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Non Dubito
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NON DUBITO · Filmessays · 2 / 3

Das Ohngesicht hat die Hände voller Gold und besitzt doch nichts

Han Qin (秦汉) · Deutsche Ausgabe: 7. Oktober 2026

In diesem Essay

Eigenständige deutsche Fassung nach dem chinesischen Original

Eine Brücke. Es regnet.

Dort steht ein schwarzer Schatten mit einer weißen Maske. Regungslos. Schon seit Langem.

Das Mädchen kommt vorbei und sieht ihn im Regen stehen. Sie öffnet die Tür einen Spaltbreit und sagt: Komm rein. Bei dem Regen.

Dann geht sie weiter.

Zum ersten Mal wird das Ohngesicht aufgenommen, ohne dass jemand nach seinem Wert fragt.

Alles, was danach geschieht, nimmt hier seinen Anfang.

I. Mit dieser Tür fängt alles an

Was ist das Ohngesicht am Anfang?

Es hat kein Gesicht, keinen Namen, kann nicht sprechen. Jedes Wort, das es später sagt, spricht es mit den Stimmen derer, die es verschlungen hat. Es besitzt keine feste Gestalt. Sobald Gefühle es überkommen, schwillt es zu einer schwarzen Masse an.

Es ist ein leeres Etwas.

Chihiro denkt sich nichts dabei, als sie ihm die Tür öffnet. Sie kennt es nicht, es ist ihr zu nichts nütze, sie schaut es nicht einmal genauer an. Sie sieht nur, dass da jemand im Regen steht.

Für das Ohngesicht ist so etwas noch nie geschehen.

Es streift schon lange um das Badehaus herum, und alle gehen an ihm vorbei. Es wird nicht schikaniert. Es wird einfach übersehen. Wo alle mit Wert und Nutzen rechnen, ist ein leeres Etwas, das nichts hervorbringt, nicht einmal würdig, verabscheut zu werden.

Chihiro hat ihm die Tür geöffnet. Das merkt es sich.

II. Als Erstes lernt es, etwas zum Tausch anzubieten

Im Badehaus sieht das Ohngesicht zunächst, wie Chihiro beim Vorarbeiter vergeblich um eine Holzmarke für ein Kräuterbad bittet. Es verschafft ihr eine einzelne Marke. Später bietet es ihr einen ganzen Stapel an. Chihiro sagt, dass sie schon genug hat.

Zum ersten Mal versucht es, auf ihr Bedürfnis zu antworten. Darin steckt bereits der Ansatz zu einem Tausch. Aber wenigstens handelt es sich um etwas, das sie in diesem Augenblick tatsächlich benötigt.

Später zaubert es Gold hervor und lockt damit den Froschmann an. Erst danach verschluckt es ihn und leiht sich seine Stimme. Es hat gesehen, wie sich hier alle verhalten: Wer etwas will, muss etwas dafür hergeben. Das ganze Badehaus verbeugt sich vor dem Gold und arbeitet seinetwegen die Nacht hindurch.

Es lernt die Sprache dieses Ortes. Es möchte gut zu Chihiro sein. Eine andere Möglichkeit, das auszudrücken, fällt ihm nicht ein.

Aber als Chihiro ihm die Tür geöffnet hat, wollte sie gar nichts dafür haben.

Das versteht es nicht. Also gibt es mehr. Es zaubert Berge von Gold hervor und verstreut es über den Boden. Alle stürzen sich darauf. Es wird umschwärmt, man verbeugt sich vor ihm, man nennt es den hochverehrten Herrn Gast. Es verschlingt drei Leute, lernt zu sprechen, wird immer größer und immer gieriger.

Es hat immer mehr in den Händen. Nur das eine, das es haben möchte, bekommt es nicht.

III. Was die Leute im Badehaus ihm beibringen

Das Ohngesicht wächst nicht von selbst zu solcher Größe heran. Es wird so groß gefüttert.

Als es beginnt, Gold in die Menge zu streuen, scharen sich im selben Augenblick all jene um es, die es zuvor keines Blickes gewürdigt haben. Sie bringen ihm die besten Speisen, stellen ihm das größte Badebecken zur Verfügung, knien auf dem Boden und flehen es an, noch mehr zu verlangen.

Zum ersten Mal wird es gebraucht.

Nur brauchen sie nicht das Ohngesicht, sondern das Gold in seinen Händen. Das weiß es zunächst nicht. Doch die Regel hat es bald heraus: Solange es nicht aufhört zu geben, bleiben die anderen um es versammelt.

Also kann es nicht mehr aufhören. Es isst immer mehr, fordert immer mehr, schreit: „Ich bin so einsam!“ Und während es schreit, verschlingt es Leute.

Das ist die grauenvollste Szene des Films. Doch das Grauen liegt nicht in diesem anschwellenden Ungeheuer. Es liegt darin, dass die anderen es selbst dazu gemacht haben und nun von ihm verschlungen werden.

Der Froschmann wird als Erster gefressen. Er stürzt sich auf das Gold, und das Ohngesicht verschluckt ihn. Als es ihn später wieder ausspuckt, ist er noch genauso wie zuvor. Betrachtet man den Aufbau der Szene, lässt der Film das Ohngesicht zuerst diejenigen verschlingen, die in ihm nur eine Goldkammer sehen. Mit ihnen nimmt es auch ihre Stimmen und ihre Begierden in sich auf.

Ein Detail verdient Aufmerksamkeit: Es hält Chihiro seinen größten Goldhaufen hin und sagt, das sei alles für sie. Chihiro antwortet, sie wolle es nicht. Was sie wolle, könne es ihr nicht geben.

