108 / 108 · Der Andere und der leere Platz
Stephen King: Der hundertachte Platz
Von weggeworfenen Seiten zum freien Platz auf der Brücke: Ein noch offenes Leben führt die hundertacht Porträts in unsere Gegenwart.
I. Nach der Arbeit in Maine
Maine, Anfang der siebziger Jahre. Ein junger Mann kommt von der Arbeit heim. Er heißt Stephen King. Stellen wir uns die Müdigkeit vor, die mit ihm die Tür eines Wohnwagens passiert. Dieser bestimmte Abend ist eine Annäherung; die knappen Mittel und die Arbeit gehören zu seiner wirklichen Geschichte.
Bevor er eine Stelle als Lehrer findet, arbeitet er in einer Großwäscherei. Bettwäsche, Restauranttischtücher, die Wiederholung der Handgriffe. Im Herbst 1971 beginnt er an der Hampden Academy Englisch zu unterrichten. Abends und an den Wochenenden schreibt er weiter. Zusätzliche Einnahmen werden gebraucht.
Er und Tabitha haben im Januar 1971 geheiratet. Zwei kleine Kinder, ein Wohnwagen, Rechnungen, die nicht warten. Auch Tabitha arbeitet. Kinderbetreuung und Haushalt müssen irgendwie zwischen den Arbeitszeiten stattfinden. Ein Medikament, eine unerwartete Ausgabe können den ganzen Monat aus dem Gleichgewicht bringen.
Das Schreiben bekommt in diesem Leben kein stilles Zimmer für sich. Man muss ihm eine Fläche freiräumen, Zeit abgewinnen, Kraft nach einem Tag finden, der die Kraft längst verbraucht hat.
King beginnt eine Geschichte über eine Schülerin. Ihre Mutter misshandelt sie, ihre Mitschülerinnen demütigen sie. Sie kann Gegenstände durch Gedanken bewegen.
Ein paar Seiten. Er mag sie nicht. Er kommt der Figur nicht nahe, traut der Geschichte nicht, sieht nicht, wie es weitergehen soll. Die Seiten landen im Papierkorb.
Tabitha holt sie heraus, liest sie und ermutigt ihn, weiterzumachen. Sie schreibt selbst. Ihre Hilfe ist nicht bloß ehelicher Zuspruch: Eine Leserin erkennt eine Möglichkeit, die der Autor nicht mehr sieht. Sie bietet ihm Zugang zu der Welt dieses Mädchens, mit der er sich schwertut.
Schreib weiter.
Er hat bereits Kurzgeschichten verkauft, auch an Männermagazine. Aber noch keinen Roman untergebracht. Manuskripte und Absagen sammeln sich. Eine Geschichte kann eine Rechnung bezahlen helfen. Sie macht die Zukunft nicht sicher.
Diesmal nimmt er die Seiten wieder auf.
Er schreibt in den Zwischenräumen. Der Unterricht hört nicht auf, die Kinder warten nicht, Tabithas Arbeit verschwindet nicht. Der Roman muss mitten darin einen Platz finden.
Er heißt Carrie.
Im Frühjahr 1973 nimmt Doubleday ihn an. Der Vorschuss beträgt 2.500 Dollar. Einige Monatsgehälter eines Lehrers stehen plötzlich in Gestalt eines noch unveröffentlichten Buches vor ihm.
Dann werden die Taschenbuchrechte für 400.000 Dollar an New American Library verkauft. Die Hälfte erhält der Autor.
Zweihunderttausend Dollar. Für eine Familie, die ihre Rechnungen durchrechnet, ist das nicht nur eine größere Zahl. Es verändert, was ein Tag zulässt. King kann das Unterrichten aufgeben und hauptberuflich schreiben.
Das Buch erscheint im Frühjahr 1974. Er ist sechsundzwanzig.
Das gedemütigte Mädchen aus seiner Geschichte verändert das Leben einer Familie. Der erste Schritt dahin war kleiner: Jemand hob weggeworfene Seiten auf und fand, dass sie fortgesetzt werden sollten.
Jahrzehnte später sind es Dutzende Romane und Hunderte Erzählungen. Die Bücher werden in Hunderten Millionen Exemplaren verbreitet. Aus dem jungen Mann ohne veröffentlichten Roman ist einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit geworden.
Im September 2026 ist King neunundsiebzig. Sein Leben ist nicht unverändert im Wohnwagen geblieben, seine Arbeitsweise ebenfalls nicht. Aber Geschichten erscheinen weiter.
Er lebt. Seine Arbeit geht weiter. Seine Entscheidungen auch.
II. Carrie
Auf den ersten Blick ist Carrie übernatürlicher Horror. Eine Schülerin besitzt eine gefährliche Fähigkeit und wendet sie schließlich gegen die Welt, die sie erniedrigt hat.
Sehen wir zuerst das Mädchen an, nicht seine Macht.
Carrie White wächst bei einer Mutter auf, deren religiöser Eifer zu Gewalt und Einsperren wird. Niemand erklärt ihr den eigenen Körper. Als sie in der Schuldusche zum ersten Mal ihre Periode bekommt, glaubt sie, sterben zu müssen.
