015 / 108 · Eine Welt errichten
Alexander – die Fragmente von vier Generationen
Diese Geschichte beginnt mit Sokrates.
I. Vier Generationen
Diese Geschichte beginnt mit Sokrates.
Sokrates meißelte das Scheinwissen der Athener ab. Er hinterließ keine eigenen Schriften, erschütterte aber mit seinen Fragen Antworten, die anderen längst als sicher galten. Im Jahr 399 v. Chr. verurteilte Athen ihn zum Tod. Er trank den Schierlingsbecher.
Sein Schüler Platon baute neben den Fragen weiter, die der Lehrer hinterlassen hatte: die Ideenlehre, die Akademie, die Politeia. Wenn Sokrates einen freien Platz schuf, errichtete Platon darauf ein großes Gebäude.
Platons Schüler Aristoteles verbrachte etwa zwanzig Jahre in der Akademie. Eine Erklärung, die Ideen von den einzelnen Dingen trennte, überzeugte ihn nicht. Er ging andere Wege: Logik, Physik, Metaphysik, Ethik, Politik, Poetik, die Erforschung des Lebendigen. Keine Enzyklopädie, die alle Wahrheit bereits eingeschlossen hätte, sondern der erstaunliche Anspruch, Wissensgebiete miteinander zu verbinden.
Der Schüler des Aristoteles hieß Alexander.
Sokrates meißelt. Platon baut. Aristoteles breitet das Bauwerk zu einer enzyklopädischen Landkarte aus. Alexander drängt die Karte in Richtung Weltreich. Diese Linie zieht der Essay. Er behauptet nicht, Eroberung folge notwendig aus einer Philosophiestunde. Alexander erbte auch Philipps Heer und griff später auf persische Mittel der Herrschaft zurück.
Vom Freilegen zum Bauen, zum System, zur Eroberung. Vier Generationen. Auf dieser bildlichen Linie geht jede weiter – und entfernt sich vom freien Platz des Sokrates.
II. Dreizehn
Um 343 v. Chr. war Alexander dreizehn Jahre alt. Sein Vater, Philipp II. von Makedonien, berief Aristoteles zu seinem Lehrer.
In den folgenden Jahren lernten sie beim Nymphenheiligtum von Mieza. Plutarch nennt Ethik, Politik, Medizin und Homer: Alexander habe eine von Aristoteles bearbeitete Ilias zusammen mit einem Dolch unter sein Kopfkissen gelegt. Das ist kein vollständiger Lehrplan. Es ist ein Bild, das bleibt: ein Junge und ein Buch.
Aus dieser Lehrer-Schüler-Beziehung möchte der Essay zwei Fragen gewinnen.
Erstens: Die Welt lässt sich verstehen. Aristoteles richtet den Blick von den Sternen auf die Tiere, von der Polis auf das menschliche Handeln. Verstehenwollen ist nicht dasselbe wie Besitzenwollen. Neben Alexanders Geschichte taucht dennoch eine Frage auf: Wann wird aus dem Wunsch, mehr von der Welt zu begreifen, der Wunsch, sie in der Hand zu halten?
Zweitens: Homer. Achill. Die antiken Biographien verbinden Alexander eng mit diesem Helden. Auch das Königshaus seiner Mutter Olympias führte seine Abstammung auf Achills Sohn zurück. Der Mythos hatte dem Jungen einen Spiegel bereitgestellt. Er wollte nicht nur Macht, sondern auch kleos: Ruhm, der künftige Generationen erreicht.
Dreizehn. Chinesische Geschichtswerke nennen für Qin Shihuang bei der Thronbesteigung ebenfalls dieses Alter, nach damaliger Zählweise. Stellen wir zwei Szenen aus unterschiedlichen Jahrzehnten nebeneinander: ein Junge in Xianyang, einer in Makedonien. Der eine wird sechs Königreiche annektieren, der andere die persische Königsherrschaft stürzen. Nicht derselbe Tag, doch ähnlich junge Gesichter.
III. Dreizehn Jahre
336 v. Chr. Alexander ist zwanzig. Sein Vater Philipp II. wird ermordet. Er übernimmt den makedonischen Thron.
Zwei Jahre später bricht er auf.
