Geben ist in Beziehungen selten völlig erwartungslos. Wir schenken Zeit, ändern Pläne, stellen Mittel bereit und hoffen, dass der andere in unserer Not ebenfalls bleibt. Diese Hoffnung ist nicht kleinlich. Wenn einer dauerhaft trägt und der andere nur empfängt, entstehen Erschöpfung und das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.

Doch auf Erwiderung zu hoffen bedeutet nicht, sie bereits zu besitzen. Im Innern kann eine Rechnung entstehen: Ich habe damals verzichtet, also musst du heute verzichten. Ich blieb in deiner Krise, also darfst du mich nie verlassen. Was als Hilfe begann, wird zu einem Vertrag, dessen Bedingungen der Empfänger erst Jahre später erfährt.

Beziehungen dürfen Absprachen über Austausch enthalten. „In dieser Phase trage ich mehr, danach brauche ich deine Unterstützung“ ist eine klare Vereinbarung. Sie gibt beiden die Möglichkeit, Bedingungen zu verstehen, abzulehnen oder zu verändern. Eine einseitige Gabe kann dagegen nicht von sich aus eine Pflicht erzeugen, über die der andere nie mitentschieden hat.

Das befreit Empfänger nicht von jeder Verantwortung. Wer weiß, dass ein naher Mensch ständig große Lasten übernimmt, ohne je nach seinem Preis zu fragen oder im Rahmen seiner Möglichkeiten zu antworten, behandelt ihn leicht als selbstverständlich. Verantwortung entsteht auch aus Vertrauen und gelebter Abhängigkeit. Sie sollte aber konkret werden: Was wurde erbeten, was freiwillig getan, was gemeinsam versprochen?

Besonders gefährlich ist es, wenn große Leistung zum Anspruch auf die Richtung des anderen wird. „Weil ich am meisten getragen habe, weiß ich am besten, was du brauchst.“ Wer gemeinsame Mittel beisteuert, darf über ihre weitere Verwendung mitbestimmen und Unterstützung beenden. Er darf sagen: „So kann ich nicht weiterhelfen.“ Daraus folgt nicht: „Also musst du dein Leben nach meiner Vorstellung führen.“

Erwartungen früh auszusprechen kann liebevoller sein als scheinbar bedingungsloses Geben. „Diesmal kann ich es übernehmen, aber nicht als dauerhafte Ordnung.“ „Wenn ich so weitertrage, brauche ich eine Veränderung.“ Solche Sätze klingen weniger romantisch, erlauben dem anderen aber, wirklich an der Beziehung teilzunehmen.

Viel gegeben zu haben berechtigt zu einem Gespräch, zur Neuverteilung von Verantwortung und zum Ende eigener Leistungen. Es unterschreibt jedoch nicht anstelle des anderen eine unbegrenzte Rückzahlungspflicht. Nicht jede nicht erwiderte Erwartung ist Betrug.

Gegenseitigkeit heißt nicht, jede einzelne Gabe auszugleichen. Sie heißt, das Getragene sichtbar werden zu lassen und diese Tatsachen in künftige Entscheidungen einzubeziehen, ohne vergangene Hilfe in Eigentum an der Zukunft eines Menschen zu verwandeln.