Strukturen in Märchen · 23
Gretel öffnet Hänsels Käfig: Wer einmal Schutz brauchte, muss nicht immer warten
Kiesel, Knochen und Ofentür gehören zu verschiedenen Gefahren. Hilfe kann die Richtung wechseln, ohne den früheren Schutz oder die früheren Tränen zu entwerten.
Gretel läuft zur Käfigtür und ruft ihren Bruder heraus. Die Hexe kann die beiden nicht mehr greifen. Als die Tür offen ist, springt Hänsel wie ein freigelassener Vogel hervor. Sie fallen einander in die Arme, hüpfen vor Freude und küssen sich. Bis hierhin hat meist der Bruder die Schwester beruhigt und ihr versprochen, er werde einen Ausweg finden. Nun ist es die Schwester, die ihn freilässt.
Dieser Wechsel braucht in »Hänsel und Gretel« keine feierliche Erklärung. Gretel verkündet nicht zuerst, sie sei jetzt mutig. Hänsel hält keine Rede über die Übergabe seiner führenden Stellung. Die Hexe hat beide in unterschiedliche Lagen gebracht; damit verändert sich, was jeder tun kann. Wer einmal von einem anderen geschützt worden ist, verliert dadurch nicht die spätere Möglichkeit, eine Gefahr zu erkennen, einen Einfall zu haben und eine Käfigtür zu öffnen.
Am Anfang ist es tatsächlich der Bruder, der sich etwas überlegt. Im Haus herrscht Hungersnot. Nachts beraten die Erwachsenen, wie das Essen reichen könnte. Der Vater will die Kinder nicht im Wald aussetzen und gibt dem Vorschlag seiner Frau dennoch nach. Die Geschwister hören alles im Bett. Die Schwester weint, der Bruder sagt, sie solle sich nicht fürchten. Im Mondlicht schleicht er hinaus, sammelt weiße Kiesel und steckt sie ein, um am nächsten Tag einen Rückweg zu hinterlassen.
Man führt die beiden in den Wald. Am Feuer warten sie vergeblich auf die Rückkehr des Vaters. Als der Mond die Kiesel beleuchtet, nimmt Hänsel Gretel bei der Hand und geht die Spur zurück. Der Plan funktioniert wirklich und gibt seinen tröstenden Worten Halt. Dass sie nicht zuerst auf die Lösung gekommen ist, muss die Schwester nicht beschämen. Das Können des Bruders bringt beide heim. Schutz anzunehmen ist hier etwas Gutes, kein Fehler, den man später durch den Beweis tilgen müsste, nie Hilfe gebraucht zu haben.
Beim zweiten Mal sind die Bedingungen anders. Vor dem Aufbruch ist die Tür verschlossen. Hänsel kann keine Kiesel holen und zerbröselt stattdessen den ihm zugeteilten Brotrest entlang des Wegs. Er hat die vorige Erfahrung nicht vergessen; unter engeren Möglichkeiten nutzt er anderes greifbares Material. Doch die Vögel fressen die Krumen. Als die Kinder heimgehen müssten, ist auf dem Boden nichts mehr, das ihnen den Weg zeigen könnte.
Ein Erfolg hat ihm keine Fähigkeit gegeben, alle Zukunft zu garantieren. Ein Scheitern beweist ebenso wenig, dass das vorige Vertrauen töricht war. Kiesel bleiben liegen, Brot kann gefressen werden: Die Materialien stehen unter verschiedenen Bedingungen. Die Geschichte verlangt nicht, dass der Bruder seit seinem ersten »Hab keine Angst« nie wieder auf ein Problem stoßen dürfe, das auch er nicht lösen kann. Gemeinsam verirrt zu sein heißt nicht, dass einer vom Helfer zum nutzlosen Menschen herabgesunken wäre.
Hungrig und müde wandern sie lange durch den Wald und finden schließlich ein essbares Haus. Die Wände sind aus Brot, das Dach aus Kuchen und die Fenster aus Zucker. Der Hunger lässt sie erst das Essen kosten, bevor sie die Bewohnerin sehen. Die alte Frau bittet sie herein, gibt ihnen zu essen und richtet bequeme Betten. Das väterliche Haus hat sie aus Nahrungsmangel fortgeschickt. Nun verspricht das Haus einer Fremden unvermittelt Essen und sicheren Schlaf.
Diese Fürsorge dient jedoch einem anderen Zweck. Die Alte ist eine kinderfressende Hexe. Sie sperrt den Bruder im Häuschen in einen Käfig und zwingt die Schwester zur Arbeit. Hänsel bekommt reichlich Nahrung, Gretel viel weniger und Schlechteres. An der Menge des Essens allein lässt sich nicht ablesen, wem es besser ergeht. Die Hexe will den Bruder mästen und nimmt für dasselbe Vorhaben die Arbeit der Schwester in Anspruch. Fülle und Mangel dienen einem Plan. Beide Kinder sind nicht als Menschen um ihrer selbst willen geschätzt.