334 bis 323: elf Jahre Feldzug; seit der Thronbesteigung dreizehn Jahre Herrschaft. Nicht die gesamte bekannte Welt, aber ein ungeheures Gebiet, von der Ägäis bis zum Indus.
Über den Hellespont nach Kleinasien. Am Granikos schlägt er 334 die Truppen persischer Satrapen. Bei Issos besiegt er 333 Dareios III. Dareios entkommt.
Dann nach Süden. Sieben Monate vor Tyros. Weiter nach Ägypten, wo er als Pharao herrscht. Im Jahr 331 gründet er an der Küste beim Nildelta Alexandria, eine künftige Großstadt der antiken Welt.
Dann nach Osten. Bei Gaugamela flieht Dareios noch im selben Jahr erneut. Alexander zieht in Babylon ein, in Susa, in Persepolis. 330 brennen die Paläste von Persepolis. Die alte persische Königsmacht fällt; der Widerstand in den Provinzen fällt nicht einfach mit ihr.
Noch weiter: Baktrien, Sogdien. Über den Hindukusch. Auf den indischen Subkontinent. 326 besiegt er Poros am Hydaspes.
Weiter östlich, am Hyphasis, wollen die Soldaten nicht mehr marschieren. Acht Jahre Feldzug liegen hinter ihnen. Der König spricht von Ruhm und den Wegen, die noch vor ihnen liegen; Koinos antwortet für die Erschöpften: Sie wollen heim. Bei Arrian stehen zuerst die Reden und Antworten, danach der Zorn des Königs und sein dreitägiger Rückzug. Niemand erscheint vor seinem Zelt mit einer geänderten Meinung. Im Heer fließen Tränen. Schließlich stimmt Alexander der Umkehr zu. Doch umkehren heißt nicht sofort heimkommen. Kämpfe am Indus und die Wüsten des Rückwegs warten noch auf sie.
Im Juni 323 stirbt er in Babylon, zweiunddreißig Jahre alt. Die antiken Berichte zeichnen anhaltendes Fieber und eine sich verschlimmernde Krankheit nach. Eine Krankenakte, aus der sich die Todesursache sicher bestimmen ließe, hinterlassen sie nicht.
Dreizehn Jahre König, elf Jahre auf Feldzügen. Von Makedonien nach Indien, von der Ägäis zum Indus. Ein erstaunliches Tempo. Ein menschlicher Körper konnte es nicht endlos durchhalten.
IV. Fragmente
Er stirbt. Die Nähte des Reiches beginnen aufzugehen.
Antike Autoren überliefern eine letzte Antwort: „Dem Stärksten.“ Einer späteren Vermutung zufolge könnte er den Feldherrn Krateros gemeint haben. Beides ist keine Aufnahme vom Sterbebett. Zurück bleibt eine riesige Königsherrschaft ohne tragfähige Nachfolgeregelung.
Die Feldherren – die Diadochen, die Nachfolger – erkennen zunächst Alexanders Halbbruder und seinen nachgeborenen Sohn als Könige an, während sie um Regentschaften und Provinzen ringen. Jahrzehntelang verändern Kriege, Bündnisse und Morde die Landkarte. Ptolemaios hält Ägypten; Seleukos errichtet ein Reich quer durch Westasien. Antigonos strebt nach einer größeren Einheit, seine Nachkommen setzen sich später in Makedonien fest. Lysimachos herrscht über Thrakien und Teile Kleinasiens; nach seinem Tod in der Schlacht zerfällt auch sein Reich.
Nach Konfuzius vergehen mehrere Generationen der Überlieferung, ehe das Han Feizi von acht konfuzianischen Schulen spricht.
Nach Sokrates entwickelt Platon die Ideenlehre; die Akademie wandelt sich weiter.
Nach Shakyamuni führen Überlieferung und Streit schließlich zu Richtungen wie den Sthaviras und Mahasamghikas.
Nach Jesus wird Paulus eine bedeutende Stimme der frühen christlichen Theologie; spätere Kirchen teilen sich wiederholt.
Nach Qin Shihuang beschreibt das Shiji, wie Zhao Gao und andere die Nachfolge verändern. Fünfzehn Jahre nach der Einigung endet die Dynastie.