Die anderen Mädchen lachen und werfen Hygieneartikel nach ihr. Ihre Angst wird zur Unterhaltung. Mehrere Menschen behandeln gemeinsam das Entsetzen dieses Mädchens so, als sei es weniger wirklich als ihr eigenes.
Carrie ist allein.
Ihre Fähigkeit, Dinge mit Gedanken zu bewegen, nimmt zu. Das Fantastische entfaltet sich in einem Leben, dessen Platzlosigkeit keineswegs fantastisch ist.
Sue Snell hat sich an der Demütigung beteiligt. Sie bereut es und bittet ihren Freund Tommy Ross, Carrie zum Schulball zu begleiten. Reue löscht die Tat nicht aus. Sie kann dennoch der Anfang von etwas sein, das zuvor nicht da war.
Carrie trägt ein Kleid, das ihre Mutter missbilligt. Sie tanzt mit Tommy. Für wenige Stunden ist sie nicht nur diejenige, über die man lacht. Sie versucht, einen Platz unter den anderen einzunehmen. Vielleicht gibt es eine Zukunft.
Dann schnappt die von Chris Hargensen und Billy Nolan vorbereitete Falle zu. Schweineblut ergießt sich über Carrie. Der Eimer trifft Tommy tödlich am Kopf.
Carrie steht blutüberströmt da. Für sie scheint der ganze Saal zu lachen. Der Roman zeigt jedoch auch andere Wahrnehmungen. Ihr Erleben und das Verhalten jedes Einzelnen sind nicht deckungsgleich.
Die folgende Zerstörung bleibt nicht auf den Ball beschränkt. Feuer und Gewalt erfassen die Stadt. Menschen sterben, andere überleben. Carrie tötet ihre Mutter und stirbt selbst. Sue ist weder von Anfang an unschuldig noch die einzige Überlebende.
Wer darin bloß gerechte Rache sieht, verfehlt die Geschichte.
King lässt uns Carries Angst, Scham und den fast unerhörten Wunsch erleben, einmal nicht der Abfall einer Gruppe zu sein. Was sie später tut, macht dieses frühere Leben nicht rückwirkend unwirklich.
Aber die Leben, die sie zerstört, werden deshalb ebenfalls nicht unwirklich.
Mitgefühl mit Carrie muss kein Einverständnis mit dem Massaker sein. Gerade weil beides nicht bequem zusammenfällt, ist das Buch schwieriger als eine Rachefantasie.
Das als seltsam oder monströs bezeichnete Mädchen bekommt einen Platz in der Mitte. Nicht bloß Kulisse und Schreckmittel für normale Figuren, sondern ein Leben von innen.
Der Roman besteht dabei nicht nur aus ihrer Perspektive. Aussagen, Dokumente und verschiedene Sichtweisen werden ineinandergeschnitten. Der Leser versucht, einen Menschen zwischen den Berichten anderer zu erreichen — dem, was sie sahen, begriffen oder übersahen.
King hat die literarische Aufmerksamkeit für Ausgeschlossene nicht erfunden. Er gibt ihr hier eine besondere Kraft und Reichweite. Nach der Lektüre lässt sich Carrie schwerer einfach außerhalb des gewöhnlichen Menschseins abstellen.
Das ist eine wichtige Linie seiner Arbeit: Wer von seiner Umgebung auf Witzfigur, Störung oder Akteninhalt verkürzt wird, erhält ein Inneres zurück, das in diese Bezeichnungen nicht passt.
Der Schrecken beseitigt diese Anerkennung nicht. Er macht sie bisweilen unbequemer.
III. Das Schreiben als Arbeit
Im Jahr 2000 erscheint On Writing, auf Deutsch Das Leben und das Schreiben. King ist bei der Veröffentlichung dreiundfünfzig. Das Buch verbindet Erinnerungen mit konkreter Anleitung.
Man kann es lesen, ohne Horrorromane zu schreiben oder zu mögen. Es fragt zunächst nicht, wie ein Autor zum außergewöhnlichen Menschen geadelt wird, sondern wie die Arbeit tatsächlich geschieht.
Es erklärt Schreiben nicht kurzerhand für unvereinbar mit Kunst. Es nimmt ihm vielmehr die Voraussetzung, zuerst als Kunst anerkannt werden zu müssen, bevor man anfangen darf.
Ein Handwerker kennt Werkzeuge, wiederholt Handgriffe, lernt eine schlechte Verbindung zu sehen. Ein Installateur kann mit der undichten Leitung nicht auf einen erhabenen Zustand warten. Das Bild führt den Schriftsteller zu seinem Tun zurück, weg von der bloßen Vorstellung dessen, was er sein möchte.
King beschreibt im Buch eine Arbeitsweise mit einem Tagesziel von zweitausend Wörtern. Hinsetzen, schreiben, dann lesen, gehen, mit der Familie essen. Am folgenden Tag wiederkommen.
Es ist eine beschriebene Disziplin, keine allgemeine Quote und keine Zusicherung für jeden Tag seines späteren Lebens.
Die Seite wartet nicht immer auf die passende Stimmung. Ein erster Entwurf darf schlecht sein. Zur Arbeit gehören Kürzen, Überarbeiten und das verspätete Erkennen dessen, was man überhaupt sagen wollte.
