069 / 108 · Arbeit, die ein Leben überdauert
Emily Brontë: Wind
Der berühmte Satz fällt, nachdem der Mensch, dem er gilt, gegangen ist. Vom unvollständig gehörten Gespräch zum Buchgeschenk der nächsten Generation: Emily Brontë gibt der Nähe Kraft und lässt auch die Menschen sprechen, die eine große Leidenschaft verdecken kann.
I. Er hat den Rest nicht gehört
Der berühmteste Satz aus Sturmhöhe fällt, nachdem der Mensch, dem er gilt, bereits gegangen ist. Catherine erklärt Nelly, eine Heirat mit Heathcliff in seiner gegenwärtigen Stellung würde sie erniedrigen. Nach Nellys Erinnerung hört er diese Worte und entfernt sich. Wir Leser bleiben im Zimmer. Er nimmt den halben Satz mit in eine Zukunft, die niemand dort überblickt.
Catherine spricht weiter. Ihre Liebe zu Edgar vergleicht sie mit dem Laub, das die Jahreszeiten verändern; ihre Verbindung zu Heathcliff mit dem Gestein unter der Erde. Dann sagt sie: „Ich bin Heathcliff.“ Für sich genommen klingt das wie die Aufhebung jeder Entfernung. Innerhalb der Szene ist gerade etwas daran gescheitert, diese Entfernung zu überwinden.
Ohne ihn, meint sie, würde ihr die Welt fremd. In diesem ungeheuren Gefühl steckt eine vertraute Erfahrung. Manche Menschen kennen uns aus einer Zeit, bevor wir gelernt haben, uns vorteilhaft darzustellen. Sie erinnern sich an die ersten Orte, die ersten gemeinsamen Spiele. Eine neue gesellschaftliche Stellung kann den Menschen, der diese frühe Welt mit uns bewohnt hat, nicht einfach ersetzen.
Doch Catherine möchte auch das Leben, das Edgar ihr verspricht. Wohlstand und Ansehen ziehen sie an. Sie stellt sich vor, durch die Ehe zugleich Heathcliff helfen zu können. Mehrere Wünsche sollen in einer einzigen Zukunft Platz finden. Ob die anderen darin leben wollen, fragt sie nicht gründlich genug. Wer sich einer Nähe allzu sicher fühlt, hält das nötige Gespräch leicht für überflüssig.
Der Mensch, der angeblich ganz in ihr enthalten ist, hört trotzdem etwas anderes, geht und trifft eigene Entscheidungen. Gerade deshalb berührt die Szene. Eine tiefe Verbindung hat das Zuhören nicht schon erledigt. Zwei Menschen können einander unendlich viel bedeuten und dennoch darauf angewiesen sein, verständlich zu sprechen, solange der andere noch im Zimmer ist.
Catherine spricht, Nelly erinnert sich und erzählt, Lockwood schreibt auf. Emily Brontë ordnet diese Stimmen, ohne vorzutreten und einen einzigen Satz zu ihrer vollständigen Lehre von der Liebe zu erklären. Sie gibt der Behauptung Kraft. Den Ereignissen ringsum gibt sie Raum, diese Behauptung zu befragen. Auch nachdem uns die Worte getroffen haben, müssen wir weiterlesen.
Hier kommt der Wind herein. Wir glaubten, einen Satz zu besitzen, der eine Beziehung erklärt. Dann entdecken wir, dass jemand bereits anderswo ist. Das Gefühl ist wirklich, das misslungene Gespräch ebenfalls. Eine schöne Erklärung kann nicht im Voraus jede spätere Entscheidung rechtfertigen. Hinter dem Zitat, das alle kennen, geht die Geschichte weiter.
II. Auf dem Moor stand auch ein Schreibtisch
Emily wurde am 30. Juli 1818 in Thornton geboren und kam als kleines Kind nach Haworth. Sie war das fünfte von sechs Kindern, jünger als Charlotte und älter als Anne. Die Mutter starb früh, ebenso die beiden ältesten Schwestern. Im Pfarrhaus gab es Bücher und Spiele, Arbeit im Haushalt, Krankheiten und die ganz praktische Frage, wovon man künftig leben sollte.
