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Originalerzählung · endgültige Fassung

Der Tag der Verschmelzung

Zwei Frauen teilen dieselben ersten dreiunddreißig Jahre. Sechs getrennte Monate zeigen, welche Erinnerungen eine Verschmelzung tragen kann — und welches Leben sie niemandem abnimmt.

Han Qin (秦汉)5. Sept. 2026 · endgültige Fassung vom 9. Sept. 2026Deutsche literarische Fassung · 8 Sprachen

Das Schiff legte um sechs Uhr morgens an. Anna stieg mit dem wasserdichten Stationsrucksack über die Gangway. Ihre Beine warteten noch auf die nächste Welle. Der Kai bewegte sich nicht; sie machte einen Schritt zu viel, und Nina fing sie am Arm auf.

„Bleib kurz stehen.“ Nina hielt sie fest, bis beide Füße den Boden wieder angenommen hatten.

Ein Mann am Anleger sah die beiden an, ging weiter und drehte sich noch einmal um. „So ähnlich. Sind das Zwillinge?“

„Komm. Es ist kalt.“ Nina rieb sich die Hände.

„Nicht besonders. Wärmer als draußen auf See.“ Anna nahm die Mütze ab und schüttelte sie aus.

In der Wohnung stellte sie den Rucksack neben der Tür ab. Die Luft stand still. Sie brauchte einen Augenblick, um es zu merken. In ihren Sohlen steckten Salzkörner. Nina breitete alte Zeitungen aus, damit sie darauf die Schuhe ausziehen konnte.

Beide griffen gleichzeitig nach den Hausschuhen hinter der Tür. Anna war schneller. Nina holte ein zweites Paar unter dem Bett hervor und wischte mit der Handfläche den Staub davon.

Vor einem halben Jahr waren sie noch ein Mensch gewesen. Sie hatte Anna geheißen. Der Vertrag der Meeresbeobachtungsstation war eingetroffen, während ihre Mutter im Krankenhaus lag. Auf der einen Seite stand ein Kindheitstraum, der sechs Monate Abwesenheit verlangte; auf der anderen eine Mutter, die gerade erst eingeliefert worden war und nicht allein bleiben konnte. Anna wollte keines von beidem aufgeben und ging ins Teilungszentrum. Ein Mensch trat ein, zwei kamen heraus. Beide erinnerten sich an dieselben ersten dreiunddreißig Jahre. Das Los entschied, wer den Namen Anna behielt. Die andere hieß fortan Nina. Sie unterschrieben getrennt. Eine fuhr hinaus zur Station, eine blieb bei der Mutter in der Stadt. Nach sechs Monaten würden sie zurückkehren und verschmelzen.

Erinnerungen aus der Zeit nach der Teilung ließen sich nicht einzeln übertragen. Erst bei der Verschmelzung würde ein Mensch beide Leben zugleich erhalten. Sie konnten auch getrennt bleiben. Das Zentrum hatte sie jedoch gewarnt: Manche verloren dann selbst Teile der gemeinsamen Vergangenheit, und zwar auf unterschiedliche Weise. Regelmäßige Gespräche über früher, gemeinsam wiederholte Erinnerungen und Geschichten von Angehörigen konnten den Verlust verlangsamen, vielleicht verhindern.

Die Erinnerung des Zentrums war gekommen, als Anna noch auf dem Schiff war: Termin um fünfzehn Uhr; getrennte Bestätigung durch beide Beteiligten; am nächsten Tag Entlassung einer Person; eine Garnitur Kleidung mitbringen.

Anna öffnete auf dem Bett eine kleine Reisetasche und legte Kleidung aus dem Rucksack hinein. Der Stoff roch noch nach Diesel. Nina faltete eine Hose und öffnete das Fenster einen Spalt.

„Mama will uns morgen abholen.“

„Sie kommt allein bis zum Bahnhof? Hin und zurück?“

„Ich wollte einen Wagen rufen. Sie hat abgelehnt. Neulich beim Einkaufen habe ich zweimal gefragt, ob sie müde ist. Sie sagte, wenn ich mich setzen müsse, solle ich mir eine Bank suchen.“ Nina lächelte. „Wenn sie sagt, sie sei nicht müde, frag nicht weiter. Mit jeder Frage läuft sie schneller.“

„Dann hast du sie also aufgehalten.“ Anna lachte. „Als ich gefahren bin, konnte sie kaum auf der Bettkante sitzen. Was hat sie noch erzählt? Egal. Morgen erinnere ich mich ja an alles.“

Nina legte die Hose in die Tasche und antwortete nicht.

