Strukturen in Märchen · 19
Der glückliche Prinz schickt die Schwalbe fort: Bleibt Helfenden ein eigener Weg?
Gerade als der Prinz sie am dringendsten braucht, sagt er: Flieg nach Ägypten. Erst danach bestätigt die Schwalbe, dass sie bleiben will.
Als die Schwalbe die Stadt erreicht, sind ihre Gefährten schon seit vielen Tagen fort. Einen ganzen Sommer ist sie wegen eines Schilfrohrs am Fluss geblieben. Dann fand sie, dass es weder gern rede noch mit ihr reisen wolle, und entschloss sich, allein nach Ägypten zu fliegen. In dieser Stadt sucht sie lediglich einen Schlafplatz für eine Nacht. Zu Füßen der Statue des glücklichen Prinzen gefällt ihr der goldene Schmuck. Hier will sie schlafen und bei Tagesanbruch weiterziehen.
Tropfen fallen von oben. Die Schwalbe glaubt an Regen, blickt auf und sieht die Tränen des Prinzen. Die Statue, die alle in der Stadt bewundern, ist nicht glücklich. Zu Lebzeiten wohnte der Prinz in einem Palast hinter hohen Gartenmauern und wusste nicht, wie es außerhalb zuging. Erst jetzt, hoch aufgestellt nach seinem Tod, sieht er die Armut der Gassen. Er hat Augen aus zwei Saphiren, der Körper ist mit Blattgold bedeckt. Doch seine Füße sind an die Säule gebunden; zu den Menschen, die er sieht, kann er nicht selbst gehen.
Zuerst bittet er die Schwalbe, den Rubin aus seinem Schwertgriff einer Näherin zu bringen. Ihre Hände sind von Nadelstichen wund, dennoch stickt sie weiter am Ballkleid einer vornehmen jungen Dame. Ihr krankes Kind wünscht Orangen, sie hat aber nur Wasser. Die Schwalbe entgegnet, in Ägypten warteten Freunde und hier im Norden sei es bereits kalt. Nicht Unkenntnis fremder Not spricht aus ihr. Auch sie hat einen noch nicht vollendeten Weg. Der bricht nicht von selbst ab, nur weil sie zu Füßen einer Statue gelandet ist.
Der Prinz bittet sie, noch eine Nacht zu bleiben. Die Schwalbe erklärt sogar, sie möge Jungen nicht, weil Kinder sie einmal mit Steinen beworfen hätten. Als sie seinen großen Kummer sieht, sagt sie trotzdem diese eine Hilfe zu. Im Vorbeiflug am Palast hört sie die Dame auf das Ballkleid warten und über die faule Näherin schimpfen. Weiter vorn trifft sie die erschöpft eingeschlafene Frau. An beiden Orten ist von demselben Kleid die Rede. Dazwischen liegt ein weiter Abstand im Verständnis seiner Herstellung, den die Schwalbe in dieser Nacht selbst durchquert.
Sie legt den Rubin auf den Tisch und umfliegt das Kind, um ihm mit ihren Flügeln Kühlung zuzufächeln. Es schläft erleichtert ein. Wieder beim Prinzen, wundert sich die Schwalbe, dass sie sich trotz der Kälte warm fühlt. Das liege daran, dass sie etwas Gutes getan habe, erklärt er. Diese Erklärung bringt sie nicht sofort dazu, den Zug aufzugeben. Am nächsten Tag bereitet sie sich noch immer voller Vorfreude auf die Abreise vor. Nur kennt sie die Stadt, die zunächst ein Nachtquartier sein sollte, nun auch anders als allein aus einem Bericht von der Säule.