Emily besuchte Schulen, arbeitete als Lehrerin und ging 1842 mit Charlotte nach Brüssel. Ein Brief Charlottes berichtet von ihren Fortschritten in Französisch, Deutsch, Musik und Zeichnen. Spätere Erzählungen erinnern sich oft leichter an ihr Heimweh als an das, was sie dort lernte. Einen Ort zu lieben bedeutet jedoch nicht, anderswo nichts aufnehmen zu können.
Auf dem Moor konnte sie wandern; durch Bücher kamen andere Welten ins Haus. Mit Anne entwickelte sie Gondal, ein erfundenes Land mit politischen Kämpfen, Kriegen, Trennungen und Lebensgeschichten. In ihrem Tagebuch erwähnt Anne, dass Emily an der Geschichte eines Kaisers arbeitet und dass sie gern mehr davon hören möchte. Das Erfinden hatte bereits ein Gegenüber, das auf die Fortsetzung wartete.
Auch in der Küche gab es zu tun. Brot wurde gebacken, Tiere wurden versorgt, Keeper gehörte zum Alltag. Schreiben ließ die übrige Arbeit im Haus nicht verschwinden. Ein Tisch steht auch deshalb zur Verfügung, weil andere Aufgaben um ihn herum bewältigt werden. Die Entstehung eines Buches hat mit Mahlzeiten, Zimmern und der Verteilung eines Tages zu tun.
Charlotte erzählt später, wie sie Emilys Gedichte fand und las und anschließend den Zorn ihrer Schwester über diesen Eingriff überwinden musste. Das ist ein aufschlussreicher Zug. Eine Autorin, die überwältigende Nähe darstellen konnte, beanspruchte im eigenen Leben durchaus das Recht auf Erlaubnis. Liebe und Bewunderung machten ihre privaten Seiten nicht automatisch zum gemeinsamen Eigentum.
Vieles, was wir von Emily wissen, erreicht uns durch Charlotte. Sie kannte und liebte ihre Schwester; auch Kenntnis und Liebe haben einen Blickwinkel. Die biografische Notiz von 1850 verteidigt die Verstorbenen und enthält zugleich Charlottes Urteile über Literatur und Temperament. Wir können dieser Zeugin zuhören, ohne ihr Fenster für eines ohne Rahmen zu halten.
Emily las, lernte, schrieb ab, überarbeitete und teilte erfundene Lebensläufe mit Anne. Erhaltene Gedichthandschriften zeigen Korrekturen. Hier arbeitete jemand an Sprache. Diese Spuren erzählen mehr als das bequeme Wort „wild“, mit dem sich ein Temperament bezeichnen lässt. Damit Wind zu einem Satz wird, muss eine Hand etwas tun. Das Wetter hat Sturmhöhe nicht aufs Papier gelegt.
III. Zwei Bände von Ellis Bell
Sturmhöhe erschien 1847 unter dem Namen Ellis Bell. Der Roman füllte die ersten beiden Bände einer dreibändigen Ausgabe; der dritte enthielt Annes Agnes Grey. Schon zuvor hatten die Schwestern gemeinsam Gedichte veröffentlicht. Emily hinterließ einen abgeschlossenen, veröffentlichten Roman und weitere Texte. Die Zahl ihrer Romane sagt wenig darüber, wie viel Arbeit ihnen vorausging.
Ein Pseudonym schuf Abstand zu den Erwartungen, die Leserinnen und Leser mit einem weiblichen Namen verbanden. Es beseitigte Vorurteile nicht, war aber eine praktische Entscheidung über den Eintritt in die Öffentlichkeit. Die Schwestern suchten Verleger und ein Publikum. Sie nahmen am literarischen Leben teil, statt außerhalb der Gesellschaft auf die Zustellung ihrer Manuskripte durch den Wind zu warten.
