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Manga und Anime · Frieren
Essay 4 von 4

Nutzlose Magie

Frieren sammelt auf ihrer Reise Zauber. Für ein einziges Zauberbuch nimmt sie einen Umweg von einem halben Jahr in Kauf. Was sie dabei erbeutet, sieht dann so aus: ein Zauber, der augenblicklich Rost von Bronzestatuen entfernt. Ei

Aug 31, 2026 · Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung
Spoilerhinweis: Neben dem Anime werden spätere Manga-Handlungen, besonders der Goldland-Bogen, behandelt.

Chinesischer Originaltext · Die wiedergegebenen Äußerungen sind eigenständige Übertragungen.

Spoilerhinweis: Dieser Essay behandelt Ereignisse aus Manga und Anime.

Fern hat sich mehr als einmal beschwert.

Frieren sammelt auf ihrer Reise Zauber. Für ein einziges Zauberbuch nimmt sie einen Umweg von einem halben Jahr in Kauf. Was sie dabei erbeutet, sieht dann so aus: ein Zauber, der augenblicklich Rost von Bronzestatuen entfernt. Ein Zauber, der süße Trauben sauer macht.

Langweilig und nutzlos, findet Fern.

Frieren sagt: „Das ist mein Hobby.“

Aufzeichnungen, die nicht wie Aufzeichnungen aussehen

Später kommen diese Zauber einer nach dem anderen zum Einsatz.

Den gegen Rost verwendet sie an Himmels Statue. Sie nimmt einen Auftrag an, die Statue zu reinigen, und bringt die seit Jahrzehnten korrodierte Bronze wieder zum Glänzen, als wäre sie neu.

Der Zauber für saure Trauben hat mit Eisen zu tun. Er isst gern saure Trauben.

Nirgendwo sonst greift das Werk etwas früher Eingeführtes so unauffällig wieder auf. Welches Gewicht darin liegt, wird erst klar, wenn wir zum ersten Essay zurückgehen.

Bei der Beerdigung sagt sie: „Von diesem Menschen weiß ich nichts.“

Aber sie hat einen Zauber gesammelt, der Bronzestatuen reinigt.

Sie glaubt, nicht hingesehen zu haben. Dabei hat sie die ganze Zeit hingesehen. Sie weiß noch, welche Trauben der Zwerg mag. Sie weiß, dass die Bronzestatuen korrodieren werden. Sie weiß, dass dieser auf sein Aussehen bedachte Held seine eigene Statue nicht so schmutzig sehen wollte. Sie hat das Gesehene nur an einem Ort aufgehoben, den sie selbst nicht als Gedächtnis erkennt.

Das Werk lässt niemanden diese Verbindung aussprechen. Fern weiß es nicht, und Frieren selbst ist es nie bewusst geworden. Es liegt einfach da und wartet darauf, dass sie eines Tages diesen Zauber hervorholt und die Leser es von selbst sehen.

Nutzlosigkeit ist die einzige Voraussetzung

Jetzt stellt sich die schwierigere Frage: Warum ausgerechnet diese Zauber?

Frieren ist über tausend Jahre alt und hat unendlich viel Nützliches zu bieten. Ihre magische Kraft ist schier unerschöpflich. Ihre Kampftechnik lässt selbst die Sieben Weisen der Zerstörung einen Bogen um sie machen. Die Methoden zur Dämonentötung, die sie entwickelt hat, sind einer der Gründe dafür, dass dieser Kontinent bis heute durchgehalten hat.

Und nichts davon gehört ihr.

Den Beinamen „Todesbotin Frieren“ haben ihr die Dämonen gegeben. Er ist ein Etikett des Feindes, bemessen nach ihrer tödlichen Wirkung. Die Menschen erinnern sich an sie als Magierin der Gruppe, die den Dämonenkönig besiegt hat. Ihre Stärke gehört allen, die darauf angewiesen sind, dass sie stark ist.

Alles Nützliche an einem Menschen gehört zugleich dem Zweck, dem es dient, und demjenigen, der es nutzt.

Nur diese nutzlosen Zauber gehören niemandem.

Sie dienen keinem Zweck, lassen sich gegen nichts eintauschen, machen Frieren nicht stärker und niemanden sicherer. Sie sammelt sie aus einem einzigen Grund: Sie will sie haben.

In diesen langen tausend Jahren sehen wir nirgendwo deutlicher, dass sie etwas allein deshalb tut, weil sie es selbst möchte.

„Das ist mein Hobby“ gehört deshalb zu den gewichtigsten Sätzen des ganzen Werks. Nur wird er sehr beiläufig gesagt.

Himmel wusste es immer

Damit sind wir wieder bei dem eitlen Helden.

Er macht sich nie über die nutzlosen Zauber lustig. Andere finden, Frieren verschwende ihre Zeit. Er sieht das anders. Er begleitet sie bei der Suche nach Zauberbüchern, geht ihre Umwege mit und nimmt die Sache ernst.

Einmal trifft er sogar eine Vorsorge, die noch viel weiter reicht.

Unterwegs begegnen sie dem zwergischen Handwerker Gehen. Er will eine Brücke über eine Schlucht bauen, doch das Geld ist ausgegangen; die Arbeiten liegen auf unbestimmte Zeit still. Himmel gibt ihm seine gesamte Belohnung und bittet ihn, eine Brücke zu bauen, die tausend Jahre hält. Und er sagt, Gehen solle die Brücke später Frieren als Belohnung übergeben.

