Sich achten, ohne andere kleiner zu machen
Chinesischer Text dieses Kapitels
Seidenhandschriften · chinesische Textfassung dieses Kommentars
民之不畏威,则大威将至矣。毋狎其所居,毋厌其所生。夫唯弗厌,是以不厌。是以圣人自知而不自见也,自爱而不自贵也,故去彼取此。
Zur Textfassung und Zeichensetzung
Der chinesische Text folgt dem kommentierten Dao De Jing des Autors (《道德经注·君子不器》). Diese Fassung berücksichtigt beide Seidenhandschriften, A und B, sowie editorische Berichtigungen und Ergänzungen; sie gibt keine der beiden Handschriften Zeichen für Zeichen wieder. Die Kapitelnummern folgen der überlieferten Standardfassung, die Satzzeichen dem Kommentar. Beim Wechsel der Lesesprache bleibt der chinesische Wortlaut unverändert.
Den zugrunde liegenden Aufsatz lesen (Englisch / Chinesisch)
I. Zwei Arten, sicher aufzutreten
Manche Menschen wissen recht gut, was sie können. Sie müssen vor einer Entscheidung nicht erst ihren Wert verhandeln. Wenn etwas ihre Grenzen verletzt, sagen sie Nein. Trotzdem entsteht in ihrer Nähe nicht das Gefühl, man müsse sich kleiner machen, um mit ihnen auszukommen.
Bei anderen ist dieselbe Sicherheit mit einer unsichtbaren Rangordnung verbunden. Ein Gespräch wird schnell zur Gelegenheit, Erfahrung, Titel oder besondere Beziehungen vorzuzeigen. Niemand sagt ausdrücklich, dass die anderen weniger zählen. Doch sie beginnen, ihre Worte danach zu wählen, wie sie vor dieser Überlegenheit bestehen können.
Das zweiundsiebzigste Kapitel unterscheidet Selbstkenntnis und Selbstdarstellung, Selbstachtung und Selbsterhöhung. Es verlangt nicht, dass wir unsere Fähigkeiten verbergen oder uns selbst möglichst wenig wichtig nehmen. Es fragt, ob die eigene Festigkeit davon abhängt, dass ein anderer Mensch unter uns steht.
Zu dieser persönlichen Frage führt der Text über eine politische. Wie gebraucht jemand seine Stellung, wenn er über andere verfügen kann? Der Zusammenhang ist enger, als er zunächst aussieht. Wer sich selbst nur durch Überlegenheit sichern kann, wird auch die Beziehung leichter zum Beweis dieser Überlegenheit machen.
II. Was Drohungen nicht leisten können
„民之不畏威,则大威将至矣“ warnt vor einer Lage, in der die Menschen die einschüchternde Macht nicht mehr fürchten. Was genau die größere drohende Gewalt bezeichnet, lässt sich unterschiedlich deuten. Als politische Warnung macht der Satz jedenfalls die Unsicherheit einer Ordnung sichtbar, die sich vor allem auf Furcht verlässt.
Solange ein strenger Blick genügt, kann ein Vorgesetzter die Ruhe im Raum für Zustimmung halten. Vielleicht haben die Menschen aber lediglich gelernt, welche Fragen sie nicht stellen sollten. Die Arbeit läuft weiter, während wichtige Nachrichten nicht mehr nach oben gelangen. Dann wird ausgerechnet das Schweigen, das Autorität bestätigen soll, zu einer Quelle schlechten Urteils.
Furcht hat allerdings keinen überall gleichen Vorrat, der nach einer bestimmten Zahl von Drohungen aufgebraucht wäre. Gewalt kann lange wirken und Menschen schwer schädigen. Ebenso wenig folgt jeder Unterdrückung automatisch ein gerechter Gegenschlag. Die Warnung braucht diese Gewissheiten nicht. Sie fragt bereits vorher, welche Art von Beziehung unter dem Gehorsam entstanden ist.
