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Meißel-Konstrukt-Zyklus · Leichtathletik · Deutsch neu verfasst
Essay 02 / 23

Die Erfindung des Rekords

Wie Zeitungen, drei Stoppuhren, eine einheitliche Messlinie und zuständige Verbände aus einem Wettkampfergebnis einen Rekord machten, der sich in Listen fortschreiben und rückwirkend anerkennen ließ. Ein Rekord ist keine bloße Zahl, sondern eine ganze Vorrichtung zu ihrer Überprüfung.

Han Qin (秦汉)
In diesem Essay

1 Eine Zeitung wird zum Register

1868 erschien in Großbritannien ein Handbuch von Wilkinson mit dem Titel „Modern Athletics“. Im Anhang standen Tabellen mit den damals besten Leistungen in den einzelnen Disziplinen. Woher die Zahlen stammten, erklärte er im Vorwort.

Man müsse, schrieb er, eine bestimmte Autorität zum Maßstab nehmen. Seine Wahl sei auf „Bell’s Life in London“ gefallen, weil diese Zeitung die älteste verlässliche Chronistin des Berufslaufsports sei.

Bei diesem Satz lohnt es sich, einen Moment zu verweilen. Er wurde geschrieben, bevor es auch nur einen Leichtathletikverband gab. Es gab keine Weltrekorde, keine internationale Organisation, nicht einmal einen landesweiten Amateurleichtathletikverband. Aber es gab bereits Zahlen, die als beste verzeichnete Leistungen galten. Ihr Register war eine kommerzielle Zeitung.

Diese Zeitung war nicht um des Sports willen gegründet worden. Sie bediente ein älteres, handfesteres Bedürfnis. Im Großbritannien des 19. Jahrhunderts war der Berufslaufsport ein ganzer Wirtschaftszweig. Auf die Rennen wurde gewettet, und wer wettete, brauchte nachprüfbare Ergebnisse. Welche Strecke war gelaufen worden, in welcher Zeit, und wer hatte die Zeit genommen? Dafür musste es eine Stelle zum Nachschlagen geben, sonst ließen sich die Wetten nicht abrechnen. Diese Stelle war die Zeitung. Woche für Woche druckte sie Ergebnisse, bis aus ihr mit den Jahren ein Archiv geworden war.

Dabei verschoben sich, fast unbemerkt, die Zwecke. Die Zeitung hielt ein Rennergebnis fest, weil ihre Leser es wissen wollten. Dass die Ergebnisse vieler zurückliegender Jahre in gebundenen Jahrgängen erhalten blieben, lag dagegen schlicht daran, dass man Zeitungen so aufbewahrte. Niemand hatte beschlossen, ein Archiv anzulegen. Das Archiv fiel nebenbei an. Als Wilkinson eine Quelle brauchte, war zufällig nur dieses Nebenprodukt umfangreich genug und über einen genügend langen Zeitraum fortlaufend geführt worden. Wenn ein Aufbau sich sein Geschäftsbuch sucht, greift er oft nicht nach dem, das eigens für ihn angelegt wurde. Er nimmt das, das zufällig noch da ist.

So geschah etwas, das sich in der weiteren Geschichte der Leichtathletik immer wiederholen sollte. Ein Aufbau besaß sein Buch, noch ehe er einen Körper hatte. Und das Buch gehörte jemand anderem; auch der Zweck, zu dem es geführt worden war, war ein anderer.

In Wilkinsons Satz steckt noch etwas Wichtigeres. Er sagte, man müsse eine bestimmte Autorität auswählen. Dieses Müssen bezog sich nicht auf die besondere Verlässlichkeit von „Bell’s Life in London“. Es bedeutete: Ohne eine solche Wahl konnte man gar nicht anfangen. Jede Bestenliste braucht eine Quelle. Deren Eignung kann die Liste ihr nicht selbst verleihen, sie muss sie von außen beziehen. Wilkinson nahm das, was unter den verfügbaren Dingen einem Archiv am nächsten kam.

Der Vorgang hat etwas Unbehagliches. Die ausgewählte Quelle gewann Autorität, weil man sie ausgewählt hatte. Ausgewählt hatte man sie, weil sie zuvor schon am ehesten wie eine Autorität gewirkt hatte. Dieser Kreis lässt sich nicht von außen unterbrechen. Auf dem Grund jeder Ordnung, die Nachprüfbarkeit verlangt, liegt eine solche Setzung. Und unter ihr liegt keine weitere Schicht mehr, die sie ihrerseits überprüfen könnte.

Dabei blieb es nicht. Auch der internationale Leichtathletikverband musste Quellen von außen heranziehen, als er nach seiner Gründung entschied, welche älteren Leistungen in die erste Liste aufgenommen werden sollten. Und später lief jeder Streit um die Gültigkeit eines Rekords am Ende auf ein Aufzeichnungsinstrument hinaus, das man für vertrauenswürdig erklärt hatte. Warum das betreffende Aufzeichnungsinstrument vertrauenswürdig war, konnte es niemals selbst beantworten.

Nebenbei: Heute liegt es nahe, den Ursprung des Rekords im Wettgeschäft zu suchen. Doch diese Erklärung geht weiter, als die Quellen tragen. Sicher ist, dass Geld und Überprüfung ganz am Anfang eng miteinander verflochten waren. Nicht sicher ist, dass das Wetten allein die ganze Ordnung hervorgebracht hat. Näher an den Quellen bleibt eine Erklärung in Schichten: Zuerst brauchten Geschäft und Presse nachprüfbare Ergebnisse, dann machten Vereine daraus Regeln, zuletzt kam der Regelungsbedarf internationaler Wettkämpfe hinzu. Erst diese letzte Schicht gab dem Rekord eine weltweite Institution.

