soll aber die Person ihre Zwecke bilden.

Eine legitime Institution braucht daher Wege der Selbstbearbeitung: Änderungsverfahren, unabhängige Prüfung, geschützte Kritik, Rückmeldung von außen, regelmäßige Kontrolle und einen realen Ausgang. Entscheidend ist Unabhängigkeit. Bestimmt die Leitung allein, welche Einwände sie erreichen, ist Kritik Teil ihres Managements. Eine Justiz, die nur mit Erlaubnis der Regierung unabhängig ist, trägt lediglich den Namen.

Reste benennen statt Vollkommenheit behaupten

Eine reife Institution erklärt ihre Konstruktion nicht für abgeschlossen. Sie veröffentlicht bekannte Reste: Konflikte ohne gute Lösung, neue Kosten bestehender Regeln und Bedingungen, bei deren Veränderung eine erneute Prüfung nötig wird. Grundprinzipien dürfen hohe Änderungshürden haben; sie sollten aber nicht als restlose Ewigkeit auftreten.

Damit ist der praktisch notwendige Grundweg von SAE vollständig. Systeme sichern Bedingungen und begrenzen sich bei der Zweckbildung. Kolonisierung kann institutionell, relational, innerlich und intim erfolgen. Drei Ebenen müssen gemeinsam gedeihen. Freiheit braucht Abzweigungsrechte und eigene Nicht-nicht-Können; zwischen mehreren Zwecken entstehen wiederum Reste, die Institutionen nötig machen.

Die folgenden zwei Texte sind ausdrücklich optionale Theorievertiefungen. Sie fügen keine neue ethische Pflicht hinzu und sind keine Voraussetzung für die ersten dreizehn Essays. Wer SAE anwenden will, kann hier aufhören. Wer nach dem möglichen Ursprung von Subjektsein und Negativität fragt, kann weitergehen.

Dieser Essay ist eine eigenständige, allgemeinverständliche Neufassung des SAE-Grundlagenaufsatzes 6. Die vollständige Argumentation und ihre wissenschaftlichen Grenzen stehen im Original. How Is Institution Possible. Originalaufsatz ↗ · DOI ↗