Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung auf Grundlage des chinesischen Originals. Hauptquelle ist die 23-teilige Fernsehserie; wo nötig wird Shion Miuras Roman herangezogen. Die chinesische Fassung hat Angaben zum Qualifikationsrennen, zur Leichtathletikabteilung der Kansei-Universität und zu Haijis Beweggründen bereits überarbeitet. Spoiler zur gesamten Serie.
Ein Zimmer. An allen vier Wänden Manga. Der Fußboden droht unter ihrem Gewicht nachzugeben.
Hier wohnt Akane Kashiwazaki, Literaturstudent im zweiten Jahr. Im Wohnheim nennen ihn alle Prinz. Lange Haare, lange Wimpern, helle Haut, ein hübsches Gesicht: daher der Spitzname. Sein ganzes Geld und seine ganze Zeit fließen in Manga. Freundschaft, Liebe, Kämpfe gegen mächtige Gegner hat er im Kopf längst alle durchlebt.
Von den zehn Bewohnern des Chikuseisō ist er sportlich der Schwächste.
Und zwar mit Abstand. Er schafft keine hundert Meter. Nicht: Er braucht lange dafür. Er schafft sie nicht bis zum Ende. Auf halber Strecke fällt seine Bewegung auseinander, die Knie wissen nicht wohin, die Arme wissen nicht, wie sie schwingen sollen. Das ist nicht einfach jemand, der zu wenig Sport treibt. Er hat seinen Körper noch nie wirklich als etwas begriffen, das man gebrauchen kann.
Eines allerdings ist bei ihm randvoll: In Manga steckt sein gesamtes Geld, seine gesamte Zeit. Freundschaft, Liebe, Kämpfe gegen mächtige Gegner, all das hat er in seiner Vorstellung schon erlebt.
Zehn Monate später steht er beim Hakone-Ekiden am Start der ersten Etappe.
Um die zehn Monate dazwischen geht es hier. Und um drei unterschiedliche Gründe, die in dieser Zeit für sein Laufen genannt werden.
Der erste: Sonst fliegen die Manga raus
Kakeru begegnet ihm auf dem Universitätsgelände.
Er ist noch nicht lange eingezogen und nach wie vor auf alle schlecht zu sprechen. Seine Worte sind scharf wie Messer. Er will von Prinz wissen, ob der das Laufen überhaupt ernst meint.
Die Frage trifft hart. Denn in ihr steckt der Vorwurf: Du verschwendest unser aller Zeit.
Prinz wird laut. Was bleibe ihm denn anderes übrig? Schließlich könnten seine geliebten Manga weggeworfen werden!
Das ist ein denkbar eindeutiger Grund: Jemand bedroht ihn mit dem Verlust dessen, was ihm am meisten bedeutet.
Die Beschaffenheit dieses Grundes verdient Aufmerksamkeit. Er kommt weder aus dem Laufen noch aus ihm selbst. Er kommt von außen, als Druck, und ist negativ formuliert. Er läuft, um etwas anderes nicht zu verlieren.
Bliebe dies sein einziger Grund, wäre der Charakter der Sache klar. Jemandem wird etwas genommen oder der Entzug angedroht. Also tut er, was man verlangt. Er tut nicht, was er tun möchte, sondern was er tun muss, um etwas anderes zu bewahren.
Solche Gründe begegnen uns im Leben ständig. Meist gelten sie nicht einmal als erklärungsbedürftig. So ist es eben.
Die Serie lässt diesen Grund unverändert stehen. Niemand widerlegt ihn, und Prinz muss seine Aussage später auch nicht zurücknehmen.
Der zweite: Es soll nicht an mir allein scheitern
Im selben Gespräch sagt Prinz noch etwas anderes.
Er sei nicht wie Kakeru und Haiji. Aber was ihm die Manga bedeuteten, bedeute den beiden das Laufen. So viel verstehe er.
Laufen hasse er natürlich. Doch wenn seinetwegen die Mühe aller im Chikuseisō und Haijis ganzer Einsatz vergeblich wären, könne er eben ein bisschen mitlaufen.
Das ist ein zweiter Grund. Und er ist von ganz anderer Art als der erste.
Der erste fragt: „Was werde ich verlieren?“ Der zweite: „Was werden die anderen verlieren?“
Für den ersten muss er niemanden verstehen. Für den zweiten schon. Er muss zunächst anerkennen, dass Kakeru und Haiji etwas besitzen, das von derselben Art ist wie das, was er selbst hat. Über die Manga erkennt er das Laufen. Er weiß, wie wichtig einem Menschen eine Sache werden kann, weil er selbst eine solche Sache hat.
