Eine Philosophie der Liebe · Einführung
Warum gerade dieser Mensch?
Für Vorzüge lassen sich ähnliche Listen schreiben. Das heißt noch nicht, dass sich eine Person durch eine andere ersetzen lässt. Acht Essays fragen ohne Rangordnung der Liebe, wie dieses Nicht-austauschen-Können in ein Leben eingeht.
„Was magst du eigentlich an ihm?“, fragt eine Freundin. Du überlegst. Seine Ernsthaftigkeit, sein Lachen; einmal hast du lange erzählt, und er hat nicht gleich mit einer Lösung geantwortet. „Solche Menschen gibt es doch auch sonst“, sagt sie. Das weißt du. Nur wäre es offenbar nicht die Fortsetzung derselben Sache, einen ebenso ernsthaften, ebenso geduldigen Zuhörer zu finden.
Manches lässt sich nach Bedingungen auswählen: Liste vollständig, geeignete Person gefunden. Nicht jedes Berührtwerden funktioniert so. Vielleicht kannst du weder seine Überlegenheit beweisen noch alle Gründe nennen. Doch setzte man in dieses eine Verliebtsein jemanden mit ähnlichen Eigenschaften ein, wäre gerade das verschwunden, was geschehen ist.
Hier setzt diese Liebestheorie an: dieser Mensch, in diesem Augenblick, nicht austauschbar. Das heißt nicht, die geliebte Person besitze weltweit die besten Eigenschaften. Betrachtet wird die konkrete Regung von der Seite des Liebenden her. Niemand sonst muss diesen Menschen ebenfalls unersetzlich finden. Liebe braucht keine öffentliche Abstimmung.
Eine unerwiderte Liebe muss daher nicht erst beantwortet werden, um eine vollständige Liebe zu sein. Auch der Tod des geliebten Menschen erlaubt Außenstehenden nicht, mit dem Ende des tatsächlichen Umgangs das Ende der Liebe des Überlebenden auszurufen. Von außen lässt sich das nicht einfach beglaubigen. Wartejahre, Tränenmenge oder gemeinsames Wohnen geben niemandem das letzte Urteil darüber.
Augenblick meint hier keine mit der Stoppuhr ausgeschnittene Sekunde, sondern dieses eine Geschehen des Liebens. In dieser Lesart richtet sich ein solcher Augenblick auf genau diesen Menschen. Schwanken zwischen zweien heißt: verschiedene Augenblicke wechseln einander ab, nicht: derselbe richtet sich gleichzeitig auf zwei. Das ist eine Betrachtungseinheit, keine moralische Tabelle zur Aburteilung fremder Liebesgeschichten.
Bewunderung ist etwas anderes. Mehrere Menschen können dich zugleich ansprechen; du kannst auch nur einen bewundern. Die kleine Zahl macht daraus noch keine Liebe. Bleibt die Regung dieselbe, wenn jemand mit gleichem Aussehen, gleicher Stimme oder gleichen Vorzügen an die Stelle tritt, ist jenes Gerade-dieser-Mensch hier noch nicht erfasst. Auch Freundschaft und Liebe lassen sich nicht allein durch Beziehungsnamen scheiden. Im selben Umgang kann einmal freundschaftliches Verstehen, ein andermal Liebe geschehen.
Sechs Blickrichtungen, keine sechs Stufen
Der erste Blick gilt etwas, das plötzlich Gewicht bekommt. Eine Stimme oder die Art, wie jemand herankommt, lässt dich innehalten. Das muss nicht am Anfang des Kennenlernens geschehen. Auch nach vielen Jahren kannst du jemanden eines Tages so sehen. Erstes Sehen bezeichnet die Gestalt dieser Erfahrung, nicht das erste Kalenderdatum.
Der zweite Blick gilt der Abwesenheit. Du erinnerst dich und stellst dir das nächste Auftauchen vor. Erinnerung verwahrt einen Menschen aber nicht unverändert in einer Schachtel. Beim Erinnern ist dein heutiges Selbst beteiligt. Kommt der Mensch anders zurück als erwartet: Änderst du die Erinnerung oder erklärst du mit ihrer Hilfe den Menschen vor dir für falsch?
Der dritte Blick wendet sich zurück: Ich liebe, und ich urteile. Habe ich mich geirrt, schiebe ich das Urteil nicht vollständig dem Schicksal oder dem anderen zu. Hat der andere getäuscht, bleibt diese Täuschung eine eigene wirkliche Sache. Das eigene Urteil anzuerkennen spricht ihn nicht frei und lädt auch nicht sämtliche Schuld auf mich.
