Fünfter Essay: Die Frühlings- und Herbstzeit – Der Himmelssohn ist noch da, das Konstrukt längst leer
Im Jahr 770 v. Chr. zog König Ping von Zhou, von den Lehnsfürsten eskortiert, aus Haojing nach Osten, nach Luoyi. Politisch bedeutete dieser Ortswechsel weit mehr als geografisch: Der Himmelssohn verfügte fortan über…
Im Jahr 770 v. Chr. zog König Ping von Zhou, von den Lehnsfürsten eskortiert, aus Haojing nach Osten, nach Luoyi. Politisch bedeutete dieser Ortswechsel weit mehr als geografisch: Der Himmelssohn verfügte fortan über keine eigenständige Streitmacht mehr, beherrschte nicht mehr die fruchtbaren Ländereien um die alten Hauptstädte Feng und Hao und stand auch nicht mehr als tatsächlicher Schiedsrichter über den Fürsten. Himmelssohn war er noch immer. Doch an jenem Tag begann der Goldgehalt dieses Titels unwiderruflich zu sinken.
Das Wesen der Frühlings- und Herbstzeit, nach traditioneller Einteilung von 770 bis 476 v. Chr., liegt nicht darin, dass ein neues Konstrukt an die Stelle des alten trat. Es liegt in der langsamen Aushöhlung des alten. Das System des Herzogs von Zhou wurde weder in einem Krieg zerschlagen noch durch eine Revolution gestürzt. Es verdunstete von innen heraus. Die Formen blieben: der Himmelssohn in Luoyi, die Fürsten bei Hofe, wenn auch immer seltener, die Riten in Gebrauch, wenn auch immer stärker entstellt. Doch unter diesen Formen trocknete die Substanz still und leise aus.
Diese Todesart verdient eine genauere Untersuchung als eine gewaltsame Vernichtung. Wird ein Konstrukt gewaltsam vernichtet, ist es auf eine stärkere äußere Kraft gestoßen. Wird es langsam ausgehöhlt, hat sein eigener Rest es von innen aufgezehrt. Die Frühlings- und Herbstzeit erzählt keinen Mordfall. Sie erzählt einen natürlichen Tod. Auch ein natürlicher Tod verlangt nach einer Obduktion.
I. Der Zug nach Osten – Der Schwerpunkt des Konstrukts verlagert sich
König Pings Zug nach Osten war mehr als ein geografisches Ereignis. Er veränderte die räumliche Anordnung des gesamten Machtsystems.
Die Westlichen Zhou waren strahlenförmig organisiert: Der Himmelssohn saß im Zentrum, in Haojing, die Fürsten ringsherum; die Macht strahlte von der Mitte nach außen. Der Himmelssohn beherrschte die Guanzhong-Ebene, das Stammland der Zhou. Ihm unterstanden eigene Truppen, die sechs Heere, und er verfügte über reiche materielle Ressourcen. Das Machtgefälle zwischen ihm und den Fürsten war im System verankert. Er war nicht bloß dem Namen nach die höchste Autorität. Er war tatsächlich der Stärkste.
Nach dem Umzug war diese Anordnung grundlegend verändert. Luoyi war eine symbolische Hauptstadt mit einem winzigen kontrollierbaren Umland. Das unmittelbare Herrschaftsgebiet des Himmelssohns schrumpfte von den tausend Li weiten Ländereien in Guanzhong auf ein Fleckchen Erde um Luoyi mit einer Ausdehnung von wenigen hundert Li. Und selbst dieses Stück wurde fortwährend angeknabbert. Die sechs Heere waren zerschlagen; für ihren Wiederaufbau fehlten die Mittel. Die Einnahmequellen versiegten zum großen Teil.
Die Fürstentümer dagegen waren unter der Lehnsordnung in mehr als zweihundert Jahren groß geworden. Qi kontrollierte die Salz- und Eisenvorkommen der Shandong-Halbinsel, Jin die strategischen Schlüsselstellen am Mittellauf des Gelben Flusses. Chu war nach Süden ins Jangtsegebiet vorgedrungen, Qin hatte die alten Gebiete der Westlichen Zhou übernommen. Nach Bevölkerung, Heeresstärke und Wirtschaftsleistung waren diese Großmächte dem Königshaus längst weit überlegen.
Aus „einem starken Zentrum und mehreren schwachen Rändern“ waren „ein schwaches Zentrum und mehrere starke Ränder“ geworden. Die Mitte existierte noch. Nur war sie inzwischen der schwächste Knoten im ganzen System.
Das ist ein höchst eigentümlicher Machtaufbau: Wer dem Namen nach über allen steht, ist in Wirklichkeit am schwächsten. Name und Wirklichkeit fallen auseinander. Das geschah nicht über Nacht; schon gegen Ende der Westlichen Zhou hatte es sich abgezeichnet. Der Zug nach Osten schrieb es jedoch fest. Die folgenden zweihundertneunzig Jahre der Frühlings- und Herbstgeschichte lassen sich im Wesentlichen als ein Kräftespiel beschreiben, in dem sämtliche Beteiligten mit dieser Trennung von Name und Wirklichkeit operierten.
II. Die Hegemonie – Ein Ersatz für das Konstrukt
Der Himmelssohn der Zhou besaß nicht mehr die Macht, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Aber irgendjemand musste es tun. Ein zwischenstaatliches System kann nicht auf Dauer ohne übergeordnete Ordnung auskommen, jedenfalls nicht unter den damaligen Bedingungen: Die umliegenden „Barbaren“, die Rong und Di sowie Chu im Süden, bedrohten die Staaten der Zentralebene fortwährend. Eine ungeordnete Zentralebene konnte ihre Kräfte nicht wirksam mobilisieren und war gegenüber äußeren Bedrohungen äußerst verwundbar.
