023 / 108 · Eine Welt errichten
Leonardo da Vinci, noch eine Tür öffnen
Von der Werkstatt zu den Notizbüchern, von abgebrochenen Vorhaben zu den Bildern: Neugier führt die arbeitende Hand immer wieder in die Welt.
I. Das Kind vor der Tür
Leonardo da Vincis Eltern waren bei seiner Geburt nicht miteinander verheiratet.
1452, in der Nähe von Vinci. Sein Vater Piero war Notar, seine Mutter hieß Caterina. Der Junge wuchs in der Familie seines Vaters auf. Er folgte weder dessen Beruf noch dem Weg einer Universitätsbildung, deren Sprache das Lateinische war.
„Da Vinci“ bedeutet „aus Vinci“. Der Name verweist auf einen Ort und führt die spätere Legende zu einem Kind zurück, das an einem wirklichen Ort aufwuchs.
Als junger Mensch kam er in Verrocchios Florentiner Werkstatt. Malerei, Bildhauerei und Metallarbeit waren dort keine voneinander abgeschotteten Fächer. Die Hand musste Pigmente ebenso kennen wie Gewicht, Werkstoffe und Werkzeuge. 1472 gehörte er bereits der Lukasbruderschaft der Maler an.
Die Werkstatt war kein Hintereingang zum Wissen. Sie hatte eigene Übungen, Formen der Zusammenarbeit und Maßstäbe. Außerhalb der Universität lernte er in einer anderen Schule zu sehen.
Neben Li Bai gestellt, lässt er an eine Freiheit denken, die sich nicht auf den vorgezeichneten Weg beschränkt. Doch eine uneheliche Geburt schenkt nicht von selbst Freiheit. Hindernisse werden nicht dadurch zu Wohltaten, dass später ein außergewöhnlicher Mensch an ihnen vorbeikommt.
Du Fu benannte immer wieder seine Richtung: dem Herrscher dienen, ihn über Yao und Shun hinausführen. Auf Leonardos Blättern vermehren sich die Richtungen. Man kann an einem versperrten Weg leiden oder an zu vielen Wegen. Aufträge, Geld, Krieg und die begrenzte Lebenszeit gehörten ebenfalls zu seiner Wirklichkeit.
II. Die Notizbücher
Tausende Seiten sind erhalten, häufig pauschal als ungefähr siebentausend Seiten bezeichnet.
Man schlägt sie auf und weiß kaum, was für ein Buch man vor sich hat.
Anatomie. Knochen, Muskeln, Gefäße, Organe: Er sezierte wohl etwa dreißig menschliche Körper und viele Tiere. In seinen Herzstudien brachte er Zeichnungen, Modelle und strömendes Wasser zusammen. Wie könnten Wirbel beim Schließen einer Klappe helfen? Erstaunliche Einsichten stehen neben Irrtümern aus der Physiologie seiner Zeit.
Wasser. Wellen, Wirbel, die Rückströmung hinter einem Hindernis. Ein Fluss wird zu mehr als einer blauen Linie: Bewegung greift in Bewegung ein. Das Auge folgt ihr; die Hand sucht nach einem Weg, sie auf Papier festzuhalten.
Flug. Schlagflügelmaschinen, eine Luftschraube, ein Fallschirm. Auf dem Blatt lassen sich Flügel ausbreiten, während menschliche Muskelkraft noch lange nicht genügt, die Maschine anzuheben. Es sind Erkundungen des Fliegens, keine modernen Fluggeräte, die nur noch zusammengebaut werden müssten.
Krieg. Riesige Armbrüste, ein gepanzertes Fahrzeug, Ausrüstung für Arbeiten unter Wasser. In seinem Bewerbungsschreiben an Ludovico Sforza nimmt militärisches Können zunächst breiten Raum ein. Dann folgen Architektur für Friedenszeiten, Wasserbau, Bildhauerei und Malerei sowie der Vorschlag eines bronzenen Reiterdenkmals. Der Mann, den wir als Maler erinnern, bittet den Machthaber zuerst, seine Brücken und Waffen zu beachten.
Licht, Schatten, Perspektive, Farbe. Versteinerte Muscheln im Gebirge und die Vergangenheit der Erde. Die Verzweigung der Bäume. Kirchen, Brücken, städtische Wasserwege. Auch Musik: Frühe Lebensbeschreibungen überliefern das Bild eines Spielers der Lira da braccio.
