Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Diese deutsche Neufassung folgt dem chinesischen Original. Auf der Originalseite lässt sich zwischen vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen wechseln.
Eine Hütte. Darin leben ein Junge im Teenageralter und ein Hund mit einer Kettensäge.
Der Junge heißt Denji. Sein Vater hatte bei der Yakuza 38 Millionen Schulden, dann starb er. Die Schulden erbte der Sohn. Weil er sie anders nicht abtragen kann, jagt Denji Teufel. Deren Leichen lassen sich verkaufen.
Das reicht nicht. Also verkauft er auch Teile seines Körpers: ein Auge, eine Niere, einen Hoden.
Alles zusammen tilgt gerade einmal einen kleinen Teil. Der Rest wächst durch Zins und Zinseszins schneller, als Denji ihn zurückzahlen kann.
Zu essen gibt es jeden Tag Brot. Keine Sandwiches, nichts mit Füllung. Weißbrot. Manchmal hat er eine Kleinigkeit dazu.
Schon zu Beginn stellt die Geschichte ihn neben den Hund. Den Vergleich drängt ihm niemand auf, er zieht ihn selbst: Reste fressen, arbeiten, im Verschlag schlafen. Nehmen, was der Herr einem zu fressen gibt.
Denji hat eine Wunschliste. Mit ihr beginnt dieser Essay.
Was auf der Liste steht
Ungefähr das hier:
Brot mit Marmelade essen.
Eine Mahlzeit, zu der es Butter gibt.
Ausschlafen, bis man von selbst aufwacht.
Mit einem Mädchen schlafen. Einmal Brüste anfassen.
Das ist alles.
Das sind keine armseligen Träume. Sie haben genau diese Größe.
Das muss man deutlich sagen. Denn an dieser Stelle liegt es nahe, seine Wünsche stellvertretend aufzuwerten: Eigentlich wolle er ernst genommen werden, jemandem etwas bedeuten, ein normales Leben führen.
Diese Aufwertung werde ich hier nicht vornehmen. Dabei geht es nicht darum, ob das sentimental wäre.
Der Grund ist: Denji fehlt damals jeder Vergleich. Er hat nie eine andere Art zu leben kennengelernt. Niemand hat ihm gesagt, dass es noch etwas anderes zu wünschen gibt. Er hatte nicht einmal Gelegenheit herauszufinden, was er will. Die Jahre gingen vollständig dafür drauf, Schulden abzutragen und am Leben zu bleiben.
Wer sagen will: „Was ich wirklich möchte, ist dies oder das“, muss erst einmal wissen, dass es dieses Etwas gibt.
Denji weiß es nicht. Er kennt keinen Alltag ohne Schuldendienst. Er weiß nicht, dass jemand ohne Hintergedanken gut zu ihm sein könnte oder dass man beim Essen überhaupt so weit kommen kann, es zu genießen. Solche Dinge gehören nicht zu seiner Erfahrung. Also gehören sie auch nicht zu seinen Wünschen.
Was auf der Liste steht, ist deshalb schon alles. Marmelade aufs Brot. Dahinter liegt keine zweite Bedeutungsebene.
Daran halte ich in dieser Reihe fest: Brot ist Brot, einmal anfassen heißt einmal anfassen. Ich werde weder den Preis dieser Wünsche hochtreiben noch ihnen eine respektablere Erklärung unterschieben.
Was die Erfüllung kostet
Betrachten wir die Liste nun von der anderen Seite: Wie viel kostet es, diese Wünsche zu erfüllen?
Eine Scheibe Brot. Ein kleines Glas Marmelade. Eine Mahlzeit. Ein Platz zum Schlafen.
Der Preis dafür, einen solchen Wunsch zu erfüllen, ist eine Scheibe Brot.
Und was bekommt man dafür? Einen Menschen, der für einen arbeitet. Der für die nächste Mahlzeit im Kampf gegen Teufel sein Leben riskiert. Der tut, was man ihm sagt.
Dieses Verhältnis ist der erste Mechanismus der Geschichte. Schon im ersten Kapitel läuft er.
Die Yakuza gibt Denji ein bisschen Geld, gerade genug zum Überleben. Dafür bekommt sie einen Jäger, der keine Rücksicht auf sein Leben nimmt.
Je kleiner und genauer ein Wunsch ist, desto weniger Mühe hat derjenige, der einen Menschen daran festhält.
Darin steckt zunächst kein Lob und kein Tadel. Es ist ein Verhältnis von Aufwand und Ertrag. Wer jemanden über dessen Wunsch nach einem Haus in der Hand haben will, muss ein Haus aufbieten. Wer dasselbe mit jemandem vorhat, der Brot mit Marmelade möchte, braucht eine Scheibe Brot. Letzteres ist erheblich billiger. Und man kann die Lieferung täglich wiederholen, immer weiter.
Pochita
Der Hund in der Hütte heißt Pochita.
Denji begegnete ihm am Grab seines Vaters, verletzt und dem Tod nahe. Er bot ihm sein Blut an, um ihn zu retten. Danach lebten und arbeiteten sie zusammen.
Dabei hatte er selbst kaum etwas zu essen. Von dem wenigen gab er die Hälfte ab.
Die erste Abmachung schlossen sie schon bei dieser Rettung: Denji hilft Pochita zu leben; dafür soll Pochita auch ihm helfen, am Leben zu bleiben. Nahrung teilen und gemeinsam arbeiten werden zur alltäglichen Form dieser gegenseitigen Hilfe.
