Ehe · 05
Platz schaffen für jemanden, der noch nicht da ist
Die Vorbereitungen können ernst gemeint sein, ohne dass später alles dem Drehbuch zweier Menschen folgen muss. Willkommen heißen wollen sie einen anderen Menschen, nicht ein endlich vollbrachtes Werk.
An dem Abend, als Fang Ning sagte, sie wünsche sich ein Kind, legte sie keinen Plan auf den Tisch. Sie wolle jemanden, den sie noch gar nicht kenne, neben sich aufwachsen sehen, ihn allmählich kennenlernen und sich später von ihm überraschen lassen. Cheng Li hörte lange zu. Dann sagte er, er habe diesen Wunsch noch nicht in derselben Weise wie sie. Aber er sehe, wie ernst es ihr damit sei, und wolle sich mit ihr darauf vorbereiten.
In den folgenden zwei Jahren änderten sie ihre Arbeitszeiten, rechneten ihre Ersparnisse neu durch und zogen näher zu ihren Eltern. Sie lasen, fragten Freunde mit Kindern und besprachen, wer wann zu Hause sein könnte. Das freie Zimmer war halb hergerichtet; ihre eigenen Sachen hatten dort weiterhin Platz. Es geschah bereits etwas. Nur dieser Mensch war noch nicht da.
Als die Angehörigen davon hörten, sagten sie, nun werde endlich die Familienlinie fortgesetzt, und im Alter hätten die beiden jemanden, auf den sie sich verlassen könnten. Solche Worte haben jeweils ihre Geschichte. Doch was die beiden tatsächlich taten, war nicht bloß, eine Nachfolge für einen bestehenden Platz zu suchen. Sie bereiteten sich auf jemanden vor, der vielleicht auch den Platz selbst verändern würde.
Gemeinsam vorbereiten heißt nicht, dasselbe wünschen zu müssen
„Beide wünschen sich ein Kind“ klingt leicht verständlich. Aber Cheng Li und Fang Ning wünschen sich vielleicht nicht genau dasselbe. Fang Ning freut sich auf die Begegnung mit einem neuen Menschen. Cheng Li nimmt ihren Wunsch ernst und möchte an diesem Leben mitwirken. Dass ihre Gründe verschieden sind, beweist noch nicht, dass einer davon weniger aufrichtig ist.
Auch die Bereitschaft, jemanden zu begleiten, versteht sich nicht von selbst. Erst wenn er sie selbst bejaht und an Entscheidungen mitwirken, etwas ändern oder seine Zusage zurücknehmen kann, bleibt diese Unterstützung seine eigene. Falls er nur nicht Nein zu sagen wagt oder die Eltern beider Seiten schon für ihn zugesagt haben, lässt sich der fehlende Schritt nicht durch die Erklärung ersetzen: „Er unterstützt sie eben.“
Gemeinsam schaffen sie Voraussetzungen. Das Kind wird dadurch nicht zum Produkt eines gemeinsamen Projekts. Wer die Arbeit wechselt, wie sie Geld zurücklegen und was warten kann, gehört zu ihren gemeinsamen Absprachen. Warum jeder dazu bereit ist, darf unterschiedliche Gründe haben. Ein Wunsch muss nicht erst vom anderen auf Übereinstimmung geprüft werden, bevor er ausgesprochen werden darf.
Wer mehr Ideen einbringt, hat damit auch nicht unbedingt alles an sich gezogen. Cheng Li kann Fang Nings Überlegungen gut finden und ihre Vorschläge gern annehmen. Entscheidend ist nicht, wer ein paar Sätze mehr sagt. Entscheidend ist, ob ihm eine wirkliche Möglichkeit bleibt, sich einzubringen, etwas zu verändern oder aufzuhören, wenn er das möchte. Einen guten Plan freiwillig anzunehmen ist etwas anderes, als kein Mitspracherecht mehr zu haben.
Hätte er an jenem Abend gesagt: „Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht. Ich möchte das nicht“, dann wäre eine gemeinsame Vorbereitung noch nicht zustande gekommen. Ihr Wunsch würde dadurch nicht unwichtig. Er wiederum schuldet ihr nicht allein deshalb ein Kind, weil sie verheiratet sind. Liebe kann niemandem die Zustimmung zu einer so konkreten anderen Entscheidung abnehmen.
Was ernsthaft getan wurde, wird nicht ungeschehen, wenn es anders kommt
Auch wer zugesagt hat, sich gemeinsam vorzubereiten, kann sich später anders entscheiden. Wenn zuvor tatsächlich ein Versprechen gegeben wurde, muss die Person, die ihre Entscheidung ändert, sich damit auseinandersetzen, was der andere im Vertrauen darauf getan hat und was sich im gemeinsamen Leben bereits verändert hat. Wer jede Erklärung für überflüssig erklärt, lässt diese wirklichen Veränderungen ohne Antwort zurück.
