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Non Dubito
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NON DUBITO · Filmessays · 1 / 3

Zum Töten herangezogen, ohne es zu wissen

Han Qin (秦汉) · Deutsche Ausgabe: 7. Oktober 2026

In diesem Essay

Eigenständige deutsche Fassung nach dem chinesischen Original

Eine Wohnung, in der kaum Möbel stehen.

Ein Mann schläft auf einem Stuhl. Er liegt nicht, er sitzt: den Rücken gerade, die Sonnenbrille noch auf der Nase, eine Pistole in der Hand. Als es hell wird, steht er auf, macht Sit-ups, bügelt seine Sachen und trinkt Milch.

Dann kümmert er sich um eine Topfpflanze.

Er trägt sie auf die Fensterbank in die Sonne, wischt mit einem feuchten Tuch Blatt für Blatt ab, gießt sie und bringt sie wieder herein. Jede Bewegung ist langsam und konzentriert. Bei nichts anderem ist er so ganz bei der Sache.

Die Pflanze ist sein bester Freund. Das sagt er selbst. Sie ist still und stellt nie Fragen, erklärt er.

Später fügt er etwas hinzu: Sie ist wie ich. Sie hat keine Wurzeln.

I. Viele Jahre benutzt, und er glaubt, man sorge für ihn

Léon arbeitet für Tony. Der betreibt ein Restaurant in Little Italy und hinter dem Restaurant noch ein anderes Geschäft.

Léon tötet. Tony besorgt die Aufträge und bezahlt ihn.

Nur hat Léon diese Ersparnisse nie selbst in der Hand. Tony „bewahrt sie für ihn auf“. Seine Erklärung klingt überzeugend: Es sei wie bei einer Bank, bloß besser. Banken könnten ausgeraubt werden oder pleitegehen; bei ihm sei das Geld am sichersten. Und Léon könne es sich jederzeit holen, wann immer er wolle.

Léon glaubt ihm. Seit vielen Jahren.

Léon kann nicht lesen.

Man muss diese beiden Tatsachen zusammen betrachten. Wer nicht lesen kann, kann nicht selbst ein Konto eröffnen, keine Kontoauszüge verstehen und keine einzige Zahl überprüfen. Alles, was Léon über sein Geld weiß, steckt in Tonys Satz: „Ich bewahre es für dich auf.“

Eine spätere Szene legt offen, was das bedeutet. Léon ahnt, dass er vielleicht nicht zurückkommen wird. Er sucht Tony auf: Falls ihm etwas zustoße, solle das Geld an ein Mädchen gehen. Tonys Miene verändert sich kurz. Dann sagt er zu.

Und als das Mädchen später tatsächlich vor ihm steht? Da erklärt Tony, er werde das Geld vorerst verwalten. Zunächst gibt er ihr hundert Dollar. Wenn sie wieder Geld brauche, solle sie zu ihm kommen.

Aus vielen Jahren Blutgeld wird Taschengeld, das Tony ihr nach und nach zuteilt.

Tony tritt nicht als skrupelloser Schurke auf. Er ist stets höflich zu Léon, lädt ihn zum Essen ein und nennt ihn seinen alten Freund. Was er tut, ist kein Raubüberfall. Es ist etwas viel Alltäglicheres: Er merkt, dass ein Mensch nicht lesen kann, nirgendwohin kann und sonst niemanden hat, auf den er sich stützen könnte. Also behält er dessen Geld einfach immer weiter. Jedes Mal hat er eine Erklärung. Jedes Mal trägt er sie freundlich vor.

II. Sein Leben ist mit neunzehn stehen geblieben

Über Léons Vergangenheit erfahren wir im Film nur wenig. Er selbst erzählt dem Mädchen davon.

Mit neunzehn verliebt er sich in Italien in ein Mädchen. Ihre Familie ist dagegen; ihr Vater ist ein einflussreicher Mann. Dann stirbt das Mädchen. Ihr Vater hat sie getötet.

Léon tötet ihn und flieht in die Vereinigten Staaten zu seinem eigenen Vater. Der arbeitet damals für Tony.

Seit jenem Tag sind viele Jahre vergangen. Sein Leben ist keinen Schritt weitergekommen.

Er hat keine Freunde, kein Zuhause, keine Ausweispapiere, keine einzige dauerhafte Beziehung. Seine Wohnung kann er jederzeit aufgeben. Alles, was er besitzt, sind eine Tasche und eine Topfpflanze. Nicht einmal zum Schlafen traut er sich hinzulegen.

Hier entscheidet sich kein abgebrühter Killer für die Einsamkeit. Hier wurde ein Mensch mit neunzehn aus seinem Leben gerissen und ist an dieser Stelle stehen geblieben.

