Ein Mensch kann umsorgt sein und sich trotzdem einsam fühlen. Der Partner kennt seine Gewohnheiten, erkennt Müdigkeit und bleibt bei ihm, wenn er traurig ist. Doch sobald eine echte Entscheidung ansteht, verändert keiner seiner Gründe etwas. Sorgen werden beruhigt, ein Nein als Angst erklärt, ein Hinweis auf ungleiche Lasten mit Stress beantwortet.
Gefühle werden gesehen, die Sache bleibt stehen. Die Stimme liefert Informationen über den Sprechenden, aber keine Gründe über die Welt. Er darf leiden, doch aus seinem Leiden darf nicht folgen, dass eine Vereinbarung verändert werden muss. Er wird als jemand behandelt, dessen Wohlbefinden wichtig ist, nicht als jemand, der miturteilt.
Diese Einsamkeit unterscheidet sich von bloßer Uneinigkeit. Zwei Menschen können einander gründlich zuhören und dennoch verschiedene Schlüsse ziehen. Wenn mein Grund beantwortet wird, wenn sichtbar ist, an welcher Tatsache oder Gewichtung der Widerspruch liegt, bin ich am Gespräch beteiligt, auch wenn ich nicht gewinne.
Wo Gründe nie zählen, weicht die Antwort ihnen ständig aus. „Das Risiko liegt immer bei mir“ wird zu „Du machst dir zu viele Sorgen“. „Ich will dieses Leben nicht“ wird zu „Du hast dich noch nicht daran gewöhnt“. Jeder Satz kann teilweise wahr sein und dennoch dasselbe leisten: Mein Urteil erscheint nie als Urteil.
Oft erkennen wir nur ruhig und geordnet vorgetragene Gründe an. Wer unter Druck verwirrt spricht, scheint nur Gefühl zu haben. Ausdrucksfähigkeit und Vorhandensein eines Grundes sind jedoch nicht dasselbe. Gefühl kann ein Urteil verzerren, aber auch anzeigen, wie viel auf dem Spiel steht. Tatsachen müssen geklärt werden, ohne den weniger Gewandten vom Urteilen auszuschließen.
Nicht jeder Grund hat dasselbe Gewicht. Manche werden durch bessere Tatsachen widerlegt, manche Wünsche verlangen Unzumutbares. Wichtