058 / 108 · Die Linien der Wahrheit ziehen
Tolstoi: Das Rezept
Den richtigen Lebensweg zu finden berechtigt nicht dazu, die Opfer anderer festzulegen. Von Astapowo bis zu Sofias Schreibtisch braucht Tolstois Rezept Platz für eine fremde Antwort.
I. Ein Haus lässt sich nicht einpacken
Am 10. November 1910, nach dem damals in Russland geltenden Kalender am 28. Oktober, verlässt der zweiundachtzigjährige Tolstoi vor Tagesanbruch Jasnaja Poljana. Er reist mit seinem Arzt, nimmt wenige Sachen mit und weckt seine Frau nicht. Mit leichtem Gepäck aufzubrechen heißt nicht, ein Leben leicht hinter sich zu lassen.
Das Gut hat Jahrzehnte des Schreibens, Kinder, Besucher und Streit erlebt. Es beherbergt auch die unscheinbare Arbeit, ohne die all dies unmöglich wäre. Nachdem die Tür hinter ihm zufällt, bleibt diese Arbeit zurück. Jemand muss weiterhin dafür sorgen, dass morgen alles Nötige geschieht.
Unterwegs erkrankt Tolstoi und steigt in Astapowo aus. Stationsvorsteher Iwan Osolin stellt Räume seines Hauses zur Verfügung. Der Schriftsteller, der Armeen über Buchseiten bewegt hat, braucht nun ein Bett. Jemand muss auf seinen Atem achten und darüber entscheiden, wer zu ihm kommen darf.
Sofia reist an, wird aber zunächst von Ärzten und Angehörigen ferngehalten. Kurz vor seinem Tod darf sie hinein; er ist bereits bewusstlos. Die Tür öffnet sich also noch. Was sie den beiden nicht mehr zurückgeben kann, ist Zeit für ein Gespräch, das zu Ende geführt werden könnte.
Am 20. November, dem 7. November alten Stils, stirbt Tolstoi. Konflikte um Tagebücher, Testament und Werkrechte gingen dem Aufbruch voraus, ebenso seine Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben. Flucht vor der Ehefrau oder Aufbruch in die Freiheit: Keine dieser knappen Deutungen umfasst den ganzen Weg.
Übrig bleibt eine schwierigere Frage. Wenn ich endlich erkannt habe, welches Leben richtig wäre, darf ich es einfach anfangen? Die Menschen, deren Leben mit meinem verbunden ist: Sind sie Hindernisse meiner Umkehr, oder dürfen sie mitentscheiden, was meine Veränderung für sie bedeutet?
II. Was der Erfolg nicht beantwortet
In seinem Buch Meine Beichte beschreibt Tolstoi eine merkwürdige Unterbrechung. Die Geschäfte laufen weiter. Land muss bewirtschaftet werden, Kinder brauchen Bildung, Bücher könnten entstehen. Doch immer wieder drängt sich dieselbe Frage dazwischen: Angenommen, alles gelingt. Angenommen, der Ruhm wächst noch weiter. Was dann?
Hier sucht kein erfolgloser Schriftsteller nach Trost für sein Scheitern. Der Verfasser von Krieg und Frieden und Anna Karenina besitzt vieles, wovon andere sich erst das Glück versprechen. Er kann die fehlende Antwort nicht mehr bequem im nächsten Erfolg unterbringen, den er noch erreichen muss.
Meine Beichte entsteht zwischen 1879 und 1882. Die für 1882 geplante Veröffentlichung in Russland verhindert die Zensur; 1884 erscheint das Buch in Genf. Hinter den Daten steht ein schmerzliches Eingeständnis: Leser bewegen zu können erklärt dem Schreibenden noch nicht, warum er morgen aufstehen soll.
