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Non Dubito
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NON DUBITO · Filmessays · 3 / 3

Sie bewahrt ihren eigenen Namen und auch den eines anderen

Han Qin (秦汉) · Deutsche Ausgabe: 7. Oktober 2026

In diesem Essay

Eigenständige deutsche Fassung nach dem chinesischen Original

Ein Zug fährt über ein flaches Meer.

Es wird bald dunkel. Der Waggon ist fast leer. Nur ein paar halb durchsichtige Schatten sitzen darin, gesichtslos und stumm. Draußen vor dem Fenster gleitet das Wasser unablässig zurück.

Am Fenster sitzt ein zehnjähriges Mädchen. Wo sie hinfährt, ist sie noch nie gewesen. Die Frau, die sie treffen will, soll gefährlich sein. In der Hand hält sie vier Fahrkarten fest umklammert.

Sie kann inzwischen weitergehen und ihre Angst mitnehmen.

Es ist die stillste Passage von Chihiros Reise ins Zauberland. Viele erinnern sich vor allem an ihre Schönheit. Dabei ist sie der Wendepunkt des ganzen Films: Von hier an ist Chihiro nicht mehr diejenige, die von anderen vorwärtsgedrängt wird.

I. Sie sagt sich immer wieder ihren Namen

Zurück zu dem Vertrag ganz am Anfang.

Yubaba nimmt drei Zeichen aus ihrem Namen und lässt nur eines übrig: 千, Sen. Haku warnt sie: Sie müsse sich ihren Namen merken, dürfe ihn nicht einen Augenblick vergessen.

Sie behält ihn.

Eine kurze Szene: Haku bringt ihr die alten Kleider zurück. Darin findet sie eine Karte. Jemand aus ihrer Klasse hat sie ihr vor dem Schulwechsel zum Abschied geschenkt. Darauf steht „Chihiro“. Sie hält inne und murmelt, sie hätte ihren eigenen Namen beinahe vergessen.

Noch nicht einmal ein Tag ist vergangen.

Das ist einer der großartigsten Einfälle dieses Films: Er zeigt das Festhalten am eigenen Selbst nicht als leidenschaftlichen Kraftakt, sondern als etwas, das erschreckend leicht misslingen kann.

Niemand muss einem etwas entreißen. Es braucht keine grausamen Verhöre, keine Folter. Zwei Tage an einem Ort, an dem alle dich bei einem anderen Namen nennen, und du beginnst, darauf zu antworten. Dann beginnst du zu glauben, dieser Name sei deiner.

Yubaba muss gar nichts tun. Sie muss nur warten.

Auch was Chihiro tut, ist wenig heroisch. Sie behält die Karte mit dem alten Namen bei sich. Und während sie immer wieder auf „Sen“ antwortet, hält sie sich einen letzten Weg zurück offen.

II. Sie erinnert sich für Haku an seinen Namen

Hakus Namen kann Chihiro nicht auf dieselbe Weise bewahren. Sie kennt ihn ja noch gar nicht. Auch Haku selbst fällt er nicht mehr ein. Genau diese Lücke nutzt Yubaba, um ihn als ihren Lehrling und ihr Werkzeug bei sich zu halten.

Die Antwort kehrt erst nach der Zugfahrt zurück.

Haku kommt zu Zenibas Haus, um Chihiro zurück ins Badehaus zu bringen. Auf dem Rückweg sitzt sie auf seinem Drachenrücken und erinnert sich an etwas aus ihrer frühen Kindheit.

Als kleines Kind ist sie einmal in einen Fluss gefallen. Das Wasser hat sie getragen und ans Ufer geschoben. Später wurde der Fluss zugeschüttet. Wohnhäuser wurden darüber gebaut. Der Fluss hieß …

Kohaku.

Sie ruft den Namen aus. Du bist der Fluss Kohaku, sagt sie.

Eine nach der anderen lösen sich die Schuppen von Hakus Körper. Er nimmt wieder Menschengestalt an. Nun erinnert er sich selbst und nennt seinen vollen Namen: Nigihayami Kohakunushi. Die beiden fallen durch die Luft und lachen unter Tränen.

Sehen wir genau hin, was hier geschehen ist.

