040 / 108 · Wenn die Welt den Menschen zurückformt
Nishida Kitarō, der Ort des Nichts
Von der reinen Erfahrung zum Ort des absoluten Nichts – und zur historischen Verantwortung eines Denkens der Offenheit.
I. Den Blick auf die Bühne richten
Was ist? Eine lange Linie der westlichen Philosophie beginnt mit dieser Frage. Schon bei Parmenides wird sie unbequem: Sobald wir das Nichts denken, machen wir es doch zu etwas, zu einem Gegenstand unseres Denkens. Wie sollte das Nichtsein dann überhaupt denkbar sein?
Platon fragt anders als Aristoteles, Descartes anders als Hegel. Es wäre unsinnig, daraus eine einzige Lehre zu machen. Gemeinsam ist ihnen dennoch eine eindrucksvolle Beharrlichkeit: Sie lassen die Frage nach dem Sein nicht los.
Nishida Kitarō verschiebt den Blick. Wir sehen Schauspieler auf einer Bühne, verfolgen ihren Streit und fragen, wem die Mitte gehört. Seltener bemerken wir den Raum, in dem sie überhaupt auftreten und sich voneinander unterscheiden können.
Das ist ein erster Zugang zu seinem Nichts. Kein weiterer Schauspieler namens Nichts betritt die Szene. Gefragt wird nach dem Ort, an dem Figuren, Standpunkte und Zuschauer sichtbar werden.
Die Bühne bleibt ein Bild, kein Beweis dafür, dass zweitausend Jahre Philosophie etwas Einfaches übersehen hätten. Sie öffnet eine Tür. Hinter ihr beginnt erst die eigentliche Schwierigkeit.
II. Bevor wir sagen: Ich sehe
1911 veröffentlicht Nishida Über das Gute. Der Titel klingt nach einer Ethik. Doch die Untersuchung beginnt näher an unserem Alltag: Was geschieht eigentlich, wenn wir etwas erfahren?
Die Farbe einer Blume hält Ihren Blick fest. Hinterher sagen Sie: Ich habe eine Blume gesehen. Damit haben Sie einen Betrachter, einen Gegenstand und die Beziehung zwischen beiden beschrieben. Aber begann das Sehen wirklich mit zwei getrennten Stücken, die erst verbunden werden mussten?
Reine Erfahrung nennt Nishida die Erfahrung, soweit wir ihr nicht von vornherein diese Aufteilung aufzwingen. Das Sehen geschieht bereits. Die spätere Beschreibung ordnet das Geschehen, sie muss aber nicht dessen ursprüngliche Bauanleitung sein.
Beim Klavierspielen lässt sich das erahnen. Wer eine Passage flüssig spielt, überwacht nicht unablässig eine innere Hand, die nach äußeren Tasten greift. Hören, Bewegung und musikalischer Verlauf gehören zusammen. Zu viel Selbstbeobachtung kann den Zusammenhang sogar stören.
Gemeint ist keine Verherrlichung des gedankenlosen Zustands. Auch Denken und Urteilen können, während sie sich vollziehen, Erfahrung sein. Das Vorher bezeichnet nicht bloß die Sekunde, bevor der Verstand anspringt. Es betrifft die Frage, was unsere Unterscheidungen voraussetzen.
William James entwickelt ebenfalls einen Begriff reiner Erfahrung. Nishida lernt von ihm, führt die Fragen jedoch in eigene religiöse und philosophische Zusammenhänge. Der eine liefert nicht einfach Rohstoff, den der andere veredelt. Aus der Begegnung entsteht eine andere Arbeit.
III. Wer bestimmt, was Philosophie heißt?
Das Japan der Meiji-Zeit übernimmt in kurzer Zeit wissenschaftliche, technische und politische Modelle aus Europa. Auch die Universitätsphilosophie kommt mit Begriffen und Maßstäben: So sieht eine Frage aus, so muss eine Begründung beschaffen sein.
Nishida beginnt dabei keineswegs allein bei null. Nishi Amane und andere haben übersetzt und Begriffe geschaffen. Noch davor bestehen eigene Traditionen des Denkens, Auslegens und Übens. Nicht erst die moderne Universität bringt Gedanken nach Japan.
Die schwierige Frage lautet deshalb nicht, ob ein angeblich gedankenloses Land endlich denken lernen kann. Sie lautet, ob eine Tradition im Voraus festlegen darf, welche Form jede andere annehmen muss, um als Philosophie zu zählen.
Nishida eignet sich Kant, Hegel und James an. Er verwirft ihre Werkzeuge nicht zugunsten einer unerklärlichen östlichen Intuition. Zugleich lässt er buddhistische Denkwege und seine Erfahrungen die Fragen verändern, die er mit diesen Werkzeugen stellt.
Sokrates prüft vermeintliches Wissen, Marx scheinbar natürliche Verhältnisse, Galilei den vertrauten Himmel. Nishida arbeitet an einer anderen Grenze: Wer darf die Regeln des philosophischen Gesprächs mitverändern, statt bloß zugelassen zu werden?
