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Non Dubito

Strukturen in Märchen · 24

»Ich will es ja nicht«: Warum die Wünsche trotzdem durch den Mund des Fischers gehen

Er widerspricht und übermittelt doch. Zwischen dem ersten Häuschen und dem letzten Gang nach Schlägen hat sich auch sein Spielraum verändert.

Han Qin ·

Bei jedem Gang ans Meer ruft der Fischer denselben Fisch. Er nennt den Wunsch seiner Frau und setzt noch eine Distanz dazu: Was sie will, sei nicht sein Wille. Häuschen, Palast, Königsthron gelangen einer nach dem anderen durch seinen Mund ins Wasser. Der Überbringer scheint währenddessen außerhalb der Wünsche zu stehen, als richte er nur eine Nachricht von zu Hause aus.

Am Anfang hat er tatsächlich keine Gegenleistung verlangt. Der gefangene Butt spricht, nennt sich einen verwunschenen Prinzen und bittet um Freilassung. Der Fischer lässt ihn zurück ins Wasser, ohne vorher über einen Preis zu verhandeln. Das ist sein eigener Entschluss. Weder braucht er einen Auftrag seiner Frau noch einen späteren Lohn, der die Tat erst wertvoll macht. Erst zurück in der armseligen, schmutzigen Behausung erzählt er seiner Frau von dem Wunder.

Sie fragt, warum er sich vom Zauberfisch nichts gewünscht habe. Sie lebten schon so lange elend; wenigstens ein ordentliches Häuschen hätten sie verlangen sollen. Er möchte nicht noch einmal hin. Vielleicht tue der Fisch es gar nicht, und überhaupt wolle er ihn nicht stören. Schließlich geht er doch, weil er nicht weiter mit ihr streiten möchte. Am Ufer hat das klare Wasser schon eine andere Farbe. Trotzdem spricht er den Wunsch aus, den sie ihm mitgegeben hat.

Das erste Häuschen ist nichts Schreckliches. Es ist sauber, hat Räume zum Leben und hinten einen kleinen Garten. Die Frau zeigt ihm alles. Auch ihm gefällt es; er meint, nun sollten sie zufrieden sein und hier bleiben. Kennt man die spätere Strafe, lässt sich leicht schon dieser Anfang verurteilen, als wären Arme mit dem ersten Wunsch nach besserem Wohnen falsch abgebogen. An dieser Stelle verbessert die Geschichte ihr Leben aber wirklich. Der Fischer transportiert nicht nur Reichtum für jemand anders, den er selbst überhaupt nicht bräuchte.

Der Unterschied zeigt sich danach. Nach einer Weile ist seiner Frau das Haus zu klein. Sie verlangt ein steinernes Schloss. Er widerspricht: Es sei doch schon gut, der Butt werde es vielleicht leid. Er hat Angst und will die Bitte nicht stellen. Er geht dennoch ans Meer. Auf die Frage des Fisches nennt er das Schloss. Daheim stehen das neue Haus, Garten, Diener und Einrichtung schon bereit, alles weitaus prächtiger als zuvor. Wieder bewundert er es und bittet seine Frau, diesmal nichts mehr zu verlangen.

In diesem Verhältnis bleibt sein Widerspruch ständig vorhanden, ohne den Weg der Wünsche zum Butt zu verändern. Er ist tatsächlich gegen jede weitere Steigerung und plant nicht insgeheim alles mit. Aber nach jedem Nein gehen seine Füße zum Meer, und die Forderung wird von ihm überbracht. Nur sein inneres Missfallen aufzuschreiben hieße, die tatsächliche Wirkung seines Handelns auszulassen. Nur auf die Ausführung am Ende zu schauen ließe dagegen verschwinden, dass er die Richtung seiner Frau nicht vollständig teilt.

Danach werden aus Häusern Herrschaftsstellungen. Die Frau will König sein. Er will es nicht, sagt er; dann werde eben sie König, erwidert sie. Bei seiner Rückkehr sitzt sie gekrönt auf einem Thron, von Gefolge und Pracht umgeben. Er glaubt, nun müsse es reichen. Sie will schon Kaiser sein. Mehr Gegenstände sind nicht länger die ganze Veränderung. Diejenige, die zu Hause Forderungen ausspricht, wird zu jemandem, der dem Widersprechenden Befehle geben kann.

Auch ihre Sprache wandelt sich. Zuvor ließ sich noch über die Größe eines Hauses streiten. Jetzt beruft sie sich auf ihre Herrschaft: Weil sie König sei, habe ihr Mann zu gehorchen und dürfe sich ihrem Willen nicht widersetzen. Die Magie hat nicht nur denselben Haushalt in ein größeres Haus versetzt. Sie hat auch das Rangverhältnis in ihrem Gespräch verändert. Das scheinbar gleiche »Geh und frag den Fisch« enthält immer mehr zugleich die Forderung einer Ehefrau und den Befehl eines Monarchen.

Darum dürfen nicht sämtliche Wege des Fischers dieselbe Schwäche heißen. Noch weniger dürfen wir behaupten, Entschlossenheit hätte ihm jederzeit ein gefahrloses Aufhören ermöglicht. Früh sind der Wunsch, Streit zu vermeiden, das Genießen wirklicher Verbesserungen und der Irrtum im Spiel, seine eigene Zufriedenheit werde auch ihre nächste Forderung beenden. Später treten Furcht und Zwang immer stärker hinzu. Wiederholt sich eine Bewegung, hat der Handelnde nicht notwendig jedes Mal denselben Spielraum.

Das Meer ist ebenfalls nicht bloß Kulisse. Die Farbe wird dunkler, Wellen steigen auf, und der Wind übertönt zunehmend die Rufe. Am Ende kämpfen Schiffe in den Wellen und rufen um Hilfe; der Sturm trifft Häuser und Bäume. Wie viel jeder einzelne Mensch verliert und wer die Katastrophen bewusst lenken könnte, erklärt die Geschichte nicht. Sie stellt aber immer wieder die Zufriedenheit im Schloss neben die Unruhe außerhalb. Zu Hause klingt ein Wunsch wie eine weitere Bitte. In der Welt verändert er mehr als das Zimmer der Bittenden.

Der Fischer sieht das und möchte umso weniger losgehen. Nicht jedes Urteil über Gefahr fehlt ihm. Doch jede neue Gefahr ängstigt ihn, ohne dass die Art, Wünsche weiterzureichen, wirklich aufhört. Mit »Das will nicht ich« bewahrt er eine innere Distanz; mit Füßen und Stimme setzt er die Bitte fort. Für die früheren Male zählt diese Distanz nicht als vollständige Unbeteiligtheit. Bei späteren, erzwungenen Handlungen hält sie zugleich ein Urteil fest, das er noch nicht ganz aufgegeben hat.

Beides muss nebeneinander stehen bleiben. Wer aus jeder Ausführung dieselbe Verantwortung wie bei seiner Frau folgert, verwischt die Unterschiede, die Befehle, Furcht und zunehmende Macht ausmachen. Wer dagegen meint, mit seinem inneren Nein habe er mit nichts Geschehenem zu tun, lässt frühes Nachgeben in noch möglichen Auseinandersetzungen, genossene Ergebnisse und wiederholte wirkliche Bitten verschwinden. Interessant ist nicht, am Ende jemanden zu finden, der die Schuld gleichmäßig mit der Frau teilt. Interessant ist, was derselbe ablehnende Satz in den verschiedenen Phasen jeweils schützt.

Auch der Butt hat am Anfang keine unbegrenzte Rückzahlung versprochen. Bei der Freilassung werden keine Bedingungen vereinbart. Später erfüllt er dennoch Bitte um Bitte. Die Frau macht aus der Rettung einen Grund, immer mehr zu fordern, und der Fisch lässt diesen Weg immer wieder gelingen. Das ist nicht die Erfüllung eines von jeher klaren Vertrags. Jeder neue Wunsch weitet die Beziehung aus, ohne dass jemand neu erklärt, wo Hilfe und Erwiderung enden sollen.

Warum erfüllt der Fisch alles bis zum letzten Rückzug? Einen vollständigen Erziehungsplan liefert das Märchen nicht. Wir wissen weder, ob er von Tag eins an die Menschen ans Ende des Begehrens führen wollte, noch, warum er nicht früher Nein sagt. Dieses Schweigen mit dem sorgsam geplanten Unterricht eines Allwissenden zu füllen würde alle Stürme und Ängste zum schon immer gerechtfertigten Lehrmaterial machen. Das Geschehen der Magie können wir im Märchen annehmen, ohne ihr sämtliche nicht genannten Gründe nachzuliefern.

Nach König und Kaiser will die Frau Papst werden. Selbst auf den höchsten weltlichen und religiösen Plätzen findet sie keinen ruhigen Schlaf. Am Morgen sieht sie die Sonne aufgehen und entdeckt, dass noch etwas nicht gehorcht: Sonne und Mond richten sich nicht nach ihrem Rang. Jetzt geht es nicht mehr darum, besser zu wohnen oder von mehr Menschen verehrt zu werden. Sie will wie Gott den Lauf der Welt bestimmen.

Diesmal fällt der Fischer auf die Knie und fleht sie an aufzuhören. Er weiß, wie weit die Forderung das frühere Häuschen überschreitet, und fürchtet ein schlimmes Ende. Sie gerät jedoch in Zorn, tritt und schlägt ihn und zwingt ihn, sofort ans Meer zu gehen. Bei der Frage nach seiner Verantwortung darf diese Handlung nicht beiläufig übersprungen werden. Erst die Schläge aus dem Märchen zu entfernen und ihm dann zu sagen, er hätte doch ablehnen können, würde unter dem Anspruch, Handeln sichtbar zu machen, dessen tatsächliche Lage wieder unsichtbar machen.

