NON DUBITO · Filmessays · 2 / 3
Dr. Mann hatte niemanden, zu dem er zurückkehren konnte
In diesem Essay
Quelle: chinesischer Originalessay auf Non Dubito
Ein vereister Planet. Eine Kälteschlafkapsel wird geöffnet.
Dr. Mann schlägt die Augen auf. Langsam stellt sich sein Blick auf Coopers Gesicht ein. Er greift nach dem Fremden, zieht ihn zu sich und weint laut, sein Gesicht an dessen Gesicht gepresst. Später sagt er zu den anderen, er wünsche ihnen, dass sie nie erfahren müssten, wie schön es sein kann, endlich wieder ein anderes Gesicht zu sehen.
Dieses Gefühl ist echt. Was die Geschichte danach offenlegt, ist es ebenso: gefälschte Daten, der Versuch, Cooper zu töten, eine Falle im Roboter, die Romilly das Leben kostet, und schließlich ein erzwungenes Andockmanöver, das die Endurance auseinanderreißt.
Aufrichtigkeit und Verrat heben einander nicht auf. Sie sind aus derselben Einsamkeit gewachsen.
I. Ein Mann, den man als Vorbild hinausschickte
Das Lazarus-Programm schickt zwölf Wissenschaftler durch das Wurmloch. Jeder erkundet allein einen der möglichen Zufluchtsplaneten. Sie melden sich freiwillig, bekommen aber keine Garantie, wieder abgeholt zu werden. Professor Brand besteht darauf, dass niemand familiäre Bindungen hat. Sein Schüler Mann ist derjenige, der die anderen elf dazu bewegt, ihm zu folgen.
Lange bevor die Endurance ihn erreicht, gilt Mann bereits als „der Beste von uns“: klug, mutig, diszipliniert, scheinbar bereit, das eigene Leben ganz zum Werkzeug für das Überleben der Menschheit zu machen.
Diese Rolle ist entscheidend. Manns späterer Zusammenbruch lässt sich nicht einfach als der Moment beschreiben, in dem ein Betrüger seinen falschen Ruf abstreift. Er hält sich weiterhin für denjenigen, der am besten beurteilen kann, was die Menschheit braucht. Das Ansehen, das er mit sich trägt, wird später mit dafür sorgen, dass seine Angst moralische Autorität erhält.
II. Keine Bindungen und niemand, der zurückblickt
Der Film stellt Mann nicht als den einzigen der zwölf dar, der keine Angehörigen hat. Das Fehlen familiärer Bindungen war eine Auswahlbedingung für das gesamte Lazarus-Programm. Doch auf seinem Planeten wird zum ersten Mal greifbar, was diese Regel bedeutet.
Weder ein Kind noch eine Partnerin oder ein Partner hinterlässt ihm Nachrichten. Der Film zeigt niemanden, der zählt, wie viele Jahre er schon fort ist. Als Mann sich zum letzten Mal in den Kälteschlaf begibt, stellt er keinen Termin zum Aufwachen ein. Das erste menschliche Gesicht, nach dem er nach dem Erwachen greift, gehört einem Fremden.
Später erklärt Mann Cooper, Forschungen zufolge sähen Menschen kurz vor dem Tod ihre Kinder vor sich und kämpften ihretwegen noch ein wenig länger. Er spricht damit von Cooper, einem Vater, dessen Überlebensinstinkt bis zu Tom und Murph reicht. Mann beschreibt diese Bindung wie jemand, der sie beobachtet, nicht wie jemand, der sie selbst hat.
Natürlich folgt daraus nicht, dass Menschen ohne Kinder keinen Grund hätten, weiterzuleben. Ebenso wenig wäre die Familie die einzige wirkliche Beziehung. Der Film zeigt etwas anderes: Das Lazarus-Programm hat gezielt jene Verbindungen gekappt, die seine Forscher am ehesten nach Hause zurückziehen könnten. Die Mission verlangt, dass sie ganz der abstrakten Menschheit gehören. Dann lässt sie jeden allein mit einem Wort zurück, das ihm nicht antworten wird.
III. „Die Menschheit“ wird zu seiner Rechtfertigung
Schon kurz nach der Landung weiß Mann, dass auf diesem Planeten kein menschliches Leben möglich ist. Seiner eigenen Aussage nach widersteht er der Versuchung jahrelang. Schließlich sendet er doch wissentlich falsche Daten, die den Planeten als bewohnbar ausweisen, um Rettung dorthin zu locken. Dann begibt er sich ohne Aufwachtermin in den Kälteschlaf.
Als die Rettung kommt, verschwindet seine Angst nicht. Sie nimmt die Gestalt einer Pflicht an. Mann erklärt Cooper, der Überlebensinstinkt habe die Menschheit immer vorangetrieben und werde sie auch weiterhin retten. Selbst als er Cooper auf der Eisfläche zurücklässt, wo dieser zu ersticken droht, beharrt er darauf, für alle zu handeln.
Vielleicht glaubt er in diesem Moment tatsächlich daran. Genau darin liegt die Gefahr. „Die Menschheit“ ist zu einem Umrechnungsapparat geworden: Der Wunsch, selbst am Leben zu bleiben, lässt sich damit als uneigennützige Pflicht ausgeben. Der konkrete Mensch, den Mann gerade tötet, liegt auf der anderen Waagschale und wird zum hinnehmbaren Verlust.