Der Roman führt uns in zwei Häuser, ohne einen verlässlichen Lageplan auszuhändigen. Lockwood missversteht mit großer Sicherheit die Menschen, denen er begegnet. Nelly weiß mehr, bringt aber eigene Vorlieben, Deutungen und Interessen mit. Wer uns erzählt, was geschehen ist, war beteiligt, traf Entscheidungen und hat manches zu erklären. Die Geschichte erreicht uns durch Menschen, die zu ihr gehören.
Heathcliff kommt als Kind ins Haus der Earnshaws. Er erfährt Zuneigung, Ausgrenzung und Demütigung. Später erniedrigt Hindley ihn und nimmt ihm die Möglichkeit zu lernen. Catherine wird seine engste Verbindung. Ihr gemeinsames Leben passt nicht in die Etiketten, die andere ihm anhängen: Diener, Fremder, unpassender Gefährte. Die spätere Gewalt hat eine Vorgeschichte; die früheren Verletzungen verdienen Aufmerksamkeit.
Nach seiner wohlhabenden Rückkehr werden andere Menschen jedoch zum Material seiner Rache. Isabella erlebt in der Ehe Grausamkeit und Angst. Hareton wird absichtlich ohne Bildung gehalten. Den kranken Sohn Linton benutzt Heathcliff für den Erwerb von Besitz; die junge Catherine hält er fest, um eine Heirat zu erzwingen. Der Roman gibt diesen Menschen Namen und zeigt, was jeder von ihnen verliert.
Zu tiefe Liebe erklärt nicht alle diese Handlungen. Heathcliffs Leiden ist wirklich, das von ihm verursachte Leiden ebenfalls. Wir können nach der Geschichte seiner Verletzungen fragen und Isabellas Wunsch zu entkommen ernst nehmen. Spätere Opfer schulden ihm ihr Leben nicht als Entschädigung für eine frühere Erniedrigung. Verstehen verlangt keine solche Übertragung der Rechnung.
Das Buch ist voller moralischer Fragen. Es enthält nur keine über allen stehende Stimme, die aus der gesamten Geschichte eine saubere Handlungsanweisung macht. Gewaltige Gefühle und erkennbare Schäden bleiben auf derselben Seite. Wir können uns angezogen fühlen, ohne in Zustimmung zur Ruhe zu kommen. Dieses Unbehagen beschäftigt uns über die Auswahl eines Lieblingszitats hinaus.
IV. Zwei Schwestern, zwei Fenster
Jane Eyre und Sturmhöhe stammen aus demselben Haus und erschienen im selben Jahr. Benachbarte Fenster öffnen sich auf unterschiedliche Landschaften. Daraus muss keine Aufteilung entstehen, in der eine Schwester vernünftig und die andere ein Wesen bloßen Instinkts wäre. Schreiben besteht aus Entscheidungen. Beide Bücher sind größer als eine bequem zurechtgelegte Verteilung von Persönlichkeiten.
Jane besteht darauf, dass ihre Seele ebenso reich ist wie Rochesters. Sie will lieben, ohne ihr eigenes Urteil aufzugeben. Als sie von seiner bestehenden Ehe erfährt, geht sie, obwohl der Abschied schmerzt. Ihre Annäherung an einen anderen Menschen schließt die Fähigkeit ein, sich zu entfernen: Liebe übergibt dir nicht jede Entscheidung darüber, wie ich leben darf.
Catherines Sprache führt zu einer anderen Schwierigkeit. Du bist nicht bloß jemand, den ich ausgewählt habe; du bist in mein Verständnis meiner selbst eingegangen. Auch diese Erfahrung braucht Literatur. Menschen werden nicht erst in verschlossenen Schachteln vollständig sie selbst und treten dann heraus, um sich zu begrüßen. Beziehungen verändern uns, manche prägen schon die Art, wie wir unser früheres Leben erinnern.