Im Sturm kann er kaum stehen. Trotzdem spricht er den vertrauten Ruf und nennt den Wunsch seiner Frau noch immer nicht seinen eigenen. Hier ist dieser Satz mehr als eine rhetorische Flucht aus Verantwortung. Ein bedrängter Mensch hält während der Befehlsausführung noch an einer Unterscheidung fest. Dass seine Stimme die Forderung aussprechen kann, macht sie nicht zum Leben, das er führen will. Die Stimme wird zur Übermittlung benutzt; innerlich ist damit nicht alles gebilligt.

Der Butt schickt ihn nur heim. Dort sitzt seine Frau wieder in der ersten armseligen Behausung; alle Veränderungen sind zurückgenommen. Eine Aussprache, eine Entschuldigung, Reue oder eine nun beständige Lebensordnung erzählt das Märchen nicht. Das Ende räumt den Reichtum ab. Es versichert uns nicht, dass das Verhältnis der wiederholten Forderungen und Ausführungen neu geordnet wäre.

Das ursprüngliche Häuschen darf deshalb nicht durch den letzten Verlust entwertet werden. Ein sauberes Bett, ein Raum zum Kochen und ein dichtes Dach sind keine kleine Ausgabe der späteren Verfügung über Sonne und Mond. Zwischen Wünschen verlaufen Grenzen. Gerade weil sich bestimmte Verbesserungen als erstrebenswert erkennen lassen, muss nicht jede weitere Forderung dieselbe Art von Bedürfnis sein. Und niemand muss Bedrängten mit »Man soll zufrieden sein« das ewige Bleiben im Elend vorschreiben.

Der Fischer hat einmal aus eigenem Entschluss einen Fisch freigelassen und sich wirklich über ein besseres Zuhause gefreut. Nicht von Anfang bis Ende ist er bloß ängstlich. Später tritt er immer wieder hinter »Ich will das nicht« zurück, während sein Handeln die steigenden Wünsche weiterträgt. Als er schließlich mit aller Kraft widerspricht, gibt es in der Beziehung schon Herrschaft und Schläge. Der gemeinsame Verlust am Ende erlaubt nicht den Rückschluss, beide hätten zu jeder Zeit dieselbe Entscheidungsmacht gehabt.

Seine Beteiligung zu sehen soll die Spannung zwischen innerem Nein und tatsächlichem Tun offenhalten. Den Druck zu sehen, unter dem er steht, soll verhindern, dass daraus eine schlichte Beschuldigung des Opfers wird. Jemand hat eine Forderung übermittelt; weiterhin müssen wir wissen, wer ihn geschickt hat, wie zuvor zugesagt wurde und ob er heute noch Nein sagen kann. Ohne solche Bedingungen schrumpft Verantwortung zum gleichmäßigen Verteilen der Folgen auf alle Anwesenden.

Die Rufe am Meer gleichen sich. Der Mann, der ans Meer geht, befindet sich aber längst nicht mehr in derselben Lage. Zuerst erbittet er ein Häuschen, um keinen Streit zu haben. Zuletzt geht er nach Schlägen in den Sturm. Diesen Wandel zu lesen bewahrt mehr als das Bild einer immer verlangenden Frau oder eines Mannes, der tapferer sein sollte. Dass Wünsche durch seinen Mund Wirklichkeit werden, macht sie nicht sämtlich zu seinen. Sein »Das will nicht ich« beantwortet aber ebenso wenig schon alles darüber, was er auf diesem Weg hätte tun können, was er getan und was er allmählich verloren hat.

Textgrundlagen

Unabhängig aus dem vollständigen chinesischen Essay für deutsche Leser neu geschrieben. Wirkliche erste Verbesserung, inneres Missfallen, tatsächliche Beteiligung und der wachsende Zwang werden auseinandergehalten. Das Ende verteilt keine stets gleiche Schuld auf beide und behauptet keine im Text nicht erzählte Aussprache. Die magischen Meeresszenen liefern keine erfundenen Schadenszahlen.

Hinweise zur Fassung

Textgrundlage ist Grimms siebte Ausgabe von 1857, Erzählung 19 »Von dem Fischer un syner Fru«, mit englischer Übersetzung samt Herkunftsangaben und niederdeutscher Transkription. Erhalten bleiben die zunächst bedingungslose Freilassung des Fisches, die verbesserte Wohnung, die Reihenfolge König–Kaiser–Papst, die Berufung der Frau auf ihre Herrschaft und das Treten und Schlagen am Ende, das veränderte Meer und die Rückkehr an den ersten Ort. Das Wort für die ursprüngliche Behausung wird unterschiedlich übersetzt; hier steht eine allgemeine Bezeichnung. Weder ein Erziehungsplan des Fisches noch Zahlen zu Toten und Verletzten im Sturm oder spätere Reue der Eheleute werden ergänzt.