Viel lesen und viel schreiben: weniger spektakulär als ein Geheimnis über das Genie, aber zeitaufwendiger.
King spricht über Verben, Adverbien, Passivkonstruktionen, Dialog und Rhythmus. Über Werkzeuge, mit denen ein Satz trägt oder zusammensackt. Nicht jedes Adverb wird dadurch zum Vergehen. Entscheidend ist die Aufmerksamkeit dafür, was man tatsächlich aufs Papier setzt.
Hinter der Technik steht eine Haltung: Mach die Arbeit nicht so heilig, dass du sie nicht mehr tun kannst. Tu sie, und sieh dann, was noch Arbeit braucht.
Das verschiebt den Blick auf frühere Figuren dieser Reihe ein wenig. Hypatia vor den Schülern, Thomas beim Schreiben, Schelling vor den Systemen, Rilke im Hören: Die Nachwelt hat ihre Arbeit als groß eingeordnet. Sie selbst gingen sehr unterschiedlich damit um. Thomas sprach von Stroh. Rilke konnte Gedichte als etwas erfahren, das durch ihn hindurch in die Welt kam.
King kommt aus einer Buchhandelsecke, der manche diese Würde verweigern. Horror, Bestseller, Unterhaltungsliteratur: Für einen Teil der Kritik beenden solche Wörter fast schon das Gespräch.
Verdientes Geld entscheidet nicht über den Wert eines Buches. Die Verachtung des Erfolgs entscheidet ihn ebenfalls nicht.
2003 verleiht ihm die National Book Foundation ihre Medaille für einen herausragenden Beitrag zur amerikanischen Literatur. Die Entscheidung ruft Protest hervor, unter anderem von Harold Bloom.
King tut bei der Verleihung nicht so, als habe er nichts gehört. Er verteidigt populäre Autoren und fordert jene heraus, die die literarischen Grenzen bewachen. Er spricht auch über Tabitha und die konkrete Unterstützung, ohne die sein Werk anders ausgefallen wäre.
Über einzelne Bücher kann man streiten, über ihre Ungleichmäßigkeit, ihre Stärken und Schwächen. Aber eine Kategorie liest kein Buch an unserer Stelle.
Nach der Rede wartet der nächste Satz.
Mit dem Alter verändern sich Praxis, Gesundheit und Vorhaben. Wir müssen King nicht auf eine Produktionszahl festlegen. Wichtig ist die konkrete Möglichkeit, zur Arbeit zurückzukehren, ohne auf ein endgültiges äußeres Urteil über die Berechtigung der eigenen Existenz zu warten.
IV. Eine Landstraße in Maine
Am 19. Juni 1999 geht King am Rand einer Straße in Maine spazieren. Er ist einundfünfzig.
Ein von Bryan Smith gesteuerter Kleinbus gerät von der Fahrbahn ab. Der Fahrer ist durch seinen Hund abgelenkt. Das Fahrzeug trifft King und schleudert ihn von der Straße.
Er überlebt schwer verletzt. Rechtes Bein, Hüfte, Rippen und eine Lunge sind betroffen. Rettungsdienst, Krankenhaus, weitere Versorgung, Operationen: Aus einem gewöhnlichen Nachmittag wird ein Leben, das an der Arbeit anderer hängt.
Es ist kein vorbereiteter Augenblick für einen großen Satz über Berufung. Da liegt ein verletzter Körper. Es gibt Schmerzen, medizinische Entscheidungen und Menschen, die helfen, ihn am Leben zu halten.
Nach mehreren Wochen im Krankenhaus beginnt eine lange, schmerzhafte Genesung. Sich fortzubewegen und zu sitzen sind wieder praktische Probleme. Der vertraute Schreibtisch steht nicht einfach verfügbar da.
Im Juli versucht King, die Arbeit an On Writing wieder aufzunehmen; begonnen hatte er das Buch vor dem Unfall. Tabitha hilft, einen möglichen Arbeitsplatz einzurichten. Der Anfang tut weh und bleibt begrenzt. Eine Sitzung ist nicht mehr der Arbeitstag des unverletzten Schriftstellers.
Er schreibt trotzdem. Nicht weil jeder Mensch nach einer Verletzung dasselbe leisten müsste, sondern weil er zu dieser Tätigkeit zurückfinden möchte.
In seiner Mitteilung an die Leser vom November 1999 kann er sagen, das Schreibbuch beendet und Riding the Bullet verfasst zu haben. Etwas ist wieder in Gang gekommen. Die Operationen sind dadurch nicht ungeschehen, die Heilung nicht plötzlich abgeschlossen.
On Writing erscheint 2000. Der Unfall geht in die Geschichte eines Lebens ein, das ihn nicht vorgesehen hatte. Aus einem Buch über das Handwerk wird auch das Buch eines Menschen, der eine mögliche Weise sucht, es wieder auszuüben.
Eine bequeme Erzählung würde daraus den Sieg des Willens über den Körper machen. Doch der Körper ist kein besiegter Feind. Mit Behandlung, Ruhe und der Hilfe anderer ermöglicht er die langsame Rückkehr zur Seite.
