Selbstachtung ist nicht Selbsterhöhung
Wenn Macht ihre Wirkung verliert
Wenn Menschen die einschüchternde Macht nicht mehr fürchten, kommt eine noch größere Krise. Furcht trägt Beziehungen nur so lange, wie Unterworfene noch etwas zu verlieren glauben. Wird ihre Lebenslage unerträglich, verliert selbst Drohung ihre Wirkung. Deshalb soll der Regierende ihre Wohnstätte nicht verengen und ihre Lebensbedingungen nicht geringschätzen.
„Sie nicht geringschätzen“ heißt auch, nicht von oben zu urteilen, ihr Zustand sei doch schon gut genug. Wer die Kosten nicht trägt, kann leicht Genügsamkeit für andere empfehlen. Laozi richtet die Verantwortung zurück an die Macht, die Bedingungen gestaltet, statt Unzufriedenheit als moralischen Defekt des Volkes zu deuten.
Sich kennen, nicht ausstellen; sich lieben, nicht erhöhen
Der Weise kennt sich selbst, stellt sich aber nicht als sichtbares Maß aus; er liebt sich selbst, macht sich aber nicht kostbar über andere. Laozi fordert keine Selbstverleugnung. Selbstkenntnis und Selbstliebe sind ausdrücklich bejaht. Zurückgewiesen wird nur ihre Umwandlung in Rang.
Selbstachtung braucht niemanden unter sich. Selbsterhöhung dagegen lebt vom Vergleich und macht jede fremde Stärke zur Bedrohung. „Jenes ablegen und dieses wählen“ heißt deshalb: die Drohposition, Geringschätzung und Sichtbarkeitssucht verlassen; Selbstkenntnis, Selbstliebe und Achtung der Lebenslage wählen. Damit schließt diese Neunergruppe in einer feinen Balance: Das Selbst ist weder Schild noch Nichts, sondern ein Zweck, der andere Zwecke anerkennt.