Man hat ihn nicht davon überzeugt, dass Laufen sinnvoll ist. Er erkennt bei anderen etwas wieder, das es bei ihm selbst auch gibt.
Ebenso wichtig ist die Grenze dieses Grundes. Er sagt, er könne „ein bisschen mitlaufen“. Er sagt nicht: „Ich will laufen.“ Er erklärt auch nicht nachträglich, eigentlich mache es ihm Spaß. Gerade erst hat er gesagt, dass er Laufen hasst.
Er geht auf einen Tausch ein. Und was er dabei einbringt, ist die kleine Portion Zuneigung, die er für die Menschen um sich herum empfindet.
Dieser zweite Grund besteht lange neben dem ersten. Die Serie lässt den späteren den früheren nicht aufheben.
Wie er es wiedererkennt
Im zweiten Grund steckt ein Vorgang, den wir uns gesondert ansehen sollten.
Prinz kann mit Laufen nichts anfangen. Er hat auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Um Kakeru und Haiji zu verstehen, versucht er nicht etwa, selbst die Freude am Laufen nachzuempfinden.
Er setzt an die Stelle des einen das andere: Was Manga für mich sind, ist Laufen für sie.
Das funktioniert nur, weil es bei ihm selbst tatsächlich etwas dieser Art gibt. Gäbe es keine Sache, in die er bereitwillig sein ganzes Geld und seine ganze Zeit steckt, ungeachtet dessen, was andere davon halten, hätte er keinen Vergleich. Dann sähe er bloß zwei Menschen bei einer anstrengenden, ziemlich nutzlosen Beschäftigung.
Er kann das Etwas bei den anderen also erkennen, weil er selbst ein solches Etwas besitzt.
Man hat ihn nicht davon überzeugt, dass Laufen sinnvoll ist. Er erkennt bei anderen etwas wieder, das es bei ihm selbst auch gibt.
Und auch im Augenblick dieser Erkenntnis bleibt ihm Laufen verhasst. Das widerspricht sich nicht. Er muss die Sache selbst nicht gut finden. Es reicht zu erkennen, welches Gewicht sie für diesen Menschen hat.
Die Tage dazwischen, für die kein Grund genannt wird
Zwischen den drei Gründen liegen zehn Monate voller konkreter Vorgänge.
Er steigt nicht aus. Unter Kakerus Anleitung verändert er seinen Laufstil. Er merkt, dass ihm beim Vorwärtslaufen der Pony in die Augen fällt, und bindet sich die Haare zusammen. Stück für Stück wird er etwas schneller. Am Ende erreicht er gerade eben die geforderte Teilnahme-Norm.
Außerdem muss er durch eine ganz konkrete Hürde: das Qualifikationsrennen.
Nach dem in der Serie dargestellten Modus läuft jeder zwanzig Kilometer. Die Zeiten einer vorgegebenen Anzahl von Teammitgliedern werden addiert und bestimmen die Rangfolge der Hochschulen. Deshalb darf kein Läufer unter ein bestimmtes Niveau fallen. Prinz muss also wirklich eine bestimmte Zeit laufen. Geistige Teilnahme genügt nicht. Die Zahl muss auf der Uhr stehen.
Er schafft es.
Zwei Sätze müssen hier gesagt werden, und sie müssen nebeneinander stehen:
Er hat die Norm geschafft. Er ist weiterhin der Langsamste im Team.
Die Serie schenkt ihm kein Talent. Sie enthüllt keine heimliche Begabung, lässt ihn nicht in einem Rennen plötzlich über sich hinauswachsen und keinen der anderen einholen. Vom ersten bis zum letzten Tag läuft er langsamer als alle neun anderen. Deutlich langsamer.
Gleichzeitig ist er tatsächlich schneller geworden. Schnell genug, um an dieser Startlinie stehen zu dürfen.
Beides gilt in dieser Geschichte zur selben Zeit. Die Serie stellt keines von beidem als Preis oder Belohnung für das andere hin.
Warum er unterwegs nicht einfach alles hinschmeißt, beantwortet sie ebenfalls nicht eindeutig. Er schmeißt es eben nicht hin.
Eines bleibt jedenfalls unverändert: Sein Zimmer ist weiterhin voller Manga. Er muss nicht die Regale leeren und die Manga aufgeben, um zu beweisen, dass er sich auf das Laufen eingelassen hat. Sie bleiben ein Mittelpunkt seines Lebens. In diesem Jahr kommt etwas hinzu. Es verschwindet nichts.
Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb er nicht aufgibt. Vielleicht auch nicht. Die Serie sagt es nicht.
Was nicht aus ihm geworden ist
Bevor wir zum dritten Grund kommen, halten wir fest, was in diesem Jahr alles nicht geschieht. Denn diese Liste lässt sich hier sehr klar aufstellen.
Er wird kein schneller Läufer.
Er überholt in keinem Rennen einen seiner Teamkollegen.
Er sagt nichts in der Art: „Jetzt verstehe ich endlich, warum Laufen Spaß macht.“
Seine Entwicklung wird nicht dadurch bewiesen, dass er die Manga aufgibt.
Er geht auch nicht völlig in der Gruppe auf, bis zwischen ihm und den anderen neun kein Unterschied mehr bleibt. Er bleibt derjenige, der einen kühlen Kommentar einwirft, sobald alle anderen im Überschwang schwelgen.
Bemerkenswert ist diese Liste, weil in Geschichten dieser Art normalerweise mindestens ein oder zwei ihrer Punkte eintreten. Hier tritt keiner ein.
Was geschieht also? Er geht jeden Tag hinaus und läuft. Er tut das ein Jahr lang, erreicht die erforderliche Zeit und steht am Wettkampftag am Start der ersten Etappe.
Der dritte: Der Grund, den Haiji ihm gibt
Der dritte Grund lässt einen tatsächlich kurz innehalten.
Die erste Etappe gehört zu den verantwortungsvollsten der zehn. Sie eröffnet den Wettkampf und gibt den Takt für das gesamte Rennen vor. Vor allem gibt es hier keinen Vorgänger: Das tasuki, die schräg über der Schulter getragene Staffelschärpe des ersten Läufers, beginnt seine Reise ohne Vorgeschichte.
Hinzu kommt: Die Startläufer aller Hochschulen laufen gleichzeitig los. Dutzende drängen sich zusammen, lange will niemand als Erster das Tempo machen. Sie belauern einander, werden schneller und wieder langsamer, es gibt keinen sauberen Rhythmus. Da reicht Schnelligkeit allein nicht. Entscheidend ist, sich vom Takt der anderen nicht mitreißen zu lassen.
Haiji gibt diese Etappe Prinz.
Seine Begründung lautet sinngemäß: Nur Prinz bleibe unter allen Umständen er selbst und lasse sich von den anderen nicht wegziehen.
Bemerkenswert ist, welche Wörter in dieser Begründung fehlen: „Anstrengung“, „Entwicklung“, „Er hat es verdient“.
Sie spricht von etwas, das Prinz schon lange mitbringt.
Sein Zimmer ist voller Manga. Er steckt sein Geld und seine Zeit hinein und schert sich nicht darum, was andere von ihm halten. Als man ihn in etwas hineinzieht, das er hasst, protestiert er am heftigsten. Danach macht er Schritt für Schritt weiter, in seinem eigenen Rhythmus. Zu keinem Zeitpunkt lässt er sich einfach von der Stimmung der anderen treiben.
Das besitzt er schon, bevor er zu laufen beginnt.
Wahrscheinlich hat er selbst nie viel daraus gemacht. Für ihn bedeutet Manga mögen einfach Manga mögen. Was andere denken, geht ihn nichts an. Das ist keine bewusst bezogene Position, sondern schlicht seine Art. Er betrachtet es nicht als Fähigkeit und hat nie darüber nachgedacht, ob sie sich anderswo einsetzen ließe.
Dass es eine Fähigkeit ist und an welcher Stelle man sie brauchen kann, erkennt ein anderer.
Haiji gibt ihm die erste Etappe nicht wegen dessen, was er in zehn Monaten gelernt hat, sondern wegen dessen, was er immer schon ist.
Und gerade auf der ersten Etappe ist das nützlich. Alle testen einander aus, der Rhythmus schwankt; am gefährlichsten ist es, dem Tempo der anderen zu verfallen. Haijis Taktik für Prinz lautet, hinter ihnen zu bleiben und Kräfte zu sparen. Um das durchzuhalten, braucht es genau diese Fähigkeit, sich nicht mitreißen zu lassen.
Drei Gründe nebeneinander
Stellen wir die drei Gründe nun zusammen.
Erstens: Sonst werden die Manga weggeworfen. Eine Drohung.
Zweitens: Es soll nicht an mir allein scheitern, dass sich alle vergeblich mühen. Eine Beziehung zu anderen.