Auch Eltern und Lehrende können hier eine Frage an sich richten, ohne Familie und Staat gleichzusetzen. Was hält das Gespräch zusammen, wenn die Drohung einmal nicht ausgesprochen wird? Gibt es nachvollziehbare Regeln, Verlässlichkeit und Möglichkeiten zum Widerspruch? Vertrauen bedeutet nicht, dass niemand Grenzen setzt. Es bedeutet unter anderem, dass Grenzen nicht nur von der jeweiligen Stimmung des Mächtigeren abhängen.
III. Eine kleine Schwierigkeit kann ein ganzes Leben ausfüllen
„毋狎其所居“ lässt sich als Warnung lesen, den Lebensraum oder die Lage der Menschen nicht geringschätzig zu behandeln. Auch Deutungen im Sinne bedrängender Eingriffe gehören in das Umfeld der Stelle. Für den Alltag verbindet sich beides: Wer eine Lage nicht ernst nimmt, greift leichter in sie ein, ohne die Kosten zu bemerken.
Die zusätzliche halbe Stunde Arbeitsweg sieht auf dem Plan gering aus. Für die betroffene Person entscheidet sie vielleicht darüber, ob sie ihr Kind rechtzeitig abholen kann. Eine kurzfristig verschobene Besprechung verändert für die Leitung kaum etwas; für jemanden mit mehreren Verpflichtungen bringt sie den ganzen Abend durcheinander. Ein Bedenken wirkt klein, solange nur derjenige darüber spricht, der seine Folgen nicht tragen muss.
Respekt beginnt deshalb vor der Lösung. Man hört zunächst genau genug zu, um zu verstehen, was für den anderen tatsächlich auf dem Spiel steht. Nicht jede Schwierigkeit kann sofort beseitigt werden. Dennoch ist es ein Unterschied, ob eine Grenze begründet wird oder ob das Anliegen gar nicht erst als wirklich gilt.
Dabei darf das Zuhören nicht zur Aufforderung werden, sämtliche privaten Umstände offenzulegen. Ein Mensch muss nicht seine ganze Not beweisen, um eine Frage nach Arbeitszeit, Zugang oder Belastung stellen zu dürfen. Die Aufmerksamkeit gilt seiner Lage; sie begründet keinen Anspruch, sein Leben zu durchleuchten.
IV. Wer entscheidet, dass es bereits genug ist?
„毋厌其所生,夫唯弗厌,是以不厌“ wird unterschiedlich erklärt, unter anderem mit Bedrängung, Überdruss oder Sättigung. Die hier entwickelte Frage — entscheide nicht anstelle anderer, ihr Leben sei bereits gut genug — ist eine heutige Weiterführung. Sie sollte nicht als einzig gesicherte Übersetzung dieser Worte auftreten.
Eine Leitung erklärt, die Arbeitsbedingungen seien doch schon sehr ordentlich. Ein Elternteil meint, dem Kind fehle schließlich nichts. Eine Plattform hält die Zufriedenheit ihrer Nutzer für erwiesen. In jedem Fall kann eine durchaus ehrliche Zufriedenheit der Verantwortlichen dazu führen, dass die Betroffenen nicht mehr nach ihrer eigenen Erfahrung gefragt werden.
Das Problem liegt nicht darin, dass jede positive Einschätzung falsch wäre. Es liegt im stillen Wechsel der Zuständigkeit: Wer Möglichkeiten verteilen kann, beansprucht zugleich das letzte Wort darüber, ob die Möglichkeiten genügen. Der Satz „Ihr habt es doch gut“ verschließt dann eine Frage, bevor die Menschen sie selbst stellen konnten.