Anna packte zwei Oberteile ein, sah auf die Liste des Zentrums und nahm eines wieder heraus.

„Eine Garnitur reicht.“

Nina legte das Oberteil auf einen Stuhl. Dort hing bereits ihr Mantel. An der Brust steckte der Dienstausweis des Schwimmbads. Darauf stand ihr Name: Nina.

In der Küche setzte sie Wasser auf. Annas Telefon war leer. Die Steckdose neben dem Tisch, die sie früher immer benutzt hatte, war frei. Als sie es anschloss, erschien oben auf dem Bildschirm noch die Nachricht des Zentrums.

Am Kühlschrank hing der Dienstplan des Schwimmbads. Die letzten Zeilen reichten bis in den nächsten Monat.

„Du hast verlängert?“

„Bis Juni.“ Nina drehte sich nicht um.

„Auch sonntags?“

„Frühkurs. Montag und Dienstag frei.“

„Dann muss Mamas Nachuntersuchung verschoben werden.“

„Ist sie schon. Auf Dienstag. Ich gehe mit.“

„Dienstag ist besser. Montags hat so vieles zu.“

„Deshalb Dienstag.“

Nina goss heißes Wasser in zwei Gläser. Anna berührte ihres und zog die Hand zurück. Nina holte kaltes Wasser und goss etwas dazu.

„Trinkst du es auf See auch so?“

„Wer hat Zeit zu warten? Wenn du von draußen zurückkommst, ist es schon wieder kalt.“

Nina stellte die Flasche ab. Eine Hand blieb auf der Stuhllehne. Sie setzte sich nicht.

„Anna, ich gehe nicht ins Zentrum.“

Das Küchenfenster stand offen. Unten trugen Leute Möbel. Ein leerer Eimer fiel zu Boden und rollte über die Straße. Anna wartete, bis er liegen blieb.

„Hast du dort angerufen?“

„Ich habe gefragt. Bis wir ankommen, können wir absagen.“

„Das weiß ich.“

„Ich will den Termin nicht nur verschieben.“ Nina setzte sich ihr gegenüber. „Ich will, dass wir getrennt bleiben.“

Anna trank und setzte das Glas genau in den feuchten Ring auf dem Tisch zurück. Das Ladekabel reichte nicht bis zu ihrem Stuhl. Sie zog den Stecker heraus.

„Seit wann?“

„Seit letztem Monat. Da war ich noch nicht sicher.“

„Vor zwölf Tagen hat die Station gefragt, ob ich drei Monate länger bleibe. Ich habe dir die Nachricht geschickt. Du hast geantwortet, es gebe zwei Schiffe zurück und ich solle nicht das Nachtschiff nehmen.“

„Das war billiger. Ich dachte, du würdest wieder am falschen Ende sparen.“

„Ich habe nicht nach dem Schiff gefragt.“

Nina schwieg.

„Ich habe ihnen gesagt, sie sollen Ersatz suchen. Elf Tage habe ich ihn eingearbeitet. Gestern ist er in mein Zimmer gezogen.“

„Ich weiß.“

„Ja. Weil ich dir alles erzählt habe.“

Anna suchte den kurzen Austausch und legte das Telefon zwischen sie. Gleich darunter war ein Foto, das Nina geschickt hatte: ihre Mutter in einem Krankenhausgarten, auf einem Stuhl, den Anna nicht kannte.

„Warum hast du mich dann nach Hause kommen lassen?“

„Du hattest schon angefangen zu packen. Bei jedem Gespräch hast du mir noch etwas gezeigt, das du weggelegt hattest.“ Ninas Stimme wurde leiser.

„Du hast gewartet, bis ich fertig war. Bis ich hier stand.“

„Ich hatte Angst, es zu sagen. Am Kai auch.“

„Ich habe dir jedes einzelne Stück gezeigt, weil ich mich gefreut habe. Ich dachte, du freust dich auch.“

„Ich wollte, dass du zurückkommst.“

„Dann hättest du früher reden müssen.“

Der Satz war lauter, als Anna beabsichtigt hatte. Nina nahm die Hand von der Wasserflasche.

