Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
EN / 中文|繁體|日本語|Français|Deutsch|Español|한국어
← Große Lebenswege

065 / 108 · Arbeit, die ein Leben überdauert

Wilde: Jener Satz

Vor Gericht findet Wilde Worte für eine Liebe, die als Schande gelten soll. Seine Antwort kann über ihn hinaus anderen Raum zum Leben geben. Dafür muss sein Leid kein Geschenk und er kein Heiliger sein.

I. Er blieb

Im Frühjahr 1895 lacht London noch über Oscar Wildes Stücke. Ein idealer Gatte und Bunbury stehen gleichzeitig auf den Spielplänen. Je feierlicher seine respektablen Figuren ihre Respektabilität verteidigen, desto leichter macht ein Satz eine unerwartete Wendung. Plötzlich kann das Publikum sich selbst darin erkennen.

Er weiß, wie man zu dem Menschen wird, den ein ganzer Raum bemerkt. Kleidung, Gespräch, eine Pause und der richtige Augenblick für eine Bemerkung gehören zu seiner Kunst. Aber Beifall in einem Saal garantiert keine Sicherheit in einem anderen. Berühmtheit hat ihm einen Platz gegeben, ohne diesen Platz unangreifbar zu machen.

Der Marquess of Queensberry, Alfred Douglas' Vater, hinterlässt eine beleidigende Visitenkarte. Wilde betreibt eine strafrechtliche Verleumdungsklage. Das Recht soll seinen Ruf schützen; die Verteidigung sammelt Material, das seine privaten Beziehungen in den Mittelpunkt rückt. Das Werkzeug, an das er sich wendet, beginnt sich gegen ihn zu richten.

Am 5. April wird die Anklage nicht weiterverfolgt und Queensberry freigesprochen. Noch am selben Tag wird Wilde verhaftet. Aus dem Mann, der einen anderen für dessen Worte zur Verantwortung ziehen will, wird einer, der sein eigenes Leben rechtfertigen muss. Der Wechsel vollzieht sich mit erschreckender Geschwindigkeit.

Freunde haben ihm geraten, England zu verlassen. Spätere Leser fragen immer wieder, warum er nicht ging: Stolz, Bindung, Hoffnung, Erschöpfung, eine Einschätzung der Gefahr? Erinnerungen geben unterschiedliche Antworten. Sie liefern keine Waage, auf der sich das genaue Gewicht jedes möglichen Beweggrunds bestimmen ließe.

Wir wissen, dass er blieb. Die Folgen waren verheerend. Das macht ihn nicht zu jemandem, der den Ausgang vollständig kannte und sein Martyrium im Voraus plante. Wer in einem Geschehen steckt, sieht nicht den ganzen Weg, den spätere Betrachter vom Ende her überblicken können.

Lassen wir diese Ungewissheit stehen. Die Worte, die er anschließend sprach, verdienen Erinnerung. Dafür müssen wir nicht zuerst beweisen, dass er einzig in London blieb, um sie einer kommenden Welt zu übergeben.

II. Jener Satz

Am 30. April fragt der Ankläger Charles Gill während des ersten Strafprozesses nach einer Wendung aus Douglas' Gedicht: Was sei jene Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wage? Im Gerichtssaal ist das mehr als eine Bitte, eine poetische Stelle zu erläutern.

Wilde antwortet mit Verweisen auf David und Jonathan, auf Platon und auf eine künstlerische und geistige Tradition. Er sucht eine öffentliche Sprache des Wertes für Gefühle zwischen Männern, die das Verfahren mit Schande umgibt. Zeitgenössische Zeitungen berichten von Beifall auf der Zuschauertribüne und vom Richter, der Ruhe verlangt.

Die Kraft dieses Augenblicks liegt auch darin, dass er nicht jedes Wort übernimmt, das die Frage ihm vorgibt. Er soll sich im Vokabular der Scham erklären; stattdessen spricht er von Schönheit, Tiefe und Zuneigung. Selbst ein Verhörter kann noch verändern, auf welche Weise die Anschuldigung ihn trifft.