2 Erst kommt die Ablehnung

In demselben Handbuch von 1868 steht noch eine andere Passage. Wilkinson beklagte, dass aus allen möglichen Orten immer wieder erstaunliche Leistungen gemeldet würden, die einer Prüfung oft nicht standhielten. Die Strecke führte bergab, war zu kurz, der Zeitnehmer verstand sein Handwerk nicht, oder es hatte Rückenwind gegeben.

Von Regeln steht dort kein Wort. Eine Rekordregel gab es damals auch noch nicht. Aber die Gründe für eine Ablehnung waren schon beisammen: Gefälle, Streckenlänge, die Eignung des Zeitnehmers, Wind. Die wichtigsten Hürden, die eine Leistung heute auf dem Weg zur Anerkennung durch World Athletics nehmen muss, sind hier bereits im Ansatz vorhanden. Entstanden waren sie nicht durch einen Beschluss. Man hatte sie gebraucht, um einzelne Meldungen zurückzuweisen.

So kommt ein Aufbau häufig zur Welt. Seine Grenzen werden nicht zuerst gezogen und anschließend durchgesetzt. Sie zeichnen sich in einer Folge von Ablehnungen ab. Zuerst weiß man, was nicht zählt. Viel später schreibt man auf, was zählt. Und die schriftliche Fassung ist im Wesentlichen eine geordnete Sammlung der früheren Ablehnungsgründe.

Diese Reihenfolge erklärt noch etwas. Regeltexte lesen sich oft wie eine Beschreibung dessen, was eine gültige Leistung ausmacht. Entstanden sind sie aber von der anderen Seite her. Hinter jeder Bestimmung steht eine konkrete Leistung, die einmal zurückgewiesen wurde. Je feiner die Regeln, desto mehr Streit hat es zuvor gegeben. Wer eine Geschichte der Regeln allein anhand ihrer Texte schreibt, sieht ein System, das immer vollständiger wird. Wer nachschaut, welches Ereignis die jeweilige Bestimmung erzwungen hat, sieht eine Kette von Ärgernissen.

Eines muss dabei deutlich bleiben, sonst wird daraus allzu leicht eine Fortschrittsgeschichte. Gründe für die Ablehnung konnte man nur herausarbeiten, wenn es jemanden kümmerte, ob die Zahl stimmte. Und wen das zunächst kümmerte, waren die Menschen, die mit ihr abrechnen mussten. Wie streng geprüft wurde, richtete sich von Anfang an nach dem, was auf dem Spiel stand, nicht nach dem Willen zur Wahrheit. Das ist kein Vorwurf an diese Menschen. Es sagt nur etwas darüber, wo die Gewohnheit herkam.

Ein kleines Detail macht die Sache greifbarer. In seinem Kapitel über die Organisation von Wettkämpfen empfahl Wilkinson eine Anzeigetafel auf dem Gelände. Sie sollte so stehen, dass sowohl das Publikum als auch die Vertreter der Presse sie sehen konnten. Darauf sollten Teilnehmer, Platzierungen, Zeiten und die gemessenen Strecken bekannt gegeben werden.

Das war keine Maßnahme zur nachträglichen Öffentlichkeitsarbeit. Die Möglichkeit, ein Rennen aufzuzeichnen, wurde unmittelbar in die Anordnung des Wettkampfortes eingebaut. Noch während die Veranstaltung stattfand, bereitete sie sich auf ihr späteres Dasein auf Papier vor. Die Zahlen mussten sich abschreiben lassen. Wer sie abschrieb, musste sie gut sehen können, sie dann in die Zeitung setzen, und irgendwann würde jemand die Zeitung als Archiv benutzen. Diese Kette war 1868 bereits vollständig. Nur eine Institution war noch nicht Teil davon.

Man sollte sich ansehen, was auf der Tafel stand: Teilnehmer, Platzierungen, Zeiten, gemessene Strecken. Platz und Zeit standen nebeneinander auf derselben Tafel. Über viele Jahre zuvor war die Platzierung das Einzige gewesen, das man bekannt geben musste. Die Zeit gleichberechtigt daneben zu setzen hieß, dem Rennen zwei Erzeugnisse abzuverlangen. Eines gehörte dem Sieg oder der Niederlage an diesem Tag, das andere dem Vergleich auf Papier. Beide bestehen seither nebeneinander. Und sie verweisen nicht immer auf denselben Menschen.

Auch das Gelände wurde in dieselbe Richtung umgebaut. Wilkinson ließ Rennen auf Rasen weiterhin gelten, sofern der Streckenverlauf ordentlich markiert war. Er empfahl jedoch eigens angelegte Laufbahnen: Dort seien die Zeiten schneller und die Strecken genauer zu vermessen.

Die beiden Gründe dieser Empfehlung gehören zusammen. Schneller und genauer standen in ein und demselben Satz. Sie waren nie getrennt worden. Ein Untergrund, auf dem man schneller laufen konnte, war zugleich einer, den man genauer vermessen konnte. Der Aufbau hatte seine Vorliebe für beides von Beginn an zusammengebunden. Alle späteren Auseinandersetzungen über Kunststoffbahnen, über Laufschuhe und überhaupt über Dinge, die Leistungen verbessern, lassen sich bis zu diesem Augenblick zurückverfolgen, in dem die beiden Wünsche ungetrennt blieben.

3 Drei Uhren stimmen ab

1887 veröffentlichte Shearman „Athletics and Football“. Darin gab er die damaligen Wettkampfregeln der Amateur Athletic Association wieder.

In deren allgemeinen Bestimmungen stand, eine Veranstaltung benötige einen Zeitnehmer. Einzahl.

