Nach dem Vermögen des Erkennenden
Ein Grundsatz als Diagnose
„Alles Erkannte wird nicht nach seinem eigenen Vermögen, sondern nach der Fähigkeit des Erkennenden erfasst.“ Dieser zentrale Satz tritt im Trost nicht als freischwebendes Axiom auf, sondern als Diagnose. Boethius glaubt, ein zukünftiges Ereignis müsse vollkommener Erkenntnis genau die Modalität aufzwingen, die es an sich besitzt. Philosophia kehrt die Richtung um: Erkennen ist eine Tätigkeit des Erkennenden.
Das Auge sieht im Licht die Rundung einer Kugel auf einmal; die Hand ertastet dieselbe Kurve Stück für Stück. Ein Gegenstand, mehrere Arten der Aufnahme. Philosophia ordnet Sinn, Einbildungskraft, Vernunft und Intellekt. Das höhere Vermögen enthält die niedrigere Erfassung, während das niedrigere nicht aus eigener Kraft in das höhere gelangt. Jedes Urteil vollzieht der Urteilende mit seinem eigenen Vermögen.
Eine gemeinsame Schwelle, entgegengesetzte Wege
SAE beginnt in der Nähe: Jede Aufnahme ist ein Unterscheidungsakt; der Gegenstand allein bestimmt nicht, in welcher Form er gewusst wird. SAE übernimmt darüber hinaus, dass jeder Akt einen Rest lässt. Dieser Rest ist kein Mangel des Objekts, sondern die offene Rechnung einer gezogenen Grenze.
Boethius bewegt sich nach oben. Mangel gehört den niedrigeren Stufen; ein höheres Vermögen nimmt deren Erkenntnis auf und ergänzt, was ihnen fehlt. An der Spitze steht der göttliche Intellekt ohne menschliche Begrenzung. SAE geht zurück zur Adresse jedes Akts. Eine spätere Erkenntnis kann den früheren Fehler entdecken, aber sie macht den früheren Akt nicht rückwirkend vollständig. Fortschritt bleibt möglich, nicht seine Umdeutung in vergangene Vollkommenheit.
Das Gericht der Vermögen
Boethius lässt Sinn und Einbildungskraft die Vernunft anklagen: Sie begegnen nur Einzelnen und halten das Allgemeine für Erfindung. Die Vernunft erwidert, sie umfasse ihre Wahrnehmungen in einem weiteren Zugriff. Da der Mensch alle drei Vermögen besitzt, solle die Vernunft richten. Dann wendet Boethius die Regel ehrlich gegen sich: Menschliche Vernunft darf göttlichen Intellekt nicht so beurteilen, als könne Gott nur diskursiv erkennen.
Die Folgerung hängt dennoch am Aufstieg. Philosophia lädt ein, wenn möglich zum Gipfel des Intellekts erhoben zu werden. Das Passiv ist folgerichtig: Ein niedrigeres Vermögen macht sich nicht selbst zum höheren. SAE hebt das Subjekt an derselben Grenze nicht über die Zuständigkeit seines Akts hinaus. Es verzeichnet, wo das Urteil endet, und lässt das Weitere als offenen Zweig stehen. Boethius schreibt die Grenze als Bitte um Erhebung, SAE als nicht abgeschlossenen Eintrag.
Den Grundsatz auf Philosophia zurückwenden
Auch Philosophia wird nach dem Vermögen eines Erkennenden empfangen — nach dem des Boethius, der sie schreibt. Gestalt, Gewand und jedes überlieferte Wort kommen durch sein Werk. Daraus folgt nicht, dass sie niemals über ihn hinausreicht. Es folgt nur eine Evidenzgrenze: Das Werk kann mit demselben Material nicht die Unabhängigkeit der Prüferin zertifizieren, die es erschafft. Der von ihr gelieferte Grundsatz begrenzt ihren eigenen Nachweis.
Ein Satz aus der Kindheit kann zwanzig Jahre später plötzlich verständlich werden. Der Satz blieb, der Empfänger änderte sich. Nach einem Streit erinnert sich einer an die Worte, der andere an Gesicht und Ton. Vielleicht haben zwei Vermögen dasselbe Ereignis anders aufgenommen. Boethius und SAE treffen sich an der Einsicht, dass ein Objekt seine Erkenntnisweise nicht allein diktiert. Dann trennen sie sich: Boethius öffnet den Aufstieg zu einem höheren Vermögen; SAE lässt dieses Vermögen den Rest einer früheren Aufnahme nicht löschen.