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Non Dubito

Strukturen in Märchen · 18

Als Ye Xians Fischknochen verstummen: Wie aus einer Hilfe ein königlicher Vorrat wird

Die Kraft hat auf die Bitten eines Mädchens geantwortet. Mit ihr reist sie in den Palast. Wer darf dort nun immer neue Forderungen stellen?

Han Qin ·

Am Anfang ist der Fisch klein, nur etwas mehr als zwei cun lang, gemessen in der traditionellen chinesischen Längeneinheit. Ye Xian hält ihn in einer Schale und hebt für ihn auf, was von ihrem eigenen Essen übrig bleibt. Er wächst Tag für Tag, bekommt größere Gefäße und passt schließlich in keines mehr. Erst dann setzt sie ihn in den Teich hinter dem Haus. Kommt sie ans Wasser, zeigt er den Kopf und legt ihn ans Ufer. Bei anderen Menschen erscheint er nicht. Diese Beziehung braucht keine Worte, um an unterschiedlichen Handlungen schon erkennbar zu sein.

Ye Xians Geschichte steht in der Fortsetzung des »Youyang zazu«. Die kurze Aufzeichnung erzählt, wie nach dem Tod des Vaters die Stiefmutter sie zum Holzholen an gefährliche Stellen und zum Wasserschöpfen in große Tiefe schickt. Und sie erzählt, wie das Mädchen in diesem Leben weiterhin den Fisch füttert. Noch hat er ihr weder Schmuck noch Kleider noch eine Möglichkeit gegeben, die Familie zu verlassen. Trotzdem sorgt sie schon für ihn. Am Anfang steht kein Tausch mit zugesicherter Gegenleistung. Niemand hat ihr gesagt, nach genügend langem Füttern werde sie ein anderes Leben bekommen.

Die Stiefmutter bemerkt, dass der Fisch sich nur Ye Xian zeigt. Unter dem Vorwand, ihr neue Kleider zu geben, nimmt sie die alten an sich und schickt das Mädchen anderswo Wasser holen. Dann zieht sie selbst die alten Sachen an, verbirgt ein Messer im Ärmel und tritt wie das Mädchen an den Teich. Der Fisch hebt den Kopf und wird getötet. Der Angriff gelingt gerade deshalb, weil eine wirkliche Beziehung besteht und ein Dritter deren Erkennungszeichen benutzen kann.

Die Kleider hat Ye Xian getragen. Die Person darin ist aber nicht sie. Der Fisch erkennt eine vertraute Ankunft, ohne noch genauer unterscheiden zu können. Wie er das alles versteht, wissen wir nicht; Gedanken müssen wir ihm nicht hinzudichten. Schon Füttern, Wiedererkennen, Benutzen der Kleidung und Töten machen die Tat der Stiefmutter zu mehr als bloßem Beutefang. Sie benutzt ein Vertrauen, das sie nicht selbst gewinnen konnte. Die Stelle eines anderen Menschen verschafft ihr für einen Augenblick Zugang.

Als Ye Xian zurückkommt, antwortet der Teich nicht mehr. Draußen weint sie. Da steigt jemand mit offenem Haar und grobem Gewand vom Himmel herab, erzählt ihr vom Tod des Fisches und verrät, wo seine Knochen liegen. Sie holt sie zurück, bewahrt sie nach der Anweisung im Haus auf und bittet sie um das, was sie braucht. Fortan bekommt sie Nahrung, Kleidung und Schmuck. Der Fisch kehrt nicht in seinem früheren Körper zurück. Doch in einer übernatürlichen Kraft antwortet diese Beziehung weiterhin auf ihr Leben.

Man sollte aus Ye Xian deshalb kein Mädchen machen, das nur überleben und keinesfalls schöne Dinge haben will. Die Aufzeichnung nennt ausdrücklich Gold, Perlen, Kleidung und Nahrung. Später besucht sie das Fest in einem türkisgrünen Gewand und goldenen Schuhen. Sie möchte schön aussehen, möchte nicht bloß zurückbleiben und die Früchte im Hof bewachen, sondern an einem Leben teilnehmen, das anderen schon offensteht. Ihre Freude an Schmuck verwandelt das frühere Füttern nicht rückwirkend in eine Geldanlage. Auch ist Hilfe nicht nur dann frei von Missbrauch, wenn sie das allernötigste Bedürfnis erfüllt.

Mit ihrer eigenen Tochter geht die Stiefmutter zuerst zum Fest. Ye Xian wartet, bis beide weit genug fort sind, und folgt. Die Stiefschwester findet, die Besucherin sehe Ye Xian sehr ähnlich; auch die Stiefmutter wird misstrauisch. In der Hast des Aufbruchs verliert Ye Xian einen goldenen Schuh. Jemand findet ihn, und über weitere Hände wird er in das Inselreich Tuohan verkauft. Nun beginnt eine andere Suche. Der Fisch hat einen Menschen über lange Fürsorge kennengelernt. Ein König versucht jetzt, von einem kunstvollen Kleidungsstück aus die zu finden, die es getragen hat.