Nach einer Weile holte sie das Register aus ihrer Arbeitstasche. Wasser hatte den Rand des Einbands gewellt. Sie schlug eine Seite auf und schob sie zu Anna.

„Mein Freitagskurs. Sieh hin.“

Es war ihre Handschrift. Seite um Seite standen in Annas Handschrift Dinge, die Anna nie geschrieben hatte. Unter manchen Namen waren Daten, unter anderen nur ein kurzer Strich.

„Da ist ein Mann, der eine halbe Stunde auf dem Parkplatz sitzt, bevor er hereinkommt. Einmal bin ich hinausgegangen und habe mit ihm gesprochen. Letzte Woche hat er zum ersten Mal das Gesicht ins Wasser gelegt.“

„Der, von dem du erzählt hast? Ist das der neue Strich?“

„Sobald das Wasser ihn berührte, riss er den Kopf hoch und fragte, ob es zähle. Ich sagte ja. Nächstes Mal beginnen wir genau dort. Kein Drängen. Er meint, bei einem anderen Lehrer käme er vielleicht nicht wieder.“

„Wenn ich nach der Verschmelzung hingehe, wäre ich für ihn jemand anderes?“

Nina sah auf das Blatt. „Der Mensch danach wird Anna heißen.“

„Der Name wurde ausgelost.“

„Du hast ihn gezogen. Er gehört dir.“

Anna hielt die Seite mit der Fingerspitze offen.

„Dann kann sie danach Nina heißen. Mir ist der Name gleich. Ich werde mich an alles erinnern. Ich werde wissen, wie du mit ihm gearbeitet hast. Du übergibst ihn keiner Fremden.“

„Ich sage nicht, dass du es nicht könntest. Ich will auch deinen Namen nicht.“

„Dann bleibe ich hier. Ich fahre nicht zurück. Ich erfülle deinen Vertrag und übernehme freitags so, wie du es begonnen hast. Warum reicht das nicht?“

Nina sah auf Annas Hand. „Letzten Monat hast du nach Winterstellen auf See gesucht.“

„Ich habe nur geschaut. Nichts unterschrieben.“

„Du wolltest fahren. Als die Einladung kam, waren wir noch eine. Ich sagte auch, wir sollten erst die Kurse beenden. Und dann stand ich mitten in der Nacht auf und suchte Schiffsverbindungen.“

„Bis drei Uhr, ohne einen einzigen Plan hinzubekommen“, sagte Anna. „Das war vor der Abreise. Ich habe dort ein halbes Jahr gelebt. Du weißt nicht, was ich jetzt wählen würde.“

Nina zog das Register unter ihrem Finger weg.

„Nein. Aber ich will selbst zu diesem Kurs. Nicht jemand, der sich daran erinnert. Nächsten Freitag will ich dort sein.“

Anna ging zum Fenster. Der Eimer war fort. Der Lastwagen blockierte noch die halbe Straße. Einer der Möbelpacker hielt einen Zettel hoch und suchte nach einer Hausnummer.

„Du hast gesagt, keine von uns müsse etwas verpassen.“

„Damals habe ich das geglaubt.“

„Als Mama aus dem Krankenhaus kam, hast du gesagt, ich würde es nach der Rückkehr wissen. Als sie zum ersten Mal allein einkaufen ging, auch.“

Anna drehte sich um.

„Manchmal wusste ich am Tag nach einem Gespräch nicht mehr, worüber wir gesprochen hatten. Ich dachte, das mache nichts. Zu Hause würde alles da sein.“

Nina öffnete ein Video. Ihre Mutter trat durch eine Glastür ins Sonnenlicht und sagte etwas zu der Person hinter der Kamera. Auf der Aufnahme war nur Wind. Die Mutter lachte; das Bild kippte zum Boden, während eine Hand nach ihr griff.

Achtzehn Sekunden.

Annas Daumen berührte das Wiedergabezeichen und glitt wieder weg.

„Weißt du, wie oft ich das gesehen habe?“

„Ich kann dir den ganzen Tag erzählen. Von der Entlassung an. Frag mich alles.“

„Ich will nicht, dass du ihn mir erzählst.“

Anna legte das Telefon mit dem Display nach unten auf die Fensterbank. Im Glas spiegelten sich beide, eine halbe Küche voneinander entfernt: gleich groß, dasselbe Gesicht.