Von sich aus konnte Haku sich nicht erinnern. Seit vielen Jahren saß er hier fest. Er hatte seinen Namen längst vergessen. Ein anderer Mensch hatte diesen Namen für ihn bewahrt.

Und dieser andere Mensch ist ausgerechnet das Kind, das er selbst einmal gerettet hat. Als sie in den Fluss fiel, trug das Wasser sie ans Ufer. Er hat sie gerettet, ohne erwarten zu können, dass sie eines Tages zurückkommen und es ihm vergelten würde.

Etwas, das er vor vielen Jahren getan hat, ohne auf Gegenleistung zu hoffen, rettet nach all diesen Jahren ihn selbst.

Der Film lässt Haku nicht aus eigener Kraft zur Erkenntnis kommen. Er lässt ihn auch nicht von einer noch größeren Macht begnadigen. Er lässt einen Menschen sich an einen anderen erinnern.

III. Der Satz, den Zeniba sagt

Der Aufenthalt in Zenibas Haus wirkt wie eine kleine Episode am Rande. Doch was dort gesagt wird, trägt den ganzen Film.

Chihiro sorgt sich: Haku hat das Siegel gestohlen; vielleicht hat er schon vergessen, was er getan hat. Zeniba sagt ihr: Was einmal geschehen ist, verschwindet nicht. Manchmal können wir uns nur nicht daran erinnern.

Dieser Satz ist so wichtig, weil er die Regel umstößt, die der Film selbst aufgestellt hat.

Yubabas ganze Herrschaft beruht auf einer Voraussetzung: Man kann jemandem den Namen nehmen. Dann findet er nicht mehr zurück. Haku ist der lebende Beweis. Seit Jahren sitzt er hier fest.

Zeniba sagt dagegen: Nein. Es ist nicht wirklich verloren. Es lässt sich nur gerade nicht finden.

Was danach geschieht, bestätigt ihren Satz. Hakus Name kehrt zurück. Chihiro bewahrt ihren eigenen. Das Ohngesicht spuckt alles aus, was es nachträglich verschlungen hat, und wird wieder zu dem, was es am Anfang war.

Was ihnen genommen wurde, ist nicht aus der Welt verschwunden, in der es einmal da war. Es braucht nur jemanden, der im richtigen Augenblick die Worte spricht, die den Weg dorthin wieder öffnen.

IV. Die letzte Aufgabe

Yubaba gibt sich nicht geschlagen. Sie stellt Chihiro eine letzte Aufgabe.

Gut ein Dutzend Schweine stehen vor ihr. Yubaba sagt: Zeig mir, welche beiden deine Eltern sind. Dann lasse ich euch gehen.

Chihiro sieht sich die Schweine an.

Dann sagt sie: Meine Mama und mein Papa sind nicht darunter.

Die Antwort ist richtig.

Warum ist sie richtig? Viele sehen darin nur eine schlaue Lösung. Man kann diese Antwort aber auch als Weigerung lesen.

Chihiro weigert sich, ihre Eltern durch die Gestalt definieren zu lassen, die sie vor sich sieht.

Das Schwein ist die Gestalt, in die Yubaba Menschen verwandelt. Als Schwein ist ein Mensch Vieh, Fleisch, das auf die Schlachtung wartet; etwas, das man zählen, einpferchen und verarbeiten kann. Yubabas Aufgabe lautet im Grunde: Kannst du in diesem Haufen Vieh deine Eltern erkennen?

Mit ihrer Antwort weigert Chihiro sich, diese Voraussetzung anzunehmen. Sie sucht ihre Eltern nicht unter den Schweinen, denn ihre Eltern sind nicht mit dem gleichzusetzen, wozu Yubaba sie gemacht hat.

Yubaba stellt die Aufgabe nach ihren eigenen Regeln. Chihiro antwortet nach anderen.

So gewinnt sie. Von Anfang bis Ende hat sie die Umrechnung dieses Ortes nie akzeptiert.

Sie hat nicht um des Goldes willen gearbeitet, niemandem um einer höheren Stellung willen geschmeichelt und sich hier keinen Platz erkämpfen wollen. Sie ist hereingekommen, um ihre Eltern zu retten, und geht hinaus, um ihre Eltern zu retten. Dieses Ziel hat sich nie geändert. Nichts anderes ist an seine Stelle getreten.