Körper und Flüsse, Bilder und Maschinen drängen sich bisweilen auf einem Blatt. Nicht jede Zeile verkündet eine Entdeckung. Es gibt Rechnungen, Erinnerungen, Fehlversuche und unbeantwortete Fragen.
Meist schrieb er mit der linken Hand von rechts nach links, in Spiegelschrift. Geübte Augen können sie auch ohne Spiegel lesen. Die Blätter gehörten zudem nicht alle von Anfang an zu ihren heutigen Bänden. Lose Papiere wurden gefaltet, gebunden und von späteren Besitzern neu angeordnet.
Er plante Abhandlungen über Malerei, Anatomie und andere Gegenstände, ohne diese Forschungen zu Lebzeiten systematisch zu veröffentlichen. Nach seinem Tod bewahrte und ordnete Melzi einen Teil der Papiere. Texte zur Malerei verbreiteten sich später unter anderem als Traktat über die Malerei. Andere Blätter gingen verloren oder gelangten in getrennte Sammlungen.
Bilder, Vergleiche und einzelne Argumente bilden bereits Wissen. Nur stehen in der Werkstatt, die uns geblieben ist, noch viele Türen offen.
III. Verschiedenes Unvollendetes
Das Unvollendete ist ein Zugang zu Leonardo. Es ist kein Stempel für sein gesamtes Leben.
Nur wenige erhaltene Gemälde gelten allgemein als seine Werke; die genaue Zahl hängt von Zuschreibungen ab. Auch Wandbilder, Gemeinschaftsarbeiten und strittige Werke erschweren eine eindeutig festgelegte Liste.
Das Abendmahl, entstanden von der Mitte der 1490er-Jahre bis 1498. Auf trockenem Putz konnte er sich Zeit für Licht und Ausdruck nehmen. Er vollendete das Bild; Technik und Umgebung führten jedoch früh zu Schäden. Fertigstellung und Erhaltung sind unterschiedliche Fragen.
Die Mona Lisa, um 1503 begonnen, blieb über Jahre weiterer Bearbeitung bei ihm. Vor uns steht ein Bild, in dem lange Arbeit steckt. Wann er selbst meinte, genug getan zu haben, lässt sich nicht einfach aus den Jahreszahlen ablesen.
Die Schlacht von Anghiari war ein großer Auftrag für das Florentiner Rathaus. Studien und Nachklänge ihrer Komposition blieben, nicht aber das vorgesehene vollständige Wandgemälde. Wie weit die Ausführung auf der Wand gelangte und was dann geschah, ist weiterhin umstritten.
Das Sforza-Reiterdenkmal. Ein gewaltiges Tonmodell wurde fertig, die Bronzestatue nicht gegossen. 1494 ging das vorgesehene Metall an die Kanonenherstellung; nach der französischen Besetzung Mailands 1499 wurde das Modell zerstört. Hier wirkten technische Schwierigkeiten, aber auch Krieg und das Schicksal eines Auftraggebers.
Flugmaschinen, gepanzertes Fahrzeug, Unterwasserausrüstung: Viele Entwürfe blieben Papier. Forschungen zur Anatomie und zum Wasser wurden nicht zu den geplanten Veröffentlichungen. Nicht verwirklichte Pläne und ein nach der Vollendung beschädigtes Bild sind verschiedene Probleme.
Tausende Manuskriptseiten, ein kleiner Bestand erhaltener Bilder, zahlreiche abgebrochene Vorhaben. Daneben gehören erfüllte Aufträge und langjährige Forschungen, die sich nicht sauber auf Erfolg und Misserfolg verteilen lassen.
Er begann vieles. Manches führte er aus, manches überarbeitete er immer wieder, manches kam nicht ans Ziel. Hinterlassen hat er keine leere Leistungsbilanz, sondern die Reibung zwischen einem Leben und dem Fertigwerden.
IV. Warum noch eine Tür öffnen?
Warum wartet immer ein weiteres Vorhaben?
Weil er sich ablenken ließ, lautet die schnelle Antwort. Die Malerei führt zu Muskeln, die Muskeln zu Kräften, die Kräfte zu Wasser und Flug. Nichts auf dem Tisch scheint sich je abschließen zu lassen.
Doch die Wege verbinden sich auch. Wer einen sich umwendenden Menschen malen will, untersucht, wie sich Knochen bewegen. Wer Blut im Herzen verstehen will, betrachtet Wasserwirbel. Neugier unterbricht Arbeit und kann sie zugleich vertiefen.
