NON DUBITO · Filmessays · 1 / 3
Er gab ihnen die Erlaubnis, aber keinen Weg
In diesem Essay
Die vier Wörter
Der Film beginnt mit der Eröffnungsfeier des Schuljahrs in Welton. Dudelsäcke, geordnete Reihen, brennende Kerzen; in der Aula sitzen die Eltern dicht an dicht. Schulleiter Nolan fragt vom Podium aus nach den vier Säulen von Welton. Sämtliche Jungen erheben sich und antworten im Chor: Tradition, Ehre, Disziplin, Leistung.
Dann nennt Nolan Zahlen. Im ersten Jahr habe die Schule fünf Absolventen entlassen, im vergangenen Jahr einundfünfzig, von denen fünfundsiebzig Prozent an eine Universität der Ivy League gegangen seien. Applaus im Saal, strahlende Gesichter bei den Eltern. In welche Währung sich die vier Wörter umrechnen lassen, sagen diese Zahlen unmissverständlich.
Am selben Abend erfinden ein paar Jungen im Wohnheim ihre eigene Fassung: Heuchelei, Schrecken, Verfall, Dreck. Sie sagen die Wörter auf und prusten los. Die Szene ist leicht hingeworfen, nach wenigen Sekunden vorbei. Aber sie zeigt etwas: Die Jungen wissen längst, was von den vier Säulen zu halten ist.
Darauf kommt es an. Über eine Ordnung zu lachen und eine andere zur Verfügung zu haben, sind zwei verschiedene Dinge. Nach dem Lachen ziehen sie am nächsten Morgen wieder ihre Uniformen an, gehen wieder zum Lateinunterricht und folgen weiter dem Zeitplan ihrer Väter. An Durchblick hat es ihnen nie gefehlt.
In diesem Schulhalbjahr kehrt Keating in das Gebäude zurück. Er wird ihnen etwas geben, das ihnen bisher fehlt. Doch was er ihnen ausstellt, ist eine Erlaubnis, kein Handlungsplan. Er zeigt ihnen, was sie selbst wollen. Wie man mit jemandem umgeht, der nicht zuhören will, zeigt er ihnen nie.
Was er ihnen gibt
In seiner ersten Stunde führt er die Schüler zu den Vitrinen auf dem Flur und lässt sie die Jahrzehnte alten Abschlussfotos betrachten. Diese Jungen, sagt er, seien damals gewesen wie sie: voller Hoffnung in den Augen. Inzwischen seien sie alle zu Staub geworden.
Dann beugt er sich zu ihnen und flüstert ihnen die lateinischen Worte ins Ohr: Carpe diem. Nutzt den Tag. Die Jungen stehen dicht vor dem Glas. Keiner sagt etwas, keiner dreht sich nach ihm um. Es ist sein erster Arbeitstag, die erste Unterrichtsstunde ist noch nicht einmal zu Ende.
In der zweiten Stunde sollen alle das Vorwort ihres Lehrbuchs aufschlagen. Dort wird erklärt, wie sich die Qualität eines Gedichts mit einem Diagramm bestimmen lässt: auf der waagerechten Achse seine Vollkommenheit, auf der senkrechten seine Bedeutung. Man multipliziert die Werte und erhält eine Fläche. Je größer die Fläche, desto besser das Gedicht. Keating lässt die Seite herausreißen. Die ganze Seite, ab damit in den Papierkorb.
Später kommt das Stehen auf dem Lehrerpult. Er springt zuerst hinauf und erklärt, von hier oben sehe man andere Dinge. Man müsse sich immer wieder daran erinnern, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Einer nach dem anderen steigt hinauf und schaut vom Pult aus in das Klassenzimmer, in dem er schon so lange sitzt.
Und dann die Szene auf dem Hof. Drei Jungen sollen einfach drauflosgehen. Nach einer Weile fallen sie von selbst in denselben Schritt. Die Zuschauer beginnen, dazu zu klatschen, und der Takt wird immer gleichmäßiger.
Keating unterbricht sie. Das sei Anpassung an die Gruppe. Schwierig sei nicht, anders zu sein als die anderen. Schwierig sei es, am eigenen Anderssein festzuhalten, während alle zuschauen.
