NON DUBITO · Filmessays · 1 / 3
Die Grenze, die er sich nicht ausgesucht hat
In diesem Essay
Am ersten Tag des Jahres 1900 haben die Passagiere die Räume der ersten Klasse auf der Virginian bereits verlassen. Danny Boodmann, ein schwarzer Heizer, kommt zum Aufräumen herauf. Auf dem Flügel entdeckt er eine Obstkiste, darin einen Säugling. Auf der Kiste steht „T.D. Lemon“. Danny nimmt das Kind mit nach unten und setzt aus allem, was gerade zur Hand ist, einen Namen zusammen: seinem eigenen Namen, der Aufschrift auf der Kiste und der Jahreszahl.
Danny Boodmann T.D. Lemon 1900: Sein Name besteht ganz aus den Umständen, unter denen man ihn gefunden hat.
I. In keinem Register verzeichnet
1900s Geburt wurde nie registriert. Er hat keine Papiere und keine Staatsangehörigkeit, die irgendein Land anerkennt. Danny hält ihn versteckt: Würden Einwanderungsbeamte oder ein Waisenhaus von ihm erfahren, brächten sie das Kind unbekannter Herkunft an Land. Aus ihm würde ein Fall, der auf seine Bearbeitung wartet.
Das Versteck bewahrt ihn davor, sofort abgeholt zu werden. Es sorgt aber auch dafür, dass sich nie eine Institution für ihn zuständig erklärt. Er taucht weder in Schul- noch in Militärregistern auf, besitzt keine Berufszulassung, und keine amtliche Einschätzung legt fest, was einmal aus ihm werden soll. Dieselbe Leerstelle macht das Festland jedoch besonders gefährlich. Dort käme er nicht als jemand mit einer nachweisbaren Herkunft an, sondern würde als Erwachsener zum Problem, der seine Vergangenheit nicht belegen kann.
Wer in keinem Register steht, entgeht der Einordnung. Zugleich kann er jederzeit ohne jemanden dastehen, der Verantwortung für ihn übernimmt.
II. Danny gab ihm alles, was er geben konnte
Danny verdient wenig und hat kaum Schulbildung. Was er geben kann, sind eine Koje, Essen, ein Versteck, ein Name und eine notdürftig zusammengefügte Erklärung der Welt. Er beharrt darauf, „T.D.“ bedeute „Thanks Danny“. Als der Junge später in einer Pferderennzeitung eine andere Erklärung findet, erklärt Danny kurzerhand, zu viel Lesen sei schädlich. Seine Beschreibung eines Waisenhauses stellt alles auf den Kopf. Und er sagt dem Kind, außerhalb der Virginian sei alles schlecht.
Verlässlich sind diese Geschichten nicht. Sie bilden aber auch kein ausgeklügeltes System der Kontrolle. Ein armer Arbeiter kann ein Kind nur mit den Worten und den Ängsten schützen, die ihm selbst zur Verfügung stehen. Der Film lässt beides nebeneinander bestehen: Die Geschichten entspringen der Liebe, und sie geben dem Kind eine Landkarte mit, auf der das Schiff Sicherheit bedeutet und das Land Gefahr.
Als 1900 acht Jahre alt ist, stirbt Danny bei einem Arbeitsunfall. Die Fürsorge endet, die Landkarte bleibt. Der Film behauptet nicht, die Lehren der Kindheit müssten zwangsläufig zur späteren Weigerung des Erwachsenen führen. Er zeigt uns zunächst, was dem Kind über das Land erzählt wurde, und erst danach die Entscheidung des erwachsenen Mannes.
III. Zum Klavier ging er selbst
Nach Dannys Tod kommen Beamte an Bord, um den Jungen zu suchen. 1900 verschwindet im Inneren eines Schiffes, das er weit besser kennt als sie. Einige Tage später erklingt Musik aus der ersten Klasse. Man findet ihn am Flügel. Kein Lehrer hat ihm dieses Instrument zugewiesen, kein Eignungstest seine Begabung entdeckt. Als der Kapitän ihm das Spielen unter Berufung auf die Vorschriften verbieten will, antwortet er mit einem Fluch ganz in Dannys Art und spielt weiter.
