Strukturen in Märchen · 03
Der Frosch kommt mit einem Versprechen ins Schloss: Wie weit muss es erfüllt werden?
Die Königstochter hat Hilfe erhalten und ihr Wort nie ernst gemeint. Dafür muss sie antworten. Aber reichen Dank und Verlässlichkeit bis zum Anspruch auf ihren Teller, ihr Bett und eine Beziehung?
Als die goldene Kugel in den Brunnen fällt, weint die Königstochter bitterlich. Es ist ihr liebstes Spielzeug, und der Brunnen ist so tief, dass sie den Grund nicht sieht. Selbst kann sie die Kugel nicht holen. Ein Frosch streckt den Kopf aus dem Wasser und fragt nach seinem Lohn. Kleider, Perlen, Edelsteine, selbst ihre goldene Krone bietet sie sofort an. Er will nichts davon. Ihr Gefährte möchte er sein: bei ihr sitzen, vom selben goldenen Teller essen, aus demselben Becher trinken und nachts in ihrem Bett schlafen.
Sie verspricht es rasch, denkt aber etwas anderes: Ein Frosch gehöre zu seinesgleichen ins Wasser, wie solle er zum Gefährten eines Menschen werden? Erfüllen will sie die Wünsche nicht, nur die Kugel zurückbekommen. Der Frosch taucht hinunter und bringt sie ans Ufer. Sie greift zu und läuft ins Schloss. Hinter ihr ruft er, er könne nicht so schnell laufen, sie solle ihn mitnehmen. Sie dreht sich nicht um. Die Hilfe ist angekommen, der Helfer bleibt am Brunnen.
Man kann also nicht erst bei ihrer späteren Angst mit der Geschichte beginnen. Keine Todesdrohung zwingt sie, auch rettet sie mit dem Versprechen keine Angehörigen. Verloren hat sie ein Spielzeug. Sie nutzt eine Abmachung aus, von der sie glaubt, der andere könne sie nicht einfordern. Ihre Verachtung betrifft nicht bloß sein Äußeres, sondern auch die Vorstellung, seine Wünsche nicht ernst nehmen zu müssen. Er komme ohnehin nicht ins Schloss; mit dem Fortgehen dürften auch ihre Worte verschwinden.
Am nächsten Tag kommt der Frosch wirklich. Während sie mit dem Vater und dem Hof isst, klopft es. Sie sieht ihn vor der Tür, schlägt sie zu und kehrt erschrocken zum Tisch zurück. Der Vater lässt sich das Brunnengeschäft erzählen und befiehlt, zu öffnen. Sein Urteil ist einfach: Wer zugesagt hat, soll erfüllen. In der Not Hilfe anzunehmen und danach den Helfer zu verachten geht nicht.
Das trifft tatsächlich einen Fehler der Tochter. Können Hochgestellte mit einem nie ernst gemeinten Versprechen Dienstleistungen erhalten, bekommt die niedrigere Seite kaum wirklichen Zugang zur Vereinbarung. Sie hat den Rückweg ins Schloss; er hat nur ihr Wort. Dass der König seine Tochter nicht deshalb aus der Verantwortung entlässt, weil der andere ein Frosch ist, verdient Beachtung. Hilfe außerhalb der Palastmauer wiegt nicht weniger als die Tischordnung innerhalb.
Doch zunächst hat sie Besitz angeboten; was der Frosch schließlich fordert, ist eine Beziehung. Nicht nur ernsthaften Dank will er, sondern Gefährtenschaft, Eintritt in ihren Alltag, gemeinsames Geschirr und Bett. In einem einzigen Versprechen sehen diese Dinge leicht wie Teile desselben Lohns aus. Bei der Ausführung wird ihr Widerwille mit jeder Verkürzung des Abstands konkreter. Eine Hilfe ausgleichen und sich jemandem gern nähern lassen sich nicht durchweg auf dieselbe Weise leisten.
Der Frosch hüpft zu ihrem Stuhl und verlangt hinaufgehoben zu werden. Sie zögert, der Vater befiehlt. Dann kommt er auf den Tisch und bittet sie, den goldenen Teller näher zu schieben und mit ihm zu essen. Er isst zufrieden, sie bringt kaum etwas hinunter. Die Brüder Grimm überspringen ihre Abwehr nicht und erzählen auch nicht, dass aus Gehorsam langsam Zuneigung werde. Wenigstens bei diesem Essen ist die äußere Gemeinschaft schon hergestellt, die innere Bereitschaft aber nicht angekommen.