Beim vierten Blick ist aus der Regung eine anhaltende Richtung geworden. Leidenschaft füllt nicht jeden Augenblick, die Richtung bleibt. Auch andere Wege wären verständlich; ich kann diesen Menschen nicht austauschen. Doch Ähnliches kann die Richtung nachahmen: Ich bejahe sie nur, weil alle uns passend finden; ich muss die Person unbedingt erobern und verliere danach das Interesse; oder ich mache aus meiner Beständigkeit ein Verbot ihrer Veränderung.
Der fünfte Blick: Ich liebe diesen Menschen und weiß zugleich, dass sein Leben keine Verlängerung meines Lebens ist. Liebt er mich nicht, verliert er deshalb nichts von seinem Gewicht als Mensch. Mit ihm weitergehen zu wollen heißt nicht, dass er mitgehen muss. Schwer wird diese Unterscheidung nicht bei schönen Worten, sondern wenn er wirklich widerspricht oder gehen will: Wird mein Ernst dann zum Befehl an ihn?
Beim sechsten Blick begegnen sich zwei solche Arten zu lieben in einem bestimmten Moment. Zwei Menschen schmelzen nicht zu einem zusammen. Meine vorausgegangene Liebe stellt auch keine Quittung aus, mit der ich Erwiderung verlangen könnte. Ein verabredetes Treffen kann Bedingungen für die Begegnung schaffen; es garantiert nicht, was innerlich geschieht.
Das ist kein Lebensweg, den alle absolvieren müssen. Wer das eigene Leben des anderen anerkennt, kann ihn bei einer bestimmten Sache dennoch kontrollieren wollen. Ein scheinbar bloßes erstes Aufmerken wird auch nicht zu niedrigerer oder unechterer Liebe, weil daraus keine lange Gemeinschaft entstand. Wir lesen, was dieses Mal geschieht, statt einem ganzen Menschen oder einer ganzen Liebe einen Stempel aufzudrücken.
Die Reihe betrachtet Menschen, denen schon selbst etwas wichtig ist und die zu verstehen beginnen, dass anderen anderes wichtig sein kann. Das ist kein altersabhängiges Reifezeugnis und keine Einschränkung auf bestimmte Geschlechter. Sexualität und Fortpflanzung werden hier nicht entfaltet; daraus folgt keine Forderung nach einer Liebe ohne Sexualität. Eheliche Versprechen und institutioneller Schutz werden gesondert behandelt. Auch nach der Heirat hört Liebe damit nicht auf.
Wirkliche Liebe macht nicht jede Handlung richtig
Leicht übersehen wir: Liebe kann wirklich sein und dennoch den Raum des anderen besetzen. Ihn am ersten Eindruck messen, mit der erinnerten Person die gegenwärtige zurechtweisen, ihn zum Beweis der eigenen Liebenswürdigkeit machen oder sagen: „Ich kann nur dich lieben, also musst auch du nur mich lieben“. All das kann aus echtem Berührtsein wachsen.
Umgekehrt sind großes Geben und langes Aushalten nicht automatisch Förderung des anderen. Die eigene Stimme vollständig einzuziehen, damit nicht mehr gestritten wird, heißt nicht, dass beide noch Platz haben. Einseitige Liebe fordert keine Erwiderung; sie verpflichtet den Liebenden aber auch nicht, unbegrenzt jede Verletzung hinzunehmen.
Deshalb verrechnen wir Liebe nicht zu einer Gesamtnote. Eine Hilfe eröffnet dem anderen eine Möglichkeit; dieselbe Handlung enthält zugleich die Forderung, von ihr nicht abzuweichen. Beides kann zusammen vorkommen. Ein gutes späteres Ergebnis entschuldigt die damalige Unterdrückung nicht. Raum zu geben wird auch nicht nachträglich zu Kontrolle, weil das erhoffte Ergebnis ausblieb.
Darin liegt auch der Unterschied zu einer Leiter, auf der man sich immer weiter vom konkreten Menschen entfernt. Der Originalaufsatz vergleicht seinen Ansatz mit Diotimas Aufstieg im Symposion: Dort führt der Weg vom einzelnen schönen Körper zu allgemeinerer Schönheit. Hier ändern sich die Blickrichtungen auf Liebe; der Mensch bleibt von Anfang bis Ende dieser eine. Der Vergleich betrifft jene Leiter, nicht Platons gesamte Philosophie der Liebe.