Seinen Namen hat er von Danny. Sein Zuhause ergab sich daraus, wo man ihn ausgesetzt hatte. Auch seine erste Vorstellung vom Land stammt von dem Mann, der ihn großzog. Am Klavier dagegen zeigt der Film erstmals deutlich, wie er selbst auf etwas zugeht und es für sich in Anspruch nimmt.
Damit ist natürlich nicht gesagt, eine Begabung habe tatsächlich keine Vorgeschichte. Der Film setzt innerhalb seiner Fabel eine Unterscheidung: An den Tasten geht aus dem Leben, das andere ihm mitgegeben haben, ein Handeln hervor, das er selbst in Gang setzt.
IV. Zuerst spielt er den Menschen vor sich
Als Erwachsener betrachtet 1900 die Passagiere und findet für jeden eine Musik. Aus einem Menschen, der sich abschirmt, wird eine ausweichende musikalische Phrase; die Bewegung einer Frau wird zu einem anderen Rhythmus. Max fragt, wie diese Stücke heißen. Sie haben keinen Namen. In dem Augenblick, in dem sie entstehen, lautet die Antwort schlicht: dieser Mensch.
Diese Musik lässt sich durchaus aufnehmen und wiederholen; später zeigt der Film ausdrücklich eine Aufnahme. Zunächst gilt sie jedoch einem Einzelnen. Sie beginnt mit dem Blick auf einen Menschen, der anwesend ist. Sie wird nicht von vornherein als Vorrat für einen noch unbekannten Markt hergestellt.
Eine Schiffsladung Menschen nach der anderen hört ihn spielen, geht an Land und zerstreut sich. Die meisten werden diesen Pianisten nie wiedersehen. Er hat sich ihres Lebens nicht bemächtigt, und sie nehmen keinen Anspruch auf ihn mit. Das Spiel ist zu Ende. Doch ein Mensch ist darin als dieser besondere Mensch wahrgenommen worden.
V. Er blieb schon, bevor er sich fürs Bleiben entschied
1900 wächst auf demselben Schiff auf, arbeitet dort und wird dort alt. Er sieht Tausende Menschen den Ozean überqueren und anschließend an Land gehen. So lässt sich sein späteres Leben leicht als eine fortgesetzte Entscheidung erzählen: für das Schiff und gegen die Welt, für die gegenwärtige Begegnung und gegen den Ruhm, für ein Schaffen innerhalb von Grenzen und gegen unbegrenzte Möglichkeiten.
Das ist nicht falsch. Es ist nur nicht die ganze Geschichte.
Bevor 1900 sich entschied zu bleiben, war das Bleiben bereits die einzige Lebensform, die man ihm gegeben hatte. Niemand hatte ihm zuerst Schiff und Land gezeigt und ihn wählen lassen. Er wurde auf dem Schiff gefunden, versteckt und großgezogen. Hier lernte er auch, dass es draußen gefährlich war.
Ein Mensch kann die Umstände, die er sich nicht ausgesucht hat, aufrichtig lieben lernen. Eine Grenze kann zum Zuhause werden, ohne deshalb aufzuhören, eine übernommene Grenze zu sein. Bei 1900 liegen diese beiden Dinge so dicht beieinander, dass der Film sie nicht für uns auseinanderlegt.
Der nächste Essay wendet sich der einzigen Probe zu, der er diese Grenze unterzieht: Er zieht den Mantel an, nimmt seinen Koffer, geht bis zur Mitte der Gangway und bleibt stehen.
Dieser Essay bezieht sich auf die vollständige Fassung von Giuseppe Tornatores Film aus dem Jahr 1998. Der Film beruht auf Alessandro Bariccos Bühnenmonolog „Novecento“; die Analyse der Handlung folgt dem Film.