Als Shearman die tatsächlichen Abläufe bei Meisterschaften beschrieb, sah es anders aus. Dort wurden drei Zeitnehmer eingesetzt. Den Grund nannte er ebenfalls: In einer Zeit, in der ständig Rekorde gebrochen wurden, durfte an den Zeiten kein Zweifel bleiben. Zeigten die drei Uhren unterschiedliche Werte an, nahm man den mittleren. Wich eine Uhr von den beiden anderen ab, entschied die Mehrheit.

Diese Passage ist die wichtigste Stelle dieses Essays.

Drei Menschen sehen denselben Läufer dieselbe Strecke zurücklegen und erhalten drei Zahlen. Alle drei Zahlen sind echte Beobachtungen. Niemand betrügt. Keine Uhr ist kaputt.

Um zu sehen, was hier geschieht, kann man mit einer scheinbar selbstverständlichen Frage anfangen: Wie lange hatte der Lauf in Wahrheit gedauert? Darauf gab es damals keine Antwort. Nicht, weil die Technik noch nicht gut genug gewesen wäre, sondern weil es unter den Bedingungen der Handzeitnahme keine von der Beobachtung unabhängige Zeit gab, die irgendwo darauf wartete, gemessen zu werden. Der Lauf hatte unbestreitbar stattgefunden. Doch dafür, wie lange er gedauert hatte, gab es außer den drei Menschen und ihrem dreimaligen Drücken keinen weiteren Beleg. Der sogenannte wahre Wert war etwas, das man sich erst im Nachhinein, mit dem Aufkommen genauerer Geräte, rückwirkend vorstellte. Die drei Werte unterschieden sich, weil Menschen verschieden schnell reagieren und Uhren Messfehler haben. Im Bereich einer Zehntelsekunde ließen sich diese Unterschiede nicht beseitigen.

Nun brauchte das Buch aber eine Zahl.

Also kam ein Verfahren zum Einsatz. Man nahm den mittleren Wert oder ließ die Minderheit der Mehrheit folgen. Dieses Verfahren ermittelte nicht die wahre Zeit. Das konnte es gar nicht. Es erzeugte aus drei Kandidaten ein Ergebnis, das man eintragen konnte. Nach dem Eintrag war diese Zahl die Zeit des Rennens. Die beiden anderen verschwanden.

Sie waren nicht falsch. Es gab keinen Beleg dafür, dass die beiden anderen Uhren schlechter waren als die ausgewählte. Sie hatten lediglich eine Abstimmung verloren.

Ob sie verloren, hatte zudem nichts mit ihnen selbst zu tun. Dieselbe Uhr, derselbe Mensch: Hätten die beiden anderen Zeitnehmer an diesem Tag Werte auf der anderen Seite abgelesen, wäre der jetzt eingetragene Wert unterlegen. Eine Zahl gelangte nicht ins Buch, weil sie irgendetwas näherkam. Sie gelangte hinein, weil sie an diesem Tag zur Mehrheit gehörte. Anderswo ist so etwas nicht neu. Neu ist, dass es bei einem Vorgang geschieht, den man gemeinhin für reine Messung hält.

Hinter jeder Zahl in einer Rekordliste stehen deshalb im Augenblick ihres Eintrags andere, verworfene Messwerte. Als Beobachtungen haben sie denselben Rang wie der eingetragene Wert. Der einzige Unterschied: Im Buch gibt es nur ein Feld.

Noch etwas fällt auf. Die Bestimmung über drei Zeitnehmer stand nicht in den allgemeinen Regeln. Sie war Meisterschaftspraxis. Sobald Wettkämpfe Rekorde hervorbrachten, wuchs also über den vorhandenen Wettkampfregeln eine weitere Lage von Verfahren, die eigens dem Rekord diente. Man begann damit, ehe man sie aufschrieb. Wieder lautete die Reihenfolge des Aufbaus: erst die Praxis, dann der Text.

Noch einmal zurück zu jener Einzahl. In den allgemeinen Regeln stand ein Zeitnehmer, und das war kein Versehen. Für einen Wettkampf, der lediglich eine Reihenfolge ermitteln sollte, reichte einer vollkommen aus. Drei Zeitnehmer brauchte der Rekord, nicht das Rennen. Von diesem Moment an diente derselbe Wettkampf zwei verschiedenen Aufbauten, die an dieselbe Sache unterschiedliche Anforderungen stellten. Der eine wollte wissen, wer zuerst ankam, der andere, wie lange es gedauert hatte. Für den zweiten brauchte man dreimal so viele Leute wie für den ersten.

Auch das Mehrheitsprinzip verdient einen zweiten Gedanken. Es war ein Verfahren, das man von Gerichten und beratenden Versammlungen übernommen hatte. Ursprünglich sollte es Meinungsunterschiede klären, keine Unterschiede zwischen Messwerten. Es auf Messungen anzuwenden hieß anzuerkennen, dass diese bei der gegebenen Genauigkeit denselben Rang hatten wie Meinungen: Beide brauchten ein Entscheidungsverfahren, um in einem einzigen Ergebnis zusammenzulaufen. Das lag nicht an der Nachlässigkeit irgendeines Beteiligten. Solange es nur mechanische Stoppuhren gab, blieb auch kein anderer Weg. Entscheidend ist, dass das Verfahren, einmal eingebaut, nicht mehr unterschied, ob es eine falsche Beobachtung ausschied oder bloß eine, die in der Minderheit war.

4 Zwölf Zoll und achtzehn Zoll

In den von Shearman abgedruckten Verbandsregeln stand auch eine Vorschrift zur Vermessung: Die Länge einer Laufbahn war in einem Abstand von zwölf Zoll zur Innenkante zu messen.