Tolstoi wendet sich dem Glauben arbeitender Menschen zu und liest die Evangelien neu. Immer weniger akzeptiert er religiöse Institutionen, die Reichtum, Krieg und Gehorsam segnen. Er sucht einen Glauben, der bis in die Hände reicht: weniger besitzen, selber arbeiten, den eigenen Frieden nicht durch Gewalt absichern.
Der Romancier tritt jedoch nicht ab, als der religiöse Denker erscheint. Der späte Tolstoi schreibt Auferstehung und Hadschi Murat. Moralische Forderungen gehen in die Erzählungen ein; die erzählten Menschen sprengen wiederum allzu glatte Forderungen. Beide Arten der Aufmerksamkeit bleiben am selben Schreibtisch tätig.
Vielleicht kennen wir eine leisere Form dieser Krise. Die Gründe von gestern tragen heute nicht mehr. Ein wahrer Satz kann dann sehr viel bedeuten. Er kann aber nicht an unserer Stelle mit den Menschen verhandeln, die noch in den Verhältnissen leben, aus denen wir plötzlich hinauswollen.
III. Auch das Rezept braucht Mut
Nebeneinandergestellt ergeben Tolstois Empfehlungen ein umfassendes Rezept: einfach leben, arbeiten, Ausbeutung verweigern, Wünsche zügeln, Böses nicht mit Gewalt beantworten. Vegetarismus und zunehmend strenge sexuelle Enthaltsamkeit gehören ebenfalls dazu. Dass dieselbe Unterschrift unter allem steht, verleiht nicht jeder Zeile dasselbe Gewicht.
Eine Frage schneidet bis heute tief. Wenn Töten falsch ist, warum wird es durch eine Uniform und einen Befehl richtig? Tolstoi gibt dem Ausführenden sein Gewissen zurück. Über ihm mag jemand entschieden haben. Unterhalb dieser Entscheidung handelt trotzdem ein Mensch, der nicht verschwunden ist.
Nichtwiderstand bedeutet bei ihm Verzicht auf gewaltsamen Widerstand, nicht Wegsehen. Das Reich Gottes ist inwendig in euch behandelt die Verweigerung des Militärdienstes und der Mitwirkung an Zwang. Wer sich weigert, kann seine Freiheit verlieren, sogar sein Leben. Einen bequemen Zuschauerplatz gibt es hier nicht.
Gandhi beschreibt, wie stark ihn das Buch getroffen hat. Er bringt jedoch andere Lehrer, religiöse Überlieferungen und Erfahrungen mit. Er empfängt nicht einfach eine fertige politische Bewegung aus Russland, sondern verändert Gelesenes im Handeln. Gedanken reichen oft deshalb so weit, weil ihre Leser ebenfalls denken.
Wir können Tolstois Kritik der Gewalt ernst nehmen, ohne sämtliche sexuellen Gebote mitzuschlucken. Jede Regel muss Fragen aushalten: Wen schützt sie? Wessen Körper oder Wünsche behandelt sie mit Misstrauen? Die Achtung vor moralischem Mut verlangt nicht, das eigene Urteil gleich mit abzugeben.
Das Bild vom Rezept sollte beides bewahren. Es warnt vor dem Versprechen, alles heilen zu können, darf aber den Wunsch zu helfen nicht verspotten. Tolstoi entdeckt Wunden, die gesellschaftliche Anständigkeit unsichtbar gemacht hat. Seine Ungeduld beginnt damit, diese Wunden nicht länger für normales Leben zu halten.
IV. Sofia ist keine Fußnote
Richten wir den Blick ein Stück neben den Schreibtisch des Autors. Dort liegen abgeschriebene Manuskripte, Verlagsangelegenheiten und Haushaltsrechnungen. Sofia ist nicht bloß die Ehefrau, die widerspricht. Sie arbeitet an der Entstehung seines literarischen Werks mit und hält einen großen Teil des gemeinsamen Alltags aufrecht.
