NON DUBITO · Filmessays · 1 / 3
Schon von Anfang an schafft er Freiraum für andere
In diesem Essay
Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals, das in vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen vorliegt
Toskana, 1939. Ein Auto mit versagenden Bremsen rast einen Abhang hinunter. Die Insassen winken verzweifelt, damit die Menschen am Straßenrand aus dem Weg gehen.
Die Menschen verstehen das falsch. Sie glauben, der Wagen gehöre zum erwarteten Konvoi des Königs, heben die Arme zum Gruß und jubeln.
Das Auto schießt in die Kleinstadt und bringt die wartende Begrüßungsmenge durcheinander. Ein schmaler Mann springt heraus und schaut ratlos um sich.
So tritt Guido in den Film ein.
Wenige Minuten später steht er auf dem Land neben einer Scheune, als eine Frau vom Himmel fällt: Sie stürzt vom Heuboden, genau in seine Arme.
Er schaut zu ihr auf und sagt: Guten Morgen, Prinzessin.
In diesem Satz wird von nun an der ganze Film stecken.
I. Die erste Hälfte ist kein entbehrliches Vorspiel
Die erste Hälfte von Das Leben ist schön ist durch und durch Komödie. Ein Mädchen umwerben, Hüte vertauschen, Zufälle inszenieren, eine Verlobungsfeier aufmischen. Viele erinnern sich nach dem Film an diesen ersten Teil nur noch als Kontrast zur Grausamkeit des zweiten: ein süßer Anfang, damit das Ende umso bitterer schmeckt.
Eine solche Lesart übersieht das Entscheidende.
Die erste Hälfte zeigt uns: Dieser Mensch hat schon immer so gelebt.
Was Guido später im Konzentrationslager tut, ist kein Wunder der Geistesgegenwart, das erst unter Zwang entsteht. Es ist auch nicht bloß eine ungeahnte Fähigkeit, die plötzlich durch Vaterliebe geweckt wird. Es ist seine gewohnte Art, mit der Welt umzugehen. Nur muss er sie nun am schlimmsten aller Orte anwenden.
Wäre das Spiel lediglich ein genialer Einfall auf dem Bahnsteig, erzählte der Film davon, wie einfallsreich ein Vater unter Druck sein kann. Doch es wächst aus einer ganzen Lebensweise heraus, die die erste Hälfte vorführt. Damit stellt der Film eine andere Frage: Was vermag die Vorstellungskraft noch, wenn sie an der Wirklichkeit nichts mehr ändern kann?
II. Er spielt den aufgezwungenen Ernst zunichte
Guidos Welt ist voller Drehbücher, die andere bereits geschrieben haben.
Beamte bestimmen über die Genehmigungen für seine Buchhandlung. Doras Familie hat ihre Ehe schon arrangiert. Eine Grundschule erwartet einen Schulinspektor aus Rom, der vor der gesamten Schülerschaft und dem Kollegium die angebliche Überlegenheit einer „Rasse“ erklären soll.
Guido gibt sich als dieser Inspektor aus und tritt in der Grundschule ans Pult. Er zieht die Jacke aus, springt auf den Tisch, zeigt auf seine Ohren, seinen Bauchnabel und seine Beine: Daran, so führt er vor, ließen sich die Merkmale einer angeblich „reinen Rasse“ erkennen.
Es ist eine der schärfsten Szenen des Films, und sie bedient sich der lächerlichsten Mittel.
Denn diese Rassenlehre kann überhaupt nur bestehen, solange sie auf einer Bühne des unbedingten Ernstes auftritt. Nimmt ihr jemand diese Bühne weg und spielt sie mit allem Ernst am eigenen Bauchnabel durch, bricht ihre Autorität ins Absurde zusammen.
Guido widerlegt sie nicht Punkt für Punkt. Er entlarvt sie, indem er sie aufführt.
Seine übrigen Tricks sind viel kleiner: Hüte, die zwischen ihm und Fremden hin- und herwandern; Eier, die versehentlich in Rodolfos Hut geraten; ein Schlüssel, der vom Himmel fällt; immer neue inszenierte Zufallsbegegnungen. Natürlich hat nicht jeder dieser Einfälle dasselbe politische Gewicht. Auch ist etwas nicht schon deshalb harmlos, weil es komisch ist.
Aber immer wieder leisten sie dasselbe: Die vorgefundene Ordnung erscheint nicht länger als die einzig mögliche Wirklichkeit.
III. Dora lässt sich nicht durch Tricks entführen
Dora ist nicht dumm. Vielleicht durchschaut sie nicht jeden einzelnen Kniff, aber sie weiß, dass Guido ihr etwas vorspielt. Ihr Lachen belegt nicht, wie geschickt er die Spuren seiner Tricks verwischt hat. Es zeigt, dass sie bei diesem Spiel mitmachen will.
Am deutlichsten wird das auf ihrer Verlobungsfeier.
Dora sitzt dort gewissermaßen schon in einer Zukunft, die ihre Mutter gebilligt hat und die der Beamte Rodolfo verkörpert. Alles ist arrangiert. Sie braucht nur sitzen zu bleiben.
Da kommt Guido auf dem Pferd seines Onkels herein. Antisemiten haben es grün angestrichen und mit einer judenfeindlichen Beschimpfung beschmiert. Guido kann die Schmähung nicht rechtzeitig beseitigen. Doch er macht aus dem, was sie trägt, ein Mittel, um fortzukommen.
Das Pferd nimmt Dora allerdings nicht von selbst mit. Sie ist es, die Guido bittet, sie von dort wegzubringen. Sie streckt selbst die Hand aus und steigt auf.
