NON DUBITO · Filmessays · 1 / 3
Er wurde nicht getäuscht, er wurde produziert
In diesem Essay
Gewöhnlich sagen wir, Truman Burbank werde getäuscht. Alle Menschen, die ihm nahestehen, sind Schauspieler. Der Horizont ist Kulisse, sein Alltag wird einem Publikum live übertragen, das er nicht sehen kann. Das stimmt. Es reicht nur nicht aus.
Wer von Täuschung spricht, setzt meist ein Leben vor der Lüge voraus. Jemand hat seine eigene Wirklichkeit, dann verzerrt ein anderer einen Teil davon. Wird die Lüge aufgedeckt, können wir uns vorstellen, zu einer unverstellten Wirklichkeit darunter zurückzukehren.
Ein solches Davor hat Truman nie gehabt. Der Fernsehkonzern hat ihn bereits bei seiner Geburt adoptiert. Eltern, Freunde, Ehefrau und Nachbarn, Schule, Arbeit, Stadt und Wetter, selbst die Zukunft, die er sich vorstellen kann: All das war schon eingerichtet, bevor er Maßstäbe entwickeln konnte, um es zu beurteilen. Truman wird nicht nur innerhalb seines Lebens getäuscht. Dieses Leben selbst ist produziert worden.
I. Die Kulisse hat wirkliche Folgen
Deshalb ist keineswegs alles um Truman herum unwirklich. Auch im Studio kann Wasser einen Menschen ertränken. Eine Wand hält ein Boot auf. Der Körper eines Schauspielers kann ihn umarmen, und ein Haus schützt tatsächlich vor Wind und Regen. Eine künstlich hergestellte Umgebung macht ihre physischen Folgen nicht zur Illusion.
Entscheidend ist deshalb weniger, ob diese Dinge »echt« sind, als vielmehr, welchen Zwecken ihre Anordnung dient und wer diese Zwecke bestimmen darf. Für Truman ist das Haus ein Ort zum Leben, für die Produktion zugleich eine verkäufliche Kulisse. Beim Frühstück erlebt er Nähe, der Sender gewinnt Programminhalt. Unter Ehe versteht Truman eine Beziehung zwischen zwei Menschen. Für Meryl ist sie außerdem eine bezahlte Arbeit.
Ein und dieselbe Sache kann Trumans Leben ermöglichen und zugleich dazu dienen, Wert daraus abzuschöpfen. Dass die Dinge materiell wirklich sind, hebt die Besitzansprüche innerhalb der Beziehungen nicht auf.
II. Die Packung Kakaopulver
Komisch und furchterregend zugleich wird diese Doppelstruktur, als Meryl mitten im Streit plötzlich eine Packung Kakaopulver hochhält. Ihre Stimme hellt sich auf, die Verpackung zeigt zur versteckten Kamera. Im Nu nimmt die Ehekrise den Takt eines Werbespots an.
Truman fragt, was sie da eigentlich mache. Die Frage reicht weit über diesen Augenblick hinaus. Meryl ist Ehefrau und Angestellte. Die Küche ist Zuhause und Drehort. Der Streit ist persönlicher Schmerz und sendefähiger Inhalt. Die Produktwerbung unterbricht die Ehe nicht von außen. Sie legt das Arbeitsverhältnis frei, das die ganze Zeit in ihr verborgen war.
Was Truman wirklich trifft, ist also nicht bloß, dass Meryl gelegentlich schauspielert. Er findet in ihrer Beziehung keinen Bereich, der nur den beiden verpflichtet wäre.
III. Ein Wunsch kann schon enden, bevor er zum Plan wird
Als Kind sagt Truman, er wolle Entdecker werden. Die Lehrerin zeigt auf eine Weltkarte und erklärt ihm, er komme zu spät: Es gebe nichts mehr zu entdecken. Die ganze Klasse lacht. Truman setzt sich wieder.