Das größte Gewicht hat die Szene mit Todd. Der Junge hat seit Schulbeginn keinen vollständigen Satz herausgebracht. Jetzt wird er nach vorn gerufen, bekommt die Augen zugehalten, wird im Kreis gedreht und zum Weitersprechen gedrängt, ohne Vorbereitung. Am Ende hat er einen ganzen Text über Whitman gesprochen.
Alle diese Stunden vermitteln dasselbe: Du darfst selbst sehen. Du darfst sprechen. Du darfst etwas wollen.
Er ist tatsächlich der Einzige, der sie sieht
An dieser Stelle muss die geläufige Deutung des Films einmal vollständig zu ihrem Recht kommen. Sie stimmt. Und erst auf ihrer Grundlage lässt sich die nächste Schicht verstehen. Wer sie überspringt, um gleich weiterzugehen, reißt etwas ein, das noch gar nicht steht. Damit ist nichts gewonnen.
Nolan sieht die Jungen nicht. Er merkt sich Zulassungsquoten und die Namen von Geldgebern. Auch die anderen Lehrer sehen sie nicht: Der Lateinlehrer liest Satz für Satz aus dem Buch vor, der Chemielehrer kommt herein und gibt sofort Hausaufgaben auf. Keiner fragt einmal darüber hinaus.
Die Väter sehen noch weniger. Neils Vater hat seinen Sohn aus der Jahrbuchredaktion abgemeldet und das Medizinstudium für ihn festgelegt. Todds Eltern schicken ihn nach Welton, weil sein Bruder dort ein ausgezeichneter Absolvent war. Sogar dieselbe Schreibgarnitur schicken sie ihm.
Keating ist der einzige Erwachsene in diesem Haus, der in den Jungen einzelne, unverwechselbare Menschen sieht. Todd hätte hier vier Jahre verbracht, ohne ein Wort zu sagen. Keating bringt ihn an einem einzigen Nachmittag dazu, vor der ganzen Klasse einen zusammenhängenden Text zu sprechen.
Daran darf man nichts abziehen. Man darf es auch nicht anerkennen, nur um gleich ein Aber hinterherzuschieben. Was er geleistet hat, hat in diesem Gebäude kein Zweiter geleistet. Es gelingt ihm auch nicht dank irgendeines pädagogischen Kniffs. Es gelingt ihm, weil ihm diese Jungen wirklich etwas bedeuten.
Genau dort beginnt das Problem: Wer für ein Kind „der einzige Mensch ist, der mich sieht“, trägt eine schwere Verantwortung. Alles, was aus dieser Position kommt, wird wie eine Anweisung entgegengenommen. Selbst dann, wenn die Anweisung lautet: „Finde deine eigene Stimme.“
Wie ein gangbarer Weg aussehen müsste
Ein Handlungsplan müsste Fragen wie diese beantworten: Dein Vater bezahlt das Schulgeld. Er entscheidet, ob du die Schule wechselst, und welche Kurse du in den Ferien belegst. Bis zu deinem achtzehnten Geburtstag kann er rechtlich über dich bestimmen. Er ist dagegen, und du willst trotzdem in diesem Stück auftreten. Was genau machst du am Dienstagmorgen?
Neil stellt die Frage tatsächlich. Im Büro sitzt er Keating am Schreibtisch gegenüber. Sein Vater verbiete ihm das Theaterspielen, sagt er. Was solle er tun? Zum einzigen Mal im Film legt ein Schüler diesem Lehrer ein Problem vor, das an einem bestimmten Datum ansteht, und braucht eine ebenso konkrete Antwort.
Keating antwortet: Sprich mit deinem Vater. Sag ihm, was du empfindest. Lass ihn sehen, dass es keine vorübergehende Laune ist. Zwischen anderen Vätern und Söhnen wäre das ein guter Rat, unter vielen Umständen sogar der beste. Er setzt weder auf Tricks noch auf Lügen.