Der Schuh ist leicht, auf Stein beim Auftreten nicht zu hören und so klein, dass er niemandem passt. Erst lässt der König die Menschen um sich probieren, dann die Frauen des Reiches; eine passende Trägerin findet er nicht. Er vermutet einen unrechtmäßigen Erwerb beim Verkäufer, sperrt ihn ein und lässt ihn foltern. Dadurch klärt sich die Herkunft nicht. Erst weitere Nachforschungen führen zu Ye Xian. Sie zieht den Schuh an und erzählt ihr Schicksal. Die Suche nach der ursprünglichen Besitzerin gelingt schließlich wirklich. Die vorher zugefügten Schmerzen werden dadurch aber nicht zu einer wirksamen Erkenntnismethode.

In ihrem früheren prächtigen Gewand tritt Ye Xian mit dem Schuh auf. Der König sieht einen außerordentlich schönen Menschen und hört, was sie erlebt hat. Er nimmt sie mit und macht sie zu seiner Frau. Behielte man nur Schuh, Identifizierung und Hochzeit, ließe sich das als Geschichte eines vernachlässigten Mädchens lesen, das endlich Anerkennung findet. Beim Aufbruch hält der alte Text jedoch eigens fest: Nicht nur Ye Xian wird mitgenommen. Auch die Fischknochen lässt der König verladen und in sein Reich bringen.

Bei diesem Nebeneinander sollten wir verweilen. Für Ye Xian sind die Knochen kein zufällig gefundenes fremdes Zauberding. Sie verbinden sich mit Füttern, Tötung, Tränen und später erfahrener Hilfe. Für den König sind sie zugleich etwas Wunderbares, das immer neue Schätze bringen kann. Beide Verhältnisse reisen zunächst zusammen. Doch verlangen sie nicht notwendig dieselbe Verwendung. Wenn jemand eine Ehe eingeht, wird dann die Kraft, die bisher sein Leben gestützt hat, zugleich etwas, worüber der andere verfügen darf?

Die Aufzeichnung erzählt nicht, dass Ye Xian dem König den Gebrauch der Knochen erlaubt. Sie erzählt auch nicht, dass sie ihn verhindert. Dieses Schweigen beweist keinen Zwang; es kann ebenso wenig an ihrer Stelle jede Erlaubnis erteilen. Sichtbar ist nur, dass nach der Rückkehr in den Palast jemand anderes die Bitten ausspricht. Zuvor bat das Mädchen um Kleidung, Nahrung und Schmuck. Nun verlangt der König fortwährend Schätze. Eine hörbare Antwort Ye Xians bleibt in diesem Abschnitt aus.

Der Text nennt das Begehren des Königs ausdrücklich gierig und berichtet, die Kostbarkeiten hätten sich zunächst nicht erschöpfen lassen. Das Verlangen ist hier also keine moderne Vermutung von außen; bereits die Aufzeichnung wertet es. Trotzdem lautet der Unterschied nicht einfach: Das Mädchen darf Schönes wünschen, der König tut mit jeder Bitte Unrecht. Auch Ye Xian wollte Schmuck. Näher liegt die Frage, wer nach der Ankunft im Palast aus einer Hilfe, die aus Fürsorge hervorgegangen ist, immer wieder etwas verlangen kann, ohne noch deren Zusammenhang erklären zu müssen.

Nach einiger Zeit antworten die Knochen nicht mehr. Sie sprechen keine Verweigerung aus. Weder heißt es, ihre Kraft sei verbraucht, noch zieht ausdrücklich eine Gottheit die Gabe zurück. Wir können sehen, dass zuerst das gierige Fordern und danach das Schweigen kommt. Daraus dürfen wir keine erzürnte Rede für das Schweigen erfinden. Wie die Hilfe verwendet wird, hat sich verändert; diese Veränderung lässt sich an Handlungen verfolgen. Warum sie insgesamt aufhört, bleibt dagegen in den wenigen Worten eingeschlossen: Sie antworteten nicht mehr.

Daraufhin vergräbt der König die Fischknochen zusammen mit vielen Perlen am Meeresufer und umgibt sie mit Gold. Später meutern Soldaten. Er will die Schätze ausgraben lassen, um das Heer zu versorgen, doch in einer Nacht verschlingt die Flut alles. Zur ausdrücklich genannten Gier tritt hier ein Bedarf an Mitteln in einem militärischen Aufruhr; diesen späteren Zweck muss man nicht als bloßes Privatvergnügen umdeuten. Dringender öffentlicher Bedarf beweist aber auch nicht rückwirkend, dass die frühere Beziehung von jeher dazu bestimmt war, jederzeit abrufbares Vermögen für ein Königreich anzusammeln.