Nach Alexander beginnt der Kampf schnell, die Teilung aber ist nicht über Nacht vollzogen. Auch rund vierzig Jahre Diadochenkriege teilen die Karte nicht dauerhaft in genau vier Stücke. Neben den später wichtigsten drei Dynastien bestehen kleinere Königreiche und Städte mit wechselnden Geschicken.
Schneidet man diese unterschiedlichen Geschichten zusammen, wird eine wiederkehrende Schwierigkeit sichtbar: Wenn der Lehrer oder Herrscher geht, gelingt das Erben nicht von selbst. Fragmente verstreuen sich. Jeder nimmt ein Stück und baut sein Haus. Die Montage zeigt die Schwierigkeit der Weitergabe, nicht eine einzige Ursache aller Spaltungen.
Und Alexanders Reich zerbricht anders als das Reich der Qin.
Nach dem Untergang der Qin übernehmen die Han institutionelle Mittel und gestalten sie um: Kommandanturen und Kreise, Schreibnormen, zentrale Ämter. Zeitweise bestehen belehnte Königreiche neben unmittelbar verwalteten Gebieten. Die Qin-Dynastie stirbt; ein Teil ihrer Konstruktion lebt weiter.
Nach der Teilung von Alexanders Herrschaftsgebiet wandern Griechisch, Homer, Theater, Gymnasien und griechische Bildung mit Menschen, Städten und Höfen weiter. Von Alexandria in Ägypten bis Baktrien begegnen und verändern Kulturen einander. Die örtlichen Sprachen, Glaubensformen und Lebensweisen verlassen deshalb nicht allesamt die Bühne.
Qin hinterlässt Institutionen, Alexander Kultur: Damit wird der Schwerpunkt dieses Vergleichs benannt, keine ausschließende Grenze zwischen beiden Erbschaften gezogen.
Institutionen lassen sich übernehmen oder umstürzen. Kultur kann eine Dynastie überleben; auch sie verändert sich, zieht sich zurück, wächst neu. Eine zerbrochene politische Landkarte setzt nicht alles auf null.
V. Alexander und Qin Shihuang
Zwei Männer, ungefähr ein Jahrhundert auseinander. Alexander stirbt 323 v. Chr.; Qin annektiert die sechs Königreiche 221. Hundertzwei Jahre Abstand. Beide vergrößern Königsmacht und wollen weite Gebiete einem Zentrum unterstellen. Keiner umfasst die ganze Welt.
Betrachten wir zunächst ihre Bauweise.
Qin verschweißt vor allem Teile einer Staatenwelt, die miteinander verbunden und dennoch verschieden sind. Schriftliche Normen, Maße, Gewichte, Befehle werden vereinheitlicht. Standardisierung ist ein Werkzeug, Gewalt ebenfalls. Qins Expansion in die Gebiete der Xiongnu und Baiyue verschwindet dadurch nicht aus der Geschichte.
Alexander kommt aus Makedonien und unterwirft Menschen unterschiedlicher Sprachen, Religionen und politischer Traditionen. Viele dieser Gebiete waren längst durch das Perserreich verbunden, keine weißen Flecken, die auf griechische Entdecker warteten. Er herrscht durch Heere und persönliches Ansehen, zugleich durch die Übernahme und Anpassung örtlicher Verwaltung.
Qin stärkt Herrschaft, indem es Unterschiede niederdrückt. Das Shiji berichtet von Bücherverbrennung und der massenhaften Bestrafung gelehrter Männer.
Alexander bindet manche Unterschiede in die Königsmacht ein: Er heiratet Roxane, die Tochter eines baktrischen Adligen, später in Susa Frauen aus dem persischen Königshaus, arrangiert Ehen für Offiziere und übernimmt Teile persischer Kleidung und höfischer Rituale. Das ist kein Toleranzmärchen. Zerstörung, Tötung und Versklavung in Theben und Tyros gehören ebenso zu seinen Eroberungen.
Geben wir beiden Tendenzen eine Stimme:
Qin sagt: Bringt alles in eine Ordnung.
Alexander sagt: Bindet verschiedene Völker in eine Königsherrschaft ein.
So formuliert dieser Essay; es sind keine überlieferten Aussprüche.