Ein abstrakter Begriff hat keine Augen. Er kann Mann nicht darauf aufmerksam machen, dass dieser die Zukunft der Menschheit und seine eigene Unersetzlichkeit längst für dasselbe hält.
IV. Professor Brands größere Lüge
Professor Brands Täuschung ist nicht genau dieselbe, folgt aber derselben Struktur. Plan A verspricht, die Gravitationsgleichung zu lösen und die auf der Erde lebenden Menschen ins All zu bringen. Plan B führt beinahe fünftausend befruchtete Eizellen mit, um eine Kolonie aufzubauen, nachdem die heute auf der Erde lebenden Menschen gestorben sind.
Noch bevor Mann die Erde verließ, hatte Brand die Hälfte der Gleichung gelöst, die sich mit dem vorhandenen Wissen lösen ließ. Für die andere Hälfte brauchte er Quantendaten aus dem Inneren eines Schwarzen Lochs. Er hielt es für unmöglich, an sie heranzukommen. Trotzdem stellte er Plan A allen weiterhin als echte Hoffnung vor. Denn er war überzeugt: Die Menschen würden nicht mitarbeiten, wenn es nur darum ginge, Nachkommen zu retten, denen sie selbst niemals begegnen würden.
Murph fällt das ethische Urteil: Er hat gelogen und nie wirklich beabsichtigt, sie zu retten. Mann verteidigt den Professor: Er habe seine eigene Menschlichkeit geopfert, um die Spezies zu bewahren. Cooper hält dagegen, dass in Wahrheit die Menschen auf der Erde geopfert werden, die der Professor für hoffnungslos verloren erklärt hat.
Dieses Gespräch legt das Ungleichgewicht frei, das im Wort „Menschheit“ steckt: Wer erklärt, ein Opfer sei notwendig, ist nicht unbedingt derjenige, der es bringen soll.
V. Der Vertreter verschlingt die Vertretenen
Nach dem Versuch, Cooper zu töten, bricht Mann zur Endurance auf. Er will das Schiff an sich bringen, die anderen auf dem Planeten zurücklassen und die Mission fortsetzen. Noch immer behauptet er, in diesem Konflikt gehe es nicht um sein eigenes Leben oder das von Cooper, sondern um die gesamte Menschheit.
Doch sobald Mann sich selbst zum Vertreter der Menschheit ernannt hat, gilt jeder Widerspruch gegen Mann automatisch als Verrat an der Menschheit. Er braucht weder die Zustimmung der Zurückgelassenen noch die der eigentlichen Besatzung. Auch die Menschen der künftigen Kolonie müssen nicht gefragt werden. Seine Rolle als Träger der Mission verschlingt alle konkreten Menschen.
Er führt das manuelle Andockmanöver falsch aus und stirbt dabei. Die Explosion zerstört ein Modul der Endurance; das restliche Schiff stürzt unkontrolliert auf den Planeten zu. Mann vernichtet beinahe jene Zukunft, auf die er sich unablässig beruft.
Das ist keine ironische Strafaktion, die die Handlung ihm zusätzlich auferlegt. Es ist die praktische, zwangsläufige Folge eines abstrakten Ziels, das sich keiner Korrektur mehr stellen muss: Wenn „die Menschheit“ nur noch durch Mann sprechen kann, kann Mann keine Information mehr hören, die sein Bild von sich selbst gefährdet.
VI. Seine Tränen beim Erwachen bleiben echt
Wenn Mann zu Beginn in Coopers Armen nur eine Szene gespielt hätte, wäre alles viel einfacher. Aber er spielt nicht. Er hat seine Vorräte aufgebraucht, die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder aufzuwachen, und viele Jahre allein auf einem Planeten verbracht, auf dem selbst die Wolken zu festen Körpern gefroren sind. Ein anderes Gesicht wiederzusehen, kommt für ihn tatsächlich einer Auferstehung gleich.
Diese Tatsache spricht ihn weder frei noch zwingt sie uns, in ihm bloß ein Monster zu sehen. Sie macht sichtbar, wo das Scheitern liegt. Mann wurde ausgewählt, im Namen einer alle umfassenden Sache äußerste Einsamkeit zu ertragen. Als er sie nicht mehr aushält, wird ausgerechnet diese Sache zur Sprache, in der er seine ganz persönliche Angst sogar vor sich selbst verbergen kann.
Die Daten aus der Singularität erreichen die Erde dagegen am Ende über eine Kette konkreten Vertrauens: TARS gewinnt die Daten, Cooper wählt Murph, Murph erkennt die Uhr und löst die Gleichung. Das Ergebnis rettet viele Menschen. Dafür muss sich aber keiner der Beteiligten zuerst in „die Menschheit selbst“ verwandeln.
Das Überleben einer Spezies kann das ferne Ziel eines Handelns sein. Es kann aber nicht die konkreten Beziehungen ersetzen, durch die ein Handelnder anderen Rechenschaft schuldet.
Quellenangabe des Autors: Grundlage dieses Essays ist Interstellar (2014), unter der Regie von Christopher Nolan und nach dem Drehbuch von Jonathan Nolan und Christopher Nolan. Einzelheiten der Handlung wurden zusätzlich mit dem offiziell veröffentlichten Drehbuch abgeglichen.