Das Zhuangzi neu aufschlagen · 04 · Die Axt und das Gegenüber
Der Mensch, der unbewegt stehen blieb
Eine Kunst kann einem Menschen zugeschrieben werden und doch nur zwischen zwei bestimmten Menschen möglich sein.
Im Kapitel Xu Wugui des Zhuangzi gibt es eine Szene vor einem Grab:
Zhuangzi ging in einem Trauerzug am Grab Huizis vorbei und wandte sich zu seinen Begleitern: „Ein Mann aus Ying hatte auf seiner Nasenspitze einen Kalkfleck, dünn wie ein Fliegenflügel, und ließ ihn von Meister Shi abhauen. Shi schwang die Axt, dass ein Wind entstand, und schlug frei zu. Der Kalk war ganz fort, die Nase unverletzt; der Mann aus Ying stand da, ohne eine Miene zu verziehen. Als Fürst Yuan von Song davon hörte, ließ er Shi kommen und sagte: ‚Versuch es auch für mich.‘ Shi antwortete: ‚Ich konnte diesen Schlag einst tatsächlich führen. Doch mein Gegenhalt ist schon lange tot.‘ Seit Ihr gestorben seid, Meister, habe auch ich keinen Gegenhalt mehr und niemanden, mit dem ich so sprechen kann.“
Zhuangzi begleitet eine Bestattung und kommt an Huizis Grab vorbei. Er erzählt den Menschen bei ihm von einem Mann aus Ying, dessen Nasenspitze einen hauchdünnen weißen Kalkfleck trug. Meister Shi sollte ihn entfernen. Er schwang die Axt mit einem Luftzug, schlug zu und beseitigte den Kalk vollständig, ohne die Nase zu verletzen. Der andere blieb von Anfang bis Ende stehen, ohne dass sich sein Gesicht veränderte. Fürst Yuan von Song hörte davon, ließ den Meister rufen und verlangte dieselbe Vorführung. Shi sagte: Ich konnte das einmal. Nur ist mein Gegenhalt, mein zhi, schon lange tot.
Nach der Geschichte fügt Zhuangzi hinzu: Seit Huizi tot ist, fehlt auch mir jener Gegenhalt; mir fehlt jemand, mit dem ich sprechen kann.
1. Die geläufige Lesart – und wo sie aufhört
‚Die Axt schwingen, dass Wind entsteht‘ ist heute eine chinesische Redensart für vollendete Geschicklichkeit. Doch die Nase ist aus ihr verschwunden. Alle vier Schriftzeichen gelten dem Meister: seiner Axt, seinem Wind, seiner Hand. Der Mensch, der unbewegt stand, wird von der Redensart ganz gestrichen. Hier bricht die übliche Lesart ab. Als bloße Virtuosität verstanden macht die Forderung des Fürsten Sinn: Du kannst das, also führe es noch einmal vor. Shi antwortet aber, dass der Mensch nicht mehr da sei, mit dem er die Axt so schwingen konnte. Er sagt: Ich konnte es tatsächlich einmal. Hand und Können sind noch da. Nur dieses Geschehen ist nicht mehr möglich, weil dieser Mensch fehlt.
Die Kunstfertigkeit wird nicht geleugnet. Der vor ihm stehende Mensch ist aber kein beliebig austauschbarer Zuschauer. Er gehört zu den Bedingungen, unter denen die Kunst überhaupt geschehen kann. Also ist sie nicht bloß die Technik eines Einzelnen.
2. Er stand, ohne eine Miene zu verziehen
Die vier gewichtigsten Zeichen gelten dem Menschen, der nichts sagt: Der Mann aus Ying stand unbewegt da. Sichtbar wird eine ruhige Außenseite. Der Text legt uns sein Inneres nicht offen. Ob er Angst hatte und wie er seinen Körper ruhig hielt, wissen wir nicht. Mich beschäftigt, dass die Erzählung nicht innehält, um seinen Mut zu loben. Sie lässt ihn still vor Shis Axt stehen. Ich möchte darin tiefes Vertrauen lesen: Er überlässt diesen Augenblick einem bestimmten Menschen, nicht dem Titel eines Meisters.
Es ist Vertrauen in einer Fabel, keine Sicherheitsgarantie für ein reales Nachmachen. Eine gefährliche Handlung hört nicht auf, gefährlich zu sein, weil zwei Menschen einander vertrauen.