Veränderung macht jedoch niemanden zum Eigentümer und den anderen zum Besitz. Je leidenschaftlicher Catherine ihre Verbundenheit behauptet, desto stärker konfrontiert uns der Roman mit verschiedenen Wünschen und ihren Folgen. Wir hören die Nähe und sehen zugleich jemanden hinter einer verschlossenen Tür. Die Größe des einen Gefühls darf die andere Erfahrung nicht unsichtbar machen.
Auch Charlotte löst nicht jede Schwierigkeit auf. Berthas Situation bleibt mehr als ein Hindernis auf Janes Weg; sie beschäftigt Leser bis heute. Emily eröffnet der zweiten Generation dagegen Möglichkeiten jenseits der Zerstörung: Entschuldigung, Lernen, ein anderes Zusammenleben. Keiner der beiden Romane bleibt ordentlich innerhalb des Schlagworts, durch das wir ihn vom anderen unterscheiden möchten.
Bleiben wir beim Bild einer Brücke zwischen Menschen: Sie muss nicht leidenschaftslos sein, und der Wind muss nicht beide Ufer fortwehen. „Ich möchte bei dir sein“ ist etwas anderes als „Du musst nach meinem Willen existieren“. Schwierig wird es, weil der zweite Wunsch so leicht die Sprache des ersten benutzt. Beide Bücher schärfen unser Gehör für diesen Unterschied.
V. Einen anderen ausreden lassen
Bei Shakespeare finden wir oft keinen Sprecher, der das ganze Stück verbindlich erklären darf. Hamlet spricht, andere antworten, Handlungen verändern das Gewicht ihrer Worte. Emily verteilt Stimmen auf andere Weise. Eine Erzählerin berichtet Vergangenes, ein Brief eröffnet einen weiteren Blick, spätere Ereignisse verschieben unser Verständnis. Die Kunst der Autorin lässt mehrere Ansprüche auf unsere Aufmerksamkeit zu.
Isabellas Brief an Nelly löst sie vorübergehend aus der Rolle einer Ehefrau, mit deren Hilfe andere gequält werden sollen. Sie beschreibt das Haus und seine Bewohner und bittet um einen Besuch. Dass sie Heathcliff einmal falsch eingeschätzt hat, hebt ihren gegenwärtigen Anspruch auf Hilfe nicht auf. Ihre Angst zählt für sich, nicht bloß als Hintergrund einer großen Leidenschaft.
Die Lage der jungen Catherine führt denselben Gedanken an eine verschlossene Tür. Ihr Vater liegt im Sterben, während Heathcliff sie festhält und unter Druck setzt. Die Leidenschaft einer früheren Generation ist zu einem Hindernis im Leben eines anderen Menschen geworden. Wer ausschließlich auf die Liebe über den Tod hinaus schaut, übersieht die Hände an dieser Tür. Der Roman zeigt beides.
Mehrere Erzählebenen machen Verletzungen nicht zu bloßen Meinungen. Nellys Parteilichkeit und Lockwoods Irrtümer verlangen genauere Aufmerksamkeit. Wer war dabei? Wer hörte nicht zu Ende? Wer erklärt eine eigene Entscheidung? Geduldiges Lesen bedeutet, das Urteil vor weiteren Stimmen verantworten zu müssen. Es bedeutet nicht, jedes Urteil für immer aufzuschieben, bis niemand mehr etwas entscheiden kann.
Deshalb lässt sich auch die Schriftstellerin nicht durch den Hinweis auf eine Figur vollständig zurückgewinnen. Sie gibt ihren Menschen mehr als eine philosophische Position zum Anziehen. Catherines Bekenntnis verrät nicht alles über Emily, ebenso wenig wie eine Shakespeare-Rede automatisch ein Geständnis ihres Autors ist. Eine Stimme zu schaffen heißt nicht, ihr die eigene gesamte Person zu übertragen.
Shakespeare hinterlässt Stücke für neue Aufführungen, Emily einen Roman für neue Lektüren. Spätere Menschen müssen nicht das Leben der Schreibenden wiederholen, um ihre Werke zu betreten. Fortbestehen kann auch eine Forderung an die Aufmerksamkeit: Lass diesen Menschen ausreden, bevor du entscheidest, welche Art Geschichte hier erzählt wird. Eine andere Stimme könnte ihre Gestalt verändern.