Das ist keine vorweggenommene moderne Erklärung einer sexuellen Identität. Wilde betont geistige Zuneigung und bestreitet gleichzeitig die ihm vorgeworfenen Handlungen. Die klassische Überlieferung bietet Ausdruck und Verteidigung. Wer unter Bedrohung spricht, muss Empfindung, Rhetorik und Selbstschutz miteinander verbinden. Eine später berühmte Antwort bleibt von dieser Lage geprägt.

Wir brauchen ihn daher nicht zu retten, indem wir Liebe zwischen Männern in völlig begehrensfreie Fürsorge eines Lehrers für Schüler verwandeln. Als müsste man erst die besondere Intimität entfernen, damit sie Respekt verdient. Eingeengt werden hier Möglichkeiten wirklicher Menschen: Anziehung, Nähe und die Gestaltung eines gemeinsamen Lebens.

Auch seine Idealisierung der Zuneigung eines älteren zu einem jüngeren Mann stellt nicht jeder Beziehung einen moralischen Freibrief aus. Liebe ernst zu nehmen verlangt Aufmerksamkeit für Volljährigkeit, Einverständnis, Machtunterschiede und die Freiheit, Nein zu sagen oder zu gehen. Die Namen berühmter Künstler können nicht anstelle eines anderen Menschen zustimmen.

Wir können das Argument deshalb über den Hinweis auf kulturelle Größe hinausführen. Gewöhnliche Erwachsene in einvernehmlichen Beziehungen müssen nicht beweisen, dass ihre Liebe bedeutende Kunst hervorbringt. Intimität sollte nicht allein deshalb Anlass zu Demütigung und Strafe sein, weil die beteiligten Personen dasselbe Geschlecht haben.

Die Antwort beendet den Prozess nicht. Nach dem Beifall arbeitet das Gericht weiter. Aber die Antwort kann den Saal verlassen. Spätere Leser können durch sie entdecken, dass die Vorwürfe um ihr eigenes Leben nicht die einzige Sprache sind, in der dieses Leben verstanden werden kann.

III. Den Lebenden einen Ausweg lassen

Stellt man Wilde neben Sokrates, Jeanne d'Arc und Alan Turing, erscheint ein verwandter Schatten: Öffentliche Gewalt dringt in ein Leben ein und verlangt einen kaum tragbaren Preis für dessen Fortsetzung. Ähnliche Schatten bedeuten jedoch nicht, dass vier Menschen dieselbe Entscheidung getroffen haben. Ihre Umstände unterscheiden sich erheblich.

Platons Sokrates begründet im Kriton, weshalb er nicht fliehen will. Das ist ein bestimmtes philosophisches Argument, kein Befehl an alle Verfolgten. Die Entscheidung eines Menschen zu bleiben macht die Flucht eines anderen nicht verächtlich. Das Recht auf gerechte Behandlung wird nicht dadurch erworben, dass jemand öffentlich zu leiden bereit ist.

Jeanne lebt unter Gefangenschaft und Drohungen und versucht auch zu entkommen. Turing steht vor einer erzwungenen Wahl zwischen Haft und einer Bewährungsregelung mit Hormonbehandlung. Solche eingeschränkten Möglichkeiten als sorgsam vorbereitete Geschenke an die Nachwelt zu lesen ließe diejenigen, die die Einschränkung verhängen, unauffällig aus dem Bild verschwinden.

Auch Wilde lässt sich als jemand verstehen, der Liebe, Ruf und Leben bewahren möchte. Dieser Wunsch nimmt seinen Worten nichts von ihrem Gewicht. Er muss nicht zunächst die eigenen Interessen aufgeben, bevor wir anerkennen, dass er anderen etwas Mut hinterlassen hat. Für sich zu sprechen kann anderen dennoch helfen.

Die Zukunft eines Satzes übersteigt häufig die Absicht seines Urhebers. Jemand wehrt sich in einer unmittelbaren Krise; Jahrzehnte später findet ein anderer Kraft in dieser Gegenwehr. Eine solche Begegnung ist kostbar genug. Sie braucht keine zusätzliche Opferbereitschaft, deren Vorliegen wir nicht feststellen können.

Wenn diese Leben uns etwas geben, könnte eine gute Antwort darin bestehen, heutigen Menschen mehr Wege offenzuhalten: sprechen, Hilfe suchen, gehen, etwas noch nicht offenlegen. Mut sollte mehr als eine Haltung kennen. Ins Gefängnis zu gelangen darf nicht zu seiner vorgeschriebenen Form werden.