Guido eröffnet eine Möglichkeit. Die Entscheidung trifft er nicht für sie.
Darum erzählt diese Liebesgeschichte keine Eroberung, bei der hartnäckiges Werben am Ende mit einer Frau belohnt wird. Sehenswert ist etwas anderes: Jemand schlägt eine Tür in ein bereits verplantes Leben, und der Mensch auf der anderen Seite behält das Recht, selbst zu antworten.
IV. Wer trägt das Risiko, für wen öffnet sich der Ausweg?
Mit seinen Tricks setzt Guido immer wieder sich selbst aufs Spiel. Wenn der falsche Schulinspektor auffliegt und verhaftet wird, trifft es ihn. Auf der Verlobungsfeier demütigt er einen örtlichen Beamten, der seine Anträge ohnehin schon blockieren kann. Auch der Spott vor der Schulklasse heftet sich an Guidos eigenen Körper.
Komische Einfälle können selbstverständlich nicht immer verhindern, dass andere mit hineingezogen werden. Doch die ethische Richtung, die der Film wiederholt hervorhebt, ist klar: Guido versucht, das Risiko seiner Erfindungen selbst zu tragen und den Freiraum, den sie schaffen, anderen zu überlassen.
Gerade die Geschichte der Buchhandlung muss man genau erzählen. In der ersten Filmhälfte läuft Guido für seine Geschäftseröffnung immer wieder Behörden ab und wird von einer Stelle zur nächsten geschickt. Fünf Jahre später gibt es den Laden tatsächlich. Guido und Dora haben eine Familie gegründet und ein Kind bekommen.
Das heißt nicht, dass die Widerstände verschwunden wären. Der Faschismus hat längst die Straßen und Schulen erreicht und steckt in den Kategorien, mit denen der Staat bestimmt, wer hier dazugehören darf. Die Buchhandlung beweist nur dies: Bevor diese Strukturen jeden Ausweg vollständig versperrten, ist es Guido tatsächlich gelungen, seiner Familie ein kleines Stück gewöhnliches Leben aufzubauen.
V. Das Unheil kommt Stück für Stück
Der Film geht auf besondere Weise mit seiner Zeit um: Er lässt die Katastrophe nicht mit einem Schlag hereinbrechen.
Zuerst ist da das grün angestrichene Pferd mit der antisemitischen Beschimpfung. Guido reitet darauf davon.
Dann kommt ein Schild. Guido geht mit seinem Sohn an einem Geschäft vorbei, an dessen Eingang Juden und Hunden der Zutritt verboten wird. Der Junge fragt, warum. Guido tut es ab: Jeder Laden habe eben seine eigenen Regeln. Vielleicht lasse ein anderer keine Spanier und keine Pferde hinein.
Der Sohn fragt, was denn für ihre Buchhandlung gelte. Die beiden beginnen zu überlegen, ob sie Spinnen und Westgoten ausschließen sollen.
Diese Szene tut zwei Dinge zugleich.
Erstens lässt sie nicht zu, dass das Schild sofort im Inneren eines Fünfjährigen zu einer vollständigen Definition seiner Person wird. Für den Augenblick rückt der Satz in eine Reihe alberner, willkürlicher Regeln, an denen Vater und Sohn gemeinsam weiterbasteln können.
Zweitens täuscht sie keinen einzigen Zuschauer. Wir alle sehen, was auf dem Schild steht. Wir wissen auch, dass es keine schrullige Privatvorliebe eines Ladenbesitzers ausdrückt. Es ist genau die Staatsmacht hinter diesen Einteilungen, die die Familie später in einen Zug zwingen wird.
Diese Zweiteilung bestimmt den Film von Anfang bis Ende: Das Kind sieht eine Fassung des Geschehens. Wir sehen jenen Teil, den man von ihm fernhält.
VI. Derselbe Mensch betritt einen anderen Ort
1944 kommt der Zug an Giosuès Geburtstag.
Guido, sein Onkel und der Junge werden verschleppt. Dora ist keine Jüdin und steht nicht auf der Verhaftungsliste. Sie eilt zum Bahnhof und besteht darauf, in den Zug zu steigen, der ihren Mann und ihren Sohn fortbringt.
Darin antwortet die Szene auf die Verlobungsfeier, ohne sie einfach zu wiederholen. Damals eröffnete Guido ihr einen Ausweg aus dem Leben, das für sie vorgesehen war. Jetzt entscheidet Dora selbst, sich in die Gefahr zu begeben, die man ihrem Mann aufzwingt. Keine der beiden Entscheidungen garantiert ein gutes Ende. Aber beide belassen das Recht zu antworten bei dem Menschen, der die Wahl trifft.
Von diesem Augenblick an spielt der Film an einem anderen Ort. Der Mensch ist derselbe geblieben.
Guido nimmt die Methode mit, die er in der Kleinstadt Arezzo immer schon angewandt hat: ein aufgezwungenes Drehbuch entgegennehmen, daneben eine zweite Fassung improvisieren, das Risiko möglichst selbst tragen und den schmalen Spalt zwischen beiden Fassungen nutzen, damit ein anderer noch einen Schritt tun kann.
Früher fanden Liebe und Lachen in diesem Spalt Platz.
Jetzt muss er einem fünfjährigen Kind bis zum nächsten Morgen Raum zum Leben geben.
Grundlage dieses Essays ist der Film Das Leben ist schön (1997). Das Drehbuch schrieben Roberto Benigni und Vincenzo Cerami gemeinsam; Benigni führte Regie und spielte die Hauptrolle.