In der Sprache dieser Reihe ließe sich das als Aufbrechen bezeichnen: Etwas scheinbar Vertrautes wird wieder geöffnet und gibt eine bisher ungestellte Frage frei.
Hinter den Türen liegen Herzklappen, kreisende Strömungen, Berge, deren Farben in der Ferne verblassen, die Wirkung eines Vogelflügels auf die Luft. Jede Tür verlangt Beobachtung und das Eingeständnis, dass die bisherige Erklärung vielleicht nicht ausreicht.
Auch Leonardo konstruierte. Er zeichnete, verglich, entwarf Versuche, ordnete Argumente; zu einer Frage konnte er über Jahre zurückkehren. Doch ein örtlich begrenzter Aufbau wurde häufig zum Zugang zu einem neuen Problem, statt sich zu einem ablieferbaren Buch zu schließen.
Stellen wir Newton daneben: die öffentlich vorgelegte Beweisführung der Principia neben den Erkundungen, die sich über Leonardos Blätter ausbreiten. Newton arbeitete ebenfalls auf vielen Feldern; Leonardo konnte ebenfalls beharrlich arbeiten.
Für einen Augenblick mögen zwei Haltungen sichtbar werden: Einer errichtet hinter der Tür ein Gebäude, das andere betreten können; der andere hört noch etwas aus dem Nebenzimmer. Er lässt die gerade gezogene Linie liegen. Er möchte nachsehen.
V. Unter den anderen
Aufbrechen und Aufbauen sind zwei Lichter, die diese Reihe auf Menschen richtet. Sie teilen die Menschen nicht in zwei amtliche Kategorien.
Sokrates fragt. Platon lässt das Gespräch weitergehen und gibt philosophischen Argumenten Form. Aristoteles ordnet Wissen. Newtons Mathematik, Bachs Kontrapunkt, Qin Shihuangs Reichsprojekte und Kants Kritiken verleihen dem Aufbauen jeweils ein anderes Gewicht.
Leonardo steht zwischen ihnen, bald als Fragender, bald als Hersteller. Er will sich nicht auf ein Handwerk begrenzen, verlässt das Handwerk aber auch nicht. Für die neue Frage müssen Augen und Hände einstehen.
Die sokratische Frage lässt den Antwortenden nicht vorschnell zur Ruhe kommen. Leonardos Neugier lässt ihn selbst nicht zur Ruhe kommen. „Dort ist noch eine Tür.“ So hören wir seine Blätter sprechen; es ist kein nachträglich gefundenes Zitat.
Man könnte auch an Darwins Variation denken: viele Möglichkeiten, deren Ausgang nicht im Voraus feststeht. Doch menschliche Entwürfe haben Absichten, biologische Variation bereitet keine Antworten auf künftige Bedürfnisse vor. Das Gleichnis erhellt nur, dass Erkundung ihren Erfolg nicht vorbestellen kann.
Leonardo hatte weder die Brüder Wright noch die moderne Medizin noch die Navier-Stokes-Gleichungen vorab in seine Hefte gepackt. Spätere Luftfahrt und Wissenschaft besaßen eigene Probleme, Belege und gemeinschaftliche Arbeit. Sie warteten nicht bloß darauf, die Pläne eines Propheten zu verstehen.
Bewegend ist nicht, dass jeder Versuch richtig war. Bewegend ist die Genauigkeit, mit der er das Ungewisse zeichnet: wie der Flügel ansetzt, das Wasser umläuft, die Hand sich hebt. Auch eine Linie, die falsch sein kann, lädt zum Weiterfragen ein.
VI. Die wenigen Bilder
Gehen wir zu den Bildern zurück. Das Unvollendete soll nicht verdecken, was dort bereits geschehen ist.
Das Abendmahl, die Mona Lisa, die Felsgrottenmadonna, die Dame mit dem Hermelin. Die Unruhe um einen Tisch, Gesten zwischen Felsen, ein Tier im Arm einer Frau: Jedes Bild schafft eine Welt, die wir erneut betreten können.
Besonders schwer festzuhalten ist das Lächeln der Mona Lisa. Leonardo verfeinerte das Sfumato bis ins Äußerste; dünne Farbschichten lassen Umrisse sanft ineinander übergehen. Der Blick wandert vom Mund zu den Augen und zurück zum ganzen Gesicht. Mit ihm scheint sich der Ausdruck zu verändern.