IV. Dasselbe Gesetz

Abschnitt 11 des Criminal Law Amendment Act von 1885 stellt Handlungen der sogenannten gross indecency zwischen Männern unter Strafe, im öffentlichen wie im privaten Raum. Möglich sind bis zu zwei Jahre Haft mit oder ohne Zwangsarbeit. Die Rechtskategorie bezieht sich auf Handlungen, nicht auf einen ausdrücklich nach dem heutigen Begriff sexueller Orientierung benannten Straftatbestand.

Ihre Wirkung reicht weit über diesen Unterschied der Formulierung hinaus. Wenn private Intimität verfolgt werden kann, werden Briefe, Hotels, Bekanntschaften und das Gesehenwerden mit jemandem zu Risiken. Erpressung kann sich die Macht des Rechts leihen. Selbst ohne Prozess muss ein Leben um die Möglichkeit seiner Entdeckung herum organisiert werden.

Am 25. Mai 1895 wird Wilde nach einem erneuten Verfahren schuldig gesprochen und zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt. 1952 trifft Turing eine Verurteilung nach derselben Vorschrift. Siebenundfünfzig Jahre liegen dazwischen, während das Gesetz intime Beziehungen zwischen Männern weiterhin für strafrechtlichen Zugriff verfügbar hält.

Turing erhält 2013 eine individuelle königliche Begnadigung. Ein Gesetz von 2017 sieht weitere Begnadigungen für bestimmte historische Verurteilungen wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen vor. Nicht die ursprüngliche Strafnorm hat plötzlich ihren Ton geändert. Spätere Institutionen erkennen durch neue rechtliche Regelungen Schäden an, die frühere Verhältnisse hervorgebracht haben.

Solche Anerkennung ist wichtig. Sie kann Akten, öffentliches Gedächtnis und den Umgang mit Menschen verändern, die noch immer eine ererbte Schande tragen. Aber sie gibt Wilde keinen einzigen Gefängnistag zurück. Constance und die beiden Söhne können dadurch die von Skandal und Trennung zerrissenen Familienjahre nicht noch einmal leben.

Warum sollte gewöhnliche Würde darauf warten, dass die Gesellschaft unter den Betroffenen einen berühmten Dramatiker oder einen bedeutenden Codeknacker erkennt? Auch wer kein Meisterwerk hinterließ und wessen Name verloren ging, hatte Anspruch auf Gerechtigkeit. Größe macht Unrecht mitunter sichtbarer. Sie ist nicht die Eintrittskarte zu einem fairen Umgang.

V. Das Bild im oberen Zimmer

Das Bildnis des Dorian Gray erscheint 1890 in einer Zeitschrift und 1891 erweitert als Buch. Dorian wünscht, das Bild möge an seiner Stelle altern, während seine eigene Schönheit bleibt. Der Wunsch erfüllt sich. Körper und Folgen scheinen trennbar: Das Gesicht bleibt jung, die Leinwand zeigt, was er nicht anerkennen möchte.

Das legt ein Geheimnis gesellschaftlicher Wohlanständigkeit nahe: unten ein makelloses Gesicht, oben ein weggeschlossenes Schuldbuch. Wenn niemand Folgen sieht, lässt sich vielleicht leben, als wären keine vorhanden. Das Bild gibt dem eine hartnäckige Anwesenheit, was Aussehen und Ruf gewöhnlich dem Blick entziehen.

Doch der Roman geht tiefer als die Entlarvung einer Maske. Die Schauspielerin Sibyl Vane verliebt sich in Dorian. Plötzlich erscheint ihr die Bühnenliebe unwirklich, und sie spielt schlecht. Begeistert erklärt sie ihm, was sie entdeckt hat. Er sieht lediglich, dass die gewünschte Darbietung nicht mehr geliefert wird.

Er liebte ihre Fähigkeit, Julia und andere erfundene Frauen erscheinen zu lassen. Steht nun ein Mensch mit eigenen Empfindungen vor ihm, der die verlangte Wirkung nicht mehr erzeugt, behandelt er sie als wertlos. Für diese Grausamkeit ist kein magisches Bild nötig. Auch wir können die Gefühle, die jemand in uns auslöst, mit dessen gesamtem Wert verwechseln.