Wenn er später mit dem Mädchen spricht, wirkt er auf viele unbeholfen, wortkarg, fast kindlich. Das Kindliche ist wirklich da. Seine Gefühle sind mit neunzehn zum Stillstand gekommen, und in den Jahren danach hat ihn niemand beim Weiterwachsen begleitet. Tony gab ihm Aufträge und Erklärungen darüber, wo sein Geld bleibe. Etwas anderes hat er ihm nie gegeben.

So wirkt Léon auf mich: Jahrelang für seine Arbeit gebraucht, ist er mit einem Teil seines Lebens dort zurückgeblieben, wo niemand mehr nach ihm selbst fragte.

III. Die Pflanze ist sein Selbstporträt

Er sagt, die Pflanze habe wie er keine Wurzeln.

Nirgendwo im Film sagt er etwas Wichtigeres über sich selbst.

Einer Topfpflanze scheint es an nichts zu fehlen. Jemand gießt sie, wischt ihre Blätter ab und trägt sie in die Sonne. Sie wird mit größter Sorgfalt versorgt. Aber sie kann im Boden keine Wurzeln schlagen. Jederzeit kann jemand sie hochheben und wegtragen. Alles, was ihr Überleben sichert, hängt davon ab, ob jemand bereit ist, sie weiter zu tragen.

Genau so lebt Léon. Tony gibt ihm zu essen, verschafft ihm Arbeit und sagt, er hebe sein Geld für ihn auf. Auch das sieht nach Fürsorge aus.

Doch Léon gehört kein einziger Fleck Erde. Er kann nicht aufhören zu arbeiten, denn ohne seine Arbeit wäre er nichts mehr. Er kann Tony nicht verlassen, weil der sein Geld hat. Und ohne lesen zu können, käme er nicht weit.

Was er jeden Tag mit der größten Hingabe tut, das Gießen der Pflanze und das Abwischen ihrer Blätter, ist die Fürsorge für ein anderes Wesen, das sich in genau derselben Lage befindet wie er.

Die Pflanze hat nie geblüht, nie Früchte getragen. Sie nützt ihm nichts. Ihre Pflege ist das Einzige in seinem Leben, bei dem es um keine Gegenleistung geht.

IV. Im Kino lacht er

Es gibt eine kurze Szene, über die fast nie gesprochen wird.

Léon geht allein ins Kino. Ein alter Musikfilm läuft. Auf der Leinwand wird Stepptanz getanzt, dazu ein unbeschwertes Lied gesungen.

Er sitzt im Dunkeln, schaut nach oben und lacht.

Kein höfliches Erwachsenenlächeln. Er grinst über das ganze Gesicht, ein bisschen albern und vollkommen entspannt, wie ein Kind von zehn oder zwölf, das einen Zeichentrickfilm sieht.

Auf diese Einstellung läuft dieser erste Essay hinaus.

Denn bis dahin hat der Film Léons Lage unmissverständlich gezeigt. Er ist ein Werkzeug, seit vielen Jahren in Gebrauch. Der einzige Mensch, dem er vertraut, hält sein Geld zurück. Er kann nicht lesen, hat keine Wurzeln und schläft im Sitzen. Wer so lebt, von dem müsste längst alles abgeschliffen sein.

Aber dann sitzt er im Kino und muss über einen Stepptanz lachen.

Das in ihm, was da lachen kann, hat nichts mit seinem Können als Killer zu tun, nichts mit Tonys Geschäft und nichts damit, wie andere ihn benutzen. Für Tonys Geschäft wirft es keinen Ertrag ab. In vielen Jahren wurde es kein einziges Mal gebraucht.

Und es wurde auch nicht abgeschliffen.

Später spielt das Mädchen mit ihm ein Ratespiel: Sie stellen im Wohnzimmer Filmstars nach, Chaplin, Monroe, John Wayne, und er kann sich vor Lachen kaum auf den Beinen halten. Viele finden die Szene einfach warmherzig. Das ist sie. Aber vor allem liefert sie einen Beweis: Ein großer Teil dieses Menschen ist in all den vielen Jahren nicht verloren gegangen.

Nur wusste niemand, dass es diesen Teil gab, bevor das Mädchen an seine Tür klopfte. Er selbst auch nicht.

Grundlage dieses Essays ist Léon – Der Profi aus dem Jahr 1994, für den Luc Besson das Drehbuch schrieb und Regie führte. Berücksichtigt wird außerdem die von Gaumont veröffentlichte Langfassung von 133 Minuten, die meist als internationale Fassung bezeichnet wird. Sie ist länger als die ursprüngliche nordamerikanische Kinofassung und enthält mehrere für das Verständnis der Figurenbeziehung entscheidende Szenen; auf diese wird in den folgenden Essays genauer eingegangen.