Das war eine sehr handfeste Vereinheitlichung. Wie lang eine Kurve ist, hängt davon ab, entlang welcher Linie man misst. Je weiter außen die Linie liegt, desto länger wird die gemessene Runde. Wer den Ort der Messlinie festlegt, legt damit fest, wie lang die Bahn überhaupt ist.

Eine Anmerkung in einem späteren Jahrbuch erklärte jedoch, dass die Bahnen für Rekorde in Kurvenrennen früher häufig in achtzehn Zoll Abstand zur Innenkante vermessen worden waren. Erst später war der Standard auf zwölf Zoll geändert worden. Die Änderung hatte die Vergleichbarkeit der Leistungen tatsächlich beeinflusst.

Eine Messung im Abstand von achtzehn Zoll ergibt ein wenig mehr Strecke als eine im Abstand von zwölf Zoll. Eine Runde, der nach dem Achtzehn-Zoll-Maß eine bestimmte Länge zugeschrieben wurde, war tatsächlich also etwas kürzer als eine Runde gleicher Nennlänge nach dem Zwölf-Zoll-Maß. Laufen zwei Menschen auf derselben Bahn gleich viele Runden, einer vor dieser Umstellung, der andere danach, dann haben sie unterschiedliche Strecken zurückgelegt. Im Buch steht trotzdem derselbe Name der Disziplin.

Dass diese Anmerkung im Jahrbuch stand, zeigt: Man wusste davon. Die Sache galt nicht als Skandal. Niemand räumte daraufhin die Bücher auf. Es war eben eine Anmerkung.

Auch diese Reaktion sagt etwas aus. Sähe eine Ordnung ihren gesamten Sinn in der Vergleichbarkeit, müsste die Entdeckung zweier Messverfahren in ihren eigenen Büchern eine Krise auslösen. Dass man damals eine Anmerkung daraus machte, zeigt, dass für die Beteiligten nicht alles an der Vergleichbarkeit hing. Oder anders gesagt: Ihre Erwartungen an sie waren von Anfang an begrenzt. Heutigen Lesern kommt es leicht so vor, als hätten sie es nicht genau genug genommen. Treffender wäre, dass sie es mit anderen Dingen genau nahmen als wir.

Beim Untergrund zeigt sich dasselbe Muster. Es gab damals keine allgemeine Vorschrift, nach der ausschließlich Aschenbahnen zulässig gewesen wären. Rasen blieb erlaubt. Und Shearman sprach bei seiner Erörterung einzelner Leistungen ganz offen darüber, wie Rasen, Gefälle und schlechte Aschenbahnen den Vergleich von Zeiten erschwerten.

Noch ehe das Wort Weltrekord offiziell verwendet wurde, wussten die Verantwortlichen also genau, dass die Zahlen nicht vollständig miteinander vergleichbar waren. Sie stellten sie trotzdem nebeneinander.

Das lässt sich noch deutlicher sagen. Vergleichbarkeit war nie eine Frage von Ja oder Nein. Sie ist eine Frage des Grades. Jede Rekordordnung muss an irgendeinem Punkt Halt machen und erklären, dass die verbleibenden Unterschiede nicht weiter berücksichtigt werden. Wo sie anhält, bestimmen die technischen Möglichkeiten und die hinnehmbaren Kosten ihrer Zeit. Kein Prinzip.

Hier sollte man einen Fehlschluss vermeiden. Dass der Preis die Toleranz bestimmt, heißt nicht, dass die Ordnung beliebig oder verlogen wäre. Jede Messung muss irgendwo aufhören. Selbst die genauesten heutigen Geräte enden an einer bestimmten Nachkommastelle und erklären die folgenden Stellen für unbeachtlich. Der Unterschied liegt allein darin, wo man aufhört. Wer den Menschen, der bei zwölf Zoll Halt macht, für ungenau hält und den, der bei einer Tausendstelsekunde anhält, für genau, urteilt bereits mit dem späteren Maßstab. Den Unterschied zwischen zwölf und achtzehn Zoll nahm man hin, weil es zu viel gekostet und zu wenig eingebracht hätte, ihn aus den Büchern zu beseitigen. In späteren Essays werden wir sehen, wie Unterschiede derselben Art zu anderen Zeiten für untragbar erklärt wurden und man daraufhin eine ganze Liste annullierte. Die Entscheidungen fielen entgegengesetzt aus. Ihr Maßstab war beide Male derselbe: Kosten und Nutzen, nicht Prinzipien.

Hierher gehört auch der Wind. Lange bevor es einen Grenzwert für die Windgeschwindigkeit gab, war Wind ein geläufiger Grund, eine Leistung zurückzuweisen. Wilkinson hatte damit Meldungen verworfen. Auch die Rekordbestimmungen des Verbandes schrieben ausdrücklich vor, den Wind zu berücksichtigen. In welchem Jahr es dann verbindlich wurde, ein Windmessgerät einzusetzen und dessen Messwert zur Bedingung für einen Rekord zu machen, beantworten die zugänglichen frühen Texte nicht. Das heißt nicht, dass es damals keine Entwicklung gegeben hätte. Nur ist sie für uns heute nicht sichtbar.

5 Drei Aufgaben in einem Auftrag

Am 24. April 1880 wurde in Oxford die Amateur Athletic Association gegründet. Die versammelten Parteien beschlossen, sich zu einem neuen Dachverband zusammenzuschließen. Von Anfang an war er als übergreifende Instanz angelegt, nicht als weiterer Londoner Verein.

Schon der 1866 gegründete Amateur Athletic Club hatte in seiner Satzung sehr offen erklärt, wozu er da war: Er wollte ein Gelände bereitstellen, auf dem Amateurleichtathletik betrieben werden konnte und Gentlemen als Amateure gegeneinander antreten durften, ohne gezwungen zu sein, sich unter Berufsläufer zu mischen.