Ein solcher Vertrag ist in dieser Geschichte selten. Beide verstehen ihn, beide können ihren Teil erfüllen, beide erhalten, was ihnen zusteht. Bei keinem der späteren Verträge ist das so: weder bei Akis Abmachungen mit drei Teufeln noch bei Denjis Vertrag mit der Öffentlichen Sicherheit.
Das ist die erste Beziehung der Geschichte. Ihrer Form nach gleicht sie allen späteren: ein Tausch.
Der Unterschied liegt darin, dass diesmal beide Seiten Gleichwertiges geben. Ein sterbendes Wesen wird gerettet, sein Retter erhält einen Helfer. Keiner hat den anderen in der Hand.
Das sollte man sich merken. Denn genau so kommt es in dieser Geschichte nur dieses eine Mal vor.
In einem Müllsack
Danach geht alles schnell.
Die Yakuza schließt einen Vertrag mit dem Zombieteufel und wird ihm untertan. Ihre Leute locken Denji in eine Falle und töten ihn.
Sie zerhacken ihn, stecken die Stücke in einen Müllsack und lassen ihn liegen.
Die Geschichte erledigt das mit fast beiläufiger Brutalität. Keine Musik, keine Zeitlupe, kein „Wie konntet ihr mich nur verraten?“. Der Held wird im ersten Kapitel umgebracht. Dafür reichen ein paar Panels.
Auch dieses Detail steht fast nebenbei da: Im Augenblick seines Todes denkt er daran, dass er noch nie Brot mit Marmelade gegessen hat.
Dann kriecht Pochita in seine Brust und wird zu seinem Herzen. Denji erwacht wieder zum Leben. Er wird zum Chainsaw Man.
Er zieht an der Schnur in seiner Brust, aus seinem Kopf wächst eine Kettensäge. Er zerlegt sie alle.
Nach dem Kampf sitzt er in einer Blutlache.
Die erste Mahlzeit
Eine Frau kommt auf ihn zu.
Sie heißt Makima, jagt für die Öffentliche Sicherheit Teufel und untersteht unmittelbar dem Kabinett. Sie hockt sich vor ihn, sieht ihn an und stellt ihn vor zwei Möglichkeiten:
Werde mein Hund. Oder stirb hier.
Denji entscheidet sich für Ersteres. Jeder würde sich so entscheiden.
Was dann folgt, ist die erste wirklich entscheidende Szene der Geschichte.
Das Erste, was sie ihm gibt, ist kein Befehl. Es ist eine Mahlzeit.
Sie geht mit ihm essen.
Für die meisten Menschen wäre das eine ganz gewöhnliche Mahlzeit. Denji fängt beim Essen an zu weinen. Er kann selbst nicht richtig erklären, warum. Er weiß nur: Es schmeckt so gut.
Die Szene drückt dabei nicht auf die Tränendrüse. Ein Mensch isst, weint und isst weiter.
Dann kommt eine Unterkunft. Dann ein heißes Bad. Dann ein Bett, eine saubere Decke und ein Morgen, an dem er ausschlafen darf.
In einer einzigen Nacht sind mehrere Punkte auf der Liste abgehakt.
Binnen weniger Stunden hat Makima mehr als die Hälfte seiner Wunschliste erledigt. Vermutlich hat sie dafür nicht einmal ein Monatsgehalt ausgegeben.
Der Maßstab
Legen wir nebeneinander, was dieser Essay gezeigt hat.
Denjis Wunschliste: Marmelade auf dem Brot, eine gute Mahlzeit, ausschlafen, einmal anfassen.
Die Kosten der Erfüllung: sehr gering.
Der Ertrag: ein Mensch, der bereit ist, gegen Teufel sein Leben zu riskieren.
Die Yakuza hat mit dieser Formel gerechnet, Makima ebenfalls. Es ist dieselbe Rechnung. Nur gibt Makima etwas mehr und geht dabei geschickter vor. Sie stellt ihn nicht an. Sie hakt einen Wunsch nach dem anderen ab, und mit jedem erledigten Punkt gewinnt sie einen weiteren Hebel, an dem sie ansetzen kann.
Die Geschichte legt das schon im ersten Kapitel offen. Sie versteckt nichts. Makima sagt: „Werde mein Hund.“ Sie sucht kein schöneres Wort dafür.
Und Denji findet an der Formulierung nichts auszusetzen.
In seiner Lage bezeichnet „Hund“ genau die beste Stellung, die er erreichen kann: Jemand gibt ihm zu essen, er hat einen Schlafplatz, muss keine Schulden abbezahlen und nicht jeden Tag ausrechnen, ob er ihn überlebt.
Er wird nicht dazu überlistet, eine erniedrigende Stellung anzunehmen. Für ihn ist es eine Beförderung.
Von der Hütte in eine Unterkunft der Öffentlichen Sicherheit. Vom Weißbrot zu der Mahlzeit, zu der sie ihn einlädt. Nach dem Maßstab, den er besitzt, ist das eine gewaltige Verbesserung.
Woher er diesen Maßstab hat, haben wir bereits gesehen.
Von diesem Tag an treten mehr Menschen in Denjis Leben.
Und sie finden alle über dasselbe Zugang zu ihm.
Darum geht es im nächsten Essay.