NON DUBITO · Filmessays · 2 / 3
In jener Nacht entschieden Kategorien über Leben und Tod
In diesem Essay
Eine eiserne Gittertür.
Dahinter drängen sich Dutzende Menschen. Männer, Frauen, Mütter mit Kindern auf dem Arm. Sie schreien, rütteln am Gitter, werfen sich mit dem ganzen Körper dagegen. Das Wasser steht ihnen bereits an den Waden.
Auf dieser Seite der Tür steht ein Besatzungsmitglied mit einem Schlüssel in der Hand. Durch die Gitterstäbe sagt er, sie sollten zur Haupttreppe zurückgehen. Wenn es so weit sei, werde alles geregelt.
Dann dreht er sich um und geht.
Die Szene dauert nur einige Dutzend Sekunden. Die Musik schwillt nicht an, viele Zuschauer erinnern sich später nicht einmal an sie. Dabei sind es aus diesem gut dreistündigen Film genau diese wenigen Dutzend Sekunden, die man sich am dringendsten merken sollte.
Denn diese Tür ist eine der Antworten, die der Film gibt. Wer erreicht in jener Nacht leichter das Deck? Wer muss warten? Wie können Vorschriften über Leben und Tod entscheiden? An dieser Tür wird aus einer Struktur ein sichtbares Hindernis.
Doch Film und Geschichte müssen auseinandergehalten werden. Die Aussagen vor den Untersuchungsausschüssen von 1912 stimmen nicht vollständig überein. Manche Zeugen berichteten, einzelne kleine Gittertüren seien zeitweise verschlossen gewesen. Besatzungsmitglieder erklärten hingegen, die herausnehmbaren Gitter seien normalerweise nicht abgeschlossen gewesen und Fluchtwege früh geöffnet worden. Für einen schiffsweiten Befehl, alle Passagiere der dritten Klasse unten einzuschließen und ertrinken zu lassen, gibt es keinen verlässlichen Beleg. Der Film verdichtet eine kompliziertere Wirklichkeit in dieser einen Tür: weite Entfernungen, verwirrende Wege, Sprachbarrieren, verspätete Anweisungen und Klassentrennung.
I. Zuerst die Zahlen
Was nach dem Untergang geschah, lässt sich in wenigen Zahlen zusammenfassen. Der Film nennt sie selbst.
Am Ende ihrer Erzählung sagt die alte Rose: Als das Schiff sank, landeten fünfzehnhundert Menschen im Wasser. In der Nähe trieben zwanzig Rettungsboote. Nur eines kam zurück. Eines. Sechs Menschen wurden aus dem Wasser gerettet, sie selbst eingeschlossen.
Fünfzehnhundert Menschen. Sechs.
Eine Rechnung wird dabei oft nicht gemacht: In den Rettungsbooten waren Plätze frei. Viele wurden herabgelassen, bevor sie voll waren, manche nur halb besetzt. Die fünfzehnhundert Menschen im Wasser schrien. Ihre Rufe trugen weit, sie waren lange zu hören. Dann wurden sie langsam still.
Die Menschen in den Booten wussten davon. Sie konnten die Schreie hören.
Jemand schlug vor, zurückzurudern. Der Vorschlag wurde abgelehnt. Die Menschen im Wasser würden sich alle zugleich auf das Boot stürzen, es zum Kentern bringen und alle mit in die Tiefe reißen. Rein praktisch war diese Sorge nicht völlig unbegründet. Aber sie setzte etwas voraus: Die Menschen im Wasser wurden zuerst als Gefahr verrechnet, nicht als Menschen.
In jener Nacht zeigte sich nicht vor allem, wie dick die Stahlplatten des Schiffs waren. Es zeigte sich, welchen Wert jeder Einzelne den anderen Menschen beimaß.
II. Die Reihenfolge am Rettungsboot ist eine Preisliste
„Frauen und Kinder zuerst“ war auf diesem Schiff kein Prinzip, das ohne Weiteres für alle gleich galt.
Während Roses Mutter auf einen Platz im Boot wartet, fragt sie: Werden die Plätze in den Rettungsbooten nach Klassen vergeben? Hoffentlich, sagt sie, wird es nicht allzu eng.
Rose hört es, dreht sich zu ihr und sagt: Halt den Mund. Begreifst du es nicht? Das Wasser ist eiskalt, und es gibt nicht genug Boote.
Dieses Gespräch bringt etwas auf den Punkt, das bis dahin leicht verschwommen bleibt. In der Welt ihrer Mutter ist es selbstverständlich, dass Rettungsboote ihre Plätze nach gesellschaftlichem Rang verteilen. Sie fürchtet sogar, ihr eigenes könnte zu voll werden. Sie ist kein böser Mensch. Sie hat die Reisenden der dritten Klasse nur nie in die Kategorie „Menschen, die genauso weiterleben müssen“ aufgenommen.
