Strukturen in Märchen · 21
Iwan verbrennt die Froschhaut: Kann auch eine Rettung den eigenen Ausweg zerstören?
Er hat Wassilissa in Menschengestalt gesehen. Weiß er deshalb schon, wie sie dauerhaft so leben kann – und darf er ohne sie darüber entscheiden?
Beim Fest hebt Wassilissa die linke Hand, und ein See breitet sich aus. Sie bewegt die rechte, und weiße Schwäne schwimmen auf dem Wasser. Eben haben die Gäste noch darüber gespottet, dass Iwan einen Frosch geheiratet hat; nun schauen alle gebannt zu. Seine beiden Schwägerinnen haben es ihr nachgetan und Wein und Knochen in die Ärmel gesteckt. Doch als sie ebenfalls die Arme schwenken, bespritzen sie die Gäste, und die Knochen treffen den Zaren. Sie haben eine Bewegung gesehen, nicht aber die Fähigkeit erworben, die daraus ein Wunder macht.
Auch Iwan sieht seine Frau in einer anderen Gestalt. Während das Fest noch dauert, eilt er heim, findet die abgelegte Froschhaut und wirft sie ins Feuer. Als Wassilissa zurückkommt und die Haut sucht, wird sie traurig: Hätte er noch etwas gewartet, hätte sie für immer bei ihm bleiben können. Nun müsse er weit fortgehen und sie bei Koschtschei dem Unsterblichen suchen. Damit verwandelt sie sich in einen weißen Schwan und fliegt zum Fenster hinaus.
Oft wird daraus eine Geschichte über schädliche Ungeduld. In der Erzählung 269 aus Afanassjews Sammlung sagt die Frau Iwan aber nicht vorher, dass noch drei Tage bis zur Erlösung fehlen. Erst nach dem Verbrennen sagt sie, er hätte noch ein wenig warten müssen. Auch die dreijährige Strafe erfährt Iwan erst später auf dem Weg von einem alten Mann. Man darf ihm nicht nachträglich eine eindeutige Warnung geben, die er in dieser Fassung nicht gehört hat, um ihm dann ihre vorsätzliche Missachtung vorzuwerfen.
Keine Warnung erhalten zu haben bedeutet dennoch nicht, dass das Verbrennen nichts zu fragen übrigließe. Schon vor dem Fest zeigt Wassilissa wiederholt, dass sie kein hilfloses Wesen ist, das auf Rettung durch den Ehemann wartet. Sie hat eigenes Wissen, Helfer und Pläne. Sie weiß, was sich nachts erledigen lässt und was erst im passenden Augenblick vor anderen sichtbar werden soll.
Die erste Eheanordnung kommt vom Zaren. Seine drei Söhne sollen Pfeile abschießen und dort um eine Braut werben, wo ihr Pfeil landet. Iwans Pfeil fällt in den Sumpf, und ein Frosch nimmt ihn auf. Iwan will nicht, doch der Vater erklärt, das sei sein Schicksal. Nach der Heirat verlangt der Zar von den drei Schwiegertöchtern über Nacht ein Weißbrot. Betrübt kehrt Iwan heim. Der Frosch fragt nach, schickt ihn schlafen, legt seine Haut ab, nimmt Wassilissas Gestalt an und ruft Helfer zur Vorbereitung des Brotes.
Bei der zweiten Prüfung ist ein Seidenteppich verlangt. Wieder sorgt Iwan sich, wieder lässt die Frau ihn ruhen und richtet das Weben ein. Am jeweiligen Morgen liegen Brot und Teppich fertig da, so herrlich, dass der Zar sie lobt. Für Iwan scheint die Schwierigkeit im Schlaf zu verschwinden. Für seine Frau besteht die Lösung in Kräften, die sie selbst herbeizurufen weiß. Die Ergebnisse bezeugen nicht, dass ihr Mann ihr erst Fähigkeiten gegeben hätte. Vielmehr ist er fortwährend der Empfänger ihrer Fürsorge.
Beim dritten Mal sollen die Söhne ihre Frauen zum Fest bringen. Iwan fürchtet vor allem, wie er den Frosch anderen zeigen soll. Sie schickt ihn voraus, erklärt, was er den Gästen beim kommenden Getöse sagen soll, und fährt später selbst in einer Kutsche vor. Nicht nur für einen kurzen Augenblick vor ihrem Mann wird sie schön. Sie bestimmt ihren eigenen Auftritt, nimmt ihn bei der Hand, geht mit ihm zur Tafel und verändert das Fest durch ein Können, mit dem niemand gerechnet hat.