Und das Ergebnis?
Qin fällt etwa fünfzehn Jahre nach der Einigung, vier Jahre nach dem Tod des Ersten Kaisers. Einzelne Institutionen wirken lange fort, immer wieder umgeformt – kein unverändertes System über zwei Jahrtausende.
Die Kämpfe nach Alexander löschen kulturelle Verbindungen nicht aus. Die hellenistische Epoche reicht nach üblicher Einteilung bis ins späte erste Jahrhundert v. Chr. Dieses Datum ist weder der Todestag griechischer Kultur noch ein Beleg dafür, dass alle gleichberechtigt an ihr teilhatten.
Ein Blick auf Qins Risse beginnt unten, bei Chen Sheng und Wu Guang; er muss aber auch die alten Adligen und neuen Heerführer erfassen.
Ein Blick auf Alexanders Risse beginnt oben, bei den Nachfolgekriegen; er darf örtlichen Widerstand dennoch nicht vergessen.
Eine Kamera schaut von unten nach oben, eine andere von oben nach unten. Unterschiedliche Bruchrichtungen. Beide Zentren vermögen nicht alle Kräfte zusammenzuhalten, über die sie verfügen wollen.
„Keine Konstruktion kann alles einschließen“ – diese Frage stellt der Essay an beide Geschichten.
VI. Alexander und Achill
In der antiken Biographie bleibt Achill Alexanders Spiegel.
Zu Beginn des Asienzuges besucht er Troja und ehrt Achills Grab. Plutarch erzählt vom Einölen, vom nackten Lauf, vom niedergelegten Kranz. Arrian berichtet außerdem von einem Schild, angeblich aus der Zeit des Trojanischen Krieges, den Alexander aus dem Athenatempel von Ilion mitnimmt. Während des Indienfeldzuges taucht dieser Schild beim Heer erneut auf.
Alexander setzt sich häufig an der Spitze großen Gefahren aus und wird schwer verwundet. In einer Stadt der Maller trifft ihn ein Pfeil tief in die Brust. Homers Achill kennt die Verbindung zwischen kurzem Leben und bleibendem Ruhm. Dass Alexander seinen Körper immer wieder der Gefahr aussetzt, erinnert spätere Leser an diese Wahl.
Stellt man jedoch Geschichte neben Epos, öffnet sich ein beunruhigender Abstand.
Im vierundzwanzigsten Gesang der Ilias kommt Priamos, um den Leichnam seines Sohnes auszulösen. Zwei Feinde weinen gemeinsam. Der Zorn ist nicht aus dem Universum verschwunden. Hier aber gibt er Raum: Achill sieht den Schmerz seines Feindes. Am Ende erhält Hektor im Gedicht eine Bestattung.
Alexanders Geschichte hat keinen solchen fertigen vierundzwanzigsten Gesang.
328 tötet er bei einem Streit während eines Trinkgelages Kleitos, der ihm am Granikos das Leben gerettet hatte. Philipps Leistungen, die Verdienste der Makedonen, das neue Auftreten der Königsmacht: Der Streit steigert sich. Alexander ergreift einen Speer und tötet ihn. Die antiken Berichte erzählen danach von seiner Verzweiflung, seinem Rückzug und der verweigerten Nahrung. Doch Reue kann den Toten nicht zurückbringen.
Achill tötet seinen Feind Hektor und gibt vor Priamos dem Mitleid Raum.
Alexander tötet seinen Gefährten Kleitos und stürzt danach in Reue.
In diesen beiden nebeneinandergestellten Szenen biegt sich ein Bogen zur Versöhnung; der andere bricht. Das behauptet nicht, Alexander habe niemals Mitleid mit jemandem empfunden. Es fragt, wie aus Reue eine andere Weise zu leben werden könnte.
Homer gestaltet für Achill einen Abschluss. Die Wirklichkeit war nicht verpflichtet, Alexander den gleichen zu bereiten.