Die zweite Bitte gilt einem jungen Schriftsteller auf einem kalten Dachboden. Für ihn soll die Schwalbe eines der Saphiraugen bringen. Als sie hört, dass sie ein Auge auspicken soll, weint sie und weigert sich zunächst. Der Prinz besteht jedoch im Ton eines Befehls darauf. Beim dritten Mal soll auch das andere Auge weg: zu einem Mädchen, dessen Streichhölzer nass geworden sind und das Schläge bei der Heimkehr fürchtet. Weil diese Gaben Menschen helfen, dürfen wir die beiden Gespräche nicht in lauter drucklose, zärtliche Verständigung verwandeln. Über das Zögern der Schwalbe ist tatsächlich mit einem Befehl hinweggegangen worden.
Der Prinz gibt seine eigenen Edelsteine her. Ausführen lässt sich die Gabe trotzdem nicht allein durch seinen Entschluss. Ein Auge herausnehmen, zum Dachboden oder zur Straßenecke fliegen: Dazu braucht es einen anderen Körper, die Zeit der Schwalbe und ihren wiederholten Aufschub der Reise nach Süden. »Das sind meine Augen, ich will sie geben« erklärt seine Entscheidung über den eigenen Verlust. Damit ist noch nicht allein entschieden, was die Helferin tun soll. Das gute Wollen ist echt und muss dennoch erst durch ein konkretes Verhältnis zu den Empfängern gelangen.
Nach der Ablieferung des zweiten Auges kehrt die Schwalbe zurück. Nun könne der Prinz nichts mehr sehen, sagt sie; sie wolle für immer bleiben. Gerade da macht er aus seiner neuen Bedürftigkeit keinen Anspruch auf weiteren Dienst. Im Gegenteil: Sie solle nach Ägypten ziehen. Erst als sie noch einmal erklärt, bleiben zu wollen, schläft sie zu seinen Füßen ein. In den vorigen Nächten hat er sie zum Bleiben gebeten. Diese Nacht fällt eine andere Entscheidung. Als er sie am dringendsten braucht, erkennt er an, dass es für sie weiterhin einen anderen Ort gibt.
Dieser Satz beseitigt die früheren Befehle nicht. Er verändert aber das, was folgt. Die Schwalbe nimmt nicht mehr nur eine Bitte um »noch ein einziges Mal« an, sondern bestätigt selbst den Wunsch, ihn zu begleiten. Wer allein wegen der späteren Gefahr erklärt, diese Bestätigung müsse aus Täuschung oder Schuldgefühl entstanden sein, nimmt ihr ebenfalls das eigene Wort. Eine Lebensrichtung muss nicht vor der ersten Begegnung schon vollständig feststehen. Eine tatsächlich geleistete Hilfe kann auch eine zuvor ungeahnte Lebensweise wertvoll erscheinen lassen.
Ägypten ist keine minderwertige Wahl. Wärme, Gefährten und eine vertraute Welt warten dort. Dass die Schwalbe später bleiben will, macht diese Richtung nicht zu eigennützigem Vergnügen. Im Gegenteil: Nur wenn dieser Weg wirklich etwas wert ist, hat es Gewicht, dass der Prinz ihre Abreise gelten lässt. Auch muss sie vor der Änderung ihres Entschlusses den alten Wunsch nicht als unwahr entlarven. Zuerst kann sie aufrichtig fortgewollt haben und später im Zusammensein aufrichtig bleiben wollen. Die beiden Augenblicke müssen einander nicht leugnen.
Am nächsten Tag erzählt sie auf seiner Schulter von fernen Ländern. So hört der blinde Prinz von einer Welt, die er nie besucht hat. Danach bittet er sie, über die Stadt zu fliegen und zu berichten, was sie mit eigenen Augen sieht. Sie liefert nun nicht mehr nur einen bestimmten Stein an eine vorgegebene Adresse. Sie entdeckt und erzählt selbst: Reiche beim Festmahl, Bettler vor den Türen und zwei Kinder, die sich unter einer Brücke wärmen wollen und von einem Wächter in den Regen getrieben werden.