IV. Kein letzter, größter Behälter
Später rückt basho, der Ort, ins Zentrum. Ein vertrautes Wort: Der Baum steht im Wald, das Buch im Regal. Doch gerade diese Vertrautheit kann uns auf die falsche Spur bringen.
Auch ein Urteil tritt in einem Zusammenhang auf. Wer ein Gemälde kalt nennt, misst nicht dessen Temperatur. Welche Unterscheidung ein Satz trifft, hängt davon ab, in welchem Feld er verständlich wird. Nishida fragt nach dem Ort solcher Unterscheidungen.
Man könnte sagen: im Bewusstsein. Aber wo wäre dieses Bewusstsein? In einem umfassenderen Rahmen? Und dieser? Wer immer größere Behälter ineinanderstellt, hat die Frage nur verschoben. Selbst die größte Kiste müsste noch irgendwo stehen.
Der Ort des absoluten Nichts soll keine solche letzte Kiste sein. Er ist kein verborgenes Ding hinter allen sichtbaren Dingen. Nishida versucht etwas zu denken, das sich nicht nochmals als ein Gegenstand vor uns hinstellen lässt und doch die Bestimmungen von Subjekt und Objekt ermöglicht.
Eine leere Leinwand hilft einen Augenblick: Nicht nur das Bild zählt, sondern auch das, worauf es sichtbar werden kann. Dann endet das Gleichnis. Eine Leinwand ist weiterhin ein Gegenstand; das Nichts ist kein heimlicher Stoff des Universums.
Für diese Reihe liegt darin eine Anregung: Keine fertige Gestalt darf so tun, als besetze sie schon das ganze Feld. Selbst Innen und Außen können fraglich werden. Daraus folgt aber nicht, dass Nishidas Nichts einfach ein anderer Name für unseren Begriff des Rests wäre.
V. Huineng nahe sein, ohne ihn einzuverleiben
Der Huineng zugeschriebene Vers, ursprünglich sei da nicht ein einziges Ding, scheint unmittelbar zu Nishida zu führen. Verlockend wäre eine saubere Arbeitsteilung: Der Zen-Meister erlebt, der Philosoph erklärt.
So einfach ist es nicht. Der Vers gehört zu Überlieferung, Übung und Textgeschichte. Plötzliches Erwachen schafft das weitere Leben nicht ab. Auch Zen besitzt Gespräche, Kommentare und begriffliche Auseinandersetzungen.
Umgekehrt kleidet Nishida nicht lediglich eine Erleuchtung in Universitätsbegriffe. Seine Gedanken verändern sich über Jahrzehnte. Reine Erfahrung, Logik des Ortes und Religionsphilosophie sind Stationen einer Arbeit, nicht drei Etiketten für einen unveränderten Augenblick.
Dennoch geschieht eine Übersetzung zwischen Denkweisen. Eine Frage verlässt die Umgebung, in der ihre Gesten selbstverständlich waren, und muss sich anders verständlich machen. Dabei geht etwas verloren. Zugleich wird ein neues Gespräch möglich.
Die Gefahr beginnt dort, wo man die Definition für die Sache hält: Nichtdualität erklären können und glauben, damit sei alles getan. Der Gewinn liegt darin, dass auch Menschen ohne dieselbe Praxis mitfragen können. Zwei Wege treffen sich; sie müssen deshalb nicht zu einem werden.
VI. Kant nicht einfach überspringen
Kant unterscheidet zwischen dem, was wir unter den Bedingungen unseres Erkennens erfahren, und den Dingen unabhängig davon. Diese Grenze ist keine willkürlich aufgestellte Mauer. Sie soll verhindern, dass Erkenntnis ihre eigenen Voraussetzungen vergisst.
Nishida fragt, warum wir mit einem Subjekt hier und einem Objekt dort beginnen. Auch die Tätigkeit, in der beide unterschieden werden, verdient Aufmerksamkeit. Die fertige Beschreibung muss nicht der einzig mögliche Anfang sein.
Am Klavier kann man den Unterschied spüren. Wie erkenne ich ein Instrument? Wie vollzieht sich das Spielen? Die zweite Frage widerlegt die erste nicht. Sie lässt aber etwas hervortreten, das die erste Beschreibung leicht übergeht.
Daraus entsteht kein Zugangsausweis zum Ding an sich. Ein versunkener Augenblick verrät uns nicht, wie die Welt unabhängig von allen Erkenntnisbedingungen beschaffen ist. Wer das behauptet, macht aus Erfahrung einen Zaubertrick.
Kant fragt nach der Berechtigung unserer Erkenntnisansprüche. Nishida untersucht die Entstehung bestimmter Unterscheidungen, mit denen wir diese Ansprüche formulieren. Das Gespräch ist interessanter als die Behauptung, einer habe die Mauer des anderen endlich niedergerissen.