Kurz vor Mittag rief die Station zurück. Ein Messsatz stimmte nicht mit der Abschlussliste überein. Anna setzte sich zu ihrem Gepäck, nannte den Ordner und öffnete ihr Arbeitsheft.

„Ändere das Datum noch nicht. Lies die beiden Zeilen vor.“

Sie zog einen gefalteten Zettel heraus, hörte zu und las die nächste Zeile zurück. Die Zahlen passten.

„Nimm diese. Lösch die alte Datei nicht, wir brauchen sie zum Vergleich.“

Man fragte, ob sie schon im Zentrum sei.

„Noch nicht.“

Bevor sie auflegte, ließ sie sich die Strömungskarten der vergangenen Nacht schicken. Die Boje war nicht dem Pfeil gefolgt, den Anna hinaus aufs offene Meer gezeichnet hatte. Sie war im Dunkeln abgedreht und in einer Kurve zurückgekommen.

„Also dort herum. Schick die nächste.“

Anna wechselte zwischen den Bildern und lachte. „Gestern hast du gesagt, meine Linie sei zu gerade. Ich wollte es nicht glauben.“ Neben den alten Pfeil zeichnete sie eine Kurve. „Morgen früh will ich die nächste auch.“

Den Stift noch in der Hand, fragte sie: „Fehlen euch noch Leute?“

Ihre alte Stelle war besetzt. Für andere müsse man den Gruppenleiter fragen.

„Nicht unbedingt bei den Geräten. Irgendetwas. Fühl vor, aber sag noch nicht, dass ich gefragt habe.“

Als sie auflegte, stand Nina mit einer leeren Schale in der Küchentür.

„Du musst nicht zurück.“

„Das habe ich nicht gesagt. Standest du die ganze Zeit da?“

„Ich wollte fragen, ob du Brot in die Suppe willst. Auf See esst ihr sie doch so.“

Nina wärmte die Suppe auf und brach Brot hinein. Ihr Telefon meldete sich. Eine Frau aus dem Schwimmbad wollte den frühen Freitagskurs um eine halbe Stunde vorziehen.

„Die halbe Stunde bleibt. Da schwimme ich.“

Die Antwort kam sofort: „Dann komm früher. Und wenn du verlierst, schieb es nicht wieder aufs Aufwärmen.“

Nina lachte. „Eine halbe Körperlänge. Mehr nicht. Freitag noch einmal.“

Anna kannte dieses Lachen und die kleine Bewegung, mit der sich Ninas Kinn dabei hob. Die halbe Körperlänge kannte sie nicht.

Die Suppe war fade. Nina schob ihr das Salz hin. Anna würzte, probierte und würzte noch einmal. Nina nahm das Glas zurück und schraubte den Deckel fest.

„Hat Mama das Pflegebett zurückgegeben?“

„Diese Woche, sagte sie. Letztes Mal war es noch da.“

„Ich hatte versprochen, es zurückzugeben und den Tisch wieder hinzustellen. Wir gehen heute Nachmittag hin und essen bei ihr. Komm mit.“

„Jetzt? Ich kann gleich fertig sein.“

„Erst aufessen. Wir sollten ihr von der Verschmelzung erzählen. Sie glaubt noch, morgen im Zentrum einen Menschen abzuholen.“

„Ich sage es ihr.“ Nina öffnete den Chat mit ihrer Mutter und schloss ihn wieder. „Wäre es nicht besser, persönlich?“

„Beim Video sieht man sich auch.“ Anna trank die Schale leer.

Um halb zwei rief die Mutter zuerst an. Lag das Zentrum noch in derselben Straße? Der Standort, den sie geschickt hatten, zeigte einen Parkplatz.

Ihr Telefon lehnte an einem Bücherstapel. Hinter ihr stand nicht mehr das Pflegebett, sondern der alte Esstisch voller halb geöffneter Kartons.

„Wo ist das Bett?“

„Zurückgegeben.“

„Ich wollte dir helfen.“

„Noch ein Tag, und ich hätte einen weiteren Monat bezahlt. Die Lieferleute konnten es mitnehmen.“

„Und den Tisch hast du nicht allein bewegt?“ fragte Nina.

„Dafür habe ich sie bezahlt.“

Die Mutter zog einen Stuhl ins Bild. Unter den Beinen klebten neue Filzgleiter. Sie ging in die Hocke, drückte eine Ecke fest und stand mit einer Hand am Tisch wieder auf. Anna sah, wie sich ihre Knie beugten und ohne Zögern streckten.