Da bricht es zusammen.

Denn in der Sprache, die es gelernt hat, kommt der Satz „Ich will das nicht“ gar nicht vor. Alle wollen etwas haben. Es ist noch nie jemandem begegnet, der nichts will. Außer derjenigen, die ihm die Tür geöffnet hat.

Und das ist ein und dieselbe Person.

IV. Das Gold ist unecht

Als es hell wird, ist aus dem Gold nichts als Lehm geworden.

Die Leute, die es in der Nacht kniend mit beiden Händen entgegengenommen haben, sehen die Lehmklumpen auf dem Boden und bringen kein Wort mehr heraus.

Miyazaki macht hier etwas sehr Einfaches und Entschiedenes: Er lässt das Gold weder schmutzig noch giftig werden. Er zeigt es nur so, wie es von Anfang an war.

Dieses Gold war nie Gold. Das Ohngesicht hat es aus sich selbst hervorgebracht. Ein leeres Etwas hat etwas produziert, um sich Aufmerksamkeit dafür einzutauschen. Es hat keine Herkunft, keinen Wert. Es sieht nur danach aus.

Und das ganze Badehaus hat sich eine Nacht lang dafür um den Verstand gebracht.

Was diese Nacht tatsächlich offenlegt, ist, wie leicht sich diese Leute durch etwas mobilisieren lassen, das es gar nicht gibt. Sie fragen nicht, woher das Gold kommt. Nicht, wer dieser Gast ist. Nicht, warum er immer weiter isst. Sie sehen nur, dass es etwas zu holen gibt.

Chihiro ist die Einzige, die von Anfang bis Ende nicht zugreift. Nicht, weil sie edelmütig wäre, sondern weil sie von Anfang an weiß, was sie will: Ihre Eltern sollen zurückverwandelt werden, damit sie zusammen nach Hause können. Das kann Gold nicht leisten.

Wer genau weiß, worauf er hinauswill, lässt sich schwer mit etwas anderem kaufen.

V. Was es schluckt und was es wieder ausspuckt

Chihiro gibt dem Ohngesicht den bitteren Kloß zu essen, den sie vom Flussgott bekommen hat.

Es erbricht sich. Essen kommt heraus, Gold kommt heraus, die drei Verschlungenen kommen heraus. Es jagt ihr nach draußen hinterher und erbricht sich dabei immer weiter. Je mehr es ausspuckt, desto kleiner wird es. Schließlich ist es wieder dieser schmale schwarze Schatten mit der weißen Maske.

Es spuckt alles aus, was es an diesem Ort gelernt hat.

Dann nimmt Chihiro es mit in den Zug.

Es sind die stillsten zehn Minuten des Films. Gleise auf dem Meer, Licht auf dem Wasser. Im Waggon spricht niemand. Das Ohngesicht sitzt neben ihr, ganz ordentlich, beide Hände auf den Knien.

Es zaubert kein Gold mehr hervor. Es verschlingt niemanden mehr. Es sitzt einfach da.

Bei Zeniba angekommen, darf es bleiben. Es lernt zu spinnen und zu weben und sitzt still im Lampenlicht bei der Arbeit.

Als wir es zum letzten Mal sehen, hilft es Zeniba. Es hält Wollgarn in den Händen.

Dieses Ende gibt ihm der Film: Es geht nicht darum, stärker zu werden oder etwas zu bekommen, sondern um eine konkrete Tätigkeit an einem Ort, an dem es bleiben darf, ohne unaufhörlich seinen Wert beweisen zu müssen.

Auch hier wird gearbeitet. Der Unterschied ist, dass die Arbeit nicht mehr der ganze Grund dafür ist, warum es bleiben darf.

VI. Was ihm fehlt, hat es längst einmal bekommen

Jetzt können wir zu jener Brücke zurückkehren.

Die ganze Tragik des Ohngesichts liegt darin: Was es haben will, hat ihm schon einmal jemand gegeben. Damals, als es noch überhaupt nichts hatte.

Als Chihiro ihm die Tür öffnete, hatte es kein Gold in den Händen, keinen Namen, keine Kraft. Nichts. Sie hat trotzdem geöffnet.

Danach hat es eine ganze Nacht damit verbracht, mit Gold, mit Gewalt und mit seinem anschwellenden Körper das einzutauschen, was es längst bekommen hatte. Mit jedem Tauschversuch hat es sich weiter davon entfernt.

Denn das, worum es ihm geht, lässt sich nicht tauschen. Man kann es nicht mit Gold kaufen, nicht durch Größe erringen, nicht dadurch bekommen, dass alle sich um einen scharen.

Was Chihiro an der Tür sagt, ist eigentlich etwas ganz Alltägliches. Sie sagt: Komm rein. Bei dem Regen.

Sie fragt nicht, wer es ist. Nicht, was es vorhat. Nicht, was es ihr geben kann. Sie sieht nur, dass da jemand im Regen steht.

Zum ersten Mal wird das Ohngesicht auf diese Weise gesehen. Später gibt Zeniba diesem Angenommensein einen Ort, an dem es Bestand haben kann. Dass es beim ersten Mal aber gar nichts besaß, beweist gerade: Es hat nichts damit zu tun, ob es etwas vorzuweisen hat.

Alles, was es danach tut, soll beweisen, dass es diese Zuwendung verdient. Dabei musste es das von Anfang an gar nicht beweisen.

Dieser Essay bezieht sich auf den Film Chihiros Reise ins Zauberland (2001), geschrieben und inszeniert von Hayao Miyazaki, produziert von Studio Ghibli.