In diesem Vakuum entstand das System der Hegemonen.
Herzog Huan von Qi war der erste Hegemon. Er übernahm, was der Himmelssohn hätte tun sollen, aber nicht mehr konnte: Er rief die Fürsten zu Bündnisversammlungen zusammen, organisierte gemeinsame Feldzüge und schlichtete Streitigkeiten zwischen den Staaten. Seine Losung lautete: „Den König ehren, die Barbaren abwehren.“ Die nominelle Autorität des Zhou-Himmelssohns achten, die tatsächliche Bedrohung durch die Barbaren abwehren.
Schon diese Losung war ein präzise gefertigtes Stück politischer Sprache. „Den König ehren“ hieß keineswegs, die tatsächliche Macht des Himmelssohns wiederherzustellen. Es hieß, sich seines Namens zu bedienen, um das eigene Handeln zu legitimieren. Mit welchem Recht rufst du, Herzog Huan von Qi, die Fürsten zusammen? Mit welchem Recht entscheidest du für uns alle? Der Himmelssohn ist zu schwach, also trete ich an seiner Stelle auf. Die nominelle Autorität des Himmelssohns wurde zum Berechtigungsschein des Hegemonen.
„Die Barbaren abwehren“ lieferte dazu eine Legitimation durch praktischen Nutzen: Ich führe nicht bloß die Flagge des Himmelssohns vor, ich tue tatsächlich etwas Nützliches. Ich organisiere unsere gemeinsame Abwehr äußerer Feinde. Was der bloße Name nicht mehr hergab, ergänzte die Leistung.
Aus der Perspektive des Konstrukts war die Hegemonie kein neues Konstrukt. Sie war ein vorläufiger Ersatz, ein Flicken am System: Wenn das ursprüngliche System versagte, hielt sie dessen Grundfunktionen in Gang, ohne seinen Bauplan zu verändern.
Die Hegemonie hatte kein eigenes institutionelles Fundament. Sie hing vollständig von der persönlichen Macht und dem Ansehen des Hegemonen ab. Solange Herzog Huan lebte, funktionierte das Gefüge. Nach seinem Tod stritten fünf Söhne um den Thron, Qi versank in inneren Kämpfen, und seine Vorherrschaft brach umgehend zusammen. Guan Zhong hatte zwar Qis innere Ordnung reformiert, mit der Trennung der vier Berufsgruppen und der gesonderten Verwaltung von Hauptstadt und ländlichem Umland. Doch diese Reformen wirkten nur innerhalb Qis. Sie ließen sich nicht auf die zwischenstaatliche Ordnung übertragen.
Herzog Wen von Jin übernahm die Hegemonie. Jins Vorherrschaft hielt danach mehr als hundert Jahre und damit länger als die Qis. Das lag nicht daran, dass Jins einzelne Herrscher Herzog Huan überlegen gewesen wären. Jin hatte vielmehr einen Mechanismus entwickelt, der die Hegemonie zumindest teilweise institutionalisierte: das System der sechs Ministergeschlechter. Militärische und politische Entscheidungen hingen nicht allein vom Fürsten ab, sondern wurden von sechs mächtigen Adelsgeschlechtern gemeinsam getroffen. So erhielt Jins Hegemonie eine gewisse institutionelle Substanz. Sie musste nicht mit dem Tod eines Herrschers sofort zusammenbrechen.
Doch gerade diese sechs Ministergeschlechter wurden später zu Jins tödlichem Rest: Sie wuchsen dem Fürsten über den Kopf, und am Ende teilten drei von ihnen Jin unter sich auf. Der Hegemon hatte die Geschlechter benutzt, um seine Vorherrschaft zu institutionalisieren. Die Geschlechter institutionalisierten schließlich ihre eigene Unabhängigkeit. Aus der Lösung wurde das nächste Problem. Wieder einmal: Erhaltung des Rests.
III. Riten und Musik zerfallen – Wie die Substanz verdunstet
Die vier chinesischen Schriftzeichen für den „Verfall der Riten und Zusammenbruch der Musik“ sind so oft wiederholt worden, dass kaum noch etwas Konkretes an ihnen haftet. Wer diesen Vorgang verstehen will, muss die Einzelheiten betrachten.
Die erste Schicht verdunstet: Anmaßung wird zur Normalität.
Nach den Riten der Zhou standen dem Himmelssohn acht Tänzerreihen zu, einem Lehnsfürsten sechs und einem hohen Würdenträger vier. Das Geschlecht Ji in Lu, dessen Oberhaupt den Rang eines solchen Würdenträgers bekleidete, ließ im eigenen Haus acht Reihen auftreten. Konfuzius empörte sich: „Acht Reihen tanzen in seinem Hof! Wenn man das dulden kann, was könnte man dann nicht dulden?“
Konfuzius' Zorn war aufrichtig. Aber gerade sein Zorn zeigte, dass die Anmaßung bereits Wirklichkeit geworden war. Die Ji wagten sich nicht deshalb an die acht Reihen, weil sie die Regeln nicht kannten. Es gab einfach niemanden mehr, der die Regeln durchsetzte. Wer sollte sie bestrafen? Der Fürst von Lu? Den hatten die Ji selbst entmachtet. Der Himmelssohn der Zhou? Der bekam bald nicht einmal mehr das Geld für seinen eigenen Lebensunterhalt zusammen.