Wer nicht zurückkehren könnte, wäre deshalb nicht weniger wert.
King schreibt nach dem Unfall weiter, über Jahre und Jahrzehnte. Im Jahr 2026 sind siebenundzwanzig Jahre vergangen. Das Ereignis hat seine Arbeit nicht abschließend bestimmt.
Dadurch wird der Fahrer nicht zum Erlösungscharakter einer Geschichte, die das Opfer für ihn schreiben müsste. Verantwortung bleibt Verantwortung. King muss keine makellose Vergebung verkörpern, damit seine Rückkehr zum Schreiben Bedeutung hat.
Weitermachen heißt nicht auslöschen.
Es heißt, unter veränderten Bedingungen die nächste mögliche Handlung zu finden.
V. Gewöhnliche Menschen
Wer kommt in Kings Büchern vor?
Automechaniker, Kassiererinnen, Kleinstadtärzte, alkoholkranke Väter, Kinder mit Schwierigkeiten in der Schule. Hausfrauen, pensionierte Polizisten, Reinigungskräfte, Babysitter, Fernfahrer, Hotelangestellte, Briefträger, Heizungsmonteure.
Er schreibt auch über außergewöhnlich Begabte, über Schriftsteller und Helden. Doch selbst das unwahrscheinlichste Geschehen ist von erkennbaren Tagen umgeben: Arbeit, Geld, Erschöpfung, eine Beziehung, die niemand mehr zu reparieren weiß.
Solche Leben haben eine lange literarische Geschichte. King begegnet ihnen aus dem kleinstädtischen, wenig wohlhabenden Amerika, das er kennt: Kollegen in der Wäscherei, Gespräche an der Tankstelle und im Lebensmittelladen. Sein Beitrag braucht nicht die Blindheit aller anderen Autoren als Voraussetzung.
Drei Erzählungen machen die Linie sichtbar.
Rita Hayworth and Shawshank Redemption erscheint 1982 in Different Seasons. Andy Dufresne sitzt unschuldig viele Jahre im Gefängnis. Ein kleiner Geologenhammer, eine Wand, eine Geduld, die man kaum sehen kann. Das Werkzeug wirkt lächerlich gegenüber der Institution. Und doch öffnet es einen Weg.
Erzählt wird von Red, einem anderen Gefangenen. Er kennt das Gefängnis zu gut, um der Hoffnung ohne Weiteres zu trauen. Indem er Andy erzählt, erzählt er auch, wie sich sein eigener Horizont verändert.
Freundschaft macht die Gitter nicht unwirklich. Sie verhindert, dass das Gefängnis bereits das letzte Wort darüber hat, was aus ihnen werden kann.
Kein übernatürliches Element. Zwei Menschen, die die Außenwelt hinter einer Mauer abgestellt hat. Einer entdeckt durch den anderen, dass vielleicht nicht schon seine ganze Zukunft geschrieben steht.
The Green Mile erscheint 1996 zunächst in sechs Fortsetzungen. Der ehemalige Wärter Paul Edgecombe erzählt vom Todestrakt im amerikanischen Süden der dreißiger Jahre.
John Coffey ist ein riesiger, verletzlicher schwarzer Mann, verurteilt wegen des Mordes an zwei kleinen Mädchen. Seine heilende Gabe und Pauls Entdeckungen lassen seine Unschuld hervortreten. Dennoch findet die Hinrichtung statt.
Paul wirkt mit, obwohl er weiß, dass Coffey nicht sterben dürfte. Das ist nicht einfach die Erfüllung dessen, was getan werden sollte. Befehl und Recht fallen auseinander. Sein langes weiteres Leben trägt das Gewicht dieser Beteiligung.
King zeigt den Wärter von innen, ohne ihn reinzuwaschen. Ein Mensch kann an dem leiden, was er getan hat, und dafür verantwortlich bleiben. Ein Inneres ist kein Unschuldsnachweis.
Es, veröffentlicht 1986, folgt sieben Kindern in einer Kleinstadt. Stottern, Übergewicht, ein gewalttätiger Vater, Rassismus, Antisemitismus, familiär genährte Angst: Jedes Kind bringt eine Geschichte mit, die nicht im Monster aufgeht.
Sie finden einander und stellen sich dem Schrecken von Derry. Dann wachsen sie heran, gehen fort, werden andere. Rund siebenundzwanzig Jahre später ruft das alte Versprechen sie zurück. Nicht alle können ihm folgen. Kindheit ist nicht nur das Verlassene, sondern auch ein Versprechen, mit dem Erwachsene nicht immer zurechtkommen.
Unter dem übernatürlichen Schrecken liegt das Gewicht der Freundschaft. Einander erkennen, während die Umgebung einen vor allem als Problem behandelt.
Dieser Faden zieht sich durch einen großen Teil des Werks.
Ein alkoholkranker Vater ist nicht nur das Wort Alkoholiker. Er hat eine Geschichte, Schmerzen, Bindungen — und kann anderen schaden, wofür er verantwortlich bleibt. Eine Kassiererin ist nicht nur ein Lohnposten. Ihre Müdigkeit ist eine bestimmte, ihre Pläne ebenfalls; sie wartet auf etwas, das wir noch nicht kennen.