Die Gegenbewegung besteht auch nicht darin, fremde Leben unaufhörlich zu verbessern. Wenn jemand zufrieden ist, muss er nicht gegen seinen Willen zu weiterer Entwicklung gedrängt werden. Wünsche, Beschwerden und das Recht, etwas gut sein zu lassen, gehören gleichermaßen zu seiner Stimme. Niemand soll unter dem Vorzeichen seiner Entfaltung einem neuen Optimierungsauftrag unterworfen werden.
In diesem Sinn heißt Raumlassen: nicht selbst die Decke einziehen, aber auch nicht jeden Menschen ständig weiter nach oben schieben.
V. Selbstliebe braucht keinen Untergeordneten
„自知而不自见也,自爱而不自贵也“ stellt zwei Paare nebeneinander. Sich kennen heißt nicht, jede Begegnung in eine Vorführung des eigenen Urteils zu verwandeln. Sich lieben heißt nicht, den eigenen Rang über den anderer Menschen zu setzen.
Selbstkenntnis kann sehr deutlich sprechen. In einer wichtigen Frage darf jemand seine Erfahrung erklären, vor einer Gefahr warnen und die Gründe für seine Einschätzung nennen. „Nicht sich vorzeigen“ verbietet weder öffentliche Arbeit noch eine verständliche Darstellung des eigenen Könnens. Es begrenzt den Zwang, aus jedem Gespräch den Beweis zu gewinnen, dass man weiter sieht als alle anderen.
Selbstachtung sagt: Auch ich darf gut behandelt werden. Ich muss mich nicht erschöpfen, um angenommen zu werden, und nicht jeder Forderung zustimmen. Selbsterhöhung fügt etwas anderes hinzu: Meine Bedürfnisse zählen grundsätzlich mehr als deine. Das erste kann ohne das zweite bestehen.
In meinen Jahren im Silicon Valley habe ich Menschen erlebt, die ihre Stellung nicht als Druckmittel benutzten und dennoch sehr klar widersprachen, wenn eine Grenze überschritten wurde. Ihre zugängliche Art bedeutete nicht, dass man beliebig über ihre Zeit verfügen durfte. Gerade diese Verbindung machte den Umgang mit ihnen verlässlich.
Wir brauchen daraus keine Ferndiagnose abzuleiten, nach der sichtbares Selbstbewusstsein immer eine innere Unsicherheit verdeckt. Menschen zeigen sich aus vielen Gründen. Die brauchbare Frage richtet sich auf das Verhalten: Werden hier Gründe vorgebracht, oder wird ein Rang geltend gemacht? Wird eine Grenze geschützt, oder soll ein anderer herabgesetzt werden?
So lässt sich die Linie von Kapitel 7, Kapitel 22 und Kapitel 66 aufnehmen: Die eigene Person muss nicht aus der Welt verschwinden. Sie muss nur nicht jede freie Stelle im Verhältnis zu anderen besetzen.
VI. Wählen ist manchmal tägliche Arbeit
„故去彼取此“: jenes lassen, dieses aufnehmen. Im Zusammenhang der beiden Paare lässt sich das als Wahl für Selbstkenntnis und Selbstachtung lesen, gegen die dauernde Vorführung und das eigene Höherstellen.
Eine Einsicht kann diese Wahl erleichtern. Wer bemerkt, wie erschöpfend es ist, jede Begegnung in einen Rangvergleich zu verwandeln, verliert vielleicht einen Teil der Lust daran. Es wäre aber zu viel versprochen, nach einem klaren Gedanken verschwände jede alte Gewohnheit. Wir können etwas durchschauen und im nächsten angespannten Gespräch dennoch wieder darum kämpfen, überlegen zu wirken.
Dann ist Zurückhaltung keine minderwertige Ersatzlösung. Ein Satz kann unausgesprochen bleiben, obwohl der Wunsch, ihn zu sagen, noch da ist. Später können wir verstehen, warum gerade dieser Moment so viel Selbstbestätigung verlangte. Einsicht, Übung und die Gestaltung der Umgebung dürfen zusammenarbeiten.
