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Non Dubito
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NON DUBITO · Filmessays · 1 / 3

Was diese Hochschule hervorbringt

Han Qin (秦汉) · Deutsche Ausgabe: 7. Oktober 2026

In diesem Essay

Eigenständige deutsche Fassung nach dem chinesischen Original

Am ersten Tag am Imperial College of Engineering hält Direktor Viru Sahastrabuddhe den Neuankömmlingen ein Kuckucksnest entgegen. Der Kuckuck legt seine Eier in fremde Nester; schlüpft das Junge, wirft es die anderen Eier hinaus. Am ICE gehen jedes Jahr Hunderttausende Bewerbungen ein, aufgenommen werden nur einige Hundert. Die Studierenden vor ihm sind die Küken, die überlebt haben.

Noch bevor irgendjemand etwas über Ingenieurwissenschaften lernt, haben alle das Bild verstanden, das hier den Ton angibt: Das Leben ist ein Wettkampf. Ein anderer besetzt deinen Platz. Wer zurückfällt, endet als zerschlagenes Ei.

I. Auch Aufrichtigkeit gehört zum Problem

Es ist leicht, in „Virus“ einfach den Bösewicht zu sehen. Dabei ist er diszipliniert, fleißig und nach den Maßstäben seiner Institution erfolgreich. Seit zweiunddreißig Jahren leitet er das ICE. Seinen eigenen Angaben zufolge hat er die Hochschule von Platz achtundzwanzig auf Platz eins gebracht. Sein Tagesplan zerlegt selbst Essen, Rasieren und einen kurzen Mittagsschlaf in sorgsam optimierte Zeiteinheiten.

Er hält Konkurrenz nicht für grausam. Für ihn ist die Welt ohnehin grausam, und eine Hochschule, die deren Druck vorwegnimmt, bringt jungen Menschen das Überleben bei. Geht man von dieser Annahme aus, erscheinen strenge Fristen, öffentliche Ranglisten und die Weigerung, Ausnahmen zuzulassen, als verantwortungsbewusst.

Gute Absichten beantworten die Frage des Films also nicht. Ein aufrichtiger Hochschulleiter kann durchaus ein System schaffen, das gerade dann, wenn es ordnungsgemäß und nach Vorschrift funktioniert, jene Fähigkeiten zerstört, die Bildung eigentlich entwickeln sollte.

II. Die Antwort und ihre genehmigte Form

Der Dozent fragt, was eine Maschine ist. Rancho antwortet in Alltagssprache: alles, was menschliche Arbeit erleichtert. Ein Ventilator, ein Telefon, sogar der Reißverschluss einer Hose. Der Dozent lässt das nicht gelten. Ein anderer Student trägt die lange Definition aus dem Lehrbuch vor und wird gelobt.

Rancho geht zur Tür, kommt dann aber zurück. Er habe sein „Werkzeug zum Aufzeichnen, Analysieren, Zusammenfassen, Ordnen und Erklären von Informationen“ vergessen. Anschließend übersetzt er das Wortungetüm in ein einziges Wort: Buch. Außerhalb des Prüfungsrituals, das solchen Formulierungen ihren Wert verleiht, versteht der Unterricht seine eigene Präzisionssprache nicht mehr.

Die Szene beweist nicht, dass fachliche Definitionen nutzlos wären. Ingenieurwissenschaften brauchen Genauigkeit. Sie zeigt ein enger umrissenes, zugleich aber gefährlicheres Problem: Diese Hochschule kann nicht unterscheiden zwischen einer Präzision, die einen Begriff klärt, und dem Wiederholen vorgeschriebener Formulierungen, mit dem man Gehorsam vorführt.

Wenn eine Prüfung nur belohnt, dass Antworten an der Oberfläche gleich aussehen, wird Verstehen zum aufwendigeren und riskanteren Weg zur selben Note. Auswendiglernen ist dann die sicherere Wahl.

III. Chatur ist kein misslungenes Produkt

Chatur Ramalingam lernt auswendig, schlägt sich die Nächte um die Ohren und nimmt Medikamente, die sein Gedächtnis verbessern sollen. Vor Prüfungen lenkt er auch seine Konkurrenten ab. Der Film macht ihn lächerlich, aber er lässt ihn nicht scheitern. Chatur gehört zu den Besten, kommt bei einem großen Unternehmen unter, wird Vizepräsident und erwirbt all jene Dinge, an denen er nach der Lehre seiner alten Hochschule seinen Erfolg ablesen soll.

Das ist entscheidend. Würde stures Pauken immer nur zum Scheitern führen, wäre die Kritik allzu leicht. Gemessen an den eigenen Maßstäben funktioniert das ICE tatsächlich: Chatur lernt, die verlangten Antworten abzuliefern, seine Mitstudierenden zu übertreffen und den Rang auf der Liste in eine Position innerhalb einer Organisation umzutauschen.