Auch im Käfig hört Hänsel nicht auf, sich etwas einfallen zu lassen. Die Hexe sieht schlecht und will an seinem Finger fühlen, ob er schon fett genug ist. Er streckt ihr einen dünnen Knochen entgegen. Tag für Tag glaubt sie, er bleibe mager, und wundert sich, wohin das Essen verschwinde. Dieser Trick öffnet die Tür nicht, gewinnt aber wirklich Zeit. Wenn später die Schwester rettet, braucht deshalb die vorherige Wartezeit nicht so erzählt zu werden, als hätte der Bruder nie etwas getan.
Schließlich verliert die Hexe die Geduld. Sie will nicht länger auf den fetteren Hänsel warten und lässt Gretel den Backofen herrichten. Auch die Schwester soll hinein; unter dem Vorwand, die Hitze zu prüfen, fordert die Hexe sie zum Hineinkriechen auf. Gretel versteht, wohin das führt, sagt aber nicht offen, dass sie den Plan durchschaut. Sie stellt sich unwissend: Wie solle sie hineinkommen? Die Hexe schilt sie dumm und steckt selbst den Kopf hinein, um es zu zeigen. Gretel schiebt sie hinein und schließt die Ofentür.
Diese Handlung geschieht unter der unmittelbaren Bedrohung, getötet zu werden. Sie erlaubt nicht jedem von Erwachsenen gescholtenen Kind, eine Beziehung gewaltsam zu lösen. Auch muss sie keine lange vorbereitete Rache sein. Vor Gretel steht eine Hexe, die ihren Bruder gefangen hält und beide essen will. Erst sichert sie das eigene Überleben, dann läuft sie zum Käfig, um den herauszulassen, der sie zuvor geschützt hat.
Sie urteilt nicht erst, nachdem jede Angst verschwunden wäre. Sie hat geweint, sich vom Bruder trösten lassen und im Hexenhaus lange Furcht ausgehalten. All das hindert sie nicht, die Ofenfalle zu erkennen. Angst zu haben und handeln zu können sind keine zwei Rollen, von denen erst die eine beendet sein muss, bevor die andere möglich wird. Um in einem bestimmten Augenblick etwas Wichtiges zu tun, braucht niemand erst der Märchenheld zu werden, der nie mehr weint.
Die Tat der Schwester sichtbar zu machen verlangt auch keine neue Rangliste: In Wahrheit sei sie immer die Tapferste gewesen, der Bruder habe nur zuerst den Platz besetzt. Damit suchte man noch immer eine endgültige Antwort darauf, wer wen beschützt. Kiesel, Knochen und Ofentür gehören zu unterschiedlichen Schwierigkeiten. Die Person, die sie löst, muss nicht immer dieselbe sein. Neu ist, dass beide helfen können, wenn die Lage es zulässt, nicht dass nun endlich der für immer Stärkere gefunden wäre.
Als Hänsel aus dem Käfig springt, deutet er seine Rettung nicht als Schande. Gleich lässt die Geschichte die beiden einander umarmen und sich freuen; dann suchen sie Perlen und Edelsteine zum Mitnehmen. Früher führte der Bruder sie heim, jetzt lässt sie ihn frei. In der Freude über die gemeinsame Rettung löschen die zwei Richtungen einander nicht aus. Hilfe wird weder ein Vorteil, der sogleich zurückgefordert werden müsste, noch eine Schuld, die den Empfänger für immer zum Nachfolgenden macht.
Der Reichtum im Haus zeigt aber keinen Weg. Nach dem Verlassen des Hexenhauses müssen sie noch immer durch den Wald und zum Vater finden. An einem Gewässer gibt es weder Brücke noch Steine zum Hinübertreten. Sie sehen eine weiße Ente. Gretel ruft sie und bittet um Hilfe beim Übersetzen. Heimkommen braucht erneut die Beteiligung eines anderen Lebens. Die gerade gewonnenen Edelsteine allein genügen nicht.
Hänsel setzt sich auf den Entenrücken und ruft die Schwester dazu. Gretel wendet ein, für die Ente wären zwei auf einmal zu schwer. Sie sollten getrennt fahren. Also schwimmt die Ente hin und her und setzt beide nacheinander über. Nach der besiegten Hexe wirkt diese kurze Szene fast leicht. Wieder urteilt darin aber die Schwester: Es geht nicht darum, wer mit mehr Nachdruck spricht, sondern welche Vorgehensweise alle sicher weiterkommen lässt.
