Mehr besitzen, mehr fürchten
Drei unbequeme Fragen
Was ist näher: Name oder eigenes Leben? Was ist mehr wert: Leben oder Besitz? Was schadet tiefer: Gewinnen oder Verlieren? Laozi zwingt nicht zu einer pauschalen Antwort gegen Ruhm und Güter. Er macht sichtbar, dass Menschen oft Gesundheit, Beziehungen und innere Stellung gegen etwas eintauschen, das sie angeblich für dieses Leben erwerben.
Wer etwas übermäßig liebt, zahlt großen Aufwand; wer viel hortet, erleidet schweren Verlust. Das Problem ist nicht Liebe, sondern der Griff, der Veränderung unmöglich machen will. Eine Beziehung, Position oder Leistung soll ewig dieselbe bleiben und wird gerade durch diese Fixierung verformt. Der Besitzende wird zum Bewacher seines Besitzes.
Genug und Grenze
Genug kennen heißt nicht ehrgeizlos werden. Es heißt, die Schleife „noch mehr“ nicht als endloses Gesetz zu behandeln. Nur wer ein konkretes Maß des Genug kennt, kann gegenwärtigen Reichtum erfahren; sonst bleibt jede Menge strukturell Mangel. Die Grenze kennen heißt, vor dem Extrem aufzuhören, an dem Bewegung in Rückschlag kippt.
Wer genug kennt, wird nicht erniedrigt; wer die Grenze kennt, gerät nicht in Gefahr; so kann etwas dauern. Dauer gehört nicht dem festesten Griff, sondern dem, der rechtzeitig locker wird. Kapitel 44 lädt zu einer schlichten Bilanz ein: Was tausche ich gerade gegen meinen tragenden Grund? Und ist das Mehr, das ich gewinnen will, bereits teurer als der mögliche Verlust?