Sie entziffert seine Handschrift, schreibt ab, ordnet, kümmert sich um Veröffentlichungen und Kinder. Sie schreibt, fotografiert und malt auch selbst. Wer in ihr nur die Verteidigerin des Geldes sieht, wiederholt eine alte Aufteilung: Sein Innenleben verdient eine Geschichte; ihre Arbeit darf den Hintergrund bilden.
Tolstois Wunsch, der Herrschaft von Eigentum und Berühmtheit zu entkommen, ist aufrichtig. Sofias Sorge um Familie und Werke ist deshalb nicht automatisch kleinlich. Im selben Haus verfügen sie über unterschiedliche Möglichkeiten. Was für einen Menschen Entlastung bedeutet, kann die Last des anderen vergrößern.
Stellen wir uns einen gewöhnlichen Haushalt vor. Jemand erklärt, er werde nicht länger dem Einkommen nachlaufen, sondern endlich sinnvoll leben. Das kann eine ehrliche Einsicht sein. Miete, Pflege und frühere Versprechen lösen sich dadurch nicht auf. Man muss neu darüber sprechen, statt sie mit dem Wort Sinn wegzuschicken.
Größe erteilt keinen Freibrief. Dass jemand unter seinem Ideal leidet, schließt nicht aus, dass dieses Ideal andere verletzt. Auf eigene Bequemlichkeiten zu verzichten ist etwas anderes, als festzulegen, was die Partnerin opfern soll. Das zweite darf sich nicht im guten Licht des ersten verstecken.
Auch Sofia muss nicht fehlerlos werden, damit man ihr zuhört. Beide konnten Angst haben, kontrollieren wollen und unnachgiebig sein. Entscheidend ist, dass ihr Leben nicht vollständig in seiner geistigen Entwicklung aufgeht. Dieses Recht verliert sie nicht, sobald sich ein Fehler in ihrem Verhalten findet.
V. Tschechow rückt den Stuhl heran
Tschechow war von Tolstoi tief beeindruckt. Im März 1894 schreibt er an Suworin über diese jahrelange Wirkung und seine wachsende Distanz. Die Verehrung entscheidet nicht mehr für ihn. Einen Lehrer innerlich zu verlassen kann leise beginnen, mit einem Einwand, den man nicht länger übergehen möchte.
Sein Vergleich führt bewusst auf den Boden zurück: Elektrizität und Dampf können mehr für Menschen tun als Keuschheit und Fleischverzicht. Maschinen neben ein erhabenes moralisches Programm zu stellen wirkt beinahe unhöflich. Aber die Frage ist ernst: Was macht das tatsächliche Leben weniger mühsam?
Tschechow hatte durchaus eine Ethik. Gewalt und Heuchelei ließ er nicht unter einem vornehm leeren Lächeln verschwinden. Er bezweifelte vielmehr den Sprung von der Verurteilung des Krieges zu der Forderung, alle sollten dieselben Schuhe tragen, dasselbe essen und auf dieselbe Weise leben.
Denken wir uns zwei Ärzte an einem Krankenbett. Einer erklärt dringend, was sich am Leben ändern müsse. Der andere zieht seinen Stuhl näher und fragt, wo es vergangene Nacht wehgetan hat. Keiner besitzt die Liebe allein. Doch manchmal muss Liebe weit blicken, manchmal das Antworten für andere unterlassen.
Tolstoi stört unsere Bereitschaft, uns mit Bestehendem abzufinden. Tschechow erinnert daran, dass die darin lebenden Menschen eigene Stimmen haben. Bleibt nur der erste Impuls, werden sie Material der Verbesserung. Bleibt nur das vorsichtige Verstehen, kann es sich in eine elegante Ausrede fürs Nichtstun verwandeln.
Beide dürfen einander unterbrechen, ohne zu starren Gegensätzen zu werden. Fürsorge kann auch Nein sagen. Ein Rat kann eine Antwort abwarten. Bleibt in dem Zimmer, in dem ein Mensch verbessert werden soll, noch ein Stuhl, auf dem er sitzen und widersprechen darf?