Dorian ermordet später den Maler Basil Hallward und versucht schließlich, das Bild zu zerstören, um die Vergangenheit loszuwerden. Das gemalte Gesicht gewinnt seine Schönheit zurück; auf dem Boden liegt der gealterte, entstellte Körper. Verantwortung ist nicht verschwunden, nur weil sie erfolgreich vom sichtbaren Erscheinungsbild abgetrennt und lange verborgen wurde.

Lord Henrys elegante Sätze, Basils Verehrung und Dorians Handlungen müssen nicht zu einem von Wilde unterschriebenen Geständnis zusammengefügt werden. Der Roman lässt verführerische Sprache Folgen bekommen. Er gibt uns Gelegenheit zu zögern: Was wird aus einem so klug klingenden Satz, wenn er in das Leben eines anderen Menschen eintritt?

Gerade deshalb ist es beunruhigend, wenn im Prozess aus Literatur auf das Verhalten des Autors geschlossen wird. Lesen kann unser Verständnis komplizierter Menschen erweitern. Es kann ebenso umgekehrt werden, bis Figurenrede als belastendes Indiz gegen einen lebenden Schriftsteller erscheint. Der Roman gerät in Verhandlungen, in denen Ruf, private Beziehungen, Strafrecht und öffentliche Meinung ineinandergreifen.

Das Schreiben dieses Buches macht Wilde nicht zu einer seiner Figuren. Ebenso wenig liefert es uns einen bequemen Satz, der von Verantwortung entbindet. Der Wohlanständigkeit die Unterwerfung zu verweigern kann damit zusammengehen, genau hinzusehen, wie man einen Menschen wie Sibyl behandelt, der unmittelbar vor einem steht.

VI. Papier in Reading

Zwei Jahre Zwangsarbeit sind keine schwer klingende Metapher. Haft nimmt Essen, Schlaf, Arbeit, Lektüre und menschlichen Kontakt unter Kontrolle und verteilt sie nach institutionellen Regeln neu. Wilde kommt durch mehrere Gefängnisse, bevor er Reading erreicht. Sprachliche Gewandtheit verringert die körperlichen Wirkungen der Einsperrung nicht.

1897 schreibt er den langen Brief an Douglas, der später De Profundis heißt. Vorwürfe, Bindung, Erinnerungen und eine strenge Prüfung eigener Entscheidungen stehen nebeneinander. Der Text ordnet Liebe nicht zu einem makellosen Zustand. Sie schmerzt weiterhin und zieht an dem Menschen, der versucht, Worte aufs Papier zu bringen.

Seine Selbstvorwürfe verlangen, zwei Dinge gleichzeitig zu hören. Ein Mensch sucht in den Trümmern nach etwas, für das er wieder Verantwortung übernehmen kann. Eine Institution hat ihm zugleich durch Strafe viele Möglichkeiten genommen. Die erste Stimme darf nicht zur Entlastung der zweiten dienen. Selbstprüfung beweist nicht, dass sämtliche erlittene Qual verdient war.

Christus, Demut, Vorstellungskraft und Schmerz erhalten in dem Brief besondere Bedeutung. Wilde sucht ein Leben, dessen Maß nicht länger gesellschaftlicher Erfolg wäre. Lässt sich nach dem Zusammenbruch einer öffentlichen Identität die Welt neu empfinden und anderen wieder begegnen? Das ist schwieriger als der Satz, Leiden mache edel, und näher an dem, was ein Gefangener braucht.

Auch der Text gelangt nicht geradlinig an die Öffentlichkeit. Robert Ross veröffentlicht 1905 zunächst eine gekürzte Fassung als De Profundis. Umfangreichere Ausgaben folgen; der vollständige, anhand des Manuskripts korrigierte Text erscheint 1962. Was wir heute als intime Offenheit lesen, stand dem ersten Publikum nicht sofort vollständig zur Verfügung.

Die nach der Entlassung geschriebene Ballade vom Zuchthaus zu Reading erscheint 1898 unter C.3.3, der Bezeichnung seiner Zelle. Ausgangspunkt ist ein wegen Mordes an seiner Frau hingerichteter Gefangener. Das Gedicht bringt Warten, Angst und die Blicke der Mitgefangenen zusammen. Mitgefühl für den Verurteilten hebt das Leben der ermordeten Frau nicht auf.