Bleibt eine Anmaßung ohne Folgen, wird aus der Ausnahme ein Präzedenzfall. Häufen sich die Präzedenzfälle, entsteht eine neue Normalität. Wenn alle hohen Würdenträger sechs oder gar acht Reihen aufstellen, erscheint es plötzlich als Nachteil, sich mit vier zu begnügen. Auf Anmaßung zu verzichten ist dann keine Tugend mehr, sondern ein Zeichen der Schwäche. Die Logik der Riten hat sich völlig umgekehrt: Einst bezeugte ihre Einhaltung hohen Rang. Nun bezeugt sie Ohnmacht.
Die zweite Schicht verdunstet: Die Hofbesuche bleiben aus.
Die regelmäßige Huldigung der Fürsten beim Himmelssohn gehörte zu den Kernritualen der Lehnsordnung. Sie war mehr als eine Veranstaltung fürs Prestige. Mit ihr bestätigten die Fürsten ihr Untertanenverhältnis; die Machthierarchie wurde im Ritual immer wieder neu hergestellt.
In der Frühlings- und Herbstzeit ging die Häufigkeit dieser Besuche drastisch zurück. Lu hielt die Zhou-Riten unter allen Fürstentümern am treuesten in Ehren: Es war das Lehen des Herzogs von Zhou und hatte die Riten am vollständigsten bewahrt. Doch selbst die Herrscher von Lu besuchten den Himmelssohn im mittleren und späteren Teil der Epoche so gut wie gar nicht mehr. Von den anderen Staaten ganz zu schweigen.
Die Fürsten waren nicht einfach unhöflich geworden. Die Kosten-Nutzen-Rechnung hatte sich verändert. Eine Reise zur Huldigung nach Luoyi kostete Zeit und Mittel und brachte lediglich eine formelle Anerkennung ein. Diese Anerkennung war im tatsächlichen politischen Kräftespiel immer weniger wert. Wenn Qi andere Staaten mit militärischer Stärke zum Gehorsam zwingen konnte, warum sollte es dann noch nach Luoyi reisen und sich die Anerkennung des Himmelssohns holen?
Dass die Rituale aufhörten, war eine Folge, keine Ursache. Ein Ritual inszeniert Machtverhältnisse. Sobald sich die zugrunde liegenden Verhältnisse verändert haben, sobald der Himmelssohn nicht mehr der Stärkste ist, verliert die Aufführung ihre Überzeugungskraft. Niemand möchte Zeit und Geld in eine Vorstellung stecken, von der alle wissen, dass sie bloßer Schein ist.
Die dritte Schicht verdunstet: Jeder führt seine eigenen Kriege.
Nach den Zhou-Riten bedurften Kriege zwischen den Fürsten der Ermächtigung oder Schlichtung durch den Himmelssohn. „Riten, Musik und Strafexpeditionen gehen vom Himmelssohn aus.“ So sah das Ideal aus.
In der Frühlings- und Herbstzeit gingen „Riten, Musik und Strafexpeditionen von den Fürsten aus“. Konfuzius meinte das als Vorwurf, aber es beschrieb die Wirklichkeit. Die Fürsten führten ihre Kriege ohne die geringste Zustimmung des Himmelssohns, und auch deren Ausgang legten sie ihm nicht zur Entscheidung vor. Aus dem Schiedsrichter wurde ein Zuschauer. Nicht einmal das: Von manchen Kriegen erfuhr er überhaupt nichts.
Gegen Ende der Epoche ging es noch weiter: Nun gingen „Riten, Musik und Strafexpeditionen von den hohen Würdenträgern aus“. Nicht nur die Fürsten hörten nicht mehr auf den Himmelssohn. Auch ihre Minister und Würdenträger hörten nicht mehr auf sie. In Lu entmachteten die drei Huan-Geschlechter, Mengsun, Shusun und Jisun, den Landesfürsten. In Jin kontrollierten die sechs Ministergeschlechter faktisch Militär und Außenpolitik. Die tatsächliche Macht wanderte immer weiter nach unten: vom Himmelssohn zu den Fürsten, von den Fürsten zu den Würdenträgern, von diesen zu ihren Hausbeamten.
Konfuzius sah drei Stufen dieses Absinkens. Seine Beschreibung ist von größter Präzision: „Herrscht der rechte Weg unter dem Himmel, so gehen Riten, Musik und Strafexpeditionen vom Himmelssohn aus. Herrscht der rechte Weg nicht, so gehen sie von den Fürsten aus. Gehen sie von den Fürsten aus, dauert es selten länger als zehn Generationen, bis diese ihre Macht verlieren; gehen sie von den hohen Würdenträgern aus, selten länger als fünf. Bestimmen die Diener der Diener über das Schicksal eines Staates, behalten sie die Macht selten länger als drei Generationen.“
Das ist mehr als eine moralische Anklage. Darin steckt eine strukturelle Einsicht: Die Macht sank immer schneller ab. Vom Himmelssohn zu den Fürsten brauchte sie ungefähr zehn Generationen, die gesamte Zeit der Westlichen Zhou. Von den Fürsten zu den Würdenträgern waren es etwa fünf, die frühe und mittlere Frühlings- und Herbstzeit. Von den Würdenträgern zu den Hausbeamten noch etwa drei, die späte Frühlings- und Herbstzeit. Die Beschleunigung nahm zu.
Warum beschleunigte sich der Vorgang? Weil jede Stufe nach unten den institutionellen Schutz der Macht verringerte. Die Macht des Himmelssohns war durch eine ganze Riten- und Musikordnung geschützt; sie wurde nur langsam abgetragen. Die Fürsten waren schwächer geschützt: Ihr Rang bezog seine Legitimität aus der Belehnung durch den Himmelssohn, und mit dessen Entwertung verlor auch die Belehnung an Wert. Ihre Macht wurde also etwas schneller abgetragen. Die Würdenträger waren noch schwächer geschützt, bei ihnen ging es noch schneller. Jede Schutzschicht war dünner als die darüber. Entsprechend brauchte es immer weniger Zeit, sie zu durchbrechen.