Er stirbt mit zweiunddreißig. Was stünde im vierundzwanzigsten Gesang, wenn Homer schriebe? Vielleicht ein Mann am Indusufer, der nach Osten schaut und annimmt, dass jenseits der vertrauten Welt noch mehr Unbekanntes liegt. Vielleicht die Rückkehr nach Babylon, um das verbleibende Leben stärker der Regierung als der nächsten Eroberung zu widmen. Vielleicht ein Gespräch mit Poros, dem besiegten König, den er im Amt belassen und dessen Gebiet er vergrößert hat, und die Entdeckung, dass auch der andere seinen Homer besitzt.
Doch Homer schreibt ihn nicht. Alexander sei im dreiundzwanzigsten Gesang gestorben: Das ist die Metapher eines Lesers. Selbst sein Leichnam wird später Teil der Machtkämpfe. Hier bleibt die Kamera in Babylon stehen: Fieber, ein zweiunddreißigjähriger Körper, der aufhört zu atmen, und ein nächster Gesang, der nicht so kommt, wie wir es uns wünschen.
VII. Vom Meißeln zum Reich
Stellen wir die vier Generationen noch einmal auf eine Linie.
Sokrates: meißeln. Scheinwissen befragen, einen Platz freilegen.
Platon: bauen. Ideenlehre, Akademie, ein Gebäude neben den Fragen.
Aristoteles: Forschung zu einem enzyklopädischen System ausbreiten.
Alexander: mit Heeren eine politische Landkarte nach außen verschieben.
Auf dieser bildlichen Linie steht jede Generation weiter vom freien Platz entfernt.
Sokrates hinterlässt kein eigenes Buch, aber die Kraft des Fragens.
Platon hinterlässt Dialoge mit Überzeugungen und ungelösten Zweifeln.
Aristoteles hinterlässt Einteilungen, Argumente, Antworten und Schwierigkeiten für weitere Forschung.
Alexander hinterlässt ein Reich: nicht nur gedanklich umfassen, sondern am Boden besitzen.
Als ginge es von „Ich weiß noch nicht“ zu „Ich will alles in der Hand halten“. Vier Generationen. Diese Sätze schreibt der Essay an seine Skizze; sie sind kein antik überliefertes Gespräch.
Trägt eine größere Konstruktion auch mehr Nähte in sich?
Auf Sokrates’ freiem Platz stehen auch nach vierundzwanzig Jahrhunderten noch Menschen.
Platons Ideenlehre wird weiterhin erörtert, bestritten, neu ausgelegt.
Viele Naturerklärungen des Aristoteles sind überholt; Fragen der Logik, Ethik und Politik bleiben lebendig.
Alexanders einheitliche Königsherrschaft verliert nach seinem Tod rasch ihr Zentrum.
Das ist kein historisches Gesetz, wonach größere Gebilde kürzer leben müssen. In diesem Bild ist der freie Platz am leichtesten und erlaubt doch anderen, neu Fuß zu fassen. Das Reich ist am schwersten, aber sein Gewicht allein sichert kein Morgen.
Gödels Unvollständigkeitssätze betreffen formale Systeme unter bestimmten Voraussetzungen. Sie beweisen keine Aussagen über politische Geschichte. Dass keine Konstruktion sich vollständig schließen kann, ist hier eine philosophische Metapher. Sokrates’ Fragen, die kurze Qin-Dynastie, die Nähte nach Alexanders Tod drängen uns zu der Frage: Wie gehen wir, nachdem wir eine Welt errichtet haben, mit dem um, was sie nicht aufnehmen kann?
VIII. Ein junger Mann am Brückenanfang
Am vorgestellten Brückenanfang dieser Reihe wird es voller.
Qin Shihuang trägt ein schwarzes Drachengewand, unter seinen Füßen liegen Risse.
Washington trägt Bauernkleidung, unter seinen Füßen liegt Erde.
Nun kommt ein junger Mann. Zweiunddreißig. Blut an der Rüstung, eine Ilias in der Hand. Er sieht noch immer nach Osten, über bereits begangene Wege hinaus, dorthin, wo er als Nächstes hinwill.
So jung. Der vierundzwanzigste Gesang, den wir ihm gern schreiben würden, ist noch nicht gekommen. Keine epische Versöhnung zum Abschluss, kein Ende mit der Heimkehr eines Bauern.