Nach ihrem Bericht bittet der Prinz, sein Blattgold Stück für Stück abzunehmen und den Armen zu bringen. Die Statue wird immer grauer. Dafür haben Kinder Brot und laufen lachend wieder auf die Straße. Diese Hilfe löst nicht sämtliche Probleme der Stadt und wird deshalb nicht wirkungslos. Einige Edelsteine und Goldblättchen verändern für bestimmte Menschen tatsächlich, ob sie an diesem Tag essen, sich wärmen oder weiterarbeiten können. Erst die Beseitigung aller Armut auf der Welt zu garantieren ist keine Voraussetzung dafür, etwas Wertvolles zu tun.
Es wird immer kälter, und die Schwalbe verliert ihre Kräfte. Vor der Bäckerei pickt sie Krumen auf, schlägt die Flügel, um sich zu wärmen, und will doch nicht fort, weil sie den Prinzen innig liebt. Über diese Tage darf das Wort »freiwillig« nicht hinwegführen. Auch wer bleiben zugesagt hat, hat einen Körper. Mit der Zeit kann ein früher gangbarer Weg schwerer zu gehen sein. Dass eine Beziehung einmal die Abreise offenließ, heißt nicht, dass alle späteren Einbußen schon vollständig verstanden waren.
Wilde macht aus dem Prinzen aber auch keinen Allwissenden, der den Tod der Schwalbe voraussieht und dennoch weitere Arbeit verlangt. Als sie zuletzt auf seine Schulter fliegt, um Abschied zu nehmen, freut er sich noch, weil er glaubt, sie wolle endlich nach Ägypten. Viel zu lange sei sie geblieben. Erst jetzt sagt die Schwalbe, sie gehe nicht nach Süden, sondern in das Haus des Todes. Dieses Nichtwissen dürfen wir nicht als Berechnung erzählen. Was sie erst am Ende mitteilt, darf nicht zu einer Nachricht werden, die er längst kannte und absichtlich überging.
Die Schwalbe bittet, seine Hand küssen zu dürfen. Er bittet sie stattdessen um einen Kuss auf die Lippen, denn er liebt sie. Am Ende bleibt ihr Verhältnis damit nicht bloß die Ordnung von Statue und Bote, Geber und Ausführender. Sie küssen sich. Die Schwalbe fällt tot zu seinen Füßen, und das bleierne Herz in seiner Brust bricht entzwei. Kälte und Trauer stehen in dieser Geschichte nebeneinander. Eine vernünftige Einnahmen-Ausgaben-Rechnung erklärt nicht an ihrer Stelle, ob sich die Begegnung gelohnt hat.
Am nächsten Tag kommen Bürgermeister und Ratsherren über den Platz. Ohne Edelsteine und Goldschmuck erscheint ihnen die Statue so heruntergekommen wie ein Bettler. Auch der tote Vogel missfällt ihnen, als könne der Platz wieder anständig werden, wenn Vögel dort nur nicht sterben dürften. Der Kunstprofessor erklärt, die Statue sei nicht mehr schön und daher auch nicht mehr nützlich. Sie wird abgerissen und eingeschmolzen. Die Stadt, die der Prinz und die Schwalbe inzwischen gesehen haben, sehen diese Entscheidungsträger dadurch noch nicht neu.
Das bleierne Herz schmilzt nicht. Man wirft es auf den Abfallhaufen zum toten Vogel. Darauf befiehlt Gott einem Engel, die beiden kostbarsten Dinge der Stadt zu bringen. Der Engel wählt genau diese zwei. Dieses Ende gilt innerhalb des Märchens wirklich. Es ist nicht nur die private symbolische Deutung der Leser: Gott bestätigt ausdrücklich ihre Liebe und ihre Gaben und verheißt ihnen Leben im Paradies. Wer ihren Tod ausschließlich mit einer Effizienzrechnung zurückweist, streicht die Richtung, die Wilde tatsächlich besingt.
Diese beiden Leben zu würdigen verlangt aber nicht, ihre Wahl zur Mindestpflicht aller Helfenden zu machen. Dass die bleibende Schwalbe kostbar ist, macht eine andere, die nach Ägypten fliegt, nicht weniger gütig. Dass der Prinz alles Gold geben will, verleiht Empfängern kein Recht, von anderen den letzten Rest zu fordern. Erst wenn aus einer konkreten Gabe keine allgemeine Pflicht zur Abgabe der eigenen Kräfte wird, behält das freiwillige Geben der Geschichte seinen eigenen Sinn.
Man muss die beiden deshalb auch nicht zu einer stets richtigen Idealbeziehung umschreiben. Der Prinz hat die Schwalbe wiederholt aufgehalten und ihr sogar Befehle gegeben. Sie hat ihre Eitelkeit, ihre Vorurteile und ihre Unbedachtheit und kennt anfangs nicht alle Kosten. Im Umgang verändern sie sich und lernen durch tatsächliche Handlungen eine andere Welt kennen. Damit Güte wahr sein kann, braucht sie nicht erst vollkommene Figuren. Doch ein bewegendes Ergebnis entzieht auch nicht jede einzelne Bitte der weiteren Nachfrage.
Der Satz des erblindeten Prinzen, sie solle fortziehen, lässt mitten in diesen Unvollkommenheiten eine wichtige Öffnung. Sein Bedarf ist größer geworden. Dennoch sagt er nicht: Dieser Bedarf ist jetzt dein Schicksal. Sie hört ihn und will trotzdem bleiben. Hilfe wird damit nicht mehr nur von der einen Seite angeordnet und von der anderen ausgeführt. Im gemeinsamen Blick auf die Stadt wird sie zu einer Richtung, die beide jeweils für sich bestätigen. Der spätere Tod macht den Preis schwerer. Er verwandelt aber ihre damalige Antwort nicht rückwirkend in eine Antwort, die nie die ihre gewesen wäre.
Anfangs sucht die Schwalbe nur einen Platz unter einem schützenden Dach. Am Ende wird sie zusammen mit einem gebrochenen Bleiherzen zum Kostbarsten der Stadt gewählt. Ihre Veränderung nimmt Ägypten nicht seine Wärme; die Bitte des Prinzen erwirbt kein Recht über alle Helfenden. Was die Geschichte einer nächsten Beziehung mitgeben kann, liegt vielleicht gerade in jener Aufforderung zur Abreise, die nicht von der Bedürftigkeit verschluckt wird: Du hast mir geholfen und kannst noch immer an deinen eigenen Ort gehen. Wenn du danach bleiben willst, sollte es ein Wollen sein, das auch du selbst aussprechen kannst.
Textgrundlagen
Unabhängig für deutsche Leser aus dem vollständigen chinesischen Essay geschrieben. Die besondere Text- und Druckgrundlage wird in der Versionsnotiz offengelegt. Wirkliche Hilfe, frühere Befehle, die erneut bekräftigte Entscheidung zu bleiben und der körperliche Preis werden nicht gegeneinander weggeredet; weder grenzenlose Opferpflicht noch berechnendes Vorwissen des Prinzen werden ergänzt.
Hinweise zur Fassung
Grundlage ist Oscar Wildes »The Happy Prince«, aufgenommen in »The Happy Prince and Other Tales« von 1888. Die chinesische Ausgangslesart bezieht sich auf den vollständigen englischen Text bei Project Gutenberg; dessen Vorsatz nennt den siebten Druck von 1910. Eine Einsicht in ein physisches Exemplar der Erstveröffentlichung von 1888 wird nicht behauptet. Erhalten bleiben der Befehlston beim Herausnehmen beider Augen, die ausdrückliche Aufforderung des erblindeten Prinzen, nach Ägypten zu ziehen, die erneute Bestätigung der Schwalbe, ihr späteres Sehen für ihn sowie sein Irrtum beim Abschied, sie werde nun nach Süden aufbrechen. Der Himmelsschluss bleibt als Geschehen der Erzählung erhalten und wird nicht rein weltlich versinnbildlicht. Aus der göttlichen Würdigung folgt keine allgemeine Pflicht, sich bis zum Tod zu opfern.