Sich den Folgen zu stellen heißt aber nicht, die Möglichkeit einer anderen Entscheidung aufzugeben. „Wie kannst du mir jetzt sagen, dass du nicht mehr willst?“ kann eigener Schmerz sein. Der Satz kann aber auch dazu dienen, einen Sinneswandel als Schuld festzuschreiben, die gar nicht erst entstehen darf. Man muss darauf achten, wie er in dieser konkreten Situation gebraucht wird und ob der andere noch antworten kann. Der verletzte Klang allein entscheidet das nicht.
Wer außerdem den Druck beider Elternpaare, wirtschaftliche Folgen oder andere tatsächlich durchsetzbare Konsequenzen ins Spiel bringt und ein Nein immer schwieriger macht, spricht nicht mehr nur über Gefühle. Wo Grundrechte betroffen sind oder eine Ablehnung praktisch unmöglich wird, genügt auch mehr gegenseitiges Verständnis nicht. Eine behutsame Erzählung darf diese Grenze nicht verwischen.
Vielleicht kommt später kein Kind. Die Vorbereitungen haben trotzdem stattgefunden: Die Arbeit hat sich geändert, sie sind umgezogen. Manche Voraussetzungen bleiben bestehen, andere werden allmählich für etwas anderes genutzt. Dass dieser Mensch nicht gekommen ist, ist eine weitere Tatsache. Sie kann die vorherigen Jahre nicht nachträglich ungeschehen machen.
Erst recht lässt sich daraus nicht schließen, einem der beiden fehle etwas oder ihrer Ehe fehle nun ein notwendiges Stück. Sie müssen kein erfolgreiches Ergebnis für diese Jahre vorweisen, um anerkennen zu dürfen, dass es ihnen ernst war. Auch müssen sie ihren Verlust nicht rasch in eine andere Art von Glück umdeuten, damit sie weiterleben dürfen.
Fang Ning darf traurig sein, Cheng Li ebenso. Ihre Trauer muss nicht dieselbe sein. Vielleicht möchte einer darüber reden, während der andere das vorerst nicht möchte. Eine gemeinsame Erfahrung verlangt kein gemeinsames Gefühl. Und Trost bedeutet nicht, den anderen dazu zu drängen, dieses Kapitel im eigenen Tempo abzuschließen.
Einen Menschen willkommen heißen, nicht sich selbst verlängern
Wenn das Kind kommt, wird es die geschaffenen Voraussetzungen nutzen. Es ist aber kein Sinn, den diese Voraussetzungen als Ergebnis hervorbringen. Die beiden können ein Zimmer einrichten und Zeit einplanen. Daraus folgt nicht, dass sie entscheiden dürfen, wer dieser Mensch später sein soll. Dass er anfangs noch nicht selbst wählen kann, macht sein Leben nicht zum Eigentum derjenigen, die alles vorbereitet haben.
Das verlangt nicht, dass kleine Kinder Entscheidungen wie Erwachsene treffen. Es tut auch nicht so, als könnten sie bereits jede Regelung ablehnen. In den Jahren, in denen Fürsorge nötig ist, müssen Erwachsene weiterhin vieles tun. Offenbleiben soll die Möglichkeit, dass sich das Leben dieses Kindes allmählich nicht nur um unsere Erwartungen dreht. Es wird nicht erst dann zu einem Menschen, wenn es seine Meinung äußern kann.
Den Wunsch, sich in einem Kind wiederzuerkennen, kennen viele. Auch ein Satz wie „Ganz der Papa“ oder „Ganz die Mama“ beweist für sich genommen noch nicht, dass das Kind als Mittel behandelt wird. Die Frage ist, ob die Gestaltung seines Lebens schließlich auf einen einzigen Zweck zusammenschrumpft: jemanden fortzusetzen, im Alter zu versorgen, frühere Enttäuschungen auszugleichen oder einen anderen Erwachsenen zu Hause zu halten.
Der Wunsch, für erwachsene Angehörige zu sorgen, kann zum Familienleben gehören. Ein Kind kann später auch gern etwas zurückgeben wollen. Seine Ankunft ist jedoch kein im Voraus unterschriebener Rückzahlungsvertrag. Noch so mühevolle Vorbereitungen berechtigen die Eltern nicht dazu, seinen weiteren Weg gleich mit in Anspruch zu nehmen. Dankbarkeit ist etwas anderes als die Frage, wem ein Leben gehört.