IV. Herzog Zhuang von Zheng – Der erste offene Herausforderer des Himmelssohns
Sucht man eine Gestalt, an der sich der Beginn des Zerfalls der Riten- und Musikordnung festmachen lässt, ist Herzog Zhuang von Zheng die naheliegendste Wahl.
Zheng war ein ungewöhnliches Fürstentum. Es war erst gegen Ende der Westlichen Zhou als Lehen vergeben worden und lag im heutigen zentralen Henan, ganz in der Nähe von Luoyi. Diese Nähe zum Himmelssohn brachte es mit sich, dass die Herrscher von Zheng über Generationen hinweg als führende Minister am Zhou-Hof dienten, ungefähr als oberste Verwaltungschefs des Himmelssohns. Zheng hatte damit eine doppelte Stellung: eigenständiges Fürstentum und zugleich unmittelbar im Dienst des Königshauses.
Herzog Zhuang von Zheng, der von 743 bis 701 v. Chr. regierte, war ein tatkräftiger, ehrgeiziger Politiker. Zunächst schlug er im eigenen Land den Aufstand seines jüngeren Bruders Gongshu Duan nieder. Schon dieser Aufstand war ein klassischer Nachfolgestreit zwischen älterem und jüngerem Sohn: Zhuangs Mutter bevorzugte den jüngeren Sohn und wollte den älteren zugunsten des jüngeren absetzen lassen. Die Struktur entsprach genau der Entscheidung König Yous einige Jahrzehnte zuvor, den Sohn der Hauptgemahlin durch den einer Nebenfrau zu ersetzen, nur spielte sich der Konflikt diesmal in einem Fürstentum ab. Zheng führte den inneren Streit des Zhou-Königshauses im kleineren Maßstab noch einmal auf. Das verriet keine bloße persönliche Vorliebe eines einzelnen Herrschers, sondern einen systemischen Riss in der patrilinearen Sippenordnung unter dem Druck menschlicher Neigungen. Nachdem Zhuang den Aufstand niedergeschlagen hatte, richtete er seinen Blick nach außen.
Zwischen Zhuang und König Huan von Zhou kam es zum Konflikt. Der konkrete Anlass: Zhuang erschien nicht mehr zur Huldigung, und König Huan wollte ihn dafür bestrafen. Bei Xuge trafen die Heere aufeinander. Das Heer des Himmelssohns erlitt eine schwere Niederlage, und ein Pfeil traf König Huan selbst in die Schulter.
Dieser Pfeil durchbohrte mehr als Huans Schulter. Er durchbohrte eine politische Illusion, die sich über zweihundert Jahre gehalten hatte: den Glauben, der Himmelssohn sei unangreifbar.
Man beachte, wie Zhuang sich nach der Schlacht verhielt. Er setzte dem geschlagenen Gegner nicht nach, fiel nicht in das Gebiet des Königshauses ein und prahlte nicht einmal sonderlich mit seinem Sieg. Stattdessen schickte er jemanden, der dem verwundeten Himmelssohn in aller Ehrerbietung sein „Mitgefühl“ aussprach. Die Botschaft seines Verhaltens war eindeutig: Deinen nominellen Rang bestreite ich nicht. Aber begreife, dass deine tatsächliche Autorität mir gegenüber nichts ausrichtet. Dir der Name, mir die Wirklichkeit.
Das war die Grundregel der Politik dieser Epoche. Niemand bestritt öffentlich die Legitimität des Zhou-Himmelssohns; der moralische Preis wäre zu hoch gewesen. Im praktischen Handeln jedoch setzten sich alle darüber hinweg. Name und Wirklichkeit waren vollständig getrennt. Der Himmelssohn war zum Warenzeichen geworden. Die Marke bestand fort, die Firma war bereits bankrott.
Zhuang von Zheng hatte den Anfang gemacht. Herzog Huan von Qi, Herzog Wen von Jin und König Zhuang von Chu wiederholten später nur dieselbe Logik in größerem Maßstab. Huans „Den König ehren, die Barbaren abwehren“, Wens Bündnis von Jiantu, Zhuangs Frage nach dem Gewicht der königlichen Dreifußgefäße: Die Mittel unterschieden sich, die Struktur war dieselbe. Man lieh sich den Namen des Himmelssohns, um seine tatsächliche Macht auszuüben. Je mehr sich die anderen liehen, desto weniger blieb ihm selbst.
V. Chu – Die Herausforderung von außerhalb des Konstrukts
Eine weitere entscheidende Größe in der Frühlings- und Herbstzeit war Chu.
Chu gehörte zur Lehnsordnung der Zhou, lag aber an deren äußerstem Rand. Yu Xiong, der Ahnherr der Chu, hatte König Wen als Lehrer gedient. Unter König Cheng wurde Xiong Yi mit Chu belehnt, und zwar im Rang eines Zi, eines Vizegrafen: die vierte der fünf Adelsstufen, eine äußerst niedrige Stellung. Für einen Staat, dessen Gebiet und Macht schon zu Beginn der Frühlings- und Herbstzeit die meisten Fürstentümer der Zentralebene übertrafen, war das ein groteskes Missverhältnis.
Als Xiong Tong, der spätere König Wu von Chu, den Thron bestieg, war Chu bereits die stärkste Macht im Süden. Über den Staat Sui ließ er beim Zhou-Königshaus um eine Rangerhöhung bitten. Eine durchaus vernünftige Forderung: Nach der Logik der Zhou-Riten sollten Rang, Macht, Verdienste und Umfang des Herrschaftsgebiets ungefähr zusammenpassen. Das Königshaus lehnte ab.