„Mama, setz dich.“ Nina richtete ihr Telefon aus. „Wir müssen dir etwas sagen. Wir verschmelzen nicht.“

Die Mutter blieb neben dem Tisch stehen.

Anna legte den Löffel ab. „Nina will es nicht.“

Die Mutter sah von einer Seite des Bildschirms zur anderen. „Ist etwas passiert?“

„Nein“, sagte Nina und sah zu Anna. „Ich habe meine Meinung geändert. Anna weiß es erst seit heute.“

„Und die Gefahr für eure Erinnerung? Habt ihr nachgefragt?“

„Ja. Wenn wir oft über früher sprechen, soll es helfen. Wir möchten auch von dir mehr Geschichten aus unserer Kindheit hören.“

„Sehr gut. Früher hieß es immer, die Geschichte kennt ihr schon. Jetzt drängt mich nicht, schneller zu erzählen.“ Die Mutter zog den Stuhl heran. „Dann habe ich von jetzt an zwei Töchter?“

„Ja.“

Beide antworteten zugleich. Die Mutter lächelte.

„Ich war immer ein bisschen neidisch auf Frauen mit Zwillingstöchtern.“

Nina lachte zuerst. Anna sah ihre Mutter an und lächelte ebenfalls.

Nach dem Gespräch stornierten sie den Termin. Nina ließ die Begründung leer, trug ihren eigenen Namen ein und bestätigte ihre Identität. Annas Telefon vibrierte im selben Augenblick.

Nur die Hälfte der Gebühr wurde erstattet. Nina wollte Anna alles geben; Anna bestand darauf, dass beide bezahlt hatten. Das Schiffsticket, der nicht verlängerte Vertrag, die gemeinsamen Ausgaben eines halben Jahres: Dinge, die nach der Verschmelzung niemand hätte teilen müssen, mussten sie nun einzeln hervorholen und zuordnen.

„Hast du nächsten Dienstag Zeit? Wir könnten bei Mama essen und die alten Fotoalben ansehen.“

„Ich weiß noch nicht, was ich nächste Woche mache.“

„Dann frage ich später noch einmal.“

Bei der Wohnung wollte Anna vorerst nichts entscheiden. Nina könne etwas näher am Schwimmbad suchen. Das sei nicht nötig, sagte Anna.

Sie packte Ladegerät und Waschzeug in die kleine Tasche. Nina versuchte den wasserdichten Rucksack zu heben und stockte unter dem Gewicht.

„Nimmst du den auch mit? Ich trage ihn.“

„Lass ihn hier. Ich komme zurück.“

Nina stellte ihn ab und half nicht weiter beim Packen.

Sie hatten gemeinsam zur Mutter gehen wollen. An der Tür blieb Anna jedoch stehen.

„Heute gehe ich allein.“

„Gerade eben sollte ich mitkommen.“

„Das wollte ich vorhin. Jetzt möchte ich eine Weile mit ihr allein sein.“

Nina hielt die Klinke noch einen Moment, steckte dann die Schlüssel ein, zog den Mantel aus und gab den Weg frei.

„Sag Bescheid, wenn du da bist.“

Auf dem Treppenabsatz im zweiten Stock wechselte Anna die Tasche in die andere Hand. Oben war die Tür noch offen. Sie blickte nicht zurück.

Auch die Tür ihrer Mutter stand offen. Im Flur lag eine Decke über einer Stuhllehne. Anna klopfte zweimal. Die Mutter kam und sah hinter ihr in den Gang.

„Wo ist Nina?“

„Ich habe sie gebeten, heute noch nicht zu kommen.“

Der Esstisch stand wieder am Fenster, und das Zimmer wirkte größer als im Video. Wo das Pflegebett gestanden hatte, blieben vier helle Abdrücke. Die Pflanzen waren zurück. Ein Topf stand noch auf einem Teller am Boden.

Anna hob ihn auf.

„Nicht aufs Fensterbrett, da ist zu viel Sonne“, sagte die Mutter.

Neben dem Bücherregal war bereits Platz. Anna stellte die Pflanze dorthin.

Im letzten Karton lagen Teller, in Zeitungspapier gewickelt.