VI. Mehr als eine Besserung des Herzens
Tolstoi und Marx machen zwei verschiedene Dringlichkeiten sichtbar. Wie kann ich heute aufhören, Schaden anzurichten? Welche gesellschaftlichen Verhältnisse drängen Menschen immer wieder dazu, obwohl sie anständig handeln möchten? Die eine Frage wird nicht überflüssig, sobald jemand die andere gestellt hat.
Ein Unternehmer kann weniger Gewinn für sich behalten und dadurch den Monat eines Beschäftigten unmittelbar erleichtern. Fehlt den Beschäftigten jedoch Verhandlungsmacht, hängt ihre Zukunft weiterhin von der Güte des nächsten Chefs ab. Persönlicher Wandel kann helfen, ohne Veränderungen der Institutionen unnötig zu machen.
Auch die umgekehrte Ausflucht kennen wir. Jemand macht das System verantwortlich und verschiebt anderes Verhalten auf die Zeit nach dessen Überwindung. Der gedemütigte Mitarbeiter steht jedoch schon vor ihm. Eine künftige Verfassung kann die heutige Entschuldigung nicht aussprechen. Das Gewissen aufzuschieben kann sehr bequem sein.
Beide Denker sind komplexer als dieser Gegensatz. Tolstoi greift Staat und Eigentumsordnung an. Marx erinnert in der dritten Feuerbachthese daran, dass Menschen Umstände verändern und auch Erzieher erzogen werden müssen. Niemand steht selbstverständlich außerhalb des menschlichen Lebens, ausschließlich zuständig für die Behandlung aller anderen.
Deshalb brauchen wir Marx nicht mit dem Schicksal eines einzelnen Staates abzurechnen und Tolstoi nicht mit dem Erfolg einer Bewegung freizusprechen. Zwischen Gedanken und Folgen stehen Entscheidungen, Organisationen und Veränderungen. Erfolge löschen erlittenes Unrecht nicht aus; Misserfolge beseitigen nicht alles, was Menschen erreicht haben.
Für ein gewöhnliches Leben bleiben zwei handhabbare Fragen. Welchen Schaden kann ich selbst unterlassen? Welche Verhältnisse kann ich zusammen mit anderen verändern? Die Antworten mögen klein ausfallen. Keine der beiden Aufgaben muss darauf warten, dass die andere für die gesamte Menschheit erledigt ist.
VII. Ein Ideal ist kein Umzugsbefehl
Platons gedachte Stadt und Tolstois gutes Leben weigern sich, Konkurrenz, Eitelkeit und Ausbeutung zum einzigen menschlichen Horizont zu erklären. Diese Weigerung hat Wert. Ohne die Vorstellung eines Besseren verlieren wir einen Teil der Sprache, in der wir das Bestehende überhaupt kritisieren können.
Im neunten Buch des Staates kann ein Mensch auf die ideale Stadt blicken und sein Leben daran ausrichten, selbst wenn sie auf Erden nicht existiert. Ein Vorbild kann Orientierung sein. Es muss nicht zur amtlichen Aufforderung werden, dass morgen sämtliche Bewohner dort einzuziehen haben.
Schwierig wird es, wenn der Entwurf auf Bewohner trifft. Einer möchte das zugewiesene Zimmer nicht. Eine andere braucht ungeplante Pflege. Ein Dritter stellt sich Glück anders vor. Diese Antworten machen die Zeichnung komplizierter. Es sind auch die Stimmen der Menschen, die wirklich darin wohnen sollen.
Tolstois Strenge gegen sich selbst enthält Aufrichtigkeit. Sie verschafft ihm jedoch nicht automatisch die Befugnis, für andere zu wählen. Armut, Einsamkeit oder Enthaltsamkeit werden nicht schon dadurch zur Pflicht anderer Menschen, dass einer vorführt, wie viel er davon selbst ertragen kann.
