Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 41

Nicht erst spät ein großes Gefäß

Chinesischer Text dieses Kapitels

Seidenhandschriften · chinesische Textfassung dieses Kommentars

上士闻道,堇而行之;中士闻道,若存若亡;下士闻道,大笑之。弗笑不足以为道。是以建言有之曰:明道如费,进道如退,夷道如类。上德如谷,大白如辱,广德如不足,建德如偷,质真如渝。大方无隅,大器免成,大音希声,天象无形,道褒无名。夫唯道善始且善成。

Zur Textfassung und Zeichensetzung

Der chinesische Text folgt dem kommentierten Dao De Jing des Autors (《道德经注·君子不器》). Diese Fassung berücksichtigt beide Seidenhandschriften, A und B, sowie editorische Berichtigungen und Ergänzungen; sie gibt keine der beiden Handschriften Zeichen für Zeichen wieder. Die Kapitelnummern folgen der überlieferten Standardfassung, die Satzzeichen dem Kommentar. Beim Wechsel der Lesesprache bleibt der chinesische Wortlaut unverändert.

Den zugrunde liegenden Aufsatz lesen (Englisch / Chinesisch)

I. Der Trost des späten Erfolgs

„Große Talente reifen spät.“ Kaum ein Satz eignet sich besser, jemanden zu trösten, der sich zurückgeblieben fühlt. Die anderen haben ihre Stelle gefunden, ihr Buch geschrieben, ihr Unternehmen gegründet. Sie selbst suchen noch. Dann kommt der freundliche Hinweis: Was wirklich groß werden soll, braucht eben Zeit. Eines Tages werden auch Sie angekommen sein.

Dieser Trost kann helfen. Er lässt jedoch das Ziel unangetastet: Irgendwann muss aus einem unfertigen Menschen ein endgültig fertiger werden. Das Leben bleibt ein Wartesaal vor dem Tag, an dem der eigene Wert endlich feststeht.

Kapitel 41 eröffnet eine andere Möglichkeit. Die in dieser Reihe verwendete Fassung liest 大器免成, nicht das vertraute 大器晚成. Wie 免 und 晚 hier zusammenhängen, ist umstritten; auch eine lautliche Verbindung wird erwogen. Ein Zeichen entscheidet deshalb nicht zweifelsfrei zwischen dem ursprünglichen Laozi und einer späteren Verfälschung. Dennoch möchte ich der gewählten Lesart folgen: Das große Gefäß entzieht sich dem endgültigen Fertigwerden.

Damit meine ich weder ewige Unreife noch die Unfähigkeit, etwas abzuschließen. Man kann ein Werk vollenden, einen Beruf lernen, Verantwortung übernehmen. Nur muss keine dieser Vollendungen den ganzen Menschen versiegeln. Die Frage lautet dann nicht: Wann werde ich endlich jemand sein? Sondern: Was darf in mir noch entstehen, nachdem ich bereits jemand geworden bin?

II. Drei Menschen hören vom Dao

„上士闻道,堇而行之;中士闻道,若存若亡;下士闻道,大笑之。弗笑不足以为道。“ Der eine hört vom Dao und übt sich beharrlich darin. Der zweite hält es bald für gegenwärtig, bald für verschwunden. Der dritte lacht laut. Würde niemand lachen, wäre es nicht hinreichend Dao.

Die Szene ist lebendiger als eine Einteilung in gute und schlechte Menschen. Jemand hört: „Du musst dich nicht endgültig festlegen“, und beginnt, anders zu arbeiten. Ein anderer nickt beim Lesen, verfällt am nächsten Morgen aber wieder dem alten Vergleich. Ein dritter findet das Ganze lächerlich: Soll man also stolz darauf sein, nie fertig zu werden?

Der Text unterscheidet Reaktionen. Daraus folgt keine unveränderliche Menschenordnung mit einer Klasse, die niemals lernen kann. Derselbe Mensch kann in verschiedenen Lebenslagen alle drei Antworten kennen. Manchmal versteht er eine Einsicht erst, nachdem die eigene Erfahrung ihr Gewicht gegeben hat.

