Er drehte sich beim Schuss nicht um — Wenn Karatajew zu Bedeutung wird
Die Erinnerung an Karatajew hilft Pierre weiterzuleben. Doch das tröstliche Bild umfasst nicht den ganzen Menschen, seine Bedürfnisse und den letzten Blick, dem Pierre ausweicht.
Ein Blick, dem Pierre ausweicht
Karatajew ist krank und kann nicht mehr mitmarschieren. Unter einer Birke sitzend sieht er Pierre mit Tränen in den Augen an; offenbar möchte er ihn bei sich haben, um ihm etwas zu sagen. Pierre wagt es nicht, näher zu kommen. Er tut so, als hätte er den Blick nicht bemerkt. Beim Aufbruch schaut er noch einmal zurück und sieht zwei Franzosen bei Karatajew. Dann geht er weiter, ohne sich erneut umzudrehen. Ein Schuss fällt; die beiden Soldaten laufen an ihm vorbei, einer mit noch rauchendem Gewehr. Der Roman schildert Angst und Ausweichen, keine nüchterne Einsicht, dass Stehenbleiben ohnehin nichts helfen würde.
Ein paar Stoffreste
Zuvor hat Karatajew einem französischen Soldaten ein neues Hemd genäht. Der Mann bezahlt ihn, verlangt aber auch die Stoffreste zurück. Karatajew wollte daraus Binden für die Beine machen. Mit plötzlich traurigem Gesicht gibt er sie heraus. Der Franzose betrachtet den Stoff, blickt Pierre fragend an, wird rot und gibt die Reste wieder zurück. Seine Beweggründe lassen sich aus diesen Gesten nicht restlos erklären. Karatajew freut sich über die Güte des anderen. Doch auch seine vorherige Enttäuschung gehört zu ihm: Er hatte selbst Verwendung für den Stoff. Da ist nicht nur ein Sinnbild selbstlosen Gebens, sondern ein Mensch, der etwas braucht und gern behalten hätte.
Was im tröstlichen Bild offenbleibt
In der Nacht nach Karatajews Tötung träumt Pierre von einer lebendigen Kugel aus beweglichen Tropfen. Karatajews Tropfen breitet sich aus und verschwindet von ihrer Oberfläche. Erst danach erwacht Pierre und sieht den Hund am Feuer. Der Blick, der Schuss und das Heulen fallen ihm wieder ein. Fast begreift er, dass Karatajew tot ist, doch da schiebt sich die Erinnerung an einen Sommerabend mit einer Polin dazwischen. Befreit wird er erst am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang. Der Traum vom fortdauernden Leben und die Scheu vor diesem einzelnen Tod stehen hier unmittelbar nebeneinander. Karatajew gibt Pierre nicht erst nach seinem Tod Halt. Dieser Halt wächst aus ihrer gemeinsam verbrachten Zeit. Wir müssen Pierres Dankbarkeit weder für falsch erklären noch ihm unterstellen, er habe den anderen nur benutzt. Aber ein tröstliches Erinnerungsbild ist nicht der ganze Mensch. Bleibt darin auch Platz für den Mann, der Stoffreste behalten wollte und am Ende noch etwas zu sagen hatte? Das ist kein Urteil über Pierres Charakter, sondern eine Spannung beim Lesen: Wir nehmen den Trost ernst und lassen zugleich den unbeantworteten Blick nicht verschwinden.
Eigenständige deutsche Neufassung der chinesisch-englischen Lesarten. Sie schließt den Roman weder in historische Notwendigkeit, die Wahl tilgt, noch in Heldengeschichte, die die Welt nur durch Einzelne erklärt. Mit vollständigen Spoilern.