Die eigentliche Frage lautet nicht, ob das System sein Versprechen halten kann. Sie lautet: Was muss in einem Menschen verschwinden, wenn die Erfüllung dieses Versprechens zum Zweck wird, nach dem sich die ganze Bildung organisiert?

IV. Joys nicht genehmigtes Werk

Joy Lobo baut einen kleinen Hubschrauber mit einer drahtlosen Kamera. Das ist keine gewöhnliche Studienaufgabe, sondern eine Erfindung, deren Entwicklung den vorgesehenen Zeitrahmen sprengt. Der Direktor hält den Entwurf für unpraktikabel. Er lehnt die Fristverlängerung ab, um die Joy bittet, damit er seinen Abschluss machen kann, und ruft dessen Vater an: Sein Sohn werde in diesem Jahr nicht fertig.

Jeder einzelne Schritt lässt sich in Verwaltungssprache rechtfertigen. Die Frist war bekannt. Das Projekt wurde tatsächlich zu spät eingereicht. Maßstäbe müssen für alle gleich sein. Die Familie hat ein Recht darauf, Bescheid zu wissen. Für keinen dieser Schritte ist persönliche Böswilligkeit nötig.

Joy nimmt sich das Leben. Rancho, Farhan und Raju haben den Kamerahelikopter heimlich fertiggebaut, um ihn damit zu überraschen. Als er zu Joys Fenster fliegt, überträgt die Kamera das Bild von Joys Leichnam, der in seinem Zimmer hängt.

Die Erfindung funktioniert. Doch die Anerkennung kommt zu spät; ihren Urheber kann sie nicht mehr erreichen.

V. Verteilte Ursachen passen in kein Formular

Rancho nennt diesen Tod einen Mord und stellt dann klar, dass er nicht einen einzelnen Menschen, sondern das System verantwortlich macht. Das ist eine wütende Anklage, kein juristisches Urteil. Ihre Wucht liegt darin, dass Ursachen sich auf viele Stellen verteilen können. Nirgendwo steht eine Vorschrift, nach der man Studierende töten soll. Und doch können Fristen, Demütigung, familiärer Druck, Ranglisten und die Zurückweisung von Arbeiten, die in keine Kennzahl passen, gemeinsam auf ein ohnehin gefährdetes Leben einwirken.

Der Direktor antwortet, Druck gehöre nun einmal zum Leben, und verweist auf den Rang seiner Hochschule. Beide Antworten übersetzen ein einmaliges Geschehen in Kategorien, mit denen sich das ICE bereits auskennt: Ein Student musste einen Misserfolg hinnehmen. Die Hochschule ist weiterhin Nummer eins.

Ein System, das um Bestehen und Durchfallen herum gebaut ist, hat kein festes Feld für den Eintrag: Ein junger Mensch arbeitet an etwas Wichtigem, während seine Fähigkeit zusammenbricht, weiterzuleben. Was sich nicht erfassen lässt, gilt leicht auch als etwas, wofür man nicht zuständig ist.

VI. Der Sohn, der längst im Bild vorkam

Schon die Begrüßungsrede enthält eine Tatsache, der sich der Direktor noch nicht stellen kann: Sein eigener Sohn hat sich drei Jahre hintereinander um ein Ingenieurstudium beworben und wurde jedes Mal abgelehnt. Später enthüllt Pia, dass ihr Bruder eigentlich Literatur studieren und Schriftsteller werden wollte. Der angebliche Zugunfall war ein Suizid.

Dieser Vater hat den Menschen, den er am meisten liebte, am selben Maßstab gemessen. Selbst nach dem Tod seines Sohnes kann er dessen Scheitern noch als Geschichte von einem zerschlagenen Ei erzählen und damit den nächsten Jahrgang belehren.

Daran zeigt sich nicht, dass er besonders böse wäre, sondern wie tief sein Glaube an das System reicht. Ist eine Kennzahl erst zur Erklärung der Wirklichkeit selbst geworden, lässt sich sogar der Beleg für den Schaden, den sie anrichtet, neu einsortieren: Das Opfer war eben von Anfang an nicht gut genug.

Das ICE bringt daher mehr hervor als Ingenieure. Es produziert eine Grammatik, in der Rang wie Verdienst aussieht, Gehorsam wie Wissen und Leid wie persönliches Unvermögen. Die Menschen in diesem System können durchaus gutherzig sein. Seine Grammatik bestimmt trotzdem, was sie überhaupt sehen können.

Dieser Essay behandelt Rajkumar Hiranis Film 3 Idiots aus dem Jahr 2009. Der Film nennt Chetan Bhagats Roman Five Point Someone als Quelle; die hier besprochenen Handlungen werden anhand des Films und des offiziell veröffentlichten Drehbuchs gelesen.

Original auf Non Dubito: Englisch sowie vereinfachtes und traditionelles Chinesisch