Nicht alle Betrachtenden müssen dieselbe Täuschung erleben. Entscheidend ist: Das Bild heftet dem Gesicht keinen Ausdruck wie ein Etikett an. Wir haben es gesehen und möchten noch einmal hinsehen.
Es ähnelt dem Rest, von dem diese Reihe spricht. Nichts muss außerhalb des Bildes versteckt sein: Die gemalten Beziehungen lassen „Sie lächelt“ unzureichend werden. Von fern klingt Zhuangzis Hundun an. Manches verliert sein Leben, wenn jede Grenze mit Gewalt scharf geschnitten wird.
Das ist nicht einfach ein unfertiger Mund. Die weichen Übergänge sind eine erarbeitete Entscheidung; eine unbestimmte Empfindung kann zu vollendeter Kunst gehören. Der Ausdruck, den kein Satz mitnehmen kann, ist selbst Form.
Gödel hat uns an anderer Stelle über Grenzen formaler Systeme nachdenken lassen. Hier kehrt nur das Zögern eines Lesers wieder, etwas vorschnell abzuschließen. Ein Satz über arithmetische Beweise entscheidet nicht über ein Lächeln. Das Bild braucht keine mathematische Bürgschaft, um uns anzuhalten.
VII. Spiegel
Von rechts nach links geschriebene Worte können wirken, als sei das Blatt auf die andere Seite der Welt gelangt.
Wir dürfen dieses Bild verwenden. Ein Schlüssel zum Geheimnis des Genies ist es nicht.
Am Baum interessieren ihn auch die Beziehungen der Zweige, am Fluss der Weg des Wassers um ein Hindernis, am Menschen das Zusammenwirken von Muskeln und Knochen. Vor einem Gemälde kehrt er zu dem Licht zurück, das ein Gesicht erhellt.
Er hat die sichtbare Welt nicht verlassen, um hinter ihr die letzte Antwort zu besitzen. Im Sichtbaren sucht er Beziehungen, die ein flüchtiger Blick übersieht.
Kant darf in diesen Vergleich treten, doch ein Seziermesser kann ihn nicht widerlegen. Das beobachtete Körperinnere bleibt ein Gegenstand der Erfahrung, kein endlich sichtbar gewordenes philosophisches „Ding an sich“.
Kant fragt nach Bedingungen und Grenzen unserer Erkenntnis. Leonardo fragt, wie dieses besondere Etwas funktioniert. Keine Frage ersetzt die andere. Gemeinsam lassen sie das Wort „sehen“ weniger selbstverständlich klingen.
Nach dem Sehen zeichnet er. Die Zeichnung ist kein Abfall der Wahrnehmung. Sie prüft das Gesehene und gibt es an andere weiter. Neben der Spiegelschrift wenden sich die Linien noch immer einem weiteren Leser zu.
Auch in seinen letzten Jahren in Frankreich arbeitete er weiter. 1519 starb er im Clos Lucé bei Amboise, siebenundsechzigjährig. Fünfhundert Jahre hatte er nicht. Und die Papiere auf seinem Tisch wurden an diesem Tag nicht von selbst zu einem fertigen Buch.
VIII. Noch eine Tür
Bitten wir ihn nun an den erfundenen Brückenkopf dieser Reihe.
Farbe an den Händen, Tinte und vielleicht die Spuren von Werkzeugen und Modellen. Hände, die lange gearbeitet haben.
Sokrates steht. Laozi ist verschwunden, Konfuzius wartet. Du Fu weint, Li Bai fliegt. Bach hört zu, Beethoven ballt die Faust, Sima Qian trägt Bücher, Rumi dreht sich.
Leonardo schaut sich um. Wie verteilt die Brücke ihre Last? Warum kehrt das Wasser genau dort im Wirbel zurück? Jemand in der Menge dreht sich um: Wie bewegen sich Schulter und Arm gemeinsam? Wie hält sich jener Vogel im Wind?
Er geht einige Schritte, bleibt stehen, nimmt Papier hervor, zieht Linien. Wenn jemand zu Ende gesprochen hat, schaut er vielleicht noch auf die Bewegung des Mundes.
Diese Schritte unterscheiden sich von Rumis Kreisen. Immer wieder wenden sie sich einem anderen Gegenstand zu; aus jedem Halt kann eine Tür werden.