Mehr als achtzig Jahre später kommt Frieren wieder dorthin. Nach insgesamt zweihundert Jahren Bauzeit ist die Brücke fertig.

„Tausend Jahre“ ist hier kein schmückendes Wort. Himmel hat nach Frierens Lebensdauer bestellt.

Die Blumen, die er ihr nicht schenken konnte

Eine andere Sache ist ihm nicht mehr gelungen.

In Himmels Heimat wächst eine Blume, das Blaumondkraut. Er liebt sie und wollte Frieren immer einmal mit nach Hause nehmen, um sie ihr zu zeigen.

Dazu kommt es nicht. Er stirbt vorher.

Viele weitere Jahre vergehen. Das Blaumondkraut ist inzwischen beinahe ausgestorben.

Als Frieren und Fern durch die Zentralen Länder reisen, treffen sie eine Kräuterkundlerin. Sie bewahrt Samen einer mit dem Blaumondkraut verwandten Pflanze auf. Mithilfe dieser Samen und der ausgesprochen ungeschickten Hilfe kleiner Mäuse, die gern Samen verstecken und ständig vergessen, wo, findet Frieren schließlich einen großen Bestand Blaumondkraut auf einem verlassenen hohen Turm.

Und dann tut sie Folgendes:

Mit Magie lässt sie rund um Himmels Statue Blaumondkraut wachsen.

Dann flicht sie aus den Blumen einen Kranz und setzt ihn der Statue auf den Kopf.

Das nützt überhaupt nichts.

Bronze kann nicht sehen. Himmel wird nichts davon erfahren. Fern und die Kräuterkundlerin sind dabei, doch ihre Zeugenschaft macht daraus keine Gegengabe, die Himmel noch empfangen könnte. Niemand hat von Frieren verlangt, mit Blaumondkraut eine Schuld zu begleichen. Eine Belohnung gibt es auch nicht. Mit erheblicher Mühe tut sie für jemanden, der nicht mehr da ist, etwas ohne praktischen Zweck.

Genau das hat Himmel sein ganzes Leben lang getan.

Er hält wegen dörflicher Kleinigkeiten an, leert seinen Geldbeutel für die Brücke eines Zwergs und denkt zehn Jahre lang an Blumen, die sie womöglich nie sehen wird. Ob später jemand davon erfährt oder es ihm vergilt, macht er nicht zur Bedingung.

Frieren hat es nicht beigebracht bekommen. Niemand hat ihr gesagt, sie solle so handeln. Sie ist einfach weitergegangen und dabei so geworden.

Es war nie eine Frage der Zeit

Kehren wir zur Frage aus dem ersten Essay zurück.

Frieren hat über tausend Jahre. Ihre Zeit ist nach jedem Maßstab unbegrenzt. Und trotzdem hat sie Himmel verpasst, restlos verpasst: Zehn Jahre ist sie mit ihm gereist, und erst an seinem Grab merkt sie, dass sie nichts wirklich gesehen hat.

Es war also nie eine Frage der Zeit.

Im ersten Essay hieß es: Ihr Fehler war nicht, sich zu verrechnen, sondern zu glauben, so etwas lasse sich berechnen. Sie setzte Himmel in eine Umrechnung ein. Zehn Jahre: ein Prozent von tausend Jahren, also ein Prozent Aufmerksamkeit.

Wie hat sie sich dann verändert?

Nicht dadurch, dass ihr ein kluger Gedanke eingeleuchtet wäre. Das Werk schenkt ihr keinen Erleuchtungsmoment und keine abschließende Rede.

Die Veränderung zeigt sich daran, dass sie beginnt, für einen Menschen nutzlose Dinge zu tun.

Daran lässt sich etwas prüfen, genauer als an jeder Liebeserklärung. Wenn alles, was du für einen Menschen tust, dir etwas einbringt, sei es Sicherheit, Gegenleistung, seine Zuneigung oder deine eigene Beruhigung, dann steht er noch immer in deiner Buchhaltung. Er ist ein Posten.

Erst wenn das, was du für ihn tust, sich gegen gar nichts eintauschen lässt, ist er aus dieser Buchhaltung heraus.

Himmels zehn Jahre waren in Frierens Rechnung ein Prozent. Was sie jetzt tut, steht in keiner Rechnung mehr.

Ein wenig langsamer gehen

Frieren ist noch immer unterwegs nach Norden.

Sie wird noch sehr, sehr lange leben. Und sie weiß genau, was vor ihr liegt: Fern wird alt werden und sterben. Stark wird alt werden und sterben. Frieren wird vor zwei neuen Gräbern stehen, wie sie damals vor Himmels Grab stand.

Sie weiß es. Diesmal weiß sie es im Voraus.

Trotzdem geht sie weiter. Und immer langsamer: ein halbes Jahr Umweg für ein wenig nützliches Zauberbuch; unwichtige Gefälligkeiten in einem Dorf; eine Weile vor einer Statue sitzen.

Früher war sie langsam, weil tausend Jahre eine lange Zeit sind und alles warten konnte.

Jetzt ist sie langsam, weil sie nichts mehr in diese Umrechnung einsetzen will.

Dasselbe Tempo. Zwei grundverschiedene Dinge.

Frieren – Nach dem Ende der Reise. Geschichte: Kanehito Yamada; Zeichnungen: Tsukasa Abe. Die Anime-Adaption wurde von MADHOUSE produziert. Hinweis zum chinesischen Original: Die dortigen Figuren- und Eigennamen folgen geläufigen chinesischen Übersetzungen.