VII. Mit Worten an die Grenze der Worte
Der frühe Wittgenstein begrenzt, was sich als Tatsache aussagen lässt. Wert, Ethik und Lebenssinn werden deshalb nicht bedeutungslos; vielmehr entziehen sie sich gerade dieser Art von Sätzen.
Nishida hat darauf keine direkte Antwort hinterlassen, die wir hier zitieren könnten. Die Begegnung stellen wir her. Würde eine andere philosophische Grammatik verändern, wie uns eine Grenze begegnet?
Der späte Wittgenstein untersucht Verwendungen: Versprechen, Bitten und Scherzen sind nicht einfach Berichte. Nishida verfolgt die Entstehung der Subjekt-Objekt-Unterscheidung. Es sind verschiedene Wege, kein Wettlauf, in dem einer weiter gekommen wäre.
Keiner besitzt eine Sprache, die alles sagen kann. Keiner kommt ohne Schreiben aus, wenn andere seinen Weg nachvollziehen sollen. Die Wörter, die Grenzen ziehen, sind zugleich das Material, mit dem diese Grenzen gelockert werden.
Vielleicht ist das keine Niederlage. Ein philosophischer Text muss nicht alles abschließend einfangen. Er kann die Aufmerksamkeit so verändern, dass der Leser eine Erfahrung noch einmal und anders betrachtet.
VIII. Die Geschichte bleibt nicht draußen
Tanabe Hajime, Nishitani Keiji, Hisamatsu Shin’ichi und andere führen Nishidas Fragen in unterschiedliche Richtungen. Die Kyoto-Schule ist keine einheitliche Antwort, die Schüler von einem Meister abschreiben.
Nishitani bringt buddhistische Leere mit dem Nihilismus ins Gespräch. Daraus lässt sich nicht der Trostspruch machen, wer nichts habe, könne nichts verlieren. Gefragt wird, was geschieht, wenn die bisher tragenden Bedeutungen selbst ihren Halt verlieren.
Su Shi, der sein Leben nicht mit seinem verlorenen Amt gleichsetzt, kann hier als Gegenüber auftauchen. Doch gelebtes Exil und religionsphilosophische Untersuchung sind nicht dasselbe. Der Vergleich schafft eine Verbindung, keine Austauschbarkeit.
Im Krieg wird diese Vorsicht dringlich. Mitglieder der Schule beteiligen sich unterschiedlich an Debatten über Japan, Weltgeschichte und die Überwindung der Moderne. Teile dieser Sprache verschränken sich mit imperialen Ansprüchen. Von bloßem Missbrauch durch andere zu sprechen, würde die Autoren aus ihrer eigenen Geschichte entlassen.
Nishida kritisiert Faschismus und die Auslöschung des Einzelnen, reagiert aber auch auf Anfragen politischer Amtsträger. Sein Universalismus enthält Widerstand und Mehrdeutigkeiten, die imperiale Sprache nutzen kann. Eine Philosophie der Offenheit ist kein historischer Freispruch.
IX. Der Weg bleibt eine Aufgabe
Nahe dem Silbernen Pavillon in Kyoto bewahrt der Philosophenweg die Erinnerung an Nishida und andere Denker. Man kann dort philosophischen Spuren folgen oder Kirschblüten ansehen. Ein Weg muss seine Spaziergänger nicht erst nach ihrer Weltanschauung fragen.
Am 7. Juni 1945 stirbt Nishida, fünfundsiebzig Jahre alt. Er erlebt weder die Kapitulation noch die langen späteren Auseinandersetzungen um die Kyoto-Schule. Übersetzungen und Kritik tragen seine Bücher danach in neue Gespräche.
Nun betreten wir die vorgestellte Brücke dieser Reihe. Bada Shanren lässt leere Flächen in einem Bild arbeiten. Nishida sucht einen Ort, den kein Standpunkt vollständig besetzen kann. Der Maler war nicht einfach stumm; der Philosoph lebt nicht außerhalb der Sprache.
Kant achtet auf Grenzen, Wittgenstein auf ihre sprachliche Gestalt, Hegel auf den Zusammenhang der Positionen. Nishida fragt, ob sie einander begegnen können, ohne dass eine Stimme bereits behauptet, alle anderen zu Ende verstanden zu haben.
Er selbst darf dabei nicht außerhalb der Geschichte stehen. Seine politischen Mehrdeutigkeiten kommen mit auf die Brücke. Wer einen offenen Ort denkt, ist noch nicht von der Verantwortung für seine Verwendung befreit.
Gerade dort, wo aus dem schönen Gedanken eine Krone werden könnte, beginnt die nächste Aufgabe. Einen Platz freizuhalten heißt noch nicht, ihn gut genutzt zu haben. Der Weg geht weiter.
Lesehinweise und Quellen
Begriffliche Nähe bedeutet keine Gleichheit. Die politischen Texte der Kriegszeit werden in ihrer Ambivalenz belassen; die Brückenszene ist literarische Vorstellung.
Stanford Encyclopedia of Philosophy: Nishida Kitarō · Stanford Encyclopedia of Philosophy: Die Kyoto-Schule
Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。