Erst danach verbrennt Iwan die Haut. Vielleicht möchte er die eben gesehene Frau behalten. Vielleicht widerstrebt ihm das tägliche Leben mit einem Frosch. Vielleicht glaubt er, einen Ausweg gefunden zu haben. Die gewählte Fassung entfaltet sein Motiv nicht vollständig. Wir müssen ihm weder die edelste noch die selbstsüchtigste Erklärung aussuchen. Sicher ist: Er trifft vor ihrer Rückkehr eine unumkehrbare Entscheidung, die unmittelbar verändert, wie sie weiterleben kann.
Zu sehen, dass jemand auch anders leben oder erscheinen kann, lässt Außenstehende leicht meinen, sie wüssten schon, wie dieser Zustand herzustellen sei. Iwan hat die schöne Wassilissa gesehen; die Haut wirkt nun wie ein überflüssiges Hindernis. Dass eine andere Gestalt auftreten kann und dass sie jetzt schon dauerhaft bleiben kann, ist jedoch zweierlei. Das Fest beweist das Erste, nicht das Zweite.
Die Schwägerinnen sehen Wein und Knochen im Ärmel und verwechseln die sichtbare Handlung mit dem ganzen Können. Iwans Fehler ist nicht genau derselbe, steht aber in einem Verhältnis zu dieser Szene. Er weiß, was nach dem Ablegen der Haut erscheint, und meint deshalb, ihr völliges Verschwinden werde diesen Zustand festhalten. Welche Bedingungen hinter einer Veränderung stehen, wird anderen nicht automatisch vollständig bekannt, bloß weil sie das gute Ergebnis schon gesehen haben.
Das heißt auch nicht, Wassilissa solle für immer Frosch bleiben. Der Fluch ist nicht das Leben, das sie sich wünscht; auch sie erwartet das Ende der Frist. Sie zu achten heißt weder, sie mit ihrer Not zu versöhnen, noch, die Haut zu ihrem unveränderlichen Wesen zu erklären. Zu bewahren ist ihre Beteiligung am Wandel: Sie soll erklären können, was jetzt möglich ist und was noch warten muss. Nicht ein anderer soll beschließen, ihre wahre Gestalt sei nun erschienen und alles Übrige dürfe darum verbrannt werden.
Nach ihrem Verlust weint Iwan, betet und bricht auf. Ein alter Mann hört ihn an und fragt vorwurfsvoll: Nicht du hast sie in diese Haut gekleidet; warum hast du sie ihr eigenmächtig genommen? Dann erklärt er, Wassilissa sei klüger als ihr Vater. Darüber habe der Vater sich erzürnt und sie für drei Jahre zum Frosch gemacht. Der Alte gibt Iwan ein Knäuel, dem er folgen soll.
Der Einwand des Alten begrenzt Iwans eigenmächtiges Tun. Er sagt aber nicht, nur der Urheber des Zaubers dürfe ihn aufheben. Schon dass Wassilissas Vater ihre größere Klugheit mit einem Fluch bestraft, ist ein anderer Zwang. Ihrem Mann zu widersprechen, weil er sie übergeht, verlangt nicht die Anerkennung eines ewigen väterlichen Verfügungsrechts. Die beiden Fehler kommen möglicherweise aus verschiedenen Richtungen. Beide machen sie dennoch zu derjenigen, für die andere bestimmen, wann und in was sie sich verändern soll.
Unterwegs begegnet Iwan immer wieder Leben, über die er leicht verfügen könnte. Er will einen Bären, eine Wildente und einen Hasen töten. Die Tiere sprechen und bitten ihn, sie zu verschonen. Am Meer findet er einen gestrandeten, sterbenden Hecht und setzt ihn ins Wasser zurück. Das Märchen führt seine Handlung durch dankbare Tiere fort. Zugleich bekommt das Handeln einen anderen Rhythmus: Bevor Iwan entscheidet, kann das Leben vor ihm etwas sagen. Einige Male hält er an und hört zu.
Daraus muss kein Iwan werden, der nun jedes Leben auf Erden zu achten gelernt hätte. Zu seinem Mitleid gehört auch die Hoffnung auf spätere Hilfe. Und der folgende Sieg über Koschtschei enthält weiterhin Jagd, Tötung und Magie. Verglichen mit der einsamen Rückkehr zum Verbrennen gibt es auf dem Weg aber wenigstens Augenblicke, in denen er Bitten anhört, Wissen annimmt und auf andere angewiesen ist. Er gelangt nicht mit seinem ursprünglichen kleinen Vorrat an Selbstgewissheit ungebremst bis ans Ziel.