Nur beruht er auf einer Voraussetzung: Der Mann auf der anderen Seite muss sich von den Gefühlen seines Sohnes erreichen lassen. Was für ein Mensch Neils Vater ist, hat der Film bereits in zwei Szenen vorgeführt. Vor anderen Leuten verlangt er, dass Neil aus der Jahrbuchredaktion aussteigt. Kaum setzt der Sohn zum Reden an, heißt es: „Keine Widerrede.“
Keating erteilt eine Erlaubnis: Du hast das Recht, zu wollen, was du willst. Das Zweite liefert er nicht, und er kann es auch nicht liefern: den nächsten Schritt, wenn das Gegenüber nicht zuhören will. Bei den anderen Schülern führt der Unterschied zwischen beidem zu peinlichen Situationen. Für Neil ist er tödlich.
Keating kennt das Problem selbst
Das muss deutlich gesagt werden. Sonst würde man der Figur eine Ahnungslosigkeit zuschreiben, die sie gar nicht besitzt. Keating ist kein weltfremder Romantiker, der nur Gedichte aufsagen kann. Der Film widmet diesem Umstand eigens eine Szene.
Charlie hat etwas angestellt. Im Namen des Clubs der toten Dichter veröffentlicht er einen Artikel in der Schülerzeitung und fordert, Welton solle Mädchen aufnehmen. Dann inszeniert er bei der Schulversammlung einen angeblichen „Anruf von Gott“. Nolan bestraft ihn vor aller Augen und will die Namen seiner Mitstreiter wissen. Charlie nennt keinen einzigen.
Anschließend nimmt Keating ihn beiseite und liest ihm die Leviten, in einem deutlich schärferen Ton als im Unterricht. Sinngemäß sagt er: Das Mark des Lebens auszusaugen heißt nicht, am Knochen zu ersticken. Manchmal muss man kühn sein, manchmal vorsichtig. Ein kluger Mensch weiß, was wann angebracht ist.
Daran erkennt man, dass Keating das rechte Maß durchaus kennt. Ihm ist völlig klar, dass eine Erlaubnis ohne Gespür für Grenzen irgendwann im Unglück endet. Er kann diesen Gedanken sogar in einen schönen Satz fassen, und beim Aussprechen zögert er nicht.
Nur bleibt auch sein Gegenmittel ein schöner Satz. Er sagt Charlie nicht, was er als Nächstes konkret tun soll. Er legt bei Nolan kein gutes Wort für ihn ein. Und er ändert nach dem Vorfall seinen Unterricht nicht. Er weiß, wo die Lücke klafft. Ihm fehlt etwas, womit er sie schließen könnte.
Weiter reicht die Macht eines Lehrers hier nicht
Die Ordnung dieses Hauses bestimmt, was Keating tun kann. Er ist ein angestellter Lehrer. Nolan kann ihn jederzeit entlassen und wird es später auch tun. Gegenüber den Eltern hat Keating nichts zu sagen, bei einem Schulwechsel ebenso wenig. Über das Leben dieser Jungen vor ihrem achtzehnten Geburtstag besitzt er keinerlei Entscheidungsgewalt.
Wer den Film als Geschichte vom guten Lehrer liest, den eine böse Schule besiegt, übersieht diese Ebene. Nolan ist kein Schurke. Er hat den Auftrag, Jungen an die Universitäten der Ivy League zu bringen, und erledigt ihn durchaus ordentlich. Genau dafür bezahlen die Eltern.
Auch Neils Vater ist kein Schurke. Er hat selbst viel durchgemacht und ist entschlossen, seinem Sohn dasselbe zu ersparen. Wenn er sagt, er habe große Opfer für ihn gebracht, spricht er die Wahrheit. Der Film lässt niemanden diesen Satz widerlegen.
Jeder dieser Menschen hat seine Gründe. Und sie verfügen über die Dinge, die wirklich etwas ausrichten: Geld, den Schulplatz, das Formular für einen Schulwechsel, das Sorgerecht und einen jederzeit kündbaren Arbeitsvertrag. Keating verfügt über ein paar fünfundvierzigminütige Englischstunden in der Woche.
„Der einzige Erwachsene, der sie sieht“ und „der Erwachsene, der nichts in der Hand hat“ bezeichnen in diesem Gebäude denselben Menschen. Das ist kein Zufall. Es sind die zwei Seiten seiner Stellung: Gerade weil er in diesem Gefüge nichts zählt, bleibt ihm die Zeit, jedes einzelne Gesicht anzusehen.