VI. Ein Buch hinüberreichen
Bei Tschechow endet eine Geschichte häufig, während ihre Schwierigkeit fortbesteht. Jemand möchte weggehen, lieben, neu anfangen, aber das Leben hat sich noch nicht entsprechend eingerichtet. Diese Offenheit ist keine Gleichgültigkeit. Wunsch und Schmerz sind so genau sichtbar geworden, dass ein griffbereiter Merksatz die betreffenden Menschen nicht einfach aus ihrem Leben entlassen kann. Etwas bleibt zu tun.
Emilys Roman ist lauter, kennt jedoch ebenfalls eine kleine Veränderung. Die junge Catherine verspottet zunächst Haretons Schwierigkeiten beim Lesen. Ihr eigenes Leid macht diese Demütigung nicht harmlos. Als sie sich ihm später nähert, wehrt er sich gegen die Gefahr neuen Spotts. Wiedergutmachung kann nicht allein darin bestehen, vom verletzten Menschen zu verlangen, dass er alles vergisst.
Sie bedankt sich, bittet um Verzeihung und schickt ihm durch Nelly ein sorgfältig verpacktes Buch. Nimmt er es an, bietet sie ihm Unterricht an; lehnt er ab, will sie ihn nicht länger belästigen. Schon bevor das Päckchen geöffnet wird, hat sich etwas verschoben. Eine wirkliche Möglichkeit des Neins unterscheidet das Angebot von einer noch so liebevoll formulierten Anweisung.
Hareton nimmt es an, und schließlich lesen sie gemeinsam. Keiner ist plötzlich vollkommen. Sie kann ungeduldig sein, er kann stocken; die Vergangenheit verschwindet nicht. Doch mehr zu wissen dient nicht länger nur dazu, den anderen in Verlegenheit zu halten. Einem Menschen, dem Bildung vorenthalten wurde, wird Lernen möglich, ohne dass seine bisherige Benachteiligung für immer seine Identität bestimmen muss.
Damit verändert sich das Wetter des ganzen Romans. Heathcliff hat Hareton die eigene Erniedrigung noch einmal durchleben lassen. Catherine hört allmählich auf, diese Benachteiligung zum Gegenstand von Spott zu machen. Jemand muss nicht mehr beweisen, dass ein anderer unter ihm bleiben soll. Was von Generation zu Generation weitergegeben wird, beginnt eine andere Richtung zu nehmen.
Am Ende bleibt eine weitere Stimme. Es wird erzählt, Heathcliff gehe mit einer Frau über das Moor; Lockwood betrachtet drei Gräber und stellt sich Ruhe unter einem stillen Himmel vor. Der Roman zwingt diese Bilder nicht zu einem endgültigen Ergebnis zusammen. Was mit den Toten geschieht und wie Lebende davon erzählen, kommt nicht restlos zur Deckung.
Wind und aufgeschlagenes Buch bleiben nebeneinander bestehen. Ein unstillbares Gefühl kann uns erschüttern, während wir auch das unscheinbarere Vermögen schätzen, anders mit jemandem zu leben. Emilys Kraft erschöpft sich nicht in der zerstörerischsten Intensität. Aufzuhören, einen anderen zu demütigen, besitzt eine eigene Wirkung. Die leise Szene ist kein überflüssiger Anhang an den großen Sturm.
VII. Dreißig erklärt nichts
Branwell starb im September 1848. Am 19. Dezember starb Emily, dreißig Jahre alt, an Tuberkulose. Eine Familie verlor einen Menschen; niemand war einfach zum Wetter geworden. Anne starb im folgenden Jahr. Charlotte schrieb weiter und lebte zugleich in Tagen, an denen ihre Schwestern nicht zurückkamen. Hinter den vertrauten Namen der Literaturgeschichte stand ein Haus voller Abwesenheiten.