Die Fischknochen scheinen drei verschiedene Stellungen zu durchlaufen. Zunächst sind sie die körperlichen Reste eines getöteten Gefährten. Dann werden sie zu einer Kraft, die auf die Bitten des Mädchens antwortet. Schließlich liegen sie neben Perlen und Gold als Vorrat bereit, der bei Bedarf genutzt werden soll. Alles geschieht in derselben kurzen Aufzeichnung. Doch wer etwas verlangt, aus welchem Grund und in welchem Bezug zur Vergangenheit, wechselt jedes Mal. Nennt man die Knochen von Anfang bis Ende nur einen »Schatz«, gehen diese Übergänge allzu glatt ineinander über.

Auch die übrigen Menschen ordnet die Erzählung nicht restlos einer sauberen Vergeltung unter. Die Stiefmutter und ihre Tochter sterben unter heranfliegenden Steinen; wer sie wirft, erfahren wir nicht. Die Menschen am Ort haben dann Mitleid mit ihnen, bestatten sie und begründen einen Kult. Das hebt ihre Taten nicht auf. Ihren Tod erleben aber auch nicht alle nur als Grund zum Jubeln. Für diese örtliche Erinnerung müssen wir keine einheitliche Haltung finden. Und die unterschiedliche Trauer darf nicht aus dem Ende verschwinden, bloß damit Ye Xians Sieg vollständig aussieht.

Ob Ye Xian nach der Aufnahme in den Palast immer glücklich bleibt, erzählt die Aufzeichnung ebenfalls nicht weiter. Dass sie zur Frau des Königs wird, verändert ihre Lage wirklich. Auch sein späteres Fordern ist wirklich erzählt. Es reicht aber nicht aus, um ihr den Rest des Lebens in einem neuen Gefängnis anzudichten. Wir sollten die Figur dort belassen, wo die kurze Geschichte sie tatsächlich zeigt. Nicht erzählter Widerstand, Gehorsam oder Schmerz ist kein Material, das wir zum besseren Gelingen eines Gedankens nachliefern dürfen.

Der Fisch im Teich hat einst den Kopf gezeigt, weil Ye Xian kam. Später führt der goldene Schuh den König zu ihr. Mit ihr gelangen die Knochen wiederum in eine andere Welt. Die ersten beiden Begegnungen verändern ihr Leben; die dritte Entwicklung treiben die Forderungen des Königs voran, bis die Flut auch das letzte Lager verschwinden lässt. Warum die Knochen verstummen, erklärt die Geschichte nicht. Sie lässt uns nur sehen: Zu Anfang kam das Mädchen mit den Resten seines Essens zu dem Fisch. Später wartet jemand anderes auf eine Antwort.

Textgrundlagen

Unabhängig auf Grundlage des vollständigen chinesischen Essays für deutsche Leser geschrieben. Die knappe alte Aufzeichnung bleibt die Grenze der Nacherzählung: weder eine lebenslange neue Gefangenschaft Ye Xians noch eine ausgesprochene Verweigerung der Knochen wird hinzuerfunden. Unterstützung, königliches Fordern und späterer Bedarf an Heeresmitteln werden zeitlich und sachlich auseinandergehalten.

Hinweise zur Fassung

Textgrundlage ist der Eintrag zu Ye Xian in Duan Chengshis »Youyang zazu«, Fortsetzung, Band 1, »Zhi Nuo Gao shang«, anhand der chinesischen Online-Transkription. Beibehalten werden nach dem gemeinsamen Rücktransport von Fischknochen und Ye Xian das Fordern von Schätzen, das Ausbleiben weiterer Antworten, die Vergrabung, der erst beim militärischen Aufruhr gefasste Plan, die Güter für das Heer auszuheben, und der Schluss mit der Flut. Der spätere militärische Bedarf wird nicht zum ursprünglichen Grund des Vergrabens vorverlegt. Die geraffte Syntax der Suche nach der Schuhbesitzerin wird nur so weit wie nötig nacherzählt. »Vor Qin und Han« am Anfang bezeichnet die von der Geschichte behauptete Zeit, nicht das Datum der erhaltenen Aufzeichnung. Aus dem am Ende genannten Li Shiyuan wird weder eine einzige ethnische Herkunft noch ein weltweiter Verbreitungsweg abgeleitet. Eine Variantenkollation der abweichenden Schriftzeichen liegt nicht vor. Der goldene Schuh wird nicht zum Glasschuh; weder für die fliegenden Steine noch für das Verstummen der Knochen werden Handelnde oder Ursachen ergänzt.