Der Grund für die Ablehnung ist leicht zu verstehen. Ließe man Chu aufsteigen, wäre eine Bresche in die gesamte fünfstufige Adelsordnung geschlagen. Andere mächtige Fürsten würden ebenfalls verlangen, ihre Stellung neu zu bewerten. Die gesamte Rangordnung geriete unter Druck; die Karten müssten womöglich neu verteilt werden. Lieber verärgerte das Königshaus ein einzelnes Chu, als die Stabilität des gesamten Systems aufs Spiel zu setzen.
Xiong Tong antwortete mit acht berühmt gewordenen chinesischen Schriftzeichen: „Erhöht der König meinen Rang nicht, erhöhe ich ihn eben selbst.“ Wenn du ihn mir nicht gibst, gebe ich ihn mir. Er nahm selbst den Königstitel an. Der Titel „König“ war dem Himmelssohn vorbehalten; die Lehnsfürsten durften ihn nicht führen. Das war eine offene, unverhüllte Herausforderung.
Strukturell bedeutete dieser Vorgang, dass aus einem Herausforderer innerhalb des Konstrukts ein Herausforderer außerhalb wurde. Angetrieben hatte diesen Wechsel die Starrheit des Zhou-Königshauses selbst. Hätte es sich beweglich gezeigt und der Rangerhöhung zugestimmt, hätte Chu womöglich wie Qi und Jin weiterhin innerhalb des Konstrukts agiert. Das Königshaus entschied sich für das Dogma, für die buchstabengetreue Unversehrtheit der fünf Adelsränge. Der Preis: Eine Großmacht, die man innerhalb des Konstrukts hätte bändigen können, wurde hinausgedrängt.
Die Strenge eines Systems kann zu seinem Feind werden. Treffen übermäßig starre Regeln auf neue Verhältnisse, die ihre ursprünglichen Voraussetzungen sprengen, hat die Unfähigkeit zur Anpassung einen Preis: Die Regeln werden gleich ganz verworfen. Diese Lektion kehrt später immer wieder, bei Wang Mangs Reformen im Namen des Altertums, beim Umgang der späten Ming mit dem Zustrom von Silber, bei der Reaktion der Qing auf das Verlangen nach Handelsbeziehungen. Die Struktur ist jeweils ähnlich. Als Wu von Chu sich zum König erklärte, wurde dieses Muster des Scheiterns zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte vollständig durchgespielt.
Von nun an stand Chu außerhalb des Konstrukts.
Das war eine andere Art der Herausforderung als die Zhuangs von Zheng. Zhuang agierte innerhalb des Konstrukts, nutzte dessen Ressourcen und hielt sich lediglich nicht an dessen Regeln. Chu trat von außen an. Es erkannte die Zuständigkeit dieses Konstrukts nicht an und wollte eine eigene Ordnung schaffen.
Eine Herausforderung von außen ist tödlicher als eine von innen. Wie sehr ein innerer Herausforderer die Regeln auch verletzt, er spricht noch immer die Sprache des Konstrukts: Nachdem Zhuang von Zheng den Himmelssohn mit einem Pfeil getroffen hatte, musste er ihm noch sein „Mitgefühl“ aussprechen; Huan von Qi musste seine Hegemonie noch unter dem Banner der „Ehrung des Königs“ betreiben. Der äußere Herausforderer spricht nicht einmal mehr deine Sprache. Die Herrscher von Chu nannten sich Könige, vernichteten andere Staaten und erklärten, sie hätten „mit den Titeln und postumen Namen der Staaten der Mitte nichts zu schaffen“. All das hieß: Eure Ordnung geht mich nichts an.
Chus bloße Existenz zwang die Staaten der Zentralebene zu etwas, worauf sie von sich aus wenig Lust hatten: zusammenzuhalten. Dass Herzog Huan mit der „Abwehr der Barbaren“ Gefolgschaft gewinnen konnte, lag zu einem erheblichen Teil daran, dass Chus Druck nach Norden tatsächlich spürbar war. Ohne diese Bedrohung hätten die inneren Kämpfe der Zentralstaaten das System des Herzogs von Zhou früher und gründlicher zerrüttet. Die äußere Gefahr verlängerte das Leben des Konstrukts. Es war dadurch nicht besser geworden. Angesichts des drohenden Todes blieb bloß vorübergehend keine Zeit, einander zu bekämpfen.
Zugleich untergrub Chu das Fundament des Konstrukts auf einer anderen Ebene. Es bewies, dass das System des Herzogs von Zhou nicht die einzig mögliche Ordnung war. Chu besaß eigene Institutionen: eine Kreisverwaltung, die Chu als einer der ersten Staaten überhaupt einführte, lange vor Qin; eine von der Königssippe getragene Politik; eine Kultur, die sich von der Zentralebene unterschied. Und das funktionierte keineswegs schlecht. Unter den Staaten der Frühlings- und Herbstzeit erweiterte Chu sein Gebiet am schnellsten und vernichtete die meisten kleineren Staaten.
Sobald eine andere Ordnung existiert und gut funktioniert, verliert die alte ihre selbstverständliche Berechtigung. Man kann nicht länger behaupten, Riten, Musik und Lehnswesen seien die einzig richtige Form gesellschaftlicher Organisation, wenn im Süden ein Staat ohne all das immer mächtiger wird.
Chu war der ausgestoßene Rest im System des Herzogs von Zhou: ursprünglich Teil des Konstrukts, dann durch dessen eigene Starrheit hinausgedrängt. Das System hatte diesen Rest nicht verarbeitet. Es hatte ihn in eine äußere Kraft verwandelt, die nun an seinen Fundamenten nagte.
