Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Zwei Jahre später

Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung · 2026-10-09

Über diese Ausgabe

Zur Ausgabe: Für deutschsprachige Leser eigenständig nach dem chinesischen Original neu gefasst. Das Original bietet vereinfachte und traditionelle chinesische Schrift auf derselben Seite.

Nach der Schlacht in Folge 27 hätte diese Geschichte zu Ende sein können.

Das gegnerische Flaggschiff ist zerstört, der Oberkommandierende tot, der Krieg vorbei. Hikaru Ichijo, Lynn Minmay und Misa Hayase haben in der Zeit um die Entscheidungsschlacht wichtige Dinge ausgesprochen. Die Kriegshandlung ist vollständig abgeschlossen. Ihre Beziehungen aber haben keineswegs eine endgültige, unwiderrufliche Klärung erfahren.

Diese Folge hätte ohne Weiteres die letzte sein können.

Doch es folgen noch neun weitere.

Zwei Jahre später

Folge 28 beginnt mit einer Erzählerstimme. Seit der Entscheidungsschlacht, erfahren wir, sind ungefähr zwei Jahre vergangen.

Die Erde erholt sich. Überlebende Menschen und überlebende Zentradi beginnen, miteinander zu leben. Städte werden wiederaufgebaut, eine Ordnung entsteht, das Leben geht weiter.

Und was zeigen diese neun Folgen konkret?

Hikaru Ichijo lässt sich gehen und schwankt zwischen Minmay und Misa. Er schwankt noch bis unmittelbar vor der letzten Folge.

Misa Hayase trinkt allein. So viel, dass sie danach einen Kater hat.

Lynn Minmay überlegt, nicht mehr zu singen. Ihre Popularität nimmt ab. Sie zieht mit Kaifun, der dem Alkohol verfallen ist, von Auftrittsort zu Auftrittsort.

Nach Folge 27 driften die Beziehungen, die eine gemeinsame Krise vorübergehend auf eine Linie gebracht hatte, im Alltag wieder auseinander.

Was in jener Folge geklärt schien, wird in diesen neun Folgen erneut unklar. Was entschieden war, ist es plötzlich wieder nicht.

Die Produktions- und Ausstrahlungsgeschichte hat diese wenig glatte Fortsetzung tatsächlich geprägt. Doch die fertiggestellte Fernsehserie umfasst 36 Folgen. Was in diesen neun weiteren Folgen wirklich zu sehen ist, gehört weiterhin zum Werk.

Und das Gezeigte ist erheblich unansehnlicher als das schöne Ende von Folge 27. Es ist auch viel konkreter.

Das Ende eines Krieges macht Menschen nicht automatisch besser. Was am Tag des Sieges geklärt wurde, kann schon im nächsten Jahr wieder unklar sein. Wer in der Entscheidungsschlacht seine Liebe erklärt hat, kann zwei Jahre später wieder schwanken.

Genau davon handeln diese neun Folgen.

Diejenigen, die keinen Platz finden

Auch bei den Zentradi gibt es Schwierigkeiten.

Einige finden keinen Zugang zum Leben auf der Erde.

Die Serie weicht dem nicht aus. Sie sind weder bösartig noch verbohrte Starrköpfe. Sie wurden so hergestellt, dass sie nur eines können. Dieses eine tun sie jetzt nicht mehr, und etwas anderes steht ihnen nicht zur Verfügung.

Sie beginnen zu rebellieren.

Kamjin sammelt sie um sich und zieht mit ihnen erneut gegen die Menschen in den Krieg.

Dabei sollte man eines beachten: Kultur ist ihnen keineswegs unbekannt geblieben. Sie rauchen, sie reden über Kultur. Sie nehmen aber auch Geiseln und setzen andere mit Tauschbedingungen unter Druck. Was an der menschlichen Gesellschaft angenehm ist und was Menschen abhängig macht, geht beides in ihre neuen Methoden ein.

Die Begegnung hat ihre Lebens- und Handlungsmöglichkeiten erweitert. Sie hat niemanden automatisch gut gemacht.

Die Serie versieht das mit keinem Kommentar. Sie lässt es geschehen.

Was Kamjin sagt

Kamjin und seine Leute sind tatsächlich damit in Berührung gekommen.

Sie haben Gesangsdarbietungen gesehen, Küsse beobachtet, Zigaretten probiert. Später nennen sie diese Dinge selbst „Kultur“: Sie rauchen und erklären dabei, das sei Kultur.

Kamjin fällt über all das ein Urteil, das sinngemäß lautet:

Wenn man sich daran gewöhnt hat, ist es auch nichts Besonderes mehr. Es war eben mal etwas Neues.

Auf diesen Satz läuft die ganze Essayreihe hinaus. Deshalb sollten wir bei ihm verweilen.

Er ist keine Lüge. Kamjin ist dem allen begegnet, hat es gesehen und ausprobiert. Er darf sich ein Urteil darüber bilden.

Der Satz ist auch kein Wutausbruch. Er greift nichts an, sondern stellt fest: Ich habe es ausprobiert. Mehr ist es nicht.