Berichte darüber, dass Emily Ärzte ablehnte und weiter alltägliche Aufgaben erledigte, stammen vor allem aus Charlottes Briefen und Gaskells Biografie. Gaskell berichtet auch, dass sie zuletzt bereit war, einen Arzt zu sehen. Darin begegnen uns die Sorgen einer Familie, keine Prüfung der Größe, die Kranke bestehen müssten. Hilfe hätte die Kraft ihrer geschriebenen Seiten keineswegs vermindert.
Charlottes Worte von 1850 verbinden Zuneigung und Trauer. Sie möchte erklären, dass die Schöpferin erschreckender Figuren selbst kein erschreckender Mensch war. Dieser Schutzwunsch ist verständlich, auch wo wir nicht jedes Urteil übernehmen. Die überlebende Schwester öffnet die Tür, durch die Emily in die Literaturgeschichte tritt, und lässt ihre eigene Handschrift am Rahmen zurück.
Emily erlebte die lange Geschichte der neuen Lektüren nicht. Liebesgeschichte, Rachegeschichte, Schauerroman: Immer wieder finden Leser, was die jeweilige Bezeichnung auslässt. Eine spätere Rangliste der beliebtesten Bücher könnte den Streit kaum beenden. Dass wir noch heute über die Handlungen einer Figur diskutieren, ist eine Weise des Fortlebens, die keine Rückkehr der Autorin zur Schlichtung verlangt.
Ein 1846 geschriebenes Gedicht beginnt mit „No coward soul is mine“. Seine Stimme begegnet der Sterblichkeit mit ungeheurer Zuversicht. Es handelt sich um den Anfang eines Gedichts, nicht um eine letzte Erklärung am Sterbebett oder das vollständige Protokoll täglicher Empfindungen. Wir können die Stärke dieser Stimme hören, ohne wirklichen Kranken Furchtlosigkeit als Voraussetzung unserer Achtung abzuverlangen.
Dreißig schmerzt nicht nur wegen weiterer Romane, die hätten entstehen können. Es hätte Morgen gegeben, Gespräche, Musik, Spaziergänge und Tage ohne Schreiben. Das Werk verdient weiterzuleben; auch der Mensch hätte mehr Leben verdient. Die spätere Bedeutung eines Buches liefert keinen befriedigenden Grund dafür, dass das Leben, aus dem es hervorging, so früh endete.
VIII. Nah und doch ein anderer Mensch
„Ich bin Heathcliff“ bleibt, weil der Satz eine Verbindung erreicht, die alltägliche Erklärungen schwer fassen. Warum jemand wichtig ist, beantworten wir mit Eigenschaften, Erinnerungen und Erlebnissen und spüren doch eine Lücke. Dieser Mensch hat daran mitgewirkt, wer wir sind. Nehmen wir dem Satz jede Intensität, verlieren wir auch etwas, das der Roman wirklich wahrgenommen hat.
Intensität verleiht jedoch keine Verfügungsgewalt. Dein Platz in meiner Erinnerung macht deinen Körper, deine Ehe, deine Kinder oder deine Zukunft nicht zu meinem Besitz. Beziehungen können Menschen verändern und gefangen halten. Der Roman lässt die Verbundenheit in voller Lautstärke sprechen, bewahrt aber zugleich die Verletzungen, die sie auf ihrem Weg durch andere Leben hinterlässt.
Auch Spinozas eine Substanz enthält Unterschiede zwischen endlichen Modi. Sie beweist nicht, dass zwei Liebende nur einen Willen besitzen. Sein Name kann daran erinnern, dass Mensch und Welt keine beziehungslosen verschlossenen Behälter sind. Er kann aber weder für Catherine noch für Heathcliff eine Einwilligung unterschreiben. Eine philosophische Nachbarschaft beseitigt die praktische Frage nicht, wer entscheiden darf.
Die schwierigere Möglichkeit hält zwei Dinge zusammen: Ich kann dich nicht leicht aus mir entfernen, und du darfst dennoch ein Leben führen, das meinen Wünschen nicht gehorcht. Das klingt weniger berauschend als die Verkündung, zwei seien eins geworden. Es verlangt Zuhören, Warten und eine offene Tür. Zuneigung rechtfertigt nicht, von außen den Schlüssel umzudrehen.