Das Erzählen lässt sie eintreten. Nicht nur Berufe, die schon vorab eines ernsthaften Romans würdig scheinen, bekommen einen Platz.
Ein Fernfahrer in Tennessee, eine Kassiererin in Ohio können jemanden wiedererkennen, vielleicht sich selbst. Lesbarkeit garantiert kein vollständiges Verstehen. Sie eröffnet die Begegnung in einer ungewöhnlich großen Reichweite.
Dem anderen Raum lassen ist hier nicht allein philosophische Aussage. Es ist eine Praxis der populären Kultur. Ein Buch öffnet die Tür, jemand tritt ein, und der Leser kann nicht mehr ganz so leicht behaupten, dort sei niemand gewesen.
VI. Lebendig, bei der Arbeit
September 2026. Stephen King ist gerade neunundsiebzig geworden.
Er und Tabitha sind seit fünfundfünfzig Jahren verheiratet. Ihre drei Kinder sind erwachsen; Joe Hill und Owen King schreiben ebenfalls. Maine bleibt tief mit Leben und Werk verbunden, ohne dass seine Gegenwart auf die Adresse eines einzigen Hauses reduziert werden müsste.
Bücher erscheinen weiter: Holly 2023, You Like It Darker 2024, Never Flinch 2025. Das Verzeichnis ist nicht abgeschlossen.
King äußert sich auch öffentlich, besonders zur amerikanischen Politik. Man kann seine Positionen teilen oder ihnen widersprechen. Die Leser verschaffen ihm Gehör; was er damit tut, bleibt Gegenstand seiner Entscheidungen und unseres Urteils.
Für den Schluss dieser Reihe ist eine einfachere Tatsache entscheidend: Er lebt.
Die Menschen, die uns hierhergeführt haben, sind Geschichte geworden. Sie handeln nicht mehr mit ihren eigenen Händen weiter, auch wenn ihre Wirkungen und unsere Lektüren weitergehen. King kann morgen selbst etwas hinzufügen, das niemand vorausgesehen hat.
Wir können sein Leben deshalb nicht als abgeschlossenes Leben erzählen.
Wir können prüfen, was geschehen ist. Das letzte Kapitel können wir nicht vorwegschreiben. Das nächste Buch kann überraschen oder enttäuschen. Eine öffentliche Äußerung kann unseren Blick verändern. Eine Entscheidung kann das Erkannte fortführen oder ihm widersprechen.
Wir wissen es nicht. Er kennt selbst nicht alle seine künftigen Entscheidungen.
Eine Szene schreiben, auf die Bitte eines Lesers reagieren, mit einem Angehörigen sprechen, einer Provokation begegnen: Große und kleine Handlungen nehmen noch Gestalt an.
Die Spur, die ein Leben in anderen Leben hinterlässt, bildet sich darin weiter. Sie wartet nicht auf den Tod, um andere zu erreichen. Ein gelesenes Buch wirkt bereits jetzt. Aber der lebende Autor kann selbst eingreifen, eine Aussage zurücknehmen, etwas anderes tun.
Nach seinem Tod endet diese Möglichkeit. Lektüren, Beziehungen und Folgen können weitergehen, ohne sich deshalb in ein festes Wesen zu verwandeln.
Eine Konstruktion schließt sich nicht schon deshalb, weil eine Seite endet.
Es gibt die Offenheit dessen, was Lebende noch tun können, und die Offenheit dessen, was Tote anderen hinterlassen haben. Sie sind verschieden. Keine entbindet uns davon, konkrete Handlungen zu betrachten.
VII. Nicht auf die Brücke
Stephen King geht nicht auf die Brücke.
Das ist keine Strafe und keine ungenügende Note für sein Werk. Es schließt ihn nicht aus der Frage aus, die uns hierhergeführt hat.
Er lebt.
Die Brücke dieser Reihe ist ein literarisches Bild, in dem wir Menschen mit abgeschlossenem Leben begegnen. Ihre Gegenstände sind keine Fotografien der letzten Stunde. Sie versammeln, was spätere Leser erkannten, auswählten und bestritten.
Hypatias Astrolabium steht für eine Arbeit des Wissens. Thomas’ leere Hände erinnern an das Ende des Schreibens und an seine Grenzen. Bergsons Stock begleitet eine gealterte Gestalt. Solche Bilder sind weder biographische Beweismittel noch Akten, die nie wieder geöffnet werden dürften.
Ein Toter fügt keine neue eigene Handlung hinzu. Sein Bild kann sich dennoch verändern: Ein Dokument taucht auf, eine Deutung wechselt, bislang überhörte Menschen kommen zu Wort.
King fügt weiterhin selbst etwas hinzu. Heute eine Geschichte, morgen ein Interview, später eine Entscheidung. Wir müssen ihm nicht im Voraus eine Gedenkfigur liefern.
Schon sein bekanntes Leben verlangt Unterscheidungsvermögen. Seine Zukunft gehört uns nicht.
Ihn in diesem Bild außerhalb der Brücke zu lassen, hält sein Leben offen. Es setzt die Beurteilung bereits begangener Handlungen nicht aus.