Drittens: Nur du lässt dich nicht mitreißen. Dieser Grund kommt von Haiji und beschreibt, wie Prinz schon vor dem Laufen war.
Die drei Gründe sind von grundverschiedener Art. Sie treten nacheinander auf. Und keiner löscht in der Serie die beiden anderen aus.
Sie erklärt nicht den ersten für kindisch und den zweiten für reif. Ebenso wenig macht sie die ersten beiden zu bloßen Vorstufen, während erst der dritte der wahre Grund wäre. Sie lässt alle drei stehen.
Gewöhnlich ordnen wir solche Gründe in eine Rangfolge. Was zuerst kam, sei nur vorgeschoben, was später kommt, sei der eigentliche Grund. Oder umgekehrt: Wahr sei nur der erste Impuls, alles Spätere bloße Selbstüberredung. Beide Verfahren pressen drei Dinge zu einem zusammen.
Diese Serie presst nichts zusammen. Die drei Gründe sind unterschiedlich weitreichend, kommen aus verschiedenen Richtungen und zielen auf Verschiedenes. Sie hängen gleichzeitig an einem Menschen. Und mit ihnen läuft er zwanzig Kilometer.
Welcher ihn „wirklich“ über diese Strecke getragen hat, könnte vermutlich nicht einmal er selbst sagen. Die Serie will ihm diese Antwort ersichtlich nicht abnehmen.
Als Prinz antritt, bringt er alle drei mit.
Der Satz, an den er beim Laufen denkt
Während Prinz am Wettkampftag auf der ersten Etappe läuft, geht ihm ein Satz durch den Kopf:
Nicht geschont werden wollen, sondern gewinnen: So sind Sportler.
Er hat sich diesen Satz nicht selbst ausgedacht. Jemand anderes hat ihn gesagt, und er hat ihn behalten.
Was er in dieser Situation bedeutet, ist nicht kompliziert. Prinz läuft nicht bloß mit, hakt keine Pflicht ab und legt niemandem Rechenschaft ab. Er befindet sich in einem Rennen. Und ein Rennen muss gelaufen werden.
Der Satz löst keine der vorangegangenen Fragen. Er erklärt weder, warum Prinz dort ist, noch verschmilzt er die drei Gründe zu einem. Es ist einfach ein Satz, der ihm beim Laufen wieder einfällt.
Hier kann dieser Essay zum Schluss kommen.
Alles, was dieser Mensch mitbringt, stammt von anderswo.
Seinen Laufstil hat Kakeru ihm beigebracht. Position und Taktik stammen von Haiji. Der erste Grund kommt aus einer Drohung. Der zweite aus dem Wiedererkennen anderer, also aus etwas, das bei ihnen vorhanden ist. Sogar der Satz, der ihm auf der Strecke in den Sinn kommt, wurde von einem anderen gesprochen.
Nur die Sache mit dem zusammengebundenen Haar hat er selbst herausgefunden: Beim Laufen fällt ihm der Pony in die Augen. Vielleicht ist dies im ganzen Jahr das Einzige, das vollständig aus ihm selbst hervorgegangen ist. Und es ist so klein, dass man es kaum erwähnen würde.
Dann steht er am Morgen des Rennens an der Startlinie.
Diese zwanzig Kilometer läuft er allein. Niemand kann auf dieser Strecke auch nur einen Schritt für ihn laufen. Niemand kann ihm einen einzigen Kilometer abnehmen. Und niemand kann an seiner Stelle entscheiden, ob er bis zum Ende läuft.
Alles, was ein Mensch mitbringt, kann von anderswo stammen. Und doch kann nur er selbst es einsetzen.
Derjenige, der Prinz hilft, seinen Laufstil zu verändern, ist Kakeru Kurahara.
Von den zehn ist Kakeru der Schnellste. So schnell, dass er mit den anderen neun kaum auf derselben Skala liegt. Als er ins Chikuseisō einzieht, kann er nicht erkennen, was ein Mensch wie Prinz da eigentlich tut.
Im nächsten Essay sehen wir uns den Maßstab an, den er in der Hand hält.
Run with the Wind (風が強く吹いている). Roman: Shion Miura, erschienen bei Shinchōsha. Fernsehserie: Regie Kazuya Nomura, Drehbuch Kōhei Kiyasu, Animation Production I.G; ausgestrahlt von Oktober 2018 bis März 2019, 23 Folgen. Maßgeblich ist in dieser Reihe die Animefassung.