Es verlangt vom Leser, Unrecht anzuerkennen und trotzdem Furcht und Schmerz des Täters wahrzunehmen. Der Refrain über Menschen, die das Geliebte zerstören, macht nicht jede Verfehlung gleich groß. Er stört vielmehr die Sicherheit derer, die außerhalb der Mauer stehen und sich für eine grundsätzlich andere Art Mensch halten als die Eingeschlossenen.

Diese Empfindsamkeit verdient Beachtung. Dem Gefängnis gebührt dafür kein Dank. Eine Verletzung in Schreiben zu verwandeln ist Arbeit, die der verletzte Mensch danach noch leistet. Es ist kein Geschenk, das eine misshandelnde Einrichtung der Literatur großzügig überreicht hätte. Das Ergebnis hebt die Verantwortung für die Verletzung nicht auf.

VII. Wilde und Turing

Zwei Männer, dieselbe Vorschrift, unterschiedliche Lebensformen. Wildes Bekanntheit macht seine Prozesse zu öffentlichen Ereignissen. Vieles von Turings Kriegsarbeit bleibt bei seiner Verurteilung noch geheim. Die Demütigungen beider lassen sich nicht als Lärm des einen und Schweigen des anderen angemessen zusammenfassen.

Turing hinterlässt Briefe, Forschung und Beziehungen. Auch Wilde erlebt Zeiten, in denen er nicht sprechen darf oder Geschriebenes nicht sofort sein Gegenüber erreicht. Eine Stimme existiert nicht nur in einer Gerichtsrede. Wer keine entsprechende Rede hinterlässt, hat deshalb nicht notwendig das Schweigen zum eigenen Vertreter gewählt.

Die Nachwelt sucht gern einen leicht erinnerbaren Gegenstand und lässt ihn ein ganzes Leben ersetzen. Menschen leben jedoch nicht, um uns bewegende Schlussszenen zu liefern. Turing hat Bindungen außerhalb der Forschung. Wilde kennt Müdigkeit, Ansprüche und Verlegenheit jenseits der geistreichen Bemerkungen, mit denen Fremde ihn später verbinden werden.

Beide zusammenzusehen dient nicht dazu, ihren Mut zu benoten. Es macht sichtbar, wie eine Anordnung über Jahrzehnte hinweg Verletzungen wiederholt. Eine Gesellschaft kann die Fähigkeiten eines Menschen nutzen und die Werke eines anderen genießen und beiden zugleich das Recht verwehren, als gewöhnliche Menschen zu leben.

An Wilde zu erinnern heißt deshalb auch, eine glänzende Selbstdarstellung nicht zur neuen Zugangsbedingung zu machen. Manche sprechen unbeholfen, manche haben Angst, manche wollen nur mit dem geliebten Menschen in Ruhe essen. Ihre Berechtigung ist nicht geringer als die des blendenden Redners, der den ganzen Raum beherrscht.

Seine Antwort kann so weit gelangen, weil sie ihn verlassen darf. Spätere Menschen müssen Haltung, Sprachkunst und Schicksal nicht nachahmen. Sie können darin etwas Platz finden, um weiterzuleben: mit eigenen Worten oder vorerst ohne Worte. Die Hilfe verlangt keine Ähnlichkeit mit dem berühmten Helfer.

VIII. Nicht erst heilig werden

Schon vor dem Gefängnis schreibt Wilde Der glückliche Prinz. Von seiner hohen Säule sieht das Standbild Armut, die ihm zu Lebzeiten verborgen blieb. Es bittet eine Schwalbe, Edelsteine und Blattgold zu Bedürftigen zu tragen. Schönheit verlässt ihren bewunderten Platz und tritt in den Hunger und die Kälte anderer Menschen ein.

Das Standbild wird unansehnlich; die Schwalbe stirbt. Die Stadtoberen wollen den Prinzen entfernen, der sie nicht mehr schmückt. Doch die Erzählung gibt dem weggeworfenen Bleiherzen und dem toten Vogel einen anderen Wert. Die angesehensten Menschen haben nicht das letzte Wort darüber, was nützlich ist und bewahrt werden sollte.