VI. Guan Zhong – Der erste pragmatische Ingenieur der Politik
War der Herzog von Zhou ein idealistischer Baumeister des Konstrukts (erst der Bauplan, dann das Gebäude), so war Guan Zhong ein pragmatischer Ingenieur: erst das Problem, dann die Lösung.
Guan Zhong half Herzog Huan von Qi, die Hegemonie zu erringen. Sein eigentlicher Beitrag lag jedoch nicht in militärischen Siegen, sondern in Qis inneren Reformen. Diese hatten mehrere Kernelemente.
Die Trennung der vier Berufsgruppen: Die Shi, der Kriegerstand, sowie Bauern, Handwerker und Händler erhielten jeweils ihren eigenen Wohnbereich. Das war keine gewöhnliche Einteilung nach Berufen, sondern eine Technik sozialer Kontrolle. Man band Menschen nach ihrer Tätigkeit an bestimmte Wohngebiete, hielt die Gruppen voneinander getrennt und machte sie leichter verwaltbar. Krieger wohnten bei Kriegern, Bauern bei Bauern, Handwerker bei Handwerkern, Händler bei Händlern. Wo Gleichartige beieinanderwohnen, lassen sich Fertigkeiten und Erfahrungen wirksam von Generation zu Generation weitergeben. Zugleich wird der Wechsel zwischen den sozialen Schichten eingeschränkt.
Die Trennung von Guo und Bi: Für die Hauptstadt samt nahem Umland, das Guo, galt eine andere Verwaltung als für die entfernteren ländlichen Gebiete, das Bi. Die Einwohner des Guo hatten militärische Pflichten und politische Rechte, die des Bi lediglich Arbeitspflichten. Es war eine abgestufte Verwaltung: hoher Mitteleinsatz und starke Kontrolle im Kern, geringer Mitteleinsatz und schwächere Kontrolle an der Peripherie.
Das Salz- und Eisenmonopol: Der Staat besaß das Monopol auf Herstellung und Verkauf von Salz und Eisen. Damit entstand zum ersten Mal in Chinas Geschichte eine systematisch organisierte staatliche Monopolwirtschaft. Das war nicht bloß Finanzpolitik, sondern ein Machtinstrument. Wer Salz und Eisen beherrschte, beherrschte die täglichen Bedarfsgüter aller Menschen. Der Staat konnte die Gesellschaft dadurch weit tiefer durchdringen.
Zusammengenommen zeigen diese Reformen, wie grundverschieden Guan Zhong und der Herzog von Zhou vorgingen. Der Herzog entwarf eine Ordnung mit einem ethischen Kern: Die Menschen sollten den Wert der Riten anerkennen und ihnen deshalb aus eigenem Antrieb folgen. Guan Zhong entwarf ein System mit einem funktionalen Kern: Ob du die Ordnung anerkennst oder nicht, ihr Aufbau lässt dir keine andere Wahl, als zu gehorchen.
Das Konstrukt des Herzogs von Zhou beruhte auf der moralischen Einsicht der Menschen. Guan Zhongs Konstrukt beruhte auf institutionellem Zwang. Dahinter standen zwei grundverschiedene Philosophien des politischen Aufbaus.
Guan Zhong hinterließ keine klar formulierte Theorie; das Buch „Guanzi“ wurde größtenteils später von anderen unter seinem Namen verfasst. Seine Praxis eröffnete aber den zentralen Denkweg der späteren Legalisten: Hoffe nicht auf die Moral der Menschen. Baue ein System, das ihnen keine andere Wahl lässt, als sich an die Regeln zu halten. Die Reformen Shang Yangs und die Theorie Han Feis lassen sich beide bis zu Guan Zhong zurückverfolgen.
Aus Sicht des Zyklus kündigt sich bei Guan Zhong ein Wechsel des Konstruktionsparadigmas an. Das alte Paradigma, das Modell des Herzogs von Zhou, war ein ethisches Konstrukt: Ordnung auf der Grundlage gemeinsam geteilter Werte. Das neue, Guan Zhongs Modell, war ein funktionales Konstrukt: Ordnung auf der Grundlage von Nutzenkalkül und institutionellem Zwang. In der Frühlings- und Herbstzeit bestanden beide nebeneinander; Guan Zhongs Modell war noch nicht voll entfaltet. In der Zeit der Streitenden Reiche breitete sich das neue Paradigma umfassend aus und wurde schließlich in Qin auf die Spitze getrieben.
Doch Guan Zhongs Lösung hatte ihren eigenen Rest. Das Problem eines funktionalen Konstrukts besteht darin, dass es Gehorsam erzwingen, aber keine innere Zustimmung schaffen kann. Gehorsam lässt sich berechnen: Übersteigt der Nutzen die Kosten, gehorcht man; übersteigen die Kosten den Nutzen, begehrt man auf. Die Stabilität eines solchen Konstrukts hängt deshalb davon ab, dieses Kosten-Nutzen-Verhältnis dauerhaft aufrechtzuerhalten. Kann der Staat nicht mehr fortlaufend Vorteile gewähren oder Strafen verhängen, bricht der Gehorsam sofort weg. Ein funktionales Konstrukt hat keine Pufferzone. Ein ethisches Konstrukt besitzt immerhin Beharrungskraft: Menschen halten sich aus Gewohnheit noch eine Weile an seine Regeln, selbst wenn es ihnen keinen Vorteil mehr bringt. Dem funktionalen Konstrukt fehlt diese Trägheit. In dem Augenblick, in dem der Vorteil verschwindet, verschwindet auch der Gehorsam.