Vielleicht hilft ein Team, in dem Beiträge nicht nur nach Rang gehört werden. Vielleicht braucht es eine klarere Aufgabenverteilung, damit nicht jede Grenze persönlich erkämpft werden muss. Die Wahl ist persönlich, aber ihre Bedingungen sind nicht ausschließlich im Inneren eines Menschen zu suchen.
„去彼取此“ bekommt dadurch einen schlichten Takt: bemerken, entscheiden, nötigenfalls berichtigen. Niemand muss erst ein von jeder Versuchung befreiter Mensch sein, um heute anders zu handeln.
VII. Im nächsten Gespräch
Wer Verantwortung trägt, kann ein übergangenes Anliegen noch einmal aufnehmen. Nicht mit der fertigen Antwort, dass leider nichts möglich sei, sondern mit einer genauen Frage: Welche Auswirkung hat diese Regel auf deinen Alltag? Vielleicht bleibt die Regel notwendig. Dann lässt sich wenigstens prüfen, ob eine unnötige Belastung beseitigt oder anders verteilt werden kann.
Für uns selbst kann die Übung darin liegen, ein Nein ohne Erhöhung auszusprechen. Ich kann diese zusätzliche Arbeit nicht übernehmen. Dafür braucht es weder eine Entschuldigung für die eigene Existenz noch einen Hinweis auf die größere Bedeutung der eigenen Zeit. Ebenso kann eine berechtigte Bitte um Bezahlung oder Anerkennung klar sein, ohne jemanden zu erniedrigen.
Nach einem gelungenen Beitrag dürfen wir Freude empfinden. Wir können auch sagen, was wir geleistet haben. Erst wenn daraus ein Anspruch auf dauernde Vorrangstellung wird, beginnt die Leistung eine andere Arbeit zu verrichten: Sie soll fortan die Beziehung ordnen.
Vielleicht ist die kleine Freiheit dieses Kapitels genau hier zu finden. Sich selbst ernst nehmen, ohne daraus einen Maßstab zu machen, an dem alle anderen kleiner werden müssen.
VIII. Ein Abschluss, der Platz lässt
Die Reihe fasst die Kapitel 64 bis 72 als eine Lesegruppe zusammen. Das ist eine heutige Gliederung, kein Nachweis eines ursprünglichen Bauplans. Rückblickend verbindet die neun Texte jedoch eine Frage: Wie kann Können wirksam werden, ohne das Leben um sich herum mit dem eigenen Anspruch zu besetzen?
Kapitel 64 achtet auf Anfänge und den noch unfertigen Schluss; 65 fragt nach Wissen, das andere selbstständiger werden lässt. 66 prüft das Gewicht einer führenden Stellung, 67 verankert Kraft in Fürsorge und Maß. 68 trennt Können von der ständigen Kampfbereitschaft; 69 warnt vor dem Glauben, unbesiegbar zu sein. 70 bringt bekannte Worte zur Praxis, 71 hält darin einen Platz für das noch Unbekannte offen.
Hier wird diese Bewegung ganz persönlich: Ich darf einen eigenen Wert haben, ohne ihn über deinem aufrichten zu müssen. Was ich weglasse, ist nicht meine Würde, sondern ein Teil der unnötigen Rangkämpfe um sie.
Mit Kapitel 73 beginnt die letzte neunteilige Strecke dieser Reihe. Sie wird Mut, Verantwortung, Verletzlichkeit und Zusammenleben weiter befragen. Am Ende steht in unserer gewählten Fassung „人之道,为而弗争“: menschliches Handeln, das nicht alles zum Streit um den eigenen Vorrang macht. Der nächste kleine Versuch damit kann schon vor der nächsten Seite stattfinden.
Ausführliche Auslegung und Textvergleiche: Abhandlung VIII, auch im Zenodo-Archiv. Frühere Abhandlungen: I, II, III, IV, V, VI, VII.