Wer gar nicht vorhat, hier seinen Wert einzulösen, lässt sich von diesem System nicht festhalten.

V. Nicht zurückschauen

Haku bringt Chihiro bis an den Rand des ausgetrockneten Flussbetts. Dort bleibt er stehen. Weiter könne er nicht mitkommen, sagt er. Sie solle immer weitergehen und nicht zurückschauen, bevor sie durch den Tunnel hindurch sei.

Chihiro findet ihre Eltern. Beide sehen wieder aus wie zuvor und erinnern sich an nichts. Sie drängen sie nur, endlich nachzukommen. Zusammen gehen die drei über die Wiese und in den Tunnel, durch den sie gekommen sind.

Chihiro schaut nicht zurück.

Erst als sie den Tunnel verlassen hat und wieder in ihrer alten Welt steht, hält sie am Ausgang kurz inne und dreht sich um.

Das Auto ist mit Blättern und Staub bedeckt, als hätte es lange dort gestanden. Die Eltern ahnen nichts und reden vom neuen Haus. Chihiro steigt ein. Einmal blitzt ihr Haargummi auf. Die Freunde haben es bei Zeniba gemeinsam für sie geflochten.

Sonst ist nichts geblieben. Nur dieses eine Ding.

Nicht zurückzuschauen heißt nicht, dass sie vergessen soll. Zuerst muss sie den Übergang vollenden. Erst danach kann sie alles, was geschehen ist, in die alltägliche Welt mitnehmen.

VI. Als sie hineinging, war sie ein Kind, das Angst hatte

Hier begegnen wir in dieser Filmreihe zum ersten Mal einer Hauptfigur, die gewonnen hat.

Die anderen vor ihr: ein alter Bibliothekar, der sich nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis erhängt; ein Schauspieler, der sich auf die Weise umbringt, die andere für seine Figur geschrieben haben; eine Frau, die in ihrem ganzen Leben nur einen Wunsch ausgesprochen hat und der der Film eine Stripteasebühne gibt; ein Auftragskiller, der am Treppenaufgang stirbt, während sein Geld noch immer in fremden Händen liegt.

Chihiro kommt heraus. Sie bekommt ihren Namen zurück und rettet ihre Eltern. Sie hilft auch Haku, seinen Namen wiederzufinden, und bringt das Ohngesicht an einen Ort, an dem es in Ruhe bleiben kann.

Dabei ist sie am Anfang ein zehnjähriges Kind, das unglücklich auf dem Rücksitz liegt, sich im Dunkeln fürchtet, beim Gehen den Arm der Mutter braucht und dem niemand zuhört.

Sie ist nicht stärker geworden. Auch am Ende beherrscht sie keinen Zauber, besitzt keine Macht und fällt beim Rennen immer noch hin.

Sie tut nur ein paar Dinge. Jedes davon ist klein.

Sie behält ihren eigenen Namen im Gedächtnis.

Als der Flussgott kommt, läuft sie nicht weg. Sie hilft, ihm den Stachel herauszuziehen.

Sie sieht jemanden im Regen stehen und öffnet die Tür einen Spaltbreit.

Sie erinnert sich, dass es vor vielen Jahren einen Fluss gab. Und sie erinnert sich an seinen Namen.

Sie weigert sich, ihre Eltern unter einem Haufen Schweine zu suchen.

Nichts davon ist eine Heldentat. Gemeinsam ist diesen Handlungen etwas anderes: Jedes Mal, wenn jemand wie eine Sache behandelt wird, sieht sie in ihm weiterhin ein Wesen, das sich in dieser Sache nicht erschöpft.

Die Regel dieses Ortes lautet: Du bist, was du hervorbringst. Namen können eingezogen, Menschen in Schweine verwandelt werden. Die Größe eines Gastes hängt davon ab, wie viel Gold er verstreut.

Sie hat nie nach dieser Regel gelebt. Darum konnte diese Regel sie nicht festhalten.

Das Haargummi ist das Einzige, was sie mit hinausnimmt. Es ist nichts wert und kann nichts beweisen. Es besagt nur: All das ist wirklich geschehen. Und sie erinnert sich.

Dieser Essay bezieht sich auf den Film Chihiros Reise ins Zauberland (2001), geschrieben und inszeniert von Hayao Miyazaki, produziert von Studio Ghibli.