3. Das Können eines Menschen, die Bedingungen zweier Menschen
Nun zu Meister Shi. Die Formulierung vom aufkommenden Wind zeigt Geschick und Schwung. Sie sagt nicht, man müsse alle Kraft einsetzen, und erlaubt erst recht keine mechanische Berechnung des Kalkabschlagens. Interessant ist, dass seine Hand und die Ruhe des anderen in diesem Augenblick zusammenkommen. Er braucht sein Können, muss aber auch diesen Menschen kennen und wissen, wie ihr Zusammenspiel zustande kommt. Sehen wir beide Seiten zusammen: Zuckt der Mann aus Ying unvermittelt zurück, kann sich der Vorgang vollständig verändern. Verfehlt Shi sein Ziel, ebenso. Das Geschehen darf nicht allein auf dem Konto des Axtschwingers stehen.
Wir müssen daraus weder völlige Zweifellosigkeit ableiten noch den Augenblick zum Beweis absoluten Vertrauens in allen Dingen machen. Ein Bild zeigt die Kraft einer Beziehung, beweist aber kein ganzes gemeinsames Leben. Darin liegt der Drehpunkt: Die windbewegende Axt ist nicht nur das Können eines Menschen, sondern ein Zustand, der erst zwischen zweien besteht. Die Technik ist bloß seine sichtbare Seite.
4. Der Fürst hört Technik, wo eine Beziehung beschrieben wird
Mit dem Fürsten legt Zhuangzi gleichsam einen Teststreifen in die Geschichte. Seine Reaktion lautet: Versuch es für mich. Er meint, das Können liege vollständig bei Shi und lasse sich deshalb vor jeder Nase wiederholen. Er hält es für etwas, das man verlangen, kopieren und vorführen kann. Wessen Nase dabei herhält, ist ihm gleichgültig. Shis Antwort ist jedoch eine Korrektur, keine Ausrede: Mein Gegenhalt ist schon lange tot. Zhi bezeichnet einen Amboss, eine Unterlage, etwas, das einen Vorgang trägt. Hier ist es der Mensch, der unbewegt steht.
Meine Hand ist noch da, aber die Sache lag nie allein in meiner Hand. Sie lag zwischen mir und diesem Menschen. Stirbt der Gegenhalt, stirbt diese Möglichkeit. Die Position des Fürsten lässt dem Leser eine Frage: Siehst du bei der windbewegenden Axt nur die Technik – oder auch die Nase?
5. Mir fehlt der Gegenhalt
Zhuangzi spricht nach dieser Geschichte von sich selbst: Seit dem Tod des Meisters fehlt ihm sein Gegenhalt, fehlt ihm jemand zum Sprechen. Huizi ist Zhuangzis Gegenhalt. Das Buch erzählt viele ihrer Begegnungen: die Fische an der Hao-Brücke, den großen Kürbis, den nutzlosen Baum und die Kanzlerschaft in Liang. Sie streiten oder verspotten einander. Die Worte vor dem Grab zeigen eine andere Seite: Was einer sagte, hatte beim anderen einen Ort, an dem es ankam. In dieser Trauerszene ist Huizi derjenige, der Zhuangzis Worte aufnehmen konnte. Das muss nicht heißen, nur zu ihm habe Zhuangzi ernsthaft gesprochen. Es genügt, um die Bedeutung dieses Austauschs sichtbar zu machen. Der Streit ist die Axt; das Nichtzweifeln ist ihr Gegenhalt.
‚Ich habe niemanden mehr zum Sprechen‘ bedeutet nicht bloß, dass ihm Gesellschaft zum Plaudern fehlt. Die Nasenspitze ist fort, vor der seine Axt den Wind aufkommen ließ.
6. Heute
Im Beruf beginnt manche Veränderung nicht damit, dass jemand geht, sondern damit, dass einer Erfolg hat. Er hat wirklich etwas geschafft, und das wird allgemein anerkannt. Allmählich verändern die anderen ihre Haltung. Wer früher mit ihm stritt, bittet nun um Rat. Wenn er in einer Besprechung gesprochen hat, hakt niemand weiter dagegen ein. Alle wollen seine Meinung hören, keiner will mehr mit ihm streiten. Nach einiger Zeit spricht er vielleicht noch ebenso flüssig, trifft aber immer seltener auf etwas, das ihn zum Umdenken bringt.