Im Film kommen die Passagiere der ersten Klasse leichter zu den Rettungsbooten. Viele aus der dritten warten unten, suchen einen Weg oder werden aufgefordert, die Ordnung einzuhalten. Als einige das Gitter durchbrechen, sind an Deck kaum noch Boote übrig. Die wirkliche Evakuierung war keine sauber sortierte Schlange, in der sämtliche Passagiere der ersten Klasse zuerst an die Reihe kamen und die gesamte dritte Klasse einheitlich eingeschlossen blieb. Doch auch in der Wirklichkeit führten Aufenthaltsort, Informationen, Sprache und Wege zu gewaltigen Unterschieden bei den Rettungschancen.
Weder im Film noch nach dem Bild der Untersuchungsakten braucht es einen allgemeinen Befehl „Lasst die dritte Klasse ertrinken“, damit die Ergebnisse so weit auseinanderfallen. Ordnung, Verfahren, Sicherheit, verspätete Benachrichtigungen und unbekannte Wege: Schon wenn sich diese Dinge überlagern, erreichen manche Menschen die wenigen Rettungsboote später als andere.
Hier berührt sich dieser Film mit einigen anderen aus dieser Filmessay-Reihe: Das Ergebnis lässt sich weder auf einen einzigen Bösewicht noch auf einen einzigen Befehl zurückführen. Trotzdem starben etwa fünfzehnhundert Menschen.
III. Manche setzten in jener Nacht ihren eigenen Preis besonders hoch an
Cal Hockley tut es am unverblümtesten.
Zuerst versucht er es mit Geld. Er zieht Geldscheine hervor, drückt sie einem Besatzungsmitglied in die Hand und sagt, er wolle ins Boot. Es funktioniert nicht.
Dann stellt er es klüger an. Im Durcheinander auf dem Deck entdeckt er ein kleines Mädchen, das verlorengegangen ist. Er nimmt es auf den Arm, drängt sich zum Boot und ruft: Ich habe ein Kind! Hier, ich habe ein Kind!
Er kommt ins Boot.
Nachdem das Kind anderen übergeben worden ist, sitzt er da und schaut zurück. In seinem Gesicht steht keine Schuld. Es steht Erleichterung darin.
Bei dieser Handlung muss man genau sein. Er hat das Kind nicht gerettet. Er hat es benutzt. In seinen Händen ist es ein Passierschein, den er weglegt, sobald er seinen Zweck erfüllt hat. Deutlicher zeigt der Film nirgendwo, was es heißt, einen Menschen wie eine Sache zu behandeln. Und der Mann, der das tut, bleibt vollkommen ruhig. Man könnte sagen: Er hat Übung darin.
Bruce Ismay verkörpert eine andere Variante. Der Film zeigt den geschäftsführenden Direktor der White Star Line als Mann, dem viel an Werbung liegt, der den Kapitän zu höherem Tempo drängt und später im Durcheinander ein Rettungsboot besteigt. Während es hinabgelassen wird, hält er den Kopf gesenkt und wagt niemanden anzusehen.
Auch hier sind Drama und historische Tatsachen zu trennen. Ismay bestritt, auf höheres Tempo gedrängt zu haben. Eine Passagieraussage hielt dagegen fest, er habe darüber gesprochen, die Zeit der Jungfernfahrt der Olympic zu unterbieten. Die britische Untersuchung kam schließlich zu dem Ergebnis, die Titanic habe keinen Geschwindigkeitsrekord angestrebt. Sie verurteilte Ismay auch nicht dafür, dass er in das Faltboot C gestiegen war, als in dessen Nähe niemand mehr auf einen Platz wartete. Der Film entwirft mit ihm ein starkes Bild von Verantwortung. Ein unumstrittenes historisches Urteil ist dieses Bild nicht.
IV. Andere ließen sich in jener Nacht keinen Preis anhängen
Deshalb darf dieser Essay nicht nur von der Finsternis handeln.
Die Kapelle. Wallace Hartley und seine Musiker spielen an Deck weiter. Die Boote sind fort, sie spielen noch immer. Einmal hören sie auf und verabschieden sich voneinander. Dann lässt der Film Hartley „Näher, mein Gott, zu dir“ anstimmen. Einer nach dem anderen kehren die übrigen Musiker zurück und stellen sich neben ihn. Welches Stück die wirkliche Kapelle zuletzt spielte, ist bis heute umstritten. Diese Hymne ist Camerons dramaturgische Entscheidung für das Ende.
Sie retten niemanden. Ihre Musik kann das Schiff nicht wieder zum Schwimmen bringen, sie kann kein zusätzliches Boot zu Wasser lassen. Sie ist vollkommen nutzlos.
Aber sie ist nicht bedeutungslos. Auf einem Deck, auf dem alle ausrechnen, ob sie selbst überleben können, beschließen einige Menschen, ihre letzten Augenblicke etwas zu widmen, ohne dafür etwas einzufordern.