Abneigung allein beantwortet noch nicht alles. Ihre frühere Überheblichkeit könnte unter einem bloßen »Ich mag ihn nicht« fortbestehen. Wenn allein ihr Nichtmögen geschützt wird, muss sie am Ende womöglich weder ihr Versprechen einlösen noch sich dazu erklären. Trotzdem bedeutet Hilfe anzuerkennen und Verachtung zu unterlassen nicht, dass jede Nähe erzwungen werden darf. Für Täuschung kann ein Mensch verantwortlich gemacht werden; eine nicht vorhandene Freundschaft oder Liebe lässt sich deshalb nicht von ihm verlangen.
Nach dem Essen ist der Frosch müde und fordert Schlafzimmer und Bett. Sie weint, fürchtet den kalten Körper und will ihn nicht einmal anfassen. Wieder drängt der König, sie dürfe den Helfer nicht verachten. Mit zwei Fingern trägt sie ihn hinauf und setzt ihn in eine Ecke. Der väterliche Befehl, ein Versprechen zu halten, verschafft nun nicht mehr nur einem Gast einen Platz am Tisch. Er bestimmt auch, mit wem seine Tochter die Nacht im selben Raum verbringen muss.
In der Ecke bleibt der Frosch nicht. Am Bett verlangt er nochmals hinaufgehoben zu werden; sonst werde er es dem Vater sagen. Nun steht die Hofautorität hinter dem Anspruch des Helfers. Die Tochter kann die Forderung auch nicht durch eine geschlossene Tür beenden. Aus einem privaten Gespräch am Brunnen ist über den König ein Befehl geworden, der Palasttor, Speisesaal und Schlafzimmer durchquert. Bei jedem Schritt nach innen genügt derselbe Verweis: Du hast es versprochen.
Das Vorliegen eines Versprechens macht aber nicht jeden Inhalt mit Zwang durchsetzbar. Sie hätte nicht absichtlich täuschen dürfen; ebenso wenig hat der Frosch erst im Schloss den Preis erhöht. Das gemeinsame Bett nennt er schon am Brunnen. Sie kann nicht behaupten, die Forderung nie gehört zu haben. Dennoch wird Intimität dadurch nicht zur bereits ausgehändigten Sache. Zu wissen, was jemand will, ist etwas anderes, als für immer jeden Spielraum verloren zu haben, diese Annäherung abzulehnen.
Diese Grenze muss den Frosch nicht wieder zu etwas Wertlosem machen. Die Tochter muss sich weiter dazu verhalten, dass sie Hilfe erhielt und Vertrauen ausnutzte. Sie kann sich entschuldigen, ihre frühere Geringschätzung erklären und eine ihr mögliche Gegenleistung anbieten. Er darf unzufrieden sein, ihr künftig nicht helfen oder nicht mehr vertrauen. Das sind gewichtige Folgen. Sie erfordern aber nicht den Beweis der Ehrlichkeit durch ein gemeinsames Bett. Nicht jedes unerfüllbare Versprechen lässt sich nur durch Preisgabe körperlicher Grenzen reparieren.
Das Märchen lässt die drei keinen solchen Weg finden. Schließlich packt die Tochter den Frosch wütend und wirft ihn mit voller Kraft gegen die Wand. Die Grimm-Fassung von 1857 kennt weder den später so verbreiteten Kuss noch eine sanfte Annahme nach wachsendem Verständnis. Kaum ist der zornige Wurf geschehen, steht ein Königssohn mit schönen, freundlichen Augen da. Die Geschichte wechselt plötzlich von einer beunruhigend erzwungenen Annäherung zu Erlösung und Heirat.
Die Verwandlung ändert das Gegenüber, erklärt aber nicht alles Vorherige auf dieselbe Weise. Beim Werfen weiß sie nicht, dass sie jemanden erlösen kann. Der folgende magische Erfolg macht Verletzen nicht zum nachahmenswerten Verfahren. Auch die Verwünschung durch eine böse Hexe entbindet den Frosch nicht davon, sich zu seinen früheren Ansprüchen auf intime Räume zu verhalten. Das Ergebnis führt beide aus der Not, beweist aber nicht, dass gerade dieser Weg zuvor allein vernünftig gewesen wäre.
Der Prinz erzählt, er sei verwünscht gewesen und nur sie habe ihn vom Brunnen erlösen können. Das kommt spät. Beim Versprechen weiß sie es nicht, beim Durchsetzen fragt auch der Vater nicht danach. Zuvor wirken der Wunsch nach der Kugel, eine Deutung des Versprechens und ein königlicher Befehl. Selbst wenn der Zauber noch unbekannte Bedingungen hätte, darf ein später enthülltes Geheimnis nicht rückwirkend zu einer Aufgabe werden, die sie bereits angenommen habe. Dass an ihr eine wichtige Hoffnung hängt, bedeutet nicht, dass sie unwissend deren Erfüllung zugesagt hat.