Das Lachen passt zur Zumutung des Kapitels: Was wir für Größe halten, wird gleich mehrfach in Frage gestellt. Aber Spott ist kein Wahrheitsbeweis. Auch Unsinn wird ausgelacht. „Niemand versteht mich“ reicht nicht, um sich auf Laozi zu berufen. Entscheidend bleibt, was eine Einsicht sehen lässt und wie sie sich im Handeln bewährt.

Ich höre in der Passage zugleich einen Anflug von Selbstironie. Diese Sätze werden nicht jeden sofort überzeugen. Man kann sie geduldig aussprechen und vorleben, ohne dem anderen sein Verständnis abzuringen. Das verbindet die Szene mit Kapitel 37: Entwicklung lässt sich unterstützen, aber nicht vollständig von außen herstellen. Dass Laozi schreibt, spricht bereits gegen ein Verbot des Lehrens. Er bietet etwas an; er kann niemanden dazu zwingen, es zu erkennen.

III. Wenn Fortschritt wie Rückzug aussieht

Es folgt die Wendung „是以建言有之曰“, die einen überlieferten oder feststehenden Spruch einführt: „明道如费,进道如退,夷道如类。“ Der helle Weg erscheint dunkel oder unansehnlich, der voranschreitende wie ein Rückweg, der ebene wie ein unebener.

Die einzelnen Zeichen und ihre Beziehungen zu anderen Fassungen sind nicht überall eindeutig. Insbesondere sollte man aus 费 keine gesicherte Theorie machen, das Dao müsse wie Verschwendung wirken. Auch die einleitende Formel datiert den Spruch nicht zuverlässig in eine noch ältere Epoche. Sicher ist zunächst die Folge von Gegensätzen zwischen Sein und Anschein.

Warum könnte ein guter Weg rückläufig aussehen? Ein Mensch nimmt eine übernommene Aufgabe zurück, weil er sie nicht zuverlässig erfüllen kann. Von außen verliert er Zuständigkeit. Tatsächlich gewinnt seine Arbeit an Verlässlichkeit. Eine Gruppe hält an, um einen Fehler zu verstehen. Auf der Zeitleiste gibt es keinen Fortschritt; in der Sache vielleicht schon.

So lässt sich Kapitel 40 anschließen: Rückkehr kann eine Bewegung sein, nicht bloß deren Gegenteil. Doch daraus entsteht kein Gesetz, nach dem jede Helligkeit irgendwann Dunkelheit werden muss. Die Passage schult das Urteil. Unsere vertrauten Merkmale von Fortschritt können zu grob sein, um seine wirkliche Richtung zu erkennen.

IV. Tugend ohne Selbstausstellung

„上德如谷,大白如辱,广德如不足,建德如偷。“ Hohe Tugend gleicht dem Tal; große Reinheit scheint befleckt; weite Tugend wirkt unzureichend; fest gegründete Tugend erscheint nachlässig. Hinzu kommt „质真如渝“: Das wahrhaft Echte kann wie etwas Veränderliches aussehen.

Das Tal ist nicht ohne Wert, weil es nicht aufragt. Es nimmt auf. Darin berührt sich der Satz mit dem Tal aus Kapitel 15 und Kapitel 28. Wer einem anderen wirklich zuhört, füllt den Raum nicht fortwährend mit Belegen seiner eigenen Güte. Gerade deshalb ist diese Güte weniger auffällig.

Die scheinbar befleckte Reinheit erinnert ebenfalls an Kapitel 28: Weiß kennen und bei der vermeintlichen Schmach bleiben. Wer sich auf wirkliche Menschen einlässt, kann das makellose Bild seiner selbst nicht immer schützen. Helfen ist nicht dasselbe wie unberührt aussehen.

Weite Tugend wirkt womöglich unzureichend, weil sie nicht jede Leistung zur Schau stellt. Beständige Fürsorge kann nachlässig erscheinen, wenn sie nicht ständig Betriebsamkeit aufführt. Und Echtheit muss nicht bedeuten, immer denselben Satz zu sagen: Jemand kann seine Meinung ändern, gerade weil er es mit der Wahrheit ernst meint.