Das Märchen erscheint 1888, vor der Katastrophe von 1895. Die Aufmerksamkeit für verletzliche Leben geht der Haft voraus. Wilde musste nicht erst eingesperrt werden, um Mitgefühl zu entwickeln. Schönheit und Fürsorge sind keine aufeinanderfolgenden Phasen, von denen eine nach der Strafe die andere ablöst. Sie befragen sich bereits innerhalb seines Werks.

Die Geschichte erzählt durchaus ein Opfer. Beim Lesen müssen wir daraus nicht das Gebot machen, jeder Mensch habe sich im wirklichen Leben aufzubrauchen. Wir können ebenso fragen, weshalb die Linderung städtischer Armut von den wiederholten Flügen eines erfrierenden Vogels abhängt. Während das Märchen berührt, macht es die gewöhnliche Ordnung dieser Stadt fragwürdig.

Dieser fünfte Satz der Reihe fragt, welche Arbeit ein Leben überdauern kann. Ein Buch, eine öffentliche Antwort, ein Augenblick, der jemanden weniger allein zurücklässt. Ihr Wert bemisst sich nicht an der Menge später erlittenen Schmerzes. Was anderen hilft, musste nicht notwendigerweise durch die Zerstörung eines Lebens erkauft werden.

Wir können denen danken, die Nachkommenden Raum ließen, und ihnen dennoch Eitelkeit, Furcht, Irrtümer und unabgeschlossene Beziehungen zugestehen. Man muss keinen Heiligen herstellen, bevor man einen Schriftsteller liest. Ebenso wenig muss erst das Denkmal stürzen, damit man merkt, dass der Mensch dahinter nie richtig angesehen wurde.

Die bessere Fortsetzung verlangt vielleicht nicht noch mehr Leben zum Beweis eines Satzes. Sie arbeitet daran, dass ein Mensch diesen Satz sagen und danach nach Hause gehen kann: essen, ruhen, lieben und ein weiteres Buch schreiben, das kein Meisterwerk werden muss. Auch darin dürfte eine gelungene Zukunft liegen.

IX. Paris

Nach seiner Entlassung im Mai 1897 reist Wilde nach Frankreich und kehrt nicht mehr nach England zurück. Unter dem Namen Sebastian Melmoth lebt er zwischen Exil, Geldnot und Hilfe von Freunden. Briefe und andere Texte entstehen weiter, doch der Alltag nimmt seine frühere Form nicht wieder an. Überleben macht das Geschehene nicht rückgängig.

Constance und die Kinder tragen ebenfalls die Folgen der öffentlichen Schande. Trennung und Namenswechsel der Söhne sollten nicht bloß Kulisse seiner Tragödie sein. Wenn wir von seinen Verlusten lesen, ist zu bedenken, dass auch die anderen Schutz brauchen und ein eigenes Leben besitzen, für das dieser berühmte Schriftsteller nicht vollständig sprechen kann.

Am 30. November 1900 stirbt er in Paris, sechsundvierzig Jahre alt. Zunächst in Bagneux bestattet, wird er 1909 auf den Père-Lachaise umgebettet. Später kommen Menschen, um seiner zu gedenken. Diese Zuneigung ist wirklich. Könnte sie rückwärts durch die Zeit reisen, wäre ein Tisch, an dem er sicher sitzen dürfte, nützlicher als viele nachträgliche Lobreden.

Verlassen wir nun die Quellen und betreten die erfundene Brücke dieser Reihe. Wilde kommt gut gekleidet, aber ohne Eile. Er darf zunächst stehen bleiben. Niemand verlangt als Eintrittspreis die klügste Bemerkung des Abends. Sein Dasein braucht keine sofortige Vorführung.

Turing sitzt am Geländer und betrachtet ein Blatt. Wilde setzt sich daneben. Siebenundfünfzig Jahre liegen zwischen ihnen und eine Vorschrift, die beide auf die Anklagebank brachte. Hier bestimmt diese Vorschrift nicht mehr, wo sie sitzen dürfen. Der Platz muss ihr nicht abgerungen werden.

Sie können über die ihnen fremde Arbeit des anderen sprechen oder über das Wetter. Keiner muss seine intime Beziehung erklären, bevor ein gewöhnliches Gespräch beginnen darf. Manche Freiheit klingt zunächst fast langweilig: Endlich kann eine Unterhaltung mit etwas völlig Unwichtigem anfangen.