Baba Jaga erklärt ihm, Koschtscheis Tod sitze an einer Nadelspitze: die Nadel im Ei, das Ei in der Ente, die Ente im Hasen, der Hase in einer Truhe, diese hoch im Baum. Unter dem Baum weiß er noch immer nicht, wie er an die Truhe kommen soll. Der zuvor verschonte Bär reißt den Baum um. Hase und Wildente verfolgen nacheinander, was entkommt. Als das Ei ins Meer fällt, bringt der Hecht es zurück. Was einer allein nicht schafft, bringen mehrere unterschiedliche Fähigkeiten nacheinander zustande.
Schließlich bricht Iwan die Nadelspitze ab. Koschtschei stirbt, Wassilissa kehrt mit Iwan heim, und das Märchen lässt beide lange glücklich leben. Wir haben keinen Grund, ihr ewigen Groll hinzuzuerfinden oder die Wiedervereinigung als ein weiteres Gefängnis zu entlarven. Iwan hat tatsächlich einen langen Weg zurückgelegt, und sein Versuch, wiedergutzumachen, hat das Ergebnis wirklich verändert. Auch wer etwas falsch gemacht hat, kann noch sinnvoll für das spätere Leben handeln.
Das beweist rückwärts aber nicht, dass die verbrannte Haut notwendig war. Wassilissa musste nicht erst ihren schon nahen Ausweg verlieren, damit ihr Mann verständiger werden konnte. Auch wird ihr Leid nicht dadurch zu einer Prüfung zum beiderseitigen Nutzen, dass es eine Entwicklungsreise hervorbringt. Wiedergutmachung ist gerade wertvoll, weil sie auf einen Verlust antwortet, der nicht leichtfertig hätte entstehen sollen. Sie verschönert ihn nicht zu etwas, das unbedingt geschehen musste.
Eine Gebrauchsanweisung für Hilfe im Alltag gibt dieses Märchen nicht. Seine magischen Bedingungen gelten wirklich, und andere können sie nicht unbedingt vorher alle kennen. Auch muss in der Wirklichkeit nicht jede kleine Veränderung auf endlose Beratungen warten. Eine besonders vorsichtig zu behandelnde Handlung zeigt es jedoch deutlich: Wenn ein Wandel unwiderruflich ist, vor allem das Leben eines anderen betrifft und dieser schon eigenes Wissen und eigene Wege gezeigt hat, ist eine unterlassene Frage keine beiläufig entbehrliche Kleinigkeit.
Manche Hilfe möchte so rasch ein Ergebnis vorweisen, dass sie vergisst, wie jemand in diesem Ergebnis noch leben können soll. Eine Gestalt zu beseitigen, die anderen missfällt, befreit nicht notwendig die betroffene Person aus ihrer Not. Eine scheinbar störende Bedingung wegzuräumen kann zugleich den Weg zerstören, den sie selbst gerade nutzt. Je sicherer wir uns sind, ihre gute Zukunft schon gesehen zu haben, desto nötiger ist es, ihr Wissen darüber zu hören, wie sie dorthin gelangen kann.
Als Iwan sich anfangs wegen seiner Froschfrau sorgt, verlangt Wassilissa keine sofortige Lösung von ihm. Er soll schlafen; sie richtet das ein, was sie versteht. Später sieht er endlich ihre Menschengestalt und gewährt ihr nicht ebenso ein wenig Zeit. Vielleicht ist das Bedauerlichste nicht die Zahl einiger nie genau benannter versäumter Tage. Es ist, dass er so oft ihre Hilfe erfahren hat und dennoch gerade in dem Augenblick allein das Feuer entzündet, in dem ihre eigene Beteiligung am dringendsten gebraucht wird.
Textgrundlagen
Unabhängige deutsche Neufassung des vollständigen chinesischen Essays, nicht des alten kurzen englischen Textes. Die ausgewählte russische Fassung begrenzt die Deutung. Keine zuvor ausgesprochene genaue Warnung, keine ungenannte magische Regel und kein sicherer innerer Beweggrund werden nachgeliefert. Rettung und späteres Glück rechtfertigen nicht rückwirkend den Verlust ihres eigenen Weges.
Hinweise zur Fassung
Grundlage ist Afanassjews »Народные русские сказки«, Erzählung 269 »Царевна-лягушка« (alte Nummer 150c), in der wissenschaftlich bearbeiteten Ausgabe der russischen Fundamentalen Elektronischen Bibliothek ФЭБ: Nauka, 1985, Band 2, Seiten 264–267. In dieser Fassung lauten die Aufgaben Brot, Teppich und Festbesuch. Nach dem Verbrennen sagt die Frau nur, er hätte noch etwas warten sollen; die dreijährige Verzauberung erklärt erst später der alte Mann. Weder »drei Tage« noch die Hemdaufgabe anderer Varianten werden eingefügt. Ein Motiv für das Verbrennen wird nicht ergänzt; Tierhilfe und glückliche Wiedervereinigung bleiben erhalten. Die Textgrundlage ist russisch.