Ihren Wunsch heimzukommen verändert sie nicht, nur die Art, ihn umzusetzen. Auch als Wartende, die selbst Hilfe braucht, vergisst sie nicht, was die Helferin tragen muss. Dass die Ente kommen will, verpflichtet sie nicht, das ganze Gewicht auf einmal zu übernehmen. Für Kinder, die gerade einem Haus entkommen sind, in dem man sie fütterte und benutzte, liegt darin ein stiller Unterschied. Hilfe kann gelingen, ohne das helfende Leben lediglich als brauchbare Kraft anzusehen.
Man muss daraus kein vollkommenes Regelwerk Gretels machen. Sie bemerkt nur die Beziehung dieser zwei Kinder zu dieser einen Ente und schlägt zwei Fahrten vor. Gerade so wird Rücksicht ausführbar. Sie schafft nicht zunächst ihr eigenes Bedürfnis ab und verspricht nicht, nie wieder jemanden zu belasten. Während ein Bedürfnis tatsächlich besteht, schaut sie vielmehr, ob es eine Möglichkeit mit weniger Last gibt.
Am anderen Ufer wird der Wald vertrauter. Die Geschwister laufen und sehen endlich das Haus. Seit dem Zurücklassen der Kinder hat der Vater keine ruhige Stunde gehabt; nun schließt er sie in die Arme. Seine Frau ist inzwischen gestorben. Die Todesursache nennt die Geschichte nicht. Die Kinder schütten Perlen und Edelsteine aus, der Hunger ist vorbei, und die Familie lebt wieder zusammen. Diese Freude darf gelten. Um Verantwortung zu benennen, müssen wir den Geschwistern kein Ende auferlegen, an dem sie lebenslang nicht heimkommen dürfen.
Das vorherige Mitwirken des Vaters am Aussetzen wird durch seine jetzige Reue nicht ungeschehen. Dennoch muss diese Lektüre den Blick nicht wieder ganz darauf richten, ob die Erwachsenen hinreichend bestraft worden sind. Nach dem Verlust erwachsenen Schutzes haben die Kinder eine weitere Beziehung entwickelt, die vollständig gesehen werden sollte. Sie nur als Opfer zu benutzen, welche die Grausamkeit ihrer Eltern bezeugen, ließe auch aus, was sie im Wald und im Haus tatsächlich getan haben.
Das Ziel ihrer Entwicklung muss nicht heißen, niemanden mehr zu brauchen. Hänsel braucht die Schwester zum Öffnen der Tür, sie hat den Bruder für den Rückweg gebraucht, und beide brauchen die Ente zum Überqueren. Wachsende Fähigkeiten entfernen Hilfe nicht aus dem Leben. Sie machen nur deren Richtung weniger festgelegt. Früher Hilfe empfangen zu haben setzt keine Obergrenze dafür, was man später geben kann.
Aus der geöffneten Tür springt der Bruder wie ein Vogel. Dieses Bild beschädigt weder die mondhelle Nacht der wegweisenden Kiesel noch erklärt es die früheren Tränen der Schwester für überflüssig. Beide haben wirklich Angst gehabt und wirklich nachgedacht. Beide haben dann die Hand ausgestreckt, als sie etwas tun konnten. Ihre Heimkehr gelingt nicht nur, weil sie endlich tapfer genug sind. Sie gelingt auch, weil der eine nicht ewig auf dem Platz des Beschützers und die andere nicht ewig im Warten bleiben muss.
Textgrundlagen
Eigenständige deutsche Leserfassung auf Grundlage des gesamten chinesischen Essays. Der Wechsel zwischen Schützen und Geschütztwerden bleibt ebenso erhalten wie konkrete Angst, Denken und fremde Hilfe. Die unmittelbare Lebensgefahr im Hexenhaus ist keine allgemeine Erlaubnis zu Gewalt; das glückliche Heimkommen macht die frühere Beteiligung des Vaters nicht ungeschehen.
Hinweise zur Fassung
Die Grundlage ist Grimms siebte Ausgabe von 1857, Erzählung 15 »Hänsel und Grethel«, unter Heranziehung der deutschen Transkription und der englischen Übersetzung derselben Fassung. Erhalten bleiben der Widerstand des Vaters samt seinem anschließenden Mitwirken, Kiesel und Brotkrumen, das Verzögern durch den Knochen, Gretels Erkennen der Ofenfalle und die Rettung, die zwei Entenfahrten sowie die Heimkehr und das Ende der Armut. Warum die Stiefmutter gestorben ist, wird nicht erzählt und nicht als Rache der Kinder ergänzt. Die Überfahrt gehört allein zur Märchenwelt und liefert keine Aussage über die Tragfähigkeit wirklicher Tiere.