Dass Qis Hegemonie nach dem Tod Herzog Huans so rasch zerfiel, bestätigte diese Schwäche zum Teil. Das von Guan Zhong entworfene System funktionierte ausgezeichnet, solange Guan Zhong lebte. Kaum waren er und Huan tot, zeigte sich, wie abhängig es von den persönlichen Fähigkeiten seiner Betreiber war. Dieselbe Schwäche wie im System des Herzogs von Zhou, nur in einer anderen Gestalt.
VII. Das Wesen der Frühlings- und Herbstzeit – Ein Phasenübergang des Konstrukts
Soll ein einziges Wort die Stellung der Frühlings- und Herbstzeit im Zyklus von Abtragen und Aufbau benennen, dann lautet es: Phasenübergang.
In der Physik bezeichnet ein Phasenübergang den Wechsel eines Stoffes von einem Zustand in einen anderen: Eis wird zu Wasser, Wasser zu Dampf. Kennzeichnend ist, dass vor dem Abschluss des Übergangs beide Zustände nebeneinander vorkommen. In einem Eis-Wasser-Gemisch gibt es Eis und Wasser zugleich. Das ist aber kein dauerhafter Zustand. Steigt die Temperatur weiter, wird schließlich das ganze Eis zu Wasser.
Die Frühlings- und Herbstzeit war der Eis-Wasser-Zustand der chinesischen Politik. Das alte Konstrukt, die Lehnsordnung, die Riten- und Musikordnung, die patrilineare Sippenordnung, war das Eis. Die neue politische Wirklichkeit, eigenmächtige Fürsten, allmächtige Würdenträger, funktionales Regieren, war das Wasser. Fast dreihundert Jahre lang befand sich beides im selben Gefäß.
Nebeneinander zu bestehen heißt nicht, friedlich zusammenzuleben. Das alte Konstrukt schmolz unablässig, die neue Wirklichkeit dehnte sich aus. Doch die Schmelze verlief nicht gleichmäßig. Nach großen militärischen Zusammenstößen beschleunigte sie sich, unter starken Hegemonen, die die Ordnung aufrechterhielten, verlangsamte sie sich. Auch räumlich verlief sie ungleich: Wo sich die Widersprüche bündelten, wie in Zheng oder Jin, ging es rasch; wo man bewusst am Althergebrachten festhielt, wie in Lu, ging es langsamer.
Ein entscheidendes Merkmal des Phasenübergangs ist dies: Solange er nicht abgeschlossen ist, lassen sich die Überbleibsel des alten Zustands nicht mit der Logik des neuen verstehen, und die ersten Ansätze des neuen nicht mit der Logik des alten. Deshalb wirken so viele politische Handlungen dieser Epoche widersprüchlich. Dieselben Menschen beschädigten die Ritenordnung und beteuerten zugleich ihren Respekt vor ihr. Sie lebten gleichzeitig in zwei Zuständen. Sie waren keine Heuchler. Sie waren ein Eis-Wasser-Gemisch: Ein Teil war schon geschmolzen, ein anderer noch fest.
Niemand verkörperte diesen Mischzustand genauer als Konfuzius. Sein Ideal war fest: die Wiederherstellung der Zhou-Riten. Seine Beobachtung war flüssig: Er wusste besser als jeder andere, wie weit diese Riten bereits zerfallen waren. Seine Praxis mischte beides: die Wirklichkeit anerkennen und dennoch am Ideal festhalten. Konfuzius litt, weil er Eis und Wasser zugleich sah, weil er wusste, dass das Eis zu Wasser wurde und dieser Vorgang unumkehrbar war, und weil er trotzdem nicht zugestehen wollte, dass das Eis zu Wasser werden sollte.
„Wissen, dass es unmöglich ist, und es dennoch tun“ wird gewöhnlich als Ausdruck moralischen Mutes verstanden. Im Zyklus von Abtragen und Aufbau ist es jedoch die Stimme des letzten Hüters eines Konstrukts mitten in dessen Phasenübergang. Er weiß, dass der Übergang unumkehrbar ist, und nimmt ihn doch nicht hin. Nicht aus Unvernunft, sondern weil er sich zwischen Eis und Wasser für das Eis entschieden hat. Diese Entscheidung gab dem Konfuzianismus zweitausend Jahre lang seinen Grundton: Das Unmögliche wissentlich versuchen. Denn sobald niemand mehr das Konstrukt hütet, gerät der Phasenübergang außer Kontrolle.
VIII. Was die Frühlings- und Herbstzeit den Streitenden Reichen hinterließ
Was blieb, als die Frühlings- und Herbstzeit zu Ende ging, ungefähr 476 v. Chr. oder, wenn man die Dreiteilung Jins als Grenze nimmt, 453 v. Chr.?
Erstens: eine politische Kultur der Trennung von Name und Wirklichkeit.
Der Himmelssohn der Zhou war noch da, doch niemand nahm ihn ernst. Die Fürsten trugen weiterhin ihre Lehnstitel, doch die tatsächliche Macht konnte in den Händen ihrer Minister und Würdenträger liegen. Diese wiederum behielten ihren Rang, während womöglich ihre Hausbeamten die wirklichen Entscheidungen trafen. Von oben bis unten klafften auf jeder Stufe Name und Wirklichkeit auseinander.
Diese Trennung hinterließ tiefe Spuren in der politischen Kultur. Die spätere chinesische Politik reagierte äußerst empfindlich auf die Unterscheidung zwischen „Name“ und „Wirklichkeit“. Die „Richtigstellung der Namen“ wurde zu einem politischen Kernbegriff. Wenn Konfuzius sagte: „Unbedingt die Namen richtigstellen!“, dann deshalb, weil er in einer Zeit lebte, in der Namen und Wirklichkeit völlig durcheinandergeraten waren. Ein erheblicher Teil der politischen Theorie der folgenden zweitausend Jahre kreiste um ihr Verhältnis.