Umgekehrt macht das Scheitern nicht jede Forderung ungültig. Wer scharf spricht, kann lernen, nicht zu demütigen. Wer von Privilegien lebt, kann deren Schäden verringern. Wir müssen keine Heiligen werden, bevor wir anfangen; aber wir müssen darauf achten, auf wen wir beim Vorankommen treten.
Das Rezept braucht also Platz für Änderungen. Nicht als Schlupfloch für Bequemlichkeit, sondern für Erfahrungen, Folgen und Einwände. Wenn ein gutes Leben nur dadurch Bestand hat, dass jeder Widerspruch verstummt, sollten wir nochmals fragen, wem dieses Gute eigentlich versprochen wird.
VIII. Jemand hält seine Beine
Der Tod des Iwan Iljitsch führt uns in ein Krankenzimmer. Die Hauptfigur hat ihr Leben ordentlich eingerichtet: passende Stellung, ansehnliche Wohnung, angemessene Bekanntschaften. Iwan hält sich nicht für einen außergewöhnlich schlechten Menschen. Die Krankheit nimmt diesen vertrauten Sicherheiten jedoch nach und nach ihr Gewicht.
Nicht allein der Körper quält ihn. Um ihn herum bleibt die höfliche Behauptung bestehen, es werde schon wieder gut werden. Er stirbt; die anderen behandeln dies wie eine Störung, die den Tagesablauf möglichst wenig beeinträchtigen soll. Die Anständigkeit, hinter der er Schutz suchte, schließt ihn nun allein ein.
Der junge Diener Gerassim reinigt, hebt und stützt seine Beine, damit die Schmerzen nachlassen. Er verschweigt den Tod nicht und verlangt keine eindrucksvolle Tapferkeit. Hier bekommt Güte Dauer und Gewicht. Ein anderer Körper muss im Zimmer bleiben, um sie auszuüben, nicht nur ein richtiger Satz.
Am Ende nimmt der Sohn die Hand des Vaters, küsst sie und weint. Iwan sieht den Jungen, dann seine verweinte Frau, und empfindet Mitleid. Sein Blick geht über das eigene Leiden hinaus zu dem, was sie ertragen. Die Erzählung lässt Licht erscheinen.
Das ist eine Antwort, nicht bloß eine offen gelassene Frage. Tolstoi lässt Veränderung in Mitgefühl und Beziehung stattfinden. Aber er legt keinen Katalog vor, den eine Figur zum Beweis unterschreibt. Bis zu diesem Augenblick mussten wir durch Angst, Selbstverteidigung und körperliche Qual hindurch.
Vielleicht besteht darin die Kraft der Literatur. Andere lieben wird wieder zu etwas, das wir noch nicht beherrschen, statt zu einem längst bekannten Satz. Zwischen ihm und dem Halten von Beinen, dem Erkennen eigenen Verletzens liegt eine Strecke, deren Überquerung ein ganzes Leben Übung verlangen kann.
IX. Die Rückseite des Blattes
Kehren wir auf die erfundene Brücke dieser Reihe zurück. Tolstoi kommt mit einem eng beschriebenen Blatt. Er hat es nicht zerrissen. Weniger verletzen, weniger besitzen: Die Forderungen lassen ihn weiterhin nicht zur Ruhe kommen. Vom wiederholten Aufheben und Hinlegen sind die Ränder schon zerknittert.
Hume klappt sein Backgammonbrett halb zusammen und macht Platz. Ein Stein beschwert Platons Zeichnungen. Weiter hinten beraten Edison und Tesla über den Anschluss einer Lampe. In unserer Vorstellung unterbrechen die Anwesenden ihre Arbeit; auf dieselbe Antwort haben sie sich deshalb noch nicht geeinigt.