Er stellt sich neben Qin. Beide haben das Bauen weit getrieben: der eine vor allem durch Institutionen in gemeinsamer Form, der andere durch das Einbinden von Unterschieden in eine wachsende Königsmacht. Beide brauchen Gewalt. Keiner kann sein Reich für immer zusammenhalten.
In dieser erdachten Szene blickt er kurz zu Washington, auf die Bauernkleidung, die erdigen Hände. Er scheint nicht zu verstehen. Macht aus der Hand geben? Warum? Würde der nach Ruhm strebende Achill das tun?
Aber Achill hat einen vierundzwanzigsten Gesang. Er gibt Priamos Hektors Leichnam zurück. In diesem Augenblick öffnet er die Hand, die den Feind nicht loslassen wollte.
Alexanders Geschichte stellt uns keinen ebenso eindeutigen Augenblick als Ende bereit.
Dieser junge Mann am Brückenanfang hält Homer in der Hand. Homer gibt Achill einen Abschluss. Niemand kann sämtliche fehlenden Seiten eines wirklichen Lebens ergänzen.
Vielleicht ist dies das Ende, das dieser Essay ihm gibt: am Brückenanfang stehen, zweiunddreißig Jahre alt, für immer nach Osten schauen.
Lesehinweise und Quellen
Die Lehrer-Schüler-Verbindungen sind historisch begründet; freier Platz, Bauwerk, Enzyklopädie und Reich bilden die Deutungslinie dieses Essays. Platon und Aristoteles lassen sich nicht auf bloße Fragen oder Antworten reduzieren. Auch Aristoteles’ Forschungsbreite ist kein vollständiges geschlossenes System im modernen Sinn.
Zu Mieza, Homer, Medizin und Achill siehe Plutarch, Alexander 7–8 und 15. Die antiken Biographien entstehen Jahrhunderte später, bewahren ältere Stoffe und ordnen sie zugleich nach Charakterbildern und vorbildhaften Lebensgeschichten. Es sind keine täglichen Wortprotokolle.
Zur Weigerung am Hyphasis siehe Arrian, Anabasis V.25–28; zur Verwundung bei den Mallern VI.9–11; zu den Hochzeiten von Susa VII.4. Roxane ist die Tochter des baktrischen Adligen Oxyartes, nicht eine der persischen königlichen Bräute von Susa.
Arrian VII.25–27 überliefert Todesberichte und die Antwort „dem Stärksten“, aber auch eine Tradition, nach der Alexander nicht mehr sprechen konnte. Die Krateros-Lesart ist eine spätere Vermutung, kein gesichertes Testament. Weder Diagnose noch letzte Worte stehen damit fest. Die Nachfolgestaaten bildeten sich über Jahrzehnte, nicht durch eine endgültige Vierteilung am Todestag.
Der Qin-Han-Vergleich hebt ausgewählte Erbschaften und Risse hervor. Die Einigung erfolgte 221 v. Chr., der Erste Kaiser starb 210, Qin fiel 206. Konfuzianische, buddhistische und christliche Spaltungen haben je eigene Zeitabläufe und institutionelle Ursachen. Hellenisierung beseitigte weder örtliche Kulturen noch Unterschiede des gesellschaftlichen Status.
Zu Kleitos siehe Plutarch, Alexander 50–52, und Arrian IV.8–9. Der vierundzwanzigste Gesang der Ilias erzählt, wie Priamos Hektors Leichnam zurückerhält, und endet mit Hektors Bestattung. Das ist weder das Ende von Achills gesamtem Leben noch eine Garantie, sein Zorn werde nie wiederkehren.
Der dreiundzwanzigste Gesang, der ungeschriebene nächste, die Linie der vier Generationen, die Gödel-Analogie und die Begegnung an der Brücke sind literarische und philosophische Konstruktionen. Sie beweisen keine historische Kausalität und geben keine inneren Monologe Alexanders, Qins oder Washingtons wieder.
Plutarch: Alexander – Erziehung und frühe Feldzüge · Plutarch: Alexander 50–52 – Kleitos · Arrian: Alexanders Anabasis · Homer: Ilias, vierundzwanzigster Gesang · Metropolitan Museum of Art: das hellenistische Zeitalter und seine Tradition · Livius: Alexanders Nachfolger · Stanford Encyclopedia of Philosophy: Aristoteles
Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。