Um Rat zu bitten ist nicht das Problem. Wer einen Menschen dagegen zum Antwortlieferanten macht, nur auf seine Antworten wartet und die eigenen Fragen nicht wirklich ins Gespräch bringt, nähert sich der Forderung des Fürsten. Manche Beratung setzt voraus, dass die ganze Fähigkeit fertig im anderen liegt und man sie nur abzuholen braucht. Der Ratsuchende muss nicht unter der Axt stehen. Er zieht bloß die Nase weg und schaut zu. So bleibt dem anderen die Axt, aber der Wind fehlt. Nicht weil er seine Kraft zurückhält, sondern weil sie keinen Ort mehr findet, an dem sie wirken kann. Das Schwierigste ist: Er kann sich diesen Gegenhalt nicht selbst herbeirufen.
‚Widersprecht mir ruhig‘ kann ein Anfang sein. Ein Satz schafft aber noch keine Sicherheit. Wenn Widerspruch Chancen kostet oder Vergeltung nach sich zieht, wird selbst eine aufrichtige Einladung kaum angenommen. Fordert der Befragte zum Streit auf, hören die anderen weiterhin ihn darüber entscheiden, wie das Gespräch laufen soll. Der Gegenhalt lässt sich nicht bestellen. Der Fürst und er stoßen an dieselbe Wand. Hier führt der Weg zurück zum dritten Essay: Nach einem Erfolg zeigen einem möglicherweise immer weniger Menschen ein anderes Meer. Hier sehen wir eine zweite Folge desselben Vorgangs: Niemand hält ihm mehr die Nase unter die Axt.
Einmal fehlt das Meer, einmal die Nase. Im ersten Fall sieht er das Größere nicht; im zweiten kann seine Kraft sich nicht voll entfalten. Damit kommt etwas hinzu, das die vorigen Essays noch nicht gesagt haben. Sie handelten davon, andere zu vollständig zu verplanen und den eigenen Blick für das Ganze zu halten. Hier geht es um die andere Seite: Niemand meißelt mehr an einem. Auch das kann ein Verlust sein. Unbeeinflusst zu bleiben macht uns nicht immer vollständiger. Manche Beziehungen lassen beide etwas sagen, das sie allein noch nicht sagen könnten. Verschwindet eine solche Beziehung, füllt ein anderer Posten die Lücke nicht einfach aus.
Nie war das Meißeln selbst das Problem, sondern ob ein Rest bleibt. Dass niemand mehr an einem Menschen meißelt, ist die bisher nicht betrachtete Rückseite dieses Kriteriums. Der Gegenhalt kann auf zwei Arten verschwinden. Zum einen geht der andere: Jener Kollege, der fünf Jahre lang stritt, die gröbsten Einfälle auffing und zurückspielte, wechselt die Stelle. Die Hand ist nicht schlechter geworden; ihr fehlt die Nase. Die Organisation liest das oft als Leistungsabfall und stellt einen neuen Partner daneben, um zu sehen, ob es wieder geht. Darin steckt die Annahme, die ganze Fähigkeit liege beim Einzelnen und funktioniere mit jeder anderen Nase genauso.
Häufiger ist die zweite Möglichkeit: Der andere ist noch da, aber das, was zwischen euch war, ist verschwunden. Er sitzt weiterhin im Besprechungsraum und streitet bloß nicht mehr mit dir. Ins Leben zurückgetragen bezeichnet Gegenhalt deshalb nicht nur den Platz eines Menschen, sondern auch eine Beziehung. Menschen können bleiben, während ihre Beziehung schon ihre frühere Lebendigkeit verloren hat. Damit schließen wir auch eine Lücke des ersten Essays: Bewertungsbögen geben Einzelnen Punkte. Eine Zeile für den Gegenhalt gibt es darauf nicht.
Man kann aufschreiben, wem ein Ergebnis zugerechnet wird. Eine entscheidende Bedingung dafür kann jedoch in einer Beziehung liegen. Wer bei einer Reorganisation nur auf Stellen und individuelle Leistung schaut, übersieht sie leicht. Sie kann zwischen Tabellen verschwinden, ohne dass jemand sie absichtlich verletzen müsste.