Tschechow nimmt das Blatt und liest aufmerksam. Ein alles durchschauendes Lächeln brauchen wir ihm nicht aufzusetzen. Auch er kannte Ungeduld und den Zauber einer Antwort. Vielleicht fragt er zunächst, ob diejenigen, die nach diesen Anweisungen leben, letzte Nacht überhaupt schlafen konnten.
Bevor Tolstoi antwortet, steht ein leerer Stuhl an der Brücke. Wir lassen ihn für Sofia frei. Wir bestimmen nicht, ob sie sich setzt, und schreiben ihre Vergebung nicht für sie. In dieser Familiengeschichte gibt es einen Platz, an dem der Ehemann nicht stellvertretend sprechen kann.
„Liebe deinen Nächsten“ steht auf dem Papier. Der Stuhl ist sehr nah. Der Weg ist kürzer als von Russland nach Indien, manchmal aber schwerer. Man kann sich ehrlich um fernes Leid sorgen und zugleich jemanden überhören, der seit Jahren direkt neben einem spricht.
Tschechow dreht das Blatt um. Auf der Rückseite ist noch Raum. In unserer Erfindung schreibt er kein neues Allheilmittel auf, sondern legt einen Stift daneben. Vielleicht fehlt ein Name, eine noch nicht vereinbarte Verpflichtung, ein Satz, den jemand bisher nicht zu Ende sprechen durfte.
Der Zug hat Astapowo verlassen. Wir können die Geschichte nicht zurückschreiben und eine vollständige Versöhnung hinzufügen, die nicht stattgefunden hat. Aber wir sitzen noch nicht in unserem eigenen letzten Zug. Heute können wir einen Einwand noch anhören, ohne ihn sofort als Krankheit seines Urhebers zu diagnostizieren.
Tolstoi sieht auf das Papier und dann zum leeren Stuhl. Niemand drängt ihn zu einem Schluss. Das Rezept bleibt da, der Stift ebenso. Diesmal wartet die leere Fläche nicht nur darauf, dass er allein sie füllt.
Lesehinweise und Quellen
Aufbruch und Tod werden nach beiden Kalendern angegeben: 10. November/28. Oktober alten Stils sowie 20. November/7. November alten Stils 1910. Laut offizieller Chronologie wurde Sofia am Todesmorgen zum bewusstlosen Tolstoi eingelassen. Unbelegte letzte Worte erklären keine Motive. Sofia wird weder zum Hindernis reduziert noch die Zahl der Geburten gegen spätere Enthaltsamkeitsforderungen ausgespielt. Entstehung, Zensur und Genfer Veröffentlichung der Beichte werden unterschieden.
Nichtwiderstand verweigert Gewalt, nicht Handeln. Gandhis Autobiografie nennt mehrere Einflüsse. Tschechows Vergleich mit Elektrizität und Dampf im Brief an Suworin vom 27. März 1894 wird nach dem Russischen paraphrasiert. Die dritte Feuerbachthese und das Ende von Staat IX dienen begrenzten Vergleichen, nicht Gesamturteilen über Philosophie oder Politik. Bei Iwan Iljitsch bleiben Gerassims Pflege, Mitgefühl und abschließendes Licht erhalten. Die beiden Ärzte und der leere Stuhl sind literarische Erfindungen.
Tolstoy.ru: Biografie, 1910 · Tolstoy.ru: Entstehung und Veröffentlichung der Beichte · Tolstoi: Meine Beichte, Kapitel III–IV · Tolstoi: Das Reich Gottes ist inwendig in euch · Gandhi: Autobiografie, religiöse Suche · Staatliches Tolstoi-Museum: Sofia Tolstaja, Leben mit einem Genie · Tschechow an Suworin, 27. März 1894: russischer Text · Marx: Thesen über Feuerbach, dritte These · Platon: Der Staat, Buch IX, 592b · Tolstoi: Der Tod des Iwan Iljitsch
Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。