Dieselbe Unterscheidung galt Peter Thiel im Girard-Essay. Ein Lebender soll nicht zu einem Gesamturteil verkürzt werden. Seine Handlungen, sein Machtgebrauch und dessen Folgen lassen sich schon jetzt untersuchen.
Einfluss ist kein Eintrittsbillet für diese Offenheit. Sie gilt ebenso für Menschen, die nichts veröffentlichen und die niemand kennt.
Sie gilt für den Leser.
Man kann noch entscheiden, wem man Raum lässt, wie man antwortet, was man verweigert. Der Spielraum ist nicht für alle gleich. Krankheit, Abhängigkeit und Zwang können ihn schrecklich einschränken. Die Würde eines Menschen nehmen sie nicht weg.
Der Leser ist nicht seine letzte Entscheidung. Er ist auch nicht die Rolle, die dieser Text ihm anbieten möchte.
Sie dürfen die Einladung annehmen, prüfen, zurückweisen. Ihre Entscheidung gehört nicht dem Autor. Der heutige Tag besitzt ebenso wenig sämtliche Tage, die noch kommen.
King und Leser sind darin gleich: Kein Porträt darf ein noch gelebtes Leben stellvertretend beenden.
Deshalb beschließt er die Reihe. Nicht als ihr größter Mensch, sondern als Hindernis gegen einen allzu sauberen Abschluss. Ein bestimmter Schriftsteller arbeitet noch. Von ihm kann der Blick zu allen Lebenden wandern, zu uns selbst.
Wir legen den Stift hin. Wir versiegeln keinen Kreis.
King, zukünftige Leser und die Milliarden Menschen, die diese Zeilen nie lesen werden: Was hier möglich ist, hängt nicht davon ab, ob unser Buch sie erwähnt.
Mit sich und anderen anders zu leben muss nicht auf einen Platz nach dem Tod warten. Es beginnt auf dieser Seite der Brücke, in einer wirklichen Lage.
VIII. Der hundertachte Platz
Gehen wir zum letzten Mal zur Brücke.
Heute sind mehr Menschen dort als in allen Nächten zuvor.
Hypatia hält das Astrolabium ins Mondlicht. Thomas steht gegenüber mit leeren Händen. Bergson stützt sich auf seinen Stock und begrüßt Neuankommende mit einem Nicken.
Levinas erkennt eine Gegenwart vor sich. Buber steht etwas entfernt, sein Gewand bewegt sich im Wind. Cao Zhi hält eine Rolle, deren Worte nach achtzehn Jahrhunderten noch gelesen werden.
Girard trägt sein Buch über den Sündenbock. Schelling hält die Freiheitsschrift. Eckharts Hände sind leer; seine Stimme ist bereits an andere weitergegeben. Rilke neigt hörend den Kopf. Nobel hat die gefaltete Abschrift seines Testaments in der Tasche.
Elf Namen haben wir ausgesprochen.
Die Brücke gehört ihnen nicht allein. Generationen vermischen sich. Eine Gleichung entsteht, jemand betrachtet Mais, schreibt ein Gedicht, liest eine Sternkarte, zeichnet einen Plan oder arbeitet an einem Roman.
Jemand kauert über Notizen. Jemand sitzt untätig da. Zwei sprechen leise. Einer sieht eine Weile in den Himmel und beugt sich wieder zur Arbeit.
Im Mondlicht repariert ein kleines Werkzeug einen kleinen Gegenstand. Ein Kind hört eine Geschichte. Eine Tasse Tee wird weitergereicht. Jemand wartet, bis eine Katze den Weg überquert hat. Ein anderer glättet sein Gewand. Über Jahrhunderte hinweg erkennen sich zwei Menschen auf eine Weise, die niemand übersetzt hat.
Menschen. Ein Feld von Leben, mit dessen Zählen man nicht fertig wird.
Was hier aufscheint, ist eine Handlung: sich selbst als Zweck behandeln und den anderen nicht zum bloßen Mittel machen. Dieses Bild stellt keinem gesamten Leben einen Unschuldsnachweis aus. Es beleuchtet eine Richtung, ohne Fehler und Unrecht auszulöschen, die weiter beurteilt werden müssen.
Außerhalb der Brücke führt der andere Weg unter einen dunklen Himmel. Ein Blitz. Gestalten gehen. Die entferntesten sind verschwunden. Heideggers Professorengewand ist kaum noch zu sehen.
Dann wandert der Blick zum fernen Ende.
Lange hieß es: Kant steht dort. Er schaut in die Ferne. Seine Gestalt wird deutlicher.
Jetzt sehen wir mehr.
Kant ist nicht allein.
Um ihn sind Bekannte und Unbekannte. Manche kamen in dieser Reihe vor, andere nicht. Die Möglichkeit, um die es geht, hat nicht erst auf einen Philosophen warten müssen.
Neben ihm steht ein kahler alter Mann mit flacher Nase. Grober griechischer Mantel, nackte Füße. Sokrates. In Platons Kriton bieten Freunde die Flucht an; er lehnt ab, auf Unrecht mit dem zu antworten, was er selbst für Unrecht hält. Der Giftbecher hat diese Frage nicht zum Schweigen gebracht.