Was dieser Satz bedeutet, gehört in den nächsten Essay. Hier genügt zunächst eines: Die Institutionen, die das Rekordwesen übernahmen, erbten die Verfahren des Berufslaufsports nicht unverändert. Sie bauten sie in einen anderen Rahmen ein. Und dieser Rahmen legte als Erstes fest, wer hineindurfte.

Der Anstoß auf internationaler Ebene kam aus Schweden. Schon zwischen 1910 und 1911 hatte die schwedische Seite vorgeschlagen, einen internationalen Leichtathletikkongress einzuberufen. Die Einladung vom Mai 1911 nannte drei Aufgaben: allgemein anerkannte internationale Regeln festlegen, sämtliche Rekorde bei einer zentralen Stelle registrieren und den Amateurstatus für internationale Wettkämpfe bestimmen.

Drei Aufgaben in derselben Einladung.

Wir werden darauf zurückkommen. Deshalb halten wir es schon hier fest: Der Aufbau des Messens und der Aufbau der Zulassung entstanden nicht nacheinander. Sie standen als zwei Punkte in demselben Auftrag. Wer eine Ordnung von Leistungen schaffen wollte, die sich über Landesgrenzen hinweg vergleichen ließen, musste zugleich festlegen, wessen Leistungen überhaupt in diesen Vergleich eingehen durften. Sonst wusste das Register nicht, wen es aufnehmen sollte. Der zweite und der dritte Punkt brauchten einander.

Das galt auch umgekehrt. Eine Definition dessen, wer als Amateur gelten sollte, ließ sich nicht durchsetzen, solange sie nicht mit etwas verknüpft war, das man eintragen konnte. Die Prüfung der Startberechtigung wirkte gerade deshalb, weil ihr negatives Ergebnis bedeutete, dass eine Leistung nicht ins Buch kam. Die beiden Aufbauten verschafften einander die Mittel zur Durchsetzung. Das stand bereits fest, als man sie in dieselbe Einladung schrieb. Die nächsten Essays werden zeigen, wie die beiden zusammenarbeiteten und wen sie gemeinsam draußen hielten.

Am 17. Juli 1912, nach dem Ende der Leichtathletikwettbewerbe, trat der Kongress in Stockholm zusammen. Vertreter aus siebzehn Ländern nahmen teil. Eine Formulierung des Auftrags lautete, die neue Institution solle internationale Leichtathletikregeln aufstellen, alle Weltrekorde, olympischen und nationalen Rekorde registrieren sowie den Amateurstatus bestimmen. Dabei seien die Zuständigkeiten des Internationalen Olympischen Komitees zu achten.

Der letzte Halbsatz verdient Aufmerksamkeit. Die Zuständigkeit für Rekorde wurde von Anfang an neben der olympischen Autorität gedacht, nicht über ihr. Diese Ordnung wuchs nicht aus einem einzigen Zentrum.

Dieselben Unterlagen halten noch etwas fest. Den Stockholmer Veranstaltern wurde vorgeworfen, Schweden durch die Auswahl der Disziplinen und die Gestaltung der Regeln zu begünstigen, insbesondere durch Sonderformen einiger Wurfwettbewerbe und bei den Mehrkämpfen. Dieser Vorwurf ist ausdrücklich überliefert. Dass es ihn gab, steht fest. Überliefert ist auch die Antwort der Veranstalter. Sie bestritten, dass die Ergebnisse Schweden tatsächlich begünstigt hätten, räumten aber ein, eine künftige Vereinheitlichung sei wünschenswert, um unnötigen Streit zu vermeiden.

Hier muss man drei Ebenen auseinanderhalten. Dass der Vorwurf erhoben und festgehalten wurde, ist gesichert. Dass die Veranstalter darauf antworteten, ebenfalls. Ob der Vorwurf zutraf, lässt sich mit den heute vorliegenden Unterlagen nicht entscheiden. Das bleibt offen. Eine Antwort ist noch keine Widerlegung. Und eine Widerlegung ist noch keine Tatsache.

Eines lässt sich allerdings auch ohne Urteil erkennen. Der Streit brachte mehr Vereinheitlichung hervor. Ob die Vorwürfe stimmten oder nicht: Beide Seiten wollten ein gemeinsames Regelwerk, damit man beim nächsten Mal nicht wieder streiten musste. Der Aufbau wächst hier auf typische Weise. Er dehnt sich nicht aus, indem er seine Richtigkeit beweist, sondern durch einen Streit, der sich nicht entscheiden lässt. Der Streit bleibt ohne Ergebnis, doch die Regeln bekommen eine weitere Schicht.

Eine Folge dieser Wachstumsweise sollten wir festhalten. Weil Regeln aus Streit entstehen, decken sie immer die Stellen ab, an denen schon gestritten wurde. Wo noch nie jemand gestritten hat, schweigen sie. Dieses Schweigen bedeutet nicht, dass dort nichts geschieht. Es bedeutet nur, dass sich durch das Geschehen dort bislang keine Seite benachteiligt gefühlt hat. Die Sache, um die es im achten Essay geht, wuchs in einer solchen stillen Stelle heran.

6 Was in dem Satz nicht steht

In den Unterlagen des Berliner Kongresses von 1913 erscheint ein weiter ausgearbeiteter Satzungstext. Im Artikel über den Zweck der Institution steht folgender Satz:

Weltamateurrekorde in der Leichtathletik prüfen und registrieren.

Soweit sich die Quellen heute erschließen lassen, ist dies der früheste Satz, der die Zuständigkeit für Rekorde in einer Satzung festhält. Er machte aus einer Gewohnheit eine Befugnis. Vor diesem Satz war es eine Sache der Übereinkunft gewesen, wer einen Rekord anerkannte. Danach gab es eine Institution, die sagte: Das ist meine Aufgabe.