Als Jeanne näher kommt, hat die Brücke keine Flammen für sie vorbereitet. Auch Sokrates muss den Giftbecher nicht erneut heben. Sie haben bereits bezahlt. Diese Begegnung verlangt keine Wiederaufführung ihres Schmerzes, um anzuerkennen, dass sie hier gewesen sind. Sie dürfen mit etwas anderem beschäftigt sein.

Shakespeare dreht sich um, als Wilde von einer Wendung auf der Bühne spricht. Vielleicht streiten sie darüber, wie viel Freiheit eine gute Replik dem Schauspieler lassen sollte. Uneinigkeit bleibt möglich, und Lachen muss niemanden ausschließen. Ein Gespräch darf geführt werden, ohne dass am Ende ein Urteil verhängt wird.

Jemand fragt nach der Liebe, die ihren Namen nicht auszusprechen wagte. Wilde wartet, bis die Frage beendet ist. Diesmal trägt das Gegenüber keine Anklageschrift. Man kann fragen, weil man verstehen möchte, nicht weil jede Antwort zum nächsten Belastungsstück werden soll.

Weiter auf der Brücke hört Kant zu, ohne von dieser Zuneigung einen Nachweis ihres gesellschaftlichen Nutzens zu verlangen. Alle behalten Grenzen und die Möglichkeit, abzulehnen, zu gehen oder weiterzureden. Geliebt zu werden macht keinen Menschen zum Kunstwerk eines anderen. Das Gespräch lässt diese Unterscheidung bestehen.

Auch Wilde muss nicht jedem seinen Namen nennen. Er darf offenlegen oder zurückhalten, einen Satz schön machen oder in der Mitte abbrechen. Niemand wird seinen Platz zurückfordern, weil er nicht die erwartete Ausgabe seiner selbst vorgeführt hat. Er muss nicht immer für alle verfügbar sein.

Der Satz bleibt. Endlich muss er nicht mehr an einen Richter gerichtet werden.

Lesehinweise und Quellen

Die Antwort vor Gericht wird nach zeitgenössischen Berichten vom 30. April 1895 wiedergegeben, nicht aus verschiedenen Fassungen zu einem vermeintlich wortgetreuen Protokoll zusammengesetzt. Am 5. April endete das Verleumdungsverfahren mit Queensberrys Freispruch; Wilde wurde noch am selben Tag verhaftet. Im ersten Strafprozess kam keine Verurteilung zustande, im zweiten dann am 25. Mai. Paragraf 11 des Gesetzes von 1885 erfasste als gross indecency bezeichnete Handlungen, nicht eine modern als sexuelle Orientierung benannte Identität. Einvernehmen unter Erwachsenen und die Freiheit zu gehen sind ethische Maßstäbe dieses Essays, keine Tatsachenfeststellung zu sämtlichen Vorwürfen. Auch die Begnadigungen von 2017 waren an Bedingungen geknüpft.

De Profundis erschien 1905 zunächst gekürzt. Der Handschriftenkatalog der British Library bestätigt die vollständige, korrigierte Veröffentlichung von 1962; der verlinkte Gutenberg-Text beruht hingegen auf einer gekürzten Ausgabe von 1913. Figurenrede ist kein Geständnis des Autors, Leid keine notwendige Voraussetzung der Kunst. Ross' Gedenkkarte im University College, Oxford, dokumentiert die Umbettung von 1909. Private Motive werden nicht abschließend festgelegt. Begegnungen, Gesten und Gespräche an der ausdrücklich vorgestellten Brücke sind literarische Fiktion.

Britisches Nationalarchiv: Wildes Leben und Gerichtsverfahren · Queensberry-Verfahren: Protokollauszüge vom 3.–5. April 1895 · SFU-Pressearchiv: Evening Herald vom 30. April 1895 · Britisches Justizministerium: Begnadigungen nach dem Turing-Gesetz · Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray, Text von 1891 · Wilde: Der glückliche Prinz und andere Erzählungen, Originaltext · Wilde: De Profundis, gekürzte Ausgabe von 1913 · British Library: Handschriften und Veröffentlichungsgeschichte von De Profundis · Wilde: Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading, Originaltext · University College, Oxford: Ross-Sammlung, Box 4.1, Gedenkkarten zur Umbettung 1909

Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。