Etwas weiter sitzt Konfuzius in einem dunklen Gewand mit langen Ärmeln. Wir geben ihm die Müdigkeit langer Reisen und enttäuschter politischer Hoffnungen. Zurück in Lu lehrt er. Seine Worte gehen durch Schüler und spätere Generationen bis zu heutigen Lesern.
Auf dem Boden sitzt ein Mann mit gekreuzten Beinen, ockerfarbenem Gewand und halb geschlossenen Augen: der Buddha. Die Überlieferung erzählt vom Verlassen des fürstlichen Lebens, von Jahren der Suche, vom Erwachen unter einem Baum und einer langen Lehrtätigkeit. Das Leiden eines anderen Wesens bleibt keine bloß fremde Angelegenheit.
Ein Mann in den Dreißigern steht barfuß in einem ungefärbten Gewand. An den Händen die Nagelmale der christlichen Bildtradition. Jesus. Die Nächstenliebe bleibt in den Erzählungen seiner Lehre gegenwärtig. Die Kreuzigung unter römischer Gewalt hat diese Worte nicht beendet.
Ein Bruder trägt einen groben, geflickten Habit mit einer Kordel. In seinem schmalen Gesicht leuchten fast kindliche Augen: Franz von Assisi. Der Kaufmannssohn verließ den Reichtum. Die Legenden von Vögeln und einem Wolf, das Lob der Geschöpfe erweitern den Kreis der Aufmerksamkeit über den Menschen hinaus.
Auf Kants anderer Seite steht Gandhi, klein und schmal, im weißen Tuch, den Stab in der Hand. Gewaltfreiheit wurde bei ihm politische Praxis mit Ansprüchen und Schwierigkeiten. Seine Arbeit gegen den Hass zwischen Gemeinschaften gehört zu dem, was wir hier erinnern. Seine Ermordung macht nicht rückwirkend jede Seite seines Lebens schattenlos.
Daneben ein schwarzer Mann im Anzug mit Krawatte: Martin Luther King Jr. Der Pfarrer, nicht der Romanautor. Er trug den Kampf um Bürgerrechte, ohne die Entmenschlichung des Gegners zur Regel zu machen. Er wurde ermordet. Sein Platz trägt auch die Arbeit vieler anderer, nicht nur einen großen Namen.
Eine kleine alte Frau trägt einen weißen Sari mit blauem Rand. Mutter Teresa. In diesem Bild steht die Pflege armer Sterbender, die Forderung, einen Menschen nicht als Abfall liegenzulassen. Das Bild hebt die Prüfung konkreter Praktiken und Kontroversen ihrer Einrichtung nicht auf.
Und viele weitere.
Die meisten haben keinen Namen in der Geschichte hinterlassen. Mütter, die ihre Kinder als Menschen anerkannten. Lehrer, die Schüler nicht als beliebig formbaren Stoff betrachteten. Bauern, Handwerker, Händler, Diener, Soldaten, Arbeiter, Pflegekräfte, Nonnen, Mönche, Fischer, die in einer bestimmten Lage jemandem Platz ließen.
Sie stehen um Kant.
Jeder trägt die Kleidung seiner Zeit, gebraucht ihre Werkzeuge, spricht ihre Sprache. Das Bild muss ihnen kein einheitliches Vokabular aufzwingen, um eine Verwandtschaft der Handlungen zu erkennen.
Kant starb 1804. Seine philosophische Formulierung macht ihn nicht zum Eigentümer all der Leben, die heute ihre Lektüre erhellen.
Niemand musste zuerst seinen Namen kennen, um sich zu weigern, einen anderen als bloßes Werkzeug zu behandeln.
Jetzt sehen wir die Menschen um ihn. Er ist nicht allein.
Kein Rang wird nach der Nähe zu Kant vergeben. Berühmte stehen nicht vorn und Namenlose hinten. Philosophie verteilt keine Dienstgrade.
Die Mitte und das ferne Ende liegen im selben Mondlicht. Zwei Tiefen eines Bildes, nicht zwei Menschenklassen.
Und in diesem Kreis bleibt ein Platz leer.
Er ist nicht für Stephen King reserviert. Keine Belohnung, die das hundertachte Porträt nun einnehmen soll.
Der Platz hat keine festgelegte Identität. Keinen Beruf, keine Sprache, kein Jahrhundert, keinen Bekanntheitsgrad.
Er bleibt offen für die Handlung, von der wir sprechen.
Es braucht kein großes Werk, kein Buch und kein Andenken der Nachwelt. Zwei Richtungen müssen zusammen bestehen.
Sich selbst als Zweck anerkennen: anderen nicht die ganze Bestimmung des eigenen Wertes überlassen, sich nicht mit einer Funktion verwechseln.
Den anderen als Zweck anerkennen: seine Gegenwart nicht nur nach ihrem Nutzen für mich bemessen. Sein Wort, seine Grenzen, sein mögliches Nein gelten lassen.
Das eine ist kein Vorwand, das andere zu opfern.
Niemand muss gekrönt werden, um es zu versuchen. Würde wird nicht erst durch den richtigen Akt verliehen. Sie geht ihm voraus. Der Platz zeigt eine Praxis, keine Auswahl derer, die endlich verdient hätten, Menschen zu sein.