Auch das Wort „prüfen“ lohnt einen Blick. Es bedeutet, dass eine eingereichte Leistung beurteilt werden muss und nicht automatisch gültig wird. Zum Urteilen braucht man Maßstäbe; sie stehen in anderen Bestimmungen. Aber dass man das Urteilen selbst eigens aufführte, zeigt, dass man schon damals mit schwierigen Anträgen rechnete. Eine Institution behielt sich gleich bei ihrer Gründung das Recht vor, Nein zu sagen. Im Text stand dieses Recht noch vor jedem einzelnen konkreten Maßstab.

Nun zu dem, was nicht in diesem Satz steht.

Er sagt nicht, dass Rekorde vorläufig sind. Er sagt nicht, ihr Daseinszweck bestehe darin, auf ihre Überbietung zu warten. Er sagt nicht, dass ein überbotener Rekord automatisch ungültig wird. Er spricht nur vom Prüfen und Registrieren.

Auch in den heute zugänglichen Texten aus den Jahren 1913 und 1914 findet sich keine eindeutig veröffentlichte Bestimmung darüber, wie ein bereits eingetragener Rekord wieder abzuerkennen wäre. Daraus folgt nicht, dass es damals ganz sicher keine solche Bestimmung gab. Hier endet lediglich das zugängliche Material. Die Frage muss offenbleiben.

Das Zugängliche reicht aber aus, um eine Gestalt erkennen zu lassen. Dieser Aufbau erhielt die Befugnis zum Eintragen. Er sollte prüfen, er sollte registrieren. Über das Streichen schwieg der Text.

Daraus ergibt sich etwas recht Merkwürdiges. Die bekannteste Eigenschaft eines Rekords ist, dass er eines Tages gebrochen wird. Jeder weiß das, die Zeitungen schreiben jedes Jahr darüber, Sportler jagen ihr Leben lang danach. Doch festgeschrieben wurde es nie. Es lebt in der Praxis, in der Gewohnheit, in der Erwartung aller Beteiligten. Nur in dem Satz, der die Befugnis erteilt, steht es nicht.

Dieser Aufbau erklärte nicht zugleich seinen Abschluss und seine Unabgeschlossenheit. Er erklärte nur den Abschluss. Unabgeschlossen blieb er durch das, was er nicht aussprach. Und dieser unausgesprochene Teil arbeitete trotzdem weiter, sogar wirksamer als der ausgesprochene.

Das läuft unserer Erwartung zuwider. Wenn etwas nicht in einer Bestimmung steht, halten wir es gewöhnlich für weniger abgesichert. Hier ist es umgekehrt. Dass Rekorde gebrochen werden, muss man nicht festschreiben. Niemand würde widersprechen, niemand würde es anfechten. Festschreiben muss man die Dinge, gegen die jemand etwas hat. Der Inhalt der Bestimmungen ist deshalb nicht der ganze Aufbau, nicht einmal sein tragfähigster Teil. Die Bestimmungen verzeichnen lediglich die Stellen, an denen er einmal auf Widerstand gestoßen ist.

Viel später wird das wiederkehren. Sobald jemand vorschlägt, einen ganzen Bestand von Rekorden auf einmal für ungültig zu erklären, lässt sich eine Frage nicht umgehen: Wer darf streichen? Der ermächtigende Text verlieh das Recht zur Eintragung. Ob dieses Recht auch die Löschung umfasst, muss eigens begründet werden. Die Antwort lässt sich nicht einfach aus dem ursprünglichen Satz ablesen. Ein Buch, das nur das Addieren gelernt hatte, soll später subtrahieren.

Die Ungleichheit der beiden Fähigkeiten reicht noch tiefer. Wer einen Rekord einträgt, muss belegen, dass etwas tatsächlich geschehen ist. Die Belege liegen am Wettkampfort, bei den Zeitnehmern, auf dem Maßband. Wer einen Rekord streicht, muss belegen, dass etwas nicht so geschehen ist, wie es im Buch steht. Doch die Situation vor Ort lässt sich längst nicht mehr zurückholen, womöglich leben die Beteiligten nicht mehr, und es gibt kaum noch etwas nachzuprüfen. Die beiden Aufgaben sind von Beginn an verschieden schwer. Diese Ungleichheit hängt nicht davon ab, wer die Macht hat. Sie ergibt sich aus der Richtung der Zeit.

7 Die erste Liste greift zurück

Im Juni 1914 legte der internationale Leichtathletikverband auf seinem Kongress in Lyon das erste technische Regelwerk und die erste Weltrekordliste vor und verabschiedete beides. Das damalige Jahrbuch druckte die Liste unter einer Überschrift, die ausdrücklich sagte, dass es sich um die Weltrekorde handelte, die der Verband an diesen Kongresstagen anerkannt hatte.

Ihr Umfang: 53 Laufdisziplinen, 30 Gehdisziplinen, zwölf Sprung- und Wurfdisziplinen. Sämtlich Männerwettbewerbe.

Dreißig Gehdisziplinen: Heute mag diese Zahl überraschen. Sie zeigt sehr genau, dass die Schwerpunkte damals anders lagen.