7. Zu wem wird hier gesprochen?
Wie immer schauen wir auf die Angesprochenen. Nicht zum Leser spricht Zhuangzi hier, auch nicht zum Fürsten. Er wendet sich zu seinen Begleitern, vor Huizis Grab. Er erzählt scheinbar von Shi, spricht mit dessen Verlust aber über seinen eigenen. Weder ‚Trauer‘ noch ‚Seelenverwandter‘ fällt. Er erzählt vom Kalkabschlagen und endet damit, niemanden mehr zum Sprechen zu haben. Gerade dort, wo Trauer zu spüren ist, liefert er nicht einmal das Wort dafür. Nebenbei ändert das den Blick auf einen Menschen: Gewöhnliche Lesarten behandeln Huizi als bloße Kontrastfigur, als einen an begrifflichen Unterscheidungen festhaltenden Disputierer, den Zhuangzi immer wieder widerlegt.
Diese Lesart erklärt die Grabesszene nicht. Ist Huizi bloß dazu da, Debatten zu verlieren, wird das Gewicht des verlorenen Gegenhalts kaum lesbar. Er ist nicht nur ein zu besiegender Gegner, sondern eine Bedingung dafür, dass Zhuangzi so sprechen kann. Ein scharfes Hin und Her kann Vertrauen und Meinungsverschiedenheit zugleich enthalten. Nur Siege und Niederlagen zu zählen verengt diese Beziehung.
8. Für den Leser
Drei Stellen, an denen sich der Maßstab erproben lässt:
Erstens: Wer stand dir bei den Dingen gegenüber, die dir am besten gelungen sind? Das Ergebnis trägt deinen Namen, seine Bedingungen liegen nicht notwendig nur bei dir. Denk an den längst verstorbenen Gegenhalt.
Zweitens: Gibt es jemanden, vor dem du keine Reserve zurückhalten musst? Nicht bloß jemanden, der dich versteht, sondern jemanden, der vor der Axt an seiner Nase nicht zurückzuckt: Er steht, ohne eine Miene zu verziehen.
Drittens: Bist du selbst die Nase eines anderen? Es ist keine Einbahnstraße. Ob du stehen bleiben kannst, entscheidet mit darüber, ob der andere seine Kraft voll einsetzen kann.
9. Unersetzlich – und deshalb besonders zerbrechlich
Der letzte Gedanke ist kein Trostwort. In dieser Szene sind zwei Menschen einander Bedingung. Ein solches Zusammenspiel ist kostbar und zerbrechlich; es hängt an gemeinsamer Erfahrung und an einem nicht beliebig austauschbaren Menschen. Geht oder stirbt dieser Mensch, geht diese besondere Art des Austauschs verloren. Später kann es andere Beziehungen geben. Daraus folgt nicht, dass die alte bloß eine jederzeit neu zu besetzende Stelle war. Eben deshalb kann der Fürst sie nicht bekommen: Er will etwas herbeirufen, das sich gerade nicht auf Befehl herbeirufen lässt.
Bisher ging es um den Umgang mit anderen und um den Blick auf die eigene Position. Hier landet die Frage in einer bestimmten Beziehung: Gibt es bei deiner jetzigen Arbeit einen Menschen, vor dem du kein bisschen Kraft zurückhalten musst? Wenn ja, ist das nicht selbstverständlich. Es ist die andere Hälfte der windbewegenden Axt. Wenn nein, liegt das, was deiner Arbeit fehlt, vielleicht gar nicht in deiner Hand.
Text und Lesart
Dieser vollständige deutsche Essay ist eigenständig nach dem chinesischen Lesertext geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde ebenfalls unabhängig verfasst; beide chinesischen Schriftfassungen sind vollständig. Das klassische Zitat wird für diese Ausgabe auf Deutsch wiedergegeben. Die heutigen Vergleiche und weiterführenden Gedanken sind die Lesart des Essayautors, keine zusätzlichen Ereignisse im Zhuangzi. Der Zugang zu den vier theoretischen Begleitbänden führt zum ursprünglichen englisch-chinesischen Quellenbereich.
Hinweise zur Lektüre
Text und Lesart: Xu Wugui.
Die chinesische Seite bewahrt das klassische Zitat; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Zeitgenössische Vergleiche und weiterführende Überlegungen sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Vorgänge, die das Original berichtet.