Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
← SAE und Boethius’ Trost der Philosophie
SAE im Gespräch mit der westlichen Philosophie · Dritte Reihe
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Die Fragende, die er erfinden musste

Han Qin (秦汉)

Zwei Stimmen unter dem Todesurteil

Boethius schreibt den Trost der Philosophie im Gefängnis, während er auf seine Hinrichtung wartet. Im Buch begegnen sich der klagende Gefangene Boethius und eine majestätische Frau: Philosophia vertreibt die Musen, stellt eine Diagnose und führt ihn durch Fragen aus seiner Verzweiflung. Sie ist Lehrerin, Ärztin und Gegenstimme. Zugleich stammt jedes ihrer Worte aus seiner Feder.

Gerade diese Doppelheit macht den Dialog produktiv. Eine erfundene Stimme muss kein bloßes Sprachrohr sein; im Schreiben kann eine Frage entstehen, die der Autor vorher nicht besaß. Aber Neuheit ist noch keine Unabhängigkeit. Wenn der Geprüfte auch die Prüferin hervorbringt, kann dasselbe Protokoll nicht garantieren, dass ihre Prüfung das gemeinsame Feld der Voraussetzungen verlassen hat.

Der Einwand, den das Buch nicht abschwächt

Meist spricht Philosophia lange, während Boethius kurz zustimmt oder nachfragt. Im fünften Buch bricht dieser Rhythmus auf. Wenn Gott jede künftige Handlung unfehlbar kennt, wie kann ein Mensch anders handeln? Die Auskunft, Gott wisse etwas, weil es geschehen werde, löst nichts: Unfehlbares Wissen scheint dem Ereignis weiterhin Notwendigkeit aufzuerlegen. Gebet, Hoffnung, Lohn und Strafe würden ihren Sinn verlieren; menschliches Böse müsste zuletzt dem Urheber alles Guten zugerechnet werden.

Philosophia weist das nicht als Symptom eines Kranken ab. Sie nennt es ein altes, von Cicero und Boethius selbst verfolgtes Problem, das bisher nicht fest genug behandelt worden sei. Die Erste Kritik von SAE verlangt dieselbe Disziplin: Eine Verpflichtung muss dem stärksten verfügbaren Einwand ausgesetzt werden, bevor ihr Urteil anderswo gilt. Ernsthafte Selbstkritik beginnt damit, dass der Gegner sein volles Gewicht behält.

Weder Marionette noch letzte Instanz

Philosophia einfach zur Marionette zu erklären, würde die literarische Arbeit unterschätzen. Sie führt den Autor tatsächlich über frühere Formulierungen hinaus und muss auf seine Vorwürfe antworten. In den letzten Büchern übernimmt sie jedoch zunehmend auch seine möglichen Einwände. Die letzte große Schwierigkeit formuliert sie selbst. Boethius’ letzter Redebeitrag besteht aus einem einzigen Nein; danach spricht sie lange weiter, ohne dass der Gefangene zustimmt oder erwidert. Der Dialog endet nicht mit Einigkeit, sondern mit dem Verschwinden einer Stimme.

SAE trennt deshalb den Wert innerer Prüfung von der Evidenz unabhängiger Kontrolle. Ein Autor kann sich einen feindseligen Leser vorstellen und dabei einen wirklichen Fehler finden. Er kann nicht sicherstellen, dass dieser Leser gerade jene Prämissen nicht teilt, die den nächsten Fehler unsichtbar machen. Zwei Stimmen können sehr verschieden klingen und doch die Möbel desselben Zimmers umstellen.

Wohin das Buch seine Leser stellt

Die Erste Kritik von SAE legt sich zuletzt selbst in das Register revidierbarer Ansprüche. Was sie nicht erkennen konnte, wird an künftige Leser weitergegeben. Wer den Text öffnet, übernimmt die Rolle einer nicht vorweggenommenen Prüferin. Das Außen soll nicht bloß beurteilt werden; es darf die Theorie befragen.

Auch der Trost wendet sich am Ende an uns, aber mit der entgegengesetzten Geste. Philosophia fordert, das Laster zu meiden, Tugend zu pflegen, recht zu hoffen und demütig zu beten. Menschen müssten aufrichtig leben, weil sie vor einem Richter handeln, der alles sieht. Die Notwendigkeit, die zuvor aus freien Handlungen entfernt wurde, kehrt im letzten Satz als Pflicht der Leser zurück. Das eine Buch übergibt seine offene Prüfung nach außen; das andere stellt sein Publikum unter das allsehende Gericht. Der Mann mit dem härtesten Einwand schweigt bereits.