So vieles hat er begonnen.
Manches richtig gesehen, manches falsch vermutet, manche Frage dem nächsten Blatt übergeben. Arbeit, die nach Wahrheit sucht, setzt keine lückenlose Folge richtiger Antworten voraus.
Niemand weiß, wie viele zusätzliche Jahre ihn hätten „alles vollenden“ lassen. Antworten hätten neue Fragen hervorgebracht. Auch fünfhundert Jahre wären keine berechenbare Lieferfrist.
Siebenundsechzig standen ihm zur Verfügung. Darin gab er vielen Dingen, an denen wir vorbeigehen könnten, die Zeit eines genauen Blicks.
Seine Hände am Brückenkopf tragen dessen Spuren. Er hat nicht alles berührt. Er lässt uns empfinden, dass jedes Ding einen weiteren Blick verdienen könnte.
Die Mona Lisa lächelt. Das Bild ist da; das Betrachten ist nicht zu Ende.
Er möchte noch eine Tür öffnen.
Lesehinweise und Quellen
1. National Gallery und Royal Collection Trust belegen die Geburt bei Vinci 1452, den Notar als Vater, das Aufwachsen in dessen Familie und die Mitgliedschaft in der Malerbruderschaft bis 1472. Caterinas genaue Herkunft bleibt umstritten. Unehelichkeit wird nicht als allgemeiner Ausschluss von Universität, Zunft oder Beruf dargestellt; der Werkstatteintritt wird nicht auf das vierzehnte Lebensjahr festgelegt.
2. „Siebentausend Seiten“ ist eine verbreitete Näherung, keine einheitliche Zählung von Seiten und Blättern. Das V&A beschreibt lose Papiere und spätere Bindungen und Neuordnungen. Spiegelschrift lässt sich ohne Spiegel lesen; Geheimhaltung ist kein gesichertes Motiv. Melzis Zusammenstellung und der spätere Malereitraktat sind weder eine Veröffentlichung zu Leonardos Lebzeiten noch ein Beleg für völlig ungeordnete Notizen.
3. Etwa dreißig menschliche Sektionen sind eine Schätzung; Tierstudien waren ebenfalls wichtig. Die Einsichten in Klappen, Modelle und Strömung ergeben noch keine moderne Blutkreislauftheorie. Ältere Vorstellungen, etwa getrennte arterielle und venöse Systeme, bestanden fort. Wasserzeichnungen sind keine modernen Turbulenzgleichungen; nicht jede Beobachtung war richtig.
4. Entwurf, Modell, Bau und spätere Rekonstruktion sind zu unterscheiden. Das Mailänder Wissenschaftsmuseum erläutert, weshalb die Luftschraube nach der Interpretation seines Modells mit diesem Gewicht und menschlicher Kraft nicht funktionieren würde. Nicht alle Pläne wurden später als machbar erwiesen. Der Sforza-Brief bietet Fähigkeiten einschließlich Architektur, Wasserbau, Bildhauerei und Reiterdenkmal an; er ist kein Ablieferungsverzeichnis.
5. Das Abendmahl war fertig und verfiel früh. Die lange Bearbeitung der Mona Lisa belegt keine sechzehn Jahre ununterbrochener täglicher Malarbeit. Die Bronze des Pferdes wurde 1494 umgewidmet, das Modell nach 1499 zerstört. Wie weit die Schlacht von Anghiari ausgeführt wurde, ist umstritten; Uffizien und Royal Collection setzen unterschiedliche Akzente. Der Gesamtauftrag wurde nicht verwirklicht.
6. Sfumato bezeichnet hier eine von Leonardo außerordentlich verfeinerte, nicht ausschließlich von ihm erfundene Technik. Newton, Darwin, Zhuangzi, Gödel und Kant dienen literarischen Vergleichen. Variation kennt die Zukunft nicht, das Lächeln ist kein Fall eines arithmetischen Satzes, und ein beobachtetes Körperinneres ist nicht Kants Ding an sich. Die Brückenszene ist erfunden.
7. Leonardo starb am 2. Mai 1519 im Clos Lucé. Das Königsschloss Amboise bezeichnet den durch Vasari und spätere Bilder überlieferten Tod in den Armen Franz’ I. als Legende; der König war nicht anwesend. Die Szene wird hier nicht als Tatsache verwendet. Eine nachträgliche medizinische Diagnose wird nicht gestellt.
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Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。