Anschließend wird er nach dem Willen des Vaters ihr lieber Gefährte und Gemahl. Ein kurzer Satz vollzieht die Märchenheirat, ohne zu entfalten, wie sie die Veränderung versteht. Freut sie sich über die neue Gestalt? Will sie nun erneut ein gemeinsames Leben? Lange lässt die Geschichte sie nicht sprechen. Weder haben wir Grund, ihr ein lebenslanges Unglück zu erfinden, noch dürfen wir wegen der erfolgten Heirat eine ausführliche Bestätigung ihrer Bereitschaft ergänzen, die im Text fehlt.
Noch ist die Geschichte nicht zu Ende. Am nächsten Tag kommt eine prächtige Kutsche; hinten steht Heinrich, der Diener des Prinzen. Als sein Herr zum Frosch wurde, fürchtete er, sein Herz könne vor Kummer zerspringen, und ließ drei eiserne Bande darum legen. Nun hilft er den beiden in den Wagen und begleitet sie. Es kracht unterwegs. Der Prinz glaubt, der Wagen breche; Heinrich erklärt, die eisernen Bande um sein Herz sprängen auf.
Mit Heinrich erscheint eine andere Nähe in derselben Geschichte. Er hat am Brunnen keinen Lohn ausgehandelt und begleitet den Herrn nicht erst auf königlichen Befehl. Seine Treue besteht schon lange; bei der Rückkehr löst Freude die Bande eines nach dem anderen. Das bestreitet nicht Rang und Pflichten eines Dienerlebens. Nur geht wenigstens in diesem Schluss das Gefühl von ihm selbst aus. Vorn versucht man mühsam, durch ein Versprechen einen Gefährten zu gewinnen; hinten ist jemand längst im Kummer mit dem Herrn verbunden. Auch ohne dies für einen absichtlich gebauten Autorenvergleich zu erklären, können Leser den Unterschied spüren.
Die Tochter muss lernen, einen Helfer ernst zu nehmen, den sie nicht achtet. Der Frosch braucht aber nicht bloß jemanden, der auf Befehl an seiner Seite bleibt. Der König schützt Verlässlichkeit, darf deshalb jedoch nicht aufhören zu sehen, wohin das Versprechen reicht. Was jede Seite wichtig findet, ist nicht unecht. Das Problem entsteht, wenn alles im selben »Es muss erfüllt werden« die Grenzen zueinander verliert.
Die Kugel ist wieder da; eine Beziehung lässt sich nicht ebenso vollständig abliefern. Ein Versprechen kann Erklärung, Ausgleich und das Ende einer Täuschung verlangen und dem anderen Gründe geben, Vertrauen zurückzunehmen. Reicht es aber ans Bett eines Menschen und verlangt Liebe und lebenslange Gemeinschaft, kann nicht allein die gestrige Antwort gelten. Die Kutsche fährt davon, Heinrichs Bande brechen vor Freude. Vielleicht bleibt mehr zu fragen als nach der unversehrt zurückgewonnenen Kugel: Wie kann eine Beziehung ohne Befehl bei den Menschen selbst beginnen?
Textgrundlagen
Unabhängige vollständige deutsche Neufassung des chinesischen Leseressays. Die Lektüre folgt der unten bezeichneten Grimm-Fassung mit dem Wurf gegen die Wand und Heinrich, nicht der späteren Kussfassung. Erklärung und Ausgleich nach einem missachteten Versprechen werden von einem Anspruch auf erzwungene Nähe unterschieden, ohne eine ungeschriebene Zustimmung oder ein ungeschriebenes Lebensunglück hinzuzuerfinden.
Hinweise zur Fassung
Textgrundlage: Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, siebte Auflage 1857, Nr. 1, Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich, nach dem deutschen Text dieser Auflage und der englischen Übersetzung von Margaret Hunt, Nr. 1. Der Essay deutet, statt Satz für Satz zu übersetzen. Er erhält die goldene Kugel statt einer Lebensgefahr, den schon anfangs ausdrücklich genannten Wunsch nach dem gemeinsamen Bett, die fehlende Erfüllungsabsicht der Königstochter, den väterlichen Zwang, den Wurf gegen die Wand als Entzauberung und das Ende mit Heinrich. Die Frage nach Grenzen der Intimität ist die Lektüre dieses Essays, keine als ursprünglich ausgegebene Grimm-Moral. Der magische Erfolg rechtfertigt Gewalt nicht allgemein.