Etwas kann eine Flotte mit Millionen von Schiffen lahmlegen und zugleich einem Einzelnen überhaupt nichts bedeuten.

Darin liegt kein Widerspruch. Die beiden Aussagen handeln von verschiedenen Dingen: Die erste beschreibt die Wirkung in einem System, die zweite die Wirkung auf einen Einzelnen.

Die Serie lässt beides nebeneinander bestehen.

Minmay hört es

Zu denen, die diesen Satz hören, gehört Lynn Minmay.

Ihre Popularität geht zu dieser Zeit zurück. Sie fragt sich, ob sie mit dem Singen aufhören soll. Sie zieht mit Kaifun von Auftritt zu Auftritt, und Kaifun ist dem Alkohol verfallen.

Der Satz trifft sie schwer.

Hier müssen wir genau auf die Lage der Dinge achten.

Zwei Jahre zuvor hat ihr Gesang eine Flotte von Millionen Schiffen in Verwirrung gestürzt. Die Menschen nutzten diese Lücke, zerstörten das Flaggschiff und gewannen den Krieg. Das ist in der Geschichte dieses Planeten verzeichnet.

Zwei Jahre später sagt ein Zentradi zu ihr: Es war eben mal etwas Neues.

Und sie kann nichts dagegenhalten.

„Ich habe diesen Planeten gerettet“ kann sie nicht sagen. Das wäre zu groß, und sie hat es auch nicht allein getan. „Du verstehst es nicht“ kann sie ebenfalls nicht sagen. Er versteht es, er hat es ausprobiert. Sie hat keinen Beweis, den sie vorlegen könnte.

Denn sie wusste selbst nie, was sie da eigentlich getan hat. Davon handelte der zweite Essay: Sie verstand nicht, warum es wirkte. Sie sang einfach. Auch als man sie als Waffe einsetzte, war ihr nicht recht klar, was geschah.

Nun erklärt ihr jemand, das Ganze sei nichts wert. Und sie hat nichts in der Hand, mit dem sie beweisen könnte, dass es doch etwas wert ist.

Nur eines wusste sie sicher: dass sie singen konnte. Nun hat jemand ihrem Gesang vor ihren Augen einen Wert zugemessen, und sie weiß selbst nicht, ob diese Schätzung stimmt.

Die Serie repariert das nicht

Jetzt kommen wir zur wichtigsten Eigenschaft dieser neun Folgen.

Sie reparieren das nicht.

Die Serie veranstaltet kein Konzert, auf dem Minmay ihren Wert erneut beweisen könnte. Niemand tritt vor und erklärt ihr, wie wichtig das alles gewesen sei. Kamjin muss seinen Satz nicht zurücknehmen, und er wird auch nicht dafür bestraft. Er stirbt später aus anderen Gründen.

Der Satz wird ausgesprochen, sie wird verletzt, und das Leben geht weiter.

Was den Krieg beendet hat, konnte diejenige nicht retten, die es sang.

Die Serie löst das nicht auf.

Die letzte Folge

Kamjin hat ein Kriegsschiff repariert. Mit ihm greift er die Festung an.

Er fällt im Kampf.

Die Serie behandelt ihn ohne Umwege: Jemand, der im Frieden nicht leben kann, hat keinen anderen Weg als diesen.

Nach der Schlacht sieht Minmay, wie Hikaru Ichijo und Misa Hayase sich gegenseitig vergewissern, dass der andere unversehrt ist.

Sie tritt zurück.

Sie sagt, sie werde in eine Stadt gehen, die sie nicht kennt, und es dort noch einmal mit dem Singen versuchen.

Dann geht sie. Hikaru und Misa sehen ihr nach.

So endet diese Serie.

Die Gestalt dieses Endes

Stellen wir das Ende noch einmal hin, ohne etwas hinzuzufügen.

Ein Mädchen kommt von einer kleinen südlichen Insel. Es nimmt an einem Schönheitswettbewerb teil, tritt ins Rampenlicht und wird Sängerin.

Drei Kundschafter fangen ihren Gesang auf. Zum ersten Mal begegnet ein ganzes Volk einer Kategorie, die es bisher nicht besaß.

Später wird ihr Gesang in einer Entscheidungsschlacht als Waffe eingesetzt. Vom Ausgang dieser Schlacht hängt das Überleben zweier Spezies ab.

Zwei Jahre danach erklärt ihr ein Zentradi, der das alles kennengelernt hat: Es war eben mal etwas Neues.

Am Ende dieser Geschichte geht sie allein in eine fremde Stadt. Sie will es dort noch einmal mit dem Singen versuchen.

Was sie getan hat und wie es ihr später ergeht, passt nicht zusammen.

Die Serie bringt beides nicht zur Deckung. Sie verschafft ihr weder eine Stellung, die ihrer Tat entspräche, noch ein Urteil, das ihr gerecht würde.

Sie lässt sie einfach allein fortgehen.

Und die beiden, die ihr nachgesehen haben, kehren danach in die Stadt zurück, die gerade wiederaufgebaut wird. Dort leben sie weiter, zusammen mit den wenigen Menschen und Zentradi, die überlebt haben.