Und sie zeigt noch etwas. Wie viele Disziplinen eine Rekordliste führt, hängt nicht davon ab, auf wie viele Arten man den Sport betreiben kann. Es hängt davon ab, für wie viele dieser Arten sich ein eigenes Konto lohnt. Eine Disziplin einzurichten ist ein Versprechen, auf Dauer eine Spalte für sie zu führen, ihre Leistungen anzuerkennen und ihre Anträge zu bearbeiten. Dreißig Spalten für das Gehen bedeuteten, dass genügend Menschen darin gegeneinander antraten und genügend andere zusahen. Ein Disziplinenverzeichnis hält fest, wie sich Aufmerksamkeit verteilt. Die Aufmerksamkeit wandert weiter; die Spalten ändern sich erst lange danach. Der Satz, dass es ausschließlich Männerwettbewerbe waren, gehört in den vierten Essay. Hier setzen wir nur ein Zeichen an den Rand.

Nun folgt der zweite entscheidende Punkt dieses Essays.

Die Liste bestand zum größten Teil nicht aus Leistungen, die nach den neuen Regeln erzielt worden waren. Sie griff weit zurück und erkannte zahlreiche Ergebnisse aus den vorangegangenen zwanzig Jahren nachträglich an. Auf ihr standen die 220 Yards von 1896, die Meile von 1895, mehrere Langstreckenleistungen aus den Jahren 1903 und 1904, dazu die 880 Yards von 1912 und die 440 Yards von 1913.

Eine Institution erließ also ihre eigenen Regeln. Und als Erstes erkannte sie anschließend eine große Zahl von Leistungen an, die man nicht unter diesen Regeln erzielt hatte.

Der Vorgang hat dieselbe Gestalt wie das, was Hippias im ersten Essay getan hat. Hippias ordnete über vierhundert Jahre verstreute Namen zu einer durchgehenden Linie. Danach benutzte man diese Linie wie die Zeit selbst. Der internationale Leichtathletikverband ordnete über zwanzig Jahre verstreute Leistungen zu einer Tabelle. Danach benutzte man diese Tabelle als Weltrekordliste. Beide Aufbauten begannen mit einer nachträglichen Anerkennung. Beide ergänzten sich um eine Vergangenheit aus einer Zeit, in der es sie selbst noch gar nicht gegeben hatte.

Eine Folge war unausweichlich. Die nachträglich aufgenommenen Leistungen waren nach verschiedenen Messgewohnheiten, auf verschiedenen Anlagen und mit verschiedenen Verfahren der Zeitnahme zustande gekommen. Auch die zwölf und die achtzehn Zoll aus dem vierten Abschnitt gehören in diesen Zeitraum. Die erste Weltrekordliste war schon am Tag ihrer Geburt in sich uneinheitlich.

Das taugt nicht zum Vorwurf. Der andere Weg wäre gewesen, alles vor 1914 mit einem Federstrich zu tilgen und bei null zu beginnen. Damit hätte man jedoch Leistungen ausgelöscht, die damals allgemein anerkannt waren. Außerdem wäre die neue Liste in ihren ersten Jahren ziemlich leer geblieben. Niemand hätte sie ernst genommen. Die nachträgliche Anerkennung war der einzige gangbare Anfang. Gangbar ist nicht dasselbe wie sauber.

Zum Preis dieser Anerkennung gehört noch etwas. Von nun an mussten die aufgenommenen Leistungen nach den Regeln der neuen Liste behandelt werden, obwohl sie diesen Regeln im Augenblick ihres Zustandekommens nicht unterlegen hatten. Wer sie anerkannte, übergab sie zugleich dem Urteil späterer Maßstäbe. Damals war das kein Problem, weil niemand beabsichtigte, rückwirkend nachzuprüfen. Viel später würde es eines werden, weil sich immer jemand findet, der genau das vorhat. Die Hälfte der Schwierigkeiten in der Auseinandersetzung des einundzwanzigsten Essays rührt von einer Liste her, deren Einträge schon seit dem ersten Tag aus unterschiedlichen Zusammenhängen stammen.

Auf derselben Liste gibt es noch etwas zu sehen. Die Disziplinen nach britischem und nach metrischem Maß wurden getrennt geführt. Für die Läufe gab es eine Tabelle in Yards und daneben eine eigene für metrische Strecken. Jede hatte ihre eigenen Rekordhalter und ihre eigenen Daten.

Umrechnen ließ man also nicht gelten. Die Leistung über eine Meile wurde durch Umrechnung nicht zu einem Rekord über 1500 Meter. Umgekehrt ebenso wenig.

Ein gerade gegründeter Weltverband behielt auf seiner ersten weltweiten Liste zwei Maßordnungen bei, die sich für die Rekordführung nicht ineinander umrechnen ließen. Man kann das auf zwei Arten lesen, und beide treffen zu. Die eine: Das vermeintlich allgemeine Maß war bei seiner Geburt gar nicht allgemein. Es führte in sich zwei Bücher nebeneinander. Die andere: Genau darin lag seine Ehrlichkeit. Eine Meile und 1500 Meter sind nun einmal verschiedene Disziplinen. Eine Umrechnung zu erzwingen wäre erst die Fälschung gewesen.

Keine dieser beiden Lesarten ist die richtige auf Kosten der anderen. Sie beschreiben zwei Seiten derselben Sache. Diesen beiden Seiten werden wir im Verlauf der Reihe immer wieder begegnen.

Zuvor hatte es noch mehr parallele Bücher gegeben. Das Jahrbuch von 1913 druckte bei derselben Disziplin Weltrekord, kanadischen Rekord und US-Rekord nebeneinander. In der Zeile für 880 Yards standen drei Namen. Die Liste des internationalen Verbandes erfand also weniger den Rekord, als dass sie in einer Welt voller Rekordlisten eine von ihnen zur maßgeblichen erklärte: Diese hier war nun die Liste.

8 Das Buch kann nur addieren

Nimmt man das bisher Gesagte zusammen, tritt eine Linie klar hervor.