Nirgends steht ein Verbot: »Du darfst nichts erforschen.« Die Institution liefert lediglich einen Grund, es aufzugeben. Das wirkt besser als ein Verbot, weil Truman den Schluss als seinen eigenen erleben kann. Er muss sich nicht sagen: »Ich darf nicht weg.« Es genügt, wenn er glaubt: »Wegzugehen hätte sowieso keinen Sinn.«
Die Macht setzt an, bevor überhaupt eine Wahl getroffen wird. Sie legt fest, welche Wünsche ernst genommen werden können. Wenn Truman schließlich selbst entscheidet, ist die eine Antwort längst als kindisch abgestempelt; die andere erscheint erwachsen, umsichtig und normal.
IV. Auch die Erklärung gehört zur Kulisse
Ein Studioscheinwerfer fällt vom Himmel, und sofort erklärt das Radio ihn zum Flugzeugteil. Truman empfängt zufällig die Funkfrequenz, über die das Team seine Bewegungen koordiniert; der Sender spricht von einer Frequenzüberschneidung. Sein totgeglaubter Vater taucht auf der Straße auf. Schauspieler schleppen ihn rasch weg, um ihn später nach einem neu geschriebenen Handlungsverlauf zurückkehren zu lassen.
Solche Erklärungen stopfen nicht einfach Löcher. Sie erhalten ein wichtigeres Grundvertrauen: Jedes Ereignis lässt sich noch immer in die vertraute Welt einordnen. Eine Unstimmigkeit heißt dann Wetter, technischer Defekt, Zufall, Trauer oder nervliche Anspannung. Das System muss nicht verhindern, dass Truman Risse in seiner Welt bemerkt. Es muss nur schneller mit Erklärungen sein als er, damit sich die einzelnen Risse nicht zu einem anderen Bild zusammenfügen.
Christofs Satz, die Menschen akzeptierten die Wirklichkeit, die man ihnen vor Augen stelle, enthält deshalb durchaus eine Einsicht. Eine Rechtfertigung liefert er nicht. Jeder Mensch beginnt sein Leben mit einer Sprache, Gewohnheiten und den Aussagen anderer, die er übernommen hat. Dass wir auf eine Welt angewiesen sind, die uns vermittelt wird, gibt anderen aber kein Recht, diese Welt heimlich für ihren Profit zu entwerfen.
V. Aus dem Produkt wird ein Mensch
Dass Truman seiner Welt glaubt, beweist nicht, dass er dumm ist. Eltern, Lehrern, Partnern, Freunden und öffentlichen Durchsagen zu vertrauen, ebenso wie der Beständigkeit der alltäglichen Dinge, gehört zu den vernünftigen Voraussetzungen dafür, überhaupt leben zu können. Die Sendung nutzt dieses Vertrauen lediglich in einem beispiellosen Ausmaß aus.
Trumans Erwachen beginnt damit, dass die Unstimmigkeiten nicht länger voneinander getrennt bleiben. Unter dreißig Jahren der Beeinflussung entdeckt er kein unversehrt konserviertes »wahres Ich«. Vielmehr bildet er nach und nach neue Urteile. Dafür nutzt er Fähigkeiten, die die Sendung nie vollständig ins Drehbuch schreiben konnte. Er vergleicht, erinnert sich, spielt und zweifelt. Er will einem Menschen gegenüberstehen, der ihm auch ohne Stichwort antwortet.
Die Sendung hat die Bedingungen von Trumans Leben produziert. Zum Urheber jedes Urteils, das er künftig fällen wird, konnte sie sich nicht machen.
Grundlage dieses Essays ist Die Truman Show von 1998, inszeniert von Peter Weir nach einem Drehbuch von Andrew Niccol. Die Analyse bezieht sich auf die Kinofassung; Einzelheiten der Handlung wurden zusätzlich mit Niccols Drehfassung des Drehbuchs abgeglichen.