Der Aufsatz behandelt außerdem Traditionen, die zwischen begehrender und gebender Liebe unterscheiden. Hier beweist Hingabe allein jedoch nicht, dass dem anderen Raum bleibt, und ein Wunsch allein beweist noch keine Besitznahme. Man muss zu wirklichen Worten und Taten zurück: Darf der andere noch Nein sagen, anders verstehen, seine Meinung ändern? Der selbstlose Name einer Liebe beantwortet das nicht.
Nicht alles endet zugleich
Beim Ende einer Liebe pressen wir oft Verschiedenes in den Satz: „Die Liebe ist vorbei“. Ein bestimmter Augenblick ist vergangen; meine Liebe ist zu Ende; das Zusammenleben hört auf; Versprechen und hinterlassene Wirkungen sind noch ungeklärt. Diese Dinge müssen zeitlich nicht zusammenfallen.
Geht der andere, beendet er den gemeinsamen Umgang, nicht stellvertretend meine Liebe. Beende ich meine Liebe, darf ich deshalb weder die gesamte Vergangenheit zur Lüge erklären noch meine bereits gegebenen Versprechen ausradieren. Eine spätere Liebe zu jemand anderem datiert auch nicht rückwirkend das Ende der früheren.
Ein Mensch darf sich ernsthaft verändern. Eine Zusage, hinter der er noch steht, kann er nicht heimlich aus Bequemlichkeit fallenlassen. Will er gehen, darf eine beim anderen noch als „Ich bin weiterhin da“ wirksame Zusage nicht den Anschein einer Beteiligung bewahren, die er nicht mehr übernimmt. Wie man sich dem stellt und den Austritt verständlich macht, untersucht Essay vier. Er verlangt keinen persönlichen Abschied und versperrt mit Versprechen keine sichere Fluchtmöglichkeit.
Zum Schluss kommt keine weitere Stufe hinzu. Sechs Geschichten fragen zurück: Was, wenn Elizabeth in Stolz und Vorurteil ihren Irrtum schon vor der Liebe erkennt? Ist Janes Aufbruch vor Tagesanbruch gleichbedeutend mit einem unklaren Abschied? Prüft Penelope die Identität ihres heimgekehrten Mannes oder stellt sie eine Liebesfalle? Gibt Ilsa mit ihrer Bitte an Rick, für sie zu überlegen, auch jeden späteren Einwand ab? Figuren illustrieren nicht bloß Theorie. Sie können eine Erklärung zum Innehalten zwingen.
Auch die Geschichten fällen kein abschließendes Urteil über alle Beteiligten. Manche lieben und lehnen trotzdem ab. Manche teilen wenige Tage und erinnern sich jahrzehntelang. Wo ein Werk Inneres mitteilt, lesen wir es mit. Wo es schweigt, ergänzen wir seine Antwort nicht mit einer Theorie anstelle des Autors.
Warum dennoch lieben? Weil der andere nicht nach meinem Drehbuch lebt, kann er mich verletzen und Fragen stellen, auf die ich allein nicht käme. Das erklärt aber noch nicht, warum gerade er: Eigenständige Menschen gibt es viele. Das Nicht-austauschen-Können bleibt auf der Seite des Liebenden zu betrachten. Ohne Liebe oder Erwiderung verliert niemand menschlichen Wert. Diese Essays raten nicht allen zur Liebe; sie möchten bereits geschehener Liebe genauer nachgehen.
Quelle und Lesehinweis
Die Einführung geht auf SAE-Aufsatz 0 zur Liebe zurück, die sechs Blickrichtungen auf die Aufsätze 1–6 und die abschließenden sechs Geschichten auf Aufsatz 7. Es sind vollständige Essays für allgemeine Leser, keine absatzweise Übersetzung sämtlicher technischer Begründungen. Diese deutsche Fassung ist eigenständig aus den chinesischen Essays geschrieben; jeder Text verweist auf den zugehörigen Originalaufsatz. Die Blickrichtungen sind weder Entwicklungsstufen noch Prüfverfahren für fremde Gefühle. Die eheliche und sexuelle Seite wird gesondert betrachtet; sie hier auszuklammern heißt nicht, ihre Gegenwart in der Liebe zu bestreiten. Verpflichtungen und institutionelle Anforderungen verschwinden durch die Betrachtung der Liebe nicht. Die Texte ersetzen keine notwendige Unterstützung zum Schutz der Betroffenen. Eine menschliche muttersprachliche Begutachtung wird nicht beansprucht.