Neils Frage
Gehen wir noch einmal ins Büro zurück, langsam, Schritt für Schritt. In diesen wenigen Minuten liegt der Wendepunkt des ganzen Films. Die Szene wirkt ganz alltäglich: ein Schüler, ein Lehrer, ein Schreibtisch. Man kann sie leicht für ein bloßes Verbindungsglied halten und darüber hinwegsehen.
Neil sagt, sein Vater lasse ihn nicht auftreten. Keating sagt, er solle mit ihm sprechen. Neil sagt, das gehe nicht, es habe keinen Sinn, Keating kenne seinen Vater nicht. Keating erwidert, Neil müsse ihm seine Leidenschaft zeigen, ihm beweisen, dass es kein flüchtiger Einfall sei.
Der Ton bleibt die ganze Zeit aufrichtig und zugewandt. Ein Erwachsener versucht, einem Jungen Mut zu machen, seinem Vater gegenüberzutreten. Kein Satz ist gleichgültig dahingesagt, keiner soll den Schüler bloß abwimmeln.
Am nächsten Tag fragt Keating, wie das Gespräch gelaufen sei. Neil behauptet, sie hätten gesprochen. Sein Vater sei nicht begeistert, habe aber erlaubt, dass er das Stück noch zu Ende spiele. Das ist gelogen. Er hat den Rat gar nicht befolgt und nicht mit ihm gesprochen. Die Einverständniserklärung seines Vaters hatte er schon gefälscht, bevor die Proben begannen.
Keatings Gesicht zeigt in diesem Moment Zweifel. Er sieht den Jungen eine Weile an, länger, als es für eine beiläufige Nachfrage nötig wäre. Dann lässt er ihn gehen, ohne weiter nachzuhaken. Der Film lässt ihn die Lüge weder aufdecken noch in einer späteren Szene darauf zurückkommen.
So sieht diese Begegnung aus: Ein Kind braucht einen gangbaren Weg und bekommt Zuspruch. Der Weg, den es vorher selbst gefunden hatte, um auftreten zu können, bestand in einer gefälschten Einverständniserklärung. Dieser Zuspruch trägt nicht die Schuld. Nur hat er dem Jungen auch nichts anderes gegeben.
Die Fotos auf dem Flur
Zurück zur Vitrine aus der ersten Stunde. Hinter dem Glas stehen Abschlussfotos in langen Reihen, aus den Jahren nach 1900, aus den Jahren nach 1910. Sechzehn- und siebzehnjährige Gesichter, das Haar nach der damaligen Mode gekämmt. Alle blicken in die Kamera. Keiner lächelt.
Keating bittet die Jungen, näher heranzutreten. Im Glas spiegeln sich die Gesichter des jetzigen Jahrgangs. Dahinter liegen die Gesichter des vorigen, des vorvorigen und der vielen Jahrzehnte davor. Auf derselben Scheibe legen sich zwei Schichten von Gesichtern übereinander, Jahrzehnte voneinander entfernt und gleich groß.
Er sagt: Sie waren so voller Energie wie ihr, glaubten wie ihr, die ganze Welt warte auf sie. Und jetzt sind sie Staub. Dann fragt er: Was wollt ihr also tun? Es ist die berühmteste Szene des Films.
Ob die Jungen hinter dem Glas damals ähnliche Worte gehört haben, erfahren wir nicht. Fest steht, dass dieses Haus seit Jahrzehnten dieselbe Art erfolgreicher Absolventen hervorbringt. Eine bewegende Erlaubnis schafft noch nicht von selbst die Voraussetzungen dafür, den vorgezeichneten Weg zu verlassen.
Dann machte auch jener Jahrgang seinen Abschluss, trat in die Berufe ein, die die Väter vorgesehen hatten, und schickte die eigenen Söhne wieder in dieses Gebäude. Erlaubnis war hier nie das knappe Gut.
Die Jungen drücken ihre Gesichter gegen das Glas, einer neben dem anderen. Keating steht hinter ihnen und wiederholt ganz leise die lateinischen Worte. Der Flur ist lang und dunkel. Die Vitrinen reichen weiter, als man sehen kann.
Dieser Essay bezieht sich auf die Fassung von 1989 mit einer Laufzeit von etwa 128 Minuten.