Ähnlichen Raum verdient die Schriftstellerin. Emily muss weder eine vorbildlich sanfte Frau noch unsere bevorzugte Verkörperung von Wildheit werden. Sie darf ihre Gedichte schützen und veröffentlichen, das Moor lieben und Sprachen lernen. Die Freude an ihrem Roman berechtigt uns nicht abschließend, jeden Teil ihres Lebens zu erklären und jede Entscheidung zum Symptom umzudeuten.
Hier erhält der Wind eine weitere Bedeutung. Er stört Sätze, die sich im geschlossenen Zimmer zu bequem eingerichtet haben, und erinnert an das, was draußen bleibt. Danach stehen Menschen noch immer an unterschiedlichen Orten und brauchen ihren eigenen Atem. Eine kraftvolle Geschichte muss nicht alle zu einem einzigen Menschen zusammenwehen, um ihre Kraft zu zeigen.
IX. Den Wind hereinlassen und einen Stuhl anbieten
Kehren wir auf die ausdrücklich erfundene Brücke dieses fünften Satzes zurück. Emily kommt vom Moor, Keeper läuft in ihrer Nähe. Um sie zu begrüßen, brauchen wir sie nicht in Wind zu verwandeln. Sie ist ein Stück gegangen und darf stehen bleiben oder weitergehen. Am Tisch ist Platz, ohne Vorschrift, auf welchen Stuhl sie sich setzen muss.
Charlotte schaut von Papier und Feder auf. Auch ihre Schwester darf Schreibzeug mitbringen. Sie können über dieselbe Erfahrung sprechen und sich verschieden daran erinnern. Nebeneinandersitzen verlangt keine Zustimmung zur Persönlichkeitsverteilung, die Fremde für sie vorbereitet haben: hier die Besitzerin der Sprache, dort das bloße Sprachrohr des Wetters. Zwischen den beiden ist Raum für eine eigene Erinnerung.
Shakespeare legt eine Seite mit Dialogen auf den Tisch. Die Sprechenden widersprechen einander; keiner darf mit einem Satz alle vertreten. Emily schlägt ihren Roman auf. Nelly ist noch nicht fertig. Wenig später wird Isabella um Hilfe bitten. So viele Stimmen zu hören bedeutet nicht, Schmerzen in eine Rangfolge zu bringen. Es bedeutet, niemanden vorschnell zu übergehen.
Tschechow rückt einen Stuhl zur Seite, der den Durchgang versperrt. Der Wind muss nicht erst nachlassen, damit jemand hereinkommen darf; wer gehen möchte, soll nicht bitten müssen, den Weg freizumachen. Eine Freiheit lässt sich manchmal sehr einfach erkennen: Zwischen dem Sitzplatz und der Tür bleibt genügend Raum, den eigenen Entschluss in eine Bewegung zu übersetzen.
Ramanujan hat seine Tafel neben ein Blatt Papier gelegt. Maxwell hält eine Ecke fest, damit die Seiten nicht davonfliegen. Der Wind erledigt ihre Arbeit nicht für sie. Er verändert das Zimmer, in dem sie weiterarbeiten können. Auf der Brücke muss niemand zum Sinnbild werden und dafür die Hände stillhalten. Eine Frage darf noch eine nächste Zeile bekommen.
Catherine und Heathcliff bleiben Figuren des Romans. Sie werden nicht aus den Seiten gerufen, um unsere Deutung zu beglaubigen. Hinter ihrem berühmten Gespräch folgen weitere Seiten: Isabella schreibt, die junge Catherine möchte hinaus, Hareton möchte nicht wieder ausgelacht werden. Dass eine Stimme uns tief getroffen hat, macht die übrigen nicht nachträglich überflüssig.