Im gewöhnlichen Leben kann es heißen, die willkürliche Verfügung über die eigene Zeit zurückzuweisen. Oder einen Angehörigen nicht mehr allein nach seinen Diensten für uns zu bestimmen. Mit begrenzten Mitteln Raum für sein Vorhaben zu schaffen.
Wer sich aus einem Zwang noch nicht befreien kann, verliert dadurch nicht seinen Wert. Vielleicht braucht er gerade jetzt die Hilfe anderer. Auch die Möglichkeit, Hilfe zu suchen, gehört zu diesem Platz.
Manchmal dauert es eine Sekunde: einen Satz nicht abschneiden, einen Schmerz als wirklich anerkennen, bevor man entscheidet, wie er behoben werden soll. Manchmal verlangt es dauerhafte Arbeit, wirklichen Schutz, eine gerechtere Einrichtung. Zuhören und Handeln stehen nicht gegeneinander.
Jedes Mal wird aus dem Wort eine mögliche Wirklichkeit.
King kommt nicht auf die Brücke, um sein endgültiges Porträt zu erhalten. Er lebt und schreibt. Seine Bücher arbeiten bereits in ihren Lesern: Einer erkennt, dass der alkoholkranke Vater mehr als eine Erzählfunktion ist; eine andere sieht, dass ein Kassenlohn nicht das ganze Leben beschreibt.
Das kann über ihn hinaus weitergehen. Einen Freibrief für künftige Taten erhält er dadurch nicht.
Er kann ungerecht sprechen, jemanden übersehen, seine Stellung missbrauchen. Erfolge befreien ihn nicht vom Hinsehen. Seine Würde verschwindet nicht mit einem Fehler; seine Verantwortung bleibt.
Es geht uns ebenso.
Wir haben bis hierher geschrieben und gelesen. Das nächste Gespräch, die nächste Entscheidung hat der Text nicht für uns geführt. Heute können wir Raum geben, morgen daran scheitern. Danach werden wir wieder antworten müssen.
Der hundertachte Platz bleibt leer, weil niemand ihn besitzt. Er wartet auf jene Handlung. Jeder kann ihr in einem Augenblick Wirklichkeit geben. Niemand lässt sich dort nieder und ist dadurch aller weiteren Stunden enthoben.
Der Platz bewegt sich durch Leben. Die Möglichkeit bleibt.
Die Brücke behält dabei zwei Bedeutungen: Tote bekommen in unserer Erzählung eine Gestalt; Lebende können schon praktizieren, wofür das Bild steht. Dafür müssen sie nicht erst sterben.
Um Kant stehen Sokrates, Konfuzius, der Buddha, Jesus, Franz, Gandhi, Martin Luther King, Mutter Teresa und die zahllosen Namenlosen. Sie drängen nicht. Sie bilden kein Aufnahmegericht.
Sie sind da. Ihre erinnerten und befragten Handlungen machen den Platz als etwas denkbar, das gelebt und nicht nur definiert werden kann.
Auf der Straße, die Menschen zu Mitteln macht, hat das Gewitter nicht aufgehört. In der Mitte der Brücke viele Menschen, mildes Mondlicht. Am Ende viele Menschen, milder Wind.
Diesmal schaut Kant keinen der gerade Genannten an.
Er blickt in die Ferne.
Er wartet auf den nächsten Menschen, der herüberkommen will. Vielleicht King. Vielleicht ein Leser. Jemand, der morgen geboren wird. Jemand, der für eine Sekunde aufhört, sich selbst und andere zu verkürzen.
Die nächste Sekunde bleibt offen.
Kant drängt nicht. Sein Blick ist mild. Der Wind ebenfalls.
Der hundertachte Platz bleibt leer.
— Great Lives: Abschluss der hundertacht Porträts —
Lesehinweise und Quellen
Die Daten folgen der offiziellen Autorenseite: Carrie wurde 1973 angenommen und 1974 veröffentlicht; The Green Mile erschien 1996 in sechs Teilen. Besprochen werden die Bücher, nicht Einzelheiten aus Verfilmungen. Die Altersangabe gilt nach dem 21. September 2026.
Zweitausend Wörter bezeichnet ein in On Writing beschriebenes Arbeitsziel, nicht seine nachgewiesene heutige Tagesproduktion. Unfall und Rückkehr zur Arbeit folgen seinen Erinnerungen und der Mitteilung vom 2. November 1999. Arbeitsfähigkeit ist kein Maß menschlichen Wertes.
Die häusliche Szene und die Brücke enthalten literarische Vorstellung. Kleidung und Gesten dokumentieren keine wirkliche Begegnung. Ausgewählte Handlungen erhellen einander; Lehren und ganze Leben werden dadurch weder gleichgesetzt noch von Verantwortung freigesprochen. Würde wird hier nicht verliehen.
Stephen King: official biography · Carrie: official work page · The Green Mile: original serial and collected editions · Stephen King: message of November 2, 1999 · Stephen King: On Impact, first-person account · Stephen King accepts the 2003 medal: National Book Foundation transcript · Never Flinch: official work page
Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。