Das setzt die Frage aus Kapitel 38 fort: Wird Güte gelebt oder ausgestellt? Der unspektakuläre Mensch, der nach der Besprechung einen Fehler behebt, kann mehr tragen als die glänzende Selbstbeschreibung an der Wand. Umgekehrt beweist Unauffälligkeit noch keine Tugend. Nachlässigkeit kann echte Nachlässigkeit sein. Wer Verantwortung übernimmt, muss sich auch prüfen lassen. Nicht der schlechte Eindruck ist das Gütesiegel; der erste Eindruck ist nur nicht das letzte Urteil.

V. Fünf Bilder der Größe

Nun kommen die fünf großen Bilder: „大方无隅,大器免成,大音希声,天象无形,道褒无名。“ Sie öffnen den Begriff der Größe, statt ihn bloß zu steigern.

„大方无隅“: Das große Geviert hat keine Ecken. Denken wir nicht nur an ein riesiges Quadrat, dessen Grenzen außer Sicht geraten. Interessanter ist die Frage, ob eine Ordnung tragen kann, ohne überall ihre scharfen Kanten vorzuschieben. Eine großzügige Haltung braucht nicht bei jeder Begegnung erneut zu demonstrieren, wo sie anfängt und der andere aufhört.

„大器免成“: Das große Gefäß bleibt von endgültiger Festlegung frei. Hier liegt der Schwerpunkt meiner Lesart. „Spät vollendet“ hält die letzte Form in Aussicht; „nicht endgültig vollendet“ lässt die Form selbst veränderbar. Der Unterschied ist philosophisch fruchtbar, auch wenn die Textgeschichte nicht so einfach ist wie ein Austausch zweier eindeutig entgegengesetzter Wörter.

Ein fähiger Mensch darf sagen: „Das kann ich inzwischen.“ Er muss nicht hinzufügen: „Also steht fest, was ich für immer bin.“ Die Erfahrung des Lehrers schließt neues Lernen nicht aus. Eine abgeschlossene Ausbildung ist kein Verfallsdatum. Das Gefäß darf Gestalt gewinnen und dennoch für andere Verwendungen offenbleiben.

„大音希声“: Der große Klang ist kaum zu hören. Es geht nicht um einen physikalisch unendlich lauten Ton, der dadurch stumm würde. Mit Kapitel 14 lässt sich an etwas denken, das sich dem gewöhnlichen Greifen durch Hören entzieht. Für unser Leben heißt das vielleicht: Nicht jede tragende Wirkung meldet sich laut. Ein Gespräch kann durch eine unaufdringliche Frage verändert werden.

„天象无形“: Das Bild des Himmels hat keine festgelegte Gestalt. So lautet die hier gewählte Fassung. Ich lese darin kein astronomisches Lehrstück, sondern ein Bild für einen Zusammenhang, der nicht mit einer einzelnen sichtbaren Kontur identisch ist.

„道褒无名“: Das Dao ist weit, ohne einen festlegenden Namen zu besitzen. Ein Name kann Orientierung geben. Er erschöpft aber nicht unbedingt das Benannte. Diese letzte Wendung macht verständlich, warum auch Größe nicht vollständig in ihren anerkannten Kennzeichen aufgeht.

Zusammen führen die fünf Bilder aus dem Zwang heraus, das Lebendige auf seine fertige Außenseite zu reduzieren. Die Nachgiebigkeit aus Kapitel 40 bedeutet dann keine ewige Kindheit. Sie bedeutet, dass Reife noch antworten kann. Selbstüberhöhung kann dieses Lernen behindern, wie Kapitel 24 und Kapitel 39 nahelegen. Nicht Erfolg stoppt das Wachstum, sondern möglicherweise die Weigerung, nach dem Erfolg noch etwas anzunehmen.

