NON DUBITO · Filmessays
Forrest Gump lesen
Diese drei Essays führen von Forrest, über den unablässig nach vorgefertigten Maßstäben geurteilt wird, zu Lieutenant Dan, der sein Leben wieder als sein eigenes annimmt, und schließlich zu Jenny: einer Frau, deren Schmerz der Film wahrnimmt und deren Leben er zugleich in die Geschichte eines anderen presst.
Forrest Gump legt dreißig Jahre amerikanische Geschichte einem Mann in den Mund, der selten versteht, welche offizielle Bedeutung die Ereignisse um ihn herum haben. Institutionen ordnen ihn immer wieder ein. Anschließend machen sie sich ausgerechnet jene Fähigkeiten zunutze, die ihre Kategorien nicht erfasst haben. Seine wörtliche Auffassung der Dinge kann Rang und Vorurteil vorübergehend außer Kraft setzen. Zugleich bewahrt der Film ihn vor vielen Folgen, die andere Figuren mit voller Wucht treffen.
Dieser Spannung gehen die drei Essays nach. Dass Forrest Menschen nicht vorschnell in einem Etikett aufgehen lässt, hat eine wirkliche moralische Bedeutung. Man muss ihn deshalb nicht zu einem in jeder Hinsicht makellosen Unschuldigen erklären. Bei Lieutenant Dan geht es um mehr als einen Ausweg aus der Verzweiflung: Wer darf ein Leben neu schreiben, wenn das ererbte Ende zusammenbricht? Jennys Geschichte zeigt tatsächlich Missbrauch, Wut und Flucht. Meist wird sie dennoch von anderen erzählt. Die Wärme des Films und seine Grenzen müssen zusammen betrachtet werden.
I. Der Mensch, über den alle urteilen
Schule, Mannschaft, Armee und Menschenmenge taxieren Forrest immer wieder neu. Seine stärkste Antwort besteht nicht darin, seine Eignung zu beweisen. Sie liegt in seiner beständigen Aufmerksamkeit dafür, was ein Mensch tatsächlich tut.
II. Wie Lieutenant Dan sich sein Leben zurückholt
Lieutenant Dan überlebt das heldenhafte Ende, das seine Familie für ihn vorgesehen hat. Wirkliche Erholung beginnt dort, wo das Weiterleben sich nicht mehr vor diesem verlorenen Drehbuch rechtfertigen muss.
III. Jenny und das Leben, das der Film ihr vorenthält
Forrest nimmt Jenny oft an, ohne moralische Bedingungen zu stellen. Der Film ist sparsamer: Er zeigt ihren Schmerz genau, lässt sie aber nur selten ihr eigenes Leben über längere Zeit von innen heraus erzählen.