Das Ehepaar Straus. Die Kinofassung zeigt die Weigerung am Rettungsboot nicht vollständig. In der Montage des Untergangs ist das alte Paar nur in einer Einstellung zu sehen, umschlungen im Bett liegend. Die historischen Zeugenaussagen berichten dagegen, Ida Straus sei auf Boot 8 zugegangen und dann zu ihrem Mann Isidor zurückgekehrt. Sie hätten so viele Jahre miteinander gelebt, habe sie gesagt. Wohin er gehe, dorthin gehe auch sie.
Die historische Aussage und das Filmbild müssen unterscheidbar bleiben. Zusammen halten sie dieselbe Entscheidung fest: Sie betrachtet sich nicht als eine Einheit, die man aus ihrem gemeinsamen Leben herauslösen und gesondert abrechnen könnte.
Thomas Andrews, der Konstrukteur des Schiffs, tut in der verbleibenden Zeit immer wieder dasselbe. Er sucht überall nach Menschen, klopft an Kabinentüren, treibt sie zum Deck und sagt ihnen wieder und wieder, sie sollten Rettungswesten anziehen und schnell hinaufgehen. Selbst steigt er in kein Boot. Zuletzt steht er im Aufenthaltsraum der ersten Klasse vor der Uhr über dem Kamin und wartet.
Er entschuldigt sich bei Rose. Es tue ihm leid, dass er ihr kein stabileres Schiff gebaut habe.
V. Das eine Boot, das zurückkam
Fünfzehnhundert Menschen im Wasser. Zwanzig Boote. Eines fährt zurück.
Die Menschen in diesem Boot brauchen lange, um sich dazu durchzuringen. Als sie endlich zurückrudern, ist auf dem Wasser kaum noch etwas zu hören. Mit Taschenlampen fahren sie zwischen den treibenden Toten hindurch, leuchten einen Körper nach dem anderen an und rufen, ob noch jemand lebt.
Meistens fällt der Lichtkegel auf ein schon vor Kälte erstarrtes Gesicht.
Am Ende finden sie sechs Menschen.
In diesen sechs Menschen liegt ein winziger, aber entscheidender Beleg dafür, was dieser Film über uns Menschen sagt. Nicht die Liebe, nicht der Diamant, nicht die Pracht des Schiffs. Sondern dies: Fünfzehnhundert Menschen geben bereits keinen Laut mehr von sich, und doch ist noch ein Boot bereit, zurückzukehren und mit der Taschenlampe einen nach dem anderen abzusuchen.
In Roses Erzählung kehrt nur eines von zwanzig Booten zurück. Das ist ein erschreckend kleiner Anteil, keine berechnete Wahrscheinlichkeit. Aber eines kehrt zurück.
Und weil es geschieht, lebt Rose noch. Sie liegt auf einem Stück treibenden Holzes, so durchgefroren, dass sie sich kaum bewegen kann. Sie hört die Rufe der Suchenden, nimmt einem toten Offizier neben sich die Pfeife vom Mund und bläst mit ihrem letzten Atem hinein.
Erst weil jemand umkehrt, findet dieser Atem einen Menschen, den er erreichen kann.
VI. Dieser Essay handelt nicht von der Liebe
Wenn dieser Film erinnert wird, dann fast immer über die beiden jungen Menschen: die Zeichnung, der Bug, der Satz „Wenn du springst, springe ich auch“, am Ende das Stück treibendes Holz.
Dass ich diese Bilder hier nicht als Liebesgeschichte erzählt habe, ist Absicht.
Denn jene Nacht ist nicht nur die Geschichte zweier Menschen. Sie ist auch die Geschichte davon, wie etwa zweitausendzweihundert Menschen innerhalb weniger Stunden auf verschiedene Wege geschickt wurden. Erste und dritte Klasse. Diejenigen, die das Deck schon erreicht hatten, und jene, die den Weg noch suchten. Die Menschen in den Booten und die Menschen im Wasser. Die Katastrophe erschuf diese Kategorien nicht aus dem Nichts. Kabinenklassen, Trennvorrichtungen, kontrollierte Durchgänge und unterschiedliche Dienstleistungen gab es schon vor der Abfahrt. Dazu gehörten auch die damaligen Einwanderungs- und Hygienevorschriften. All das lässt sich nicht allein darauf reduzieren, dass „Menschen mit unterschiedlich teuren Fahrkarten einander nicht stören sollten“. Der Film zeigt, wie rasch solche alltäglichen Unterscheidungen in einer Krise Folgen bekommen.
Die Katastrophe hat diese Einteilung nicht erfunden. Sie hat sie nur einmal durchgesetzt. Schneller als sonst und deutlicher als sonst.
Was im Alltag kaum zu erkennen war, wurde in jener Nacht vor aller Ohren verlesen.
Grundlage dieses Essays ist James Camerons Film Titanic von 1997. Chinesisches Original bei Non Dubito.