Das Bedürfnis nach überprüfbaren Leistungen entstand zuerst in der Schicht aus Geschäft und Presse. Dort brauchte man eine Zahl, mit der sich abrechnen ließ. Vereine und Verbände machten aus den vereinzelten Überprüfungen Regeln: wie viele Zeitnehmer, wo gemessen wurde, wie gestartet werden durfte und aus welchen Wettkämpfen Ergebnisse anerkannt werden konnten. Erst als der internationale Sport Streitfälle hervorbrachte, die sich innerhalb eines einzelnen Landes nicht mehr lösen ließen, wurde eine weltweite Registrierungsstelle notwendig.

Diese drei Schichten sind nicht gegeneinander austauschbar. Sie lassen sich auch nicht auf eine einzige Ursache zusammenschieben. Zu sagen, der Rekord sei aus dem Sport von selbst hervorgewachsen, und zu sagen, das Wetten habe ihn geschaffen, sind zwei Fassungen desselben Fehlers. Beide erklären etwas, das Schicht um Schicht zusammengesetzt wurde, mit einer einzigen Ursache.

Und jede Schicht hinterließ ihren eigenen Rest.

Bei der Presse waren es alle Leistungen, die gerade diese Zeitung nicht verzeichnet hatte. Eine bestimmte Autorität zum Maßstab zu wählen hieß zugleich, die anderen nicht zu wählen.

Bei den Vereinen waren es alle Leistungen, die nicht in öffentlichen Wettkämpfen, nicht unter der Regie eines anerkannten Vereins oder nicht über eine vorgeschriebene Strecke erzielt worden waren. Sie hatten tatsächlich stattgefunden. Menschen waren dabei gewesen, Uhren hatten mitgemessen. Nur der Anlass ihres Zustandekommens lag außerhalb dessen, was die Liste zuließ.

Bei der Zeitnahme waren es die verworfenen Messwerte. Dieser Rest tritt am reinsten hervor, weil die ausgeschiedenen Zahlen genau derselben Art sind wie die angenommene. Wieder ist der einzige Unterschied, dass das Buch nur ein Feld hat.

Die Reste dieser verschiedenen Schichten haben noch etwas gemeinsam. Keiner von ihnen ist etwas, wogegen sich der Aufbau richtet. Leistungen, die eine Zeitung nicht verzeichnet hat; Ergebnisse aus Rennen, die kein anerkannter Verein ausrichtete; die beiden ausgeschiedenen Messwerte; Leistungen, die als nationale Rekorde geführt werden: Nichts davon ist als Betrug oder als unwahr verworfen worden. Alles ist wirklich geschehen, und das meiste war schon damals von irgendjemandem anerkannt. Es liegt nur außerhalb dieses einen Feldes. Was ein Aufbau nicht restlos wegbekommt, ist nur selten das, was er beseitigen wollte.

Bei der nachträglichen Anerkennung blieben jene Leistungen übrig, die nicht aufgenommen wurden. Bevor Lemming im September 1912 den Speer auf 62,32 Meter warf, hatte er bereits neun frühere Bestleistungen erzielt. Sie galten als schwedische Rekorde, gelangten aber nicht ins internationale Buch. Sie waren nicht falsch. Sie waren auf einer anderen Ebene eingetragen.

Ein weiterer Rest gehört dem Aufbau selbst. Er verlangt für jede Leistung Zeugen, Vermessung, Unterschriften und nachprüfbare Belege. In den heute öffentlich zugänglichen Unterlagen findet sich jedoch weder ein Original eines Rekordantragsformulars aus den 1910er-Jahren noch eine vollständige Liste der damals einzureichenden Nachweise. Wie die frühesten Antragsunterlagen aussahen, wissen wir heute nicht. Eine Institution, zu deren Kernaufgaben das Hinterlassen von Belegen gehört, hat ihre eigenen ersten Belege nicht hinterlassen, jedenfalls nicht in dem heute auffindbaren Bestand. Diese Frage muss offenbleiben. Mit Vermutungen darf man die Lücke nicht füllen.

Daran zeigt sich noch etwas. Die Geschichte, die wir heute sehen können, ist aus Jahrbüchern, Handbüchern, Kongressunterlagen und späteren Zusammenstellungen zusammengesetzt. Jedes dieser Dinge ist aus eigenen Gründen erhalten geblieben. Keines wurde aufbewahrt, damit spätere Leser das ganze Bild überblicken könnten. Eine Geschichte über die Entstehung des Registrierens ist selbst nicht vollständig registriert worden. Das ändert nichts an den gesicherten Ergebnissen. Es bestimmt aber, wie weit sie reichen.

Eine letzte Sache bleibt zwischen diesem und dem nächsten Essay stehen.

Erst 1922 bestätigte der internationale Leichtathletikverband seinen ersten Weltrekord im Zehnkampf. Er wurde nach einer zuvor ausgearbeiteten Wertungstabelle berechnet. Nach derselben Tabelle aber wurde Thorpes Gesamtpunktzahl von 1912 erst 1926 übertroffen. Mehr als ein Jahrzehnt lang war diese Zahl also die höchste ihrer Zeit, ohne ein Rekord zu sein. Zwischen beidem lag keine Leistung. Dazwischen lag eine Institution.

Was dem Menschen hinter dieser Zahl widerfuhr, ist die Sache des nächsten Essays.

1913 erhielt dieser Aufbau die Befugnis zum Prüfen und Registrieren. Als er sie 1914 zum ersten Mal nutzte, trug er eine Vergangenheit ein, über die er nie die Aufsicht gehabt hatte. Er hatte gelernt, wie man addiert. Das Subtrahieren hatte ihm niemand beigebracht. Bis das zum Problem wurde, sollte noch viel Zeit vergehen.

Der Maßstab misst noch nicht richtig. Er misst trotzdem weiter.