„Hunger?“

„Ich habe gegessen.“

„Dann hilf beim Spülen.“

Anna krempelte die Ärmel hoch. Der Wasserhahn spritzte noch immer, wenn man den Griff halb nach rechts schob. Sie nahm ihn ein wenig zurück. Das Wasser lief über die verdickte Haut ihrer Hände und die harten Stellen an den Fingern.

Die Mutter wickelte Teller aus und berührte dabei Annas Hand.

„In deinem Zimmer stehen zwei Kartons am Bett. Schieb sie darunter, dann hast du Platz.“

„Ich bleibe nur eine Nacht.“

„Auch für eine Nacht brauchst du Platz für die Füße.“

Die Hand der Mutter hielt mitten in der Bewegung inne.

„War es schwer draußen? Hast du ordentlich gegessen?“

„Die ersten zwei Monate schon. Später gab es kaum Frisches. Die letzten zwei Wochen fast nur Bohnen.“

Die Mutter lachte. „Als Kind wolltest du keine einzige essen.“

„Danach habe ich bei jedem Gericht zuerst nach Bohnen gesucht.“

„Früher hast du sie in den Blumentöpfen vergraben.“

„Im blauen auf der Fensterbank. Ich dachte, du merkst nichts.“

„Nach jedem Essen hast du gegossen. Wie sollte ich es nicht merken?“

„Du hast mir sogar die Gießkanne gebracht.“

„Ich wollte sehen, was du als Nächstes tust. Gießen, Erde lockern. Mehr Arbeit, als sie zu essen.“

Die Mutter sah Annas Hände an. „Woher kommt das?“

„Von den Seilen. Es tut längst nicht mehr weh.“

Sie nahm Annas Hand und fuhr mit dem Daumen langsam über die Hornhaut. Wasser lief am Handgelenk in den Ärmel. Die Mutter trocknete es mit einem Tuch. Anna zog die Hand nicht weg.

Nach dem Spülen schrieb sie Nina: Bin angekommen. Nina antwortete: Gut. Kurz darauf kam ein Foto mit den noch ungeklärten Ausgaben.

Eine weitere Nachricht war wenige Minuten zuvor von der Station gekommen. Der Gruppenleiter könne eine Stelle bis zum Monatsende freihalten.

Anna schaltete den Bildschirm aus.

Die Mutter stellte zwei Gläser Wasser auf den Tisch und setzte sich gegenüber. Anna öffnete das achtzehn Sekunden lange Video.

„An dem Tag. Worüber habt ihr gelacht?“

Die Mutter stellte den Ton lauter. Der Wind aus dem Lautsprecher überdeckte ihre Stimme. Sie sah das Video einmal, dann noch einmal.

„Ich weiß es nicht mehr.“

Anna streckte die Hand aus, doch die Mutter behielt das Telefon.

„Der Wagen hat uns nicht gefunden. Nina sagte, ich solle am Eingang sitzen bleiben, und lief hinaus zur Straße.“

„War das, nachdem sie zurückkam?“

„Wahrscheinlich. Vorne war ein Auto liegen geblieben, deshalb sollten wir zum Hinterausgang.“

Anna zeigte auf das angehaltene Bild. „Ist das nicht der Haupteingang?“

„Nein. Vorne ist ein Vordach. Als du zuletzt da warst, sind wir dort entlang.“

Die Mutter schob ihr Glas beiseite und zeichnete mit dem Finger einen Weg auf den Tisch.

„Mein Zimmer war hier. Draußen zwei Aufzüge. Normalerweise gingen wir links, aber an dem Tag wurde dort etwas transportiert. Wir folgten den Leuten mit der Wäsche und nahmen den rechten. Unten landeten wir in der Wäscherei.“

Anna folgte dem Weg unter dem Finger ihrer Mutter.

„Ihr seid durch die Wäscherei hinaus?“

„Da war eine schmale Tür. Nina schob den geliehenen Stuhl und bekam ihn nicht herum. Ich war schon aufgestanden, da drehte sie ihn immer noch.“

Die Mutter lachte. Dann sah sie wieder auf das Bild.

„Aber ich glaube, darüber haben wir gar nicht gelacht.“

Das Video stand bei Ninas ausgestreckter Hand. Anna legte das Telefon neben das Wasserglas und drückte nicht noch einmal auf Wiedergabe.

„Und dann?“ fragte sie.

Eine eigenständige deutsche literarische Neufassung nach Han Qins endgültigem chinesischem Manuskript.