VI. Gut anfangen und gut vollenden

Der letzte Satz scheint der eben entwickelten Lesart zu widersprechen: „夫唯道善始且善成。“ Das Dao vermag gut anzufangen und gut zu vollenden. Wenn Offenheit alles ist, warum wird Vollendung nun gelobt?

Weil zwei verschiedene Dinge gemeint sein können. Einen Brief fertigstellen ist etwas anderes, als das eigene Verständnis des Empfängers für endgültig zu erklären. Ein Haus muss bewohnbar werden; „Wir bleiben offen“ entschuldigt kein undichtes Dach. Doch auch ein bewohnbares Haus braucht Pflege, Reparatur und gelegentlich einen Umbau.

Das Kapitel erlaubt deshalb nicht, jede unerledigte Aufgabe zum Zeichen besonderer Größe umzudeuten. Gut vollenden heißt, etwas so zur Entfaltung zu bringen, dass es seinen Zweck erfüllen kann. Offen bleiben heißt, dieses Gelingen nicht zum Verbot späterer Veränderung zu machen.

Im Zusammenhang mit „Sein entsteht aus Nichtsein“ in Kapitel 40 kann man Anfang und Entfaltung zusammenlesen: Etwas gewinnt Gestalt, ohne dass damit alle Möglichkeiten verschwinden. Das ist keine Garantie, jeder offene Mensch werde Erfolg haben. Es ist eine anspruchsvolle Verbindung: sich nicht abschließen und trotzdem zuverlässig zu Ende arbeiten.

VII. Eine andere Reihenfolge

In der Reihenfolge der Seidenhandschriften steht der Abschnitt „上士闻道“ vor dem Abschnitt „返者道之动“. Die geläufige Kapitelzählung, der auch diese Reihe folgt, hat Kapitel 40 vor Kapitel 41. Überblick des Hunan-Museums zu den Seidenhandschriften.

Man kann den Unterschied beim Lesen nutzen: Erst begegnen wir den befremdlichen Erscheinungsweisen des Dao, dann den Sätzen über Rückkehr und Nachgiebigkeit. Das ist eine mögliche Bewegung vom anschaulichen Befund zur allgemeineren Formulierung. Die andere Reihenfolge bietet einen anderen Einstieg.

Daraus lässt sich nicht ableiten, wer die Abschnitte aus welchem Grund umgeordnet hat, und noch weniger eine sichere Absicht, den Gedanken zu verfälschen. Für unsere Lektüre genügt die bescheidenere Beobachtung: Nachbarschaft und Reihenfolge verändern, was wir in einem Satz zuerst hören.

VIII. Nicht auf den fertigen Menschen warten

Zwei Einladungen bleiben. Die erste betrifft das Warten. Sie müssen nicht bis zu dem Tag leben, an dem alles an Ihnen abschließend richtig ist. Erledigen Sie die Aufgabe, lernen Sie das Handwerk, freuen Sie sich über etwas Vollbrachtes. Und lassen Sie offen, dass Ihr Leben mehr werden kann als die Erklärung, die Sie heute dafür besitzen.

Die zweite betrifft den Blick auf andere. Was wenig nach Größe aussieht, verdient manchmal eine genauere Betrachtung. Wer prahlt, ist nicht dadurch widerlegt; wer unscheinbar bleibt, ist nicht dadurch bestätigt. Fragen Sie nach der Arbeit, der Verlässlichkeit, dem Umgang mit Fehlern. Dort gewinnt der erste Eindruck Tiefe.

„Große Talente reifen spät“ sagt: Warte, auch dein fertiger Tag wird kommen. Die hier vorgeschlagene Lesart von 大器免成 fragt etwas anderes: Warum muss ein solcher Tag deine letzte Form bestimmen?

Du darfst reifen, ohne dich abzuschließen. Du darfst sagen: „Das habe ich vollendet“, ohne sagen zu müssen: „Mit mir ist es nun vollendet.“ Vielleicht liegt gerade darin die Weite des großen Gefäßes: Es vermag etwas zu tragen, und es hat noch Raum.