Zweitens: die Erfahrung, dass verschiedene Konstruktformen nebeneinander bestehen können.
Die Fürstentümer erprobten in der Frühlings- und Herbstzeit unterschiedliche Arten des Regierens. Guan Zhongs Modell in Qi, die gemeinsamen Entscheidungen der sechs Ministergeschlechter in Jin, Chus Kreisverwaltung und Königssippenpolitik, Zichans Versuch einer gesetzlich geregelten Ordnung in Zheng mit seinen in Bronze gegossenen Strafgesetzen: Das waren unterschiedliche Konstruktformen. Im Wettbewerb beobachteten sie einander, lernten voneinander und schalteten einander aus.
Ihr Nebeneinander schuf einen Vorrat an Erfahrungen für die umfassende institutionelle Erneuerung der Streitenden Reiche. Deren Reformer entwarfen ihre Einrichtungen nicht aus dem Nichts. Sie konnten auf dreihundert Jahre Versuchsdaten aus der Frühlings- und Herbstzeit zurückgreifen. Shang Yangs Reformen fielen nicht vom Himmel. Sie fassten frühere Experimente wie Chus Kreisverwaltung, Guan Zhongs Reformen in Qi und Zichans in Bronze gegossene Strafgesetze zusammen und trieben sie ins Extreme.
Drittens: ein theoretisches Vakuum, das auf seine Füllung wartete.
Das System des Herzogs von Zhou hatte versagt, aber noch kein neues war an seine Stelle getreten. Die Frühlings- und Herbstzeit war eine Zwischenzeit, in der „das Alte schon tot und das Neue noch nicht geboren“ war. Daraus entstand ein gewaltiger Bedarf an Theorie: Wenn die Lösung des Herzogs von Zhou nicht funktionierte, welche würde es dann tun?
Der Wettstreit der Hundert Schulen antwortete auf diesen Bedarf. Konfuzianer, Legalisten, Mohisten, Daoisten, die Schule der Namen, die Militärstrategen, die Agraristen, die Schule der Bündnisstrategen: Ihr Auftreten war kein zufälliger Ausbruch geistiger Schöpferkraft. Es entsprach einem intellektuellen Bedarf, den das politische Vakuum erzeugt hatte. Wo das alte Konstrukt gestorben und das neue noch nicht errichtet ist, hat jede Antwort auf die Frage nach der richtigen Ordnung die Chance, ausgesprochen, erörtert und erprobt zu werden.
Der Wettstreit der Hundert Schulen war die heftige Wärmebewegung während des Phasenübergangs. Beim Wechsel vom festen in den flüssigen Zustand bewegen sich die Wassermoleküle heftig; beim Wechsel vom alten zum neuen Konstrukt tun es die Gedanken ebenso. Sobald das neue Konstrukt feststeht, mit der Einigung durch Qin, wird diese Bewegung gedämpft, durch Bücherverbrennung und das Lebendigbegraben von Gelehrten. Das Fenster des freien Denkens öffnet sich nur während des Phasenübergangs.
Viertens: eine zentrale Lektion – Die weiche Kontrolle eines Konstrukts hat Grenzen.
Die Riten- und Musikordnung des Herzogs von Zhou gehörte zu den ausgefeiltesten Systemen weicher Kontrolle in der politischen Geschichte der Menschheit. Sie beruhte auf Kultur, Ethik und Ritual statt auf Gewalt. Ihre Betriebskosten waren außerordentlich niedrig; man brauchte kein Heer, um sie durchzusetzen. Doch auch ihre Wirksamkeit hatte eine zeitliche Grenze. Sobald die Beteiligten die Ordnung innerlich nicht mehr mittrugen, ob wegen gegensätzlicher Interessen, schwächer werdender Blutsbande oder nachlassender Bindung von Generation zu Generation, versagte die weiche Kontrolle.
Die Streitenden Reiche und Qin schlugen deshalb eine andere Richtung ein: Wenn weiche Kontrolle nicht reicht, kommt harte hinzu. Gesetze, Strafen, ein Beamtenapparat, Adelsränge nach militärischem Verdienst, all das waren Instrumente harter Kontrolle. Sie brauchten deine innere Zustimmung nicht. Es genügte, dass du Angst hattest oder gierig warst.
Dass weiche Kontrolle versagte, macht sie allerdings nicht wertlos. Es zeigt, dass sie an Bedingungen gebunden ist. Am besten wirkt sie in überschaubaren Systemen, deren Beteiligte ein echtes Gemeinschaftsgefühl verbindet. Überschreitet das System eine bestimmte Größe, verdünnt sich dieses Gefühl, und die weiche Kontrolle muss durch harte ergänzt werden.
Die erfolgreichsten politischen Systeme späterer Zeiten verbanden daher beides, etwa die Han-Dynastie mit ihrer gemeinsamen Nutzung konfuzianischer und legalistischer Mittel. Konfuzianische Sittenlehre lieferte die weiche, legalistische Strafen lieferten die harte Kontrolle. Nur weich genügt nicht, das hat die Frühlings- und Herbstzeit bewiesen. Nur hart genügt ebenfalls nicht. Diesen Beweis wird bald Qin antreten.
Im nächsten Essay: die Streitenden Reiche. Sieben Staaten bestehen nebeneinander, sieben Konstruktformen konkurrieren gleichzeitig. Das ist kein geordnetes Experiment, sondern eine blutige Ausscheidungsrunde. Am Ende siegt nicht die beste Konstruktform, sondern die extremste. Die Rechnung für diese Radikalität wird erst unter der Qin-Dynastie fällig.
Diese deutsche Ausgabe wurde für deutschsprachige Leser eigenständig neu geschrieben.