Das verpackte Buch der jungen Catherine liegt auf dem Tisch. Es ist noch zugebunden. Wer es bekommen soll, darf entscheiden, ob er es öffnen möchte. Hier beginnt eine andere Nähe: Ich kann dir etwas anbieten, das dein Leben erweitert, ohne die Annahme zur Eintrittsbedingung unserer gemeinsamen Welt zu machen. Auch ein Unterricht braucht ein Gegenüber.
Kant zieht den Mantel gegen den Wind enger. Der Zugang darf nicht nur Menschen offenstehen, deren Leben sich ordentlich zusammenfassen lässt. Auch wer unaufgeräumte Gefühle, schwierige Geschichten und unvollendete Sätze mitbringt, braucht Platz. Man kann sie anhören, ohne ihren Schmerz zu einer Erlaubnis über andere zu machen. Ihre Zukunft gehört nicht schon dem Urteil der Anwesenden.
Emily setzt sich. Das Buch liegt offen, Keeper wird ruhig. Niemand verlangt eine Erklärung dafür, weshalb sie gerade diesen Platz gewählt hat. Der Wind darf herein, die Seiten dürfen gelesen werden, und draußen bleibt der Weg offen. Ein Mensch ist angekommen, ohne seine ganze Gestalt in einem einzigen Bild abgeben zu müssen.
Lesehinweise und Quellen
In Kapitel 9 erinnert Nelly das Gespräch, Lockwood hält ihren Bericht fest. Heathcliff geht nach der Aussage, eine Heirat würde Catherine gesellschaftlich erniedrigen, und hört das Folgende nicht. Isabellas Brief und Bericht in den Kapiteln 13–14, die Gefangenschaft in Kapitel 27, Geschenk und Annäherung in Kapitel 32 sowie der Schluss in Kapitel 34 tragen diese Lektüre. Die jüngeren Figuren durchlaufen Kränkungen, Ungeduld und Rückschritte; ihr Umgang wird nicht schlagartig vollkommen. Geisterberichte und Lockwoods Vorstellung friedlicher Erde bleiben verschieden. Die ethischen Vergleiche sind Deutungen des Essayisten und machen Figurenreden nicht zum Bekenntnis der Autorin.
Der Roman von 1847 füllt zwei Bände einer dreibändigen Ausgabe mit Agnes Grey. Der gemeinsame Gedichtband von 1846, Gondal, das Studium in Brüssel 1842 und korrigierte Handschriften bezeugen literarische Arbeit. Charlottes biografische Notiz und Vorwort von 1850 sind wichtige, perspektivische Familienzeugnisse. Die Ablehnung ärztlicher Hilfe und das letzte Einverständnis gehen auf Charlottes Briefe und Gaskells Biografie von 1857 zurück; daraus wird kein Ideal der Pflegeverweigerung abgeleitet. No coward soul is mine beginnt das auf den 2. Januar 1846 datierte Gedicht und ist kein Wort vom Sterbebett. Brücke und Begegnungen des letzten Abschnitts sind ausdrücklich erfunden.
Emily Brontë, Sturmhöhe (Kapitel 9, 13–14, 27, 32–34) · Charlotte Brontë, biografische Notiz zu Ellis und Acton Bell sowie Herausgebervorwort (1850) · Brontë Parsonage Museum, die Lebenswege der Familie Brontë · British Library, Emily Brontës eigenhändiges Gedichtheft (Add MS 89488) · Emily Brontë, No Coward Soul Is Mine (Text nach der Handschrift, offenes Lehrbuch aus Saskatchewan) · Anne Brontë, Tagebuch vom 31. Juli 1845, zitiert in der Reading Experience Database der Open University · Universitätsbibliothek Princeton, Parrish-Katalog: Die Brontës (Ausgabe von 1847, Eintrag 105) · Elizabeth Gaskell, Das Leben der Charlotte Brontë, Band II (1857): Briefe und Emilys letzte Krankheit · Charlottes Brüsseler Brief von 1842, zitiert in A. Mary F. Robinson, Emily Brontë (1883) · Charlotte Brontë, Jane Eyre (Kapitel 23 und 26–27)
Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。