Auch die Hoffnungen beider Eltern verschmelzen nicht zu einem „Sinn der Familie“, der für das Kind antworten dürfte. Warum jeder hofft und wie jeder diese Jahre versteht, bleibt bei den jeweiligen Menschen. Das gemeinsame Zimmer ist wirklich, die gemeinsame Vorbereitung ebenso. Daraus entsteht aber keine Stimme über den Beteiligten, die verkünden könnte, wie jeder zu sein hat.
Noch nicht angekommen zu sein heißt auch nicht unbedingt, noch nicht zu existieren. Als Shao Hui und Song Lan eine Adoption vorbereiten, lebt dieser Mensch vielleicht bereits seit Jahren an einem anderen Ort. Er hat Tage vor seiner Ankunft erlebt, die die beiden womöglich nicht kennen und die sie nicht geschrieben haben. Wer sein Zimmer herrichtet, heißt jemanden willkommen, dessen Leben bereits begonnen hat.
Wenn sie schon Kontakt zu einem bestimmten Kind haben, sind seine Fragen und Antworten bereits wirkliche Begegnungen. Sie werden nicht dadurch ungeschehen, dass man noch nicht zusammenwohnt. Umgekehrt müssen die beiden, solange sie noch nicht wissen, wer kommen wird, keine spätere Dankbarkeit oder Zustimmung erfinden, um ihren Vorbereitungen eine Anerkennung aus der Zukunft zu verschaffen.
Die hier beschriebene Vorbereitung auf ein Kind ist deshalb weit gefasst: Gemeinsam Voraussetzungen für einen Menschen zu schaffen, der noch nicht in dieses Leben eingetreten ist, schließt die Vorbereitung einer Adoption ein. Damit wird keine Theorie über den konkreten biologischen Vorgang der Fortpflanzung aufgestellt. Wie man ein Kind nach seiner Ankunft großzieht, wirft viele weitere Fragen auf. Der nächste Essay behandelt davon nur die Seite zwischen den Eheleuten.
Auch Ehen, in denen solche Vorbereitungen gar nicht stattfinden, warten nicht darauf, vervollständigt zu werden. Zwei Menschen können ihr Leben in viele Richtungen öffnen. Sie müssen kein Kind haben, um zu beweisen, dass sie über sich selbst hinauszublicken gelernt haben. Ein Kind ist kein Abschlusszeugnis für eine Ehe.
Eines Abends öffnet Fang Ning das Fenster des freien Zimmers. Cheng Li schiebt einen noch ungeöffneten Karton an die Wand. Sie haben sich keine Garantie für die Zukunft verschafft. Sie haben heute nur ein wenig mehr Raum gelassen, in den jemand eintreten könnte. Falls dieser Mensch kommt, wird er auch ein Leben mitbringen, das sich beide noch gar nicht vorstellen können. Auch dieses Unvorstellbare darf zu ihrer Hoffnung gehören.
Quelle und Geltungsbereich
Diese Essayreihe beruht auf acht theoretischen Arbeiten zur Ehe. Sie bewahrt deren zentrale Unterscheidungen und Alltagsbeispiele, gibt aber nicht sämtliche technischen Thesen und philosophischen Gegenüberstellungen einzeln wieder. Die deutsche Fassung wurde auf Grundlage des chinesischen Textes eigenständig formuliert; die eigenständig verfasste englische Fassung diente als zusätzliche Referenz. Die Paare und die ausgestalteten Alltagsszenen sind erfundene Beispiele, keine realen Fälle und keine Handlungsanweisung für eine bestimmte Ehe. Die zugrunde liegenden Arbeiten untersuchen eine bestimmte Form der Ehe zwischen zwei Erwachsenen. Damit werden weder andere Formen bestritten noch Menschen außerhalb dieses Rahmens geringer bewertet. Die Beispiele zeigen meist Frau und Mann; die Geschlechterkonstellation ist keine Zugangsvoraussetzung. Institutionelle Anerkennung und Auflösung folgen den jeweils geltenden Regeln. Der Text ist kein Leitfaden zum geltenden Recht, kein Test für innere Liebe und kein Ersatz für notwendige Sicherheit und Schutz.
Vorbereitung ist hier weit gefasst und schließt die Vorbereitung einer Adoption ein. Der Essay entwickelt keine Theorie des biologischen Fortpflanzungsvorgangs und behandelt nicht umfassend das spätere Verhältnis zwischen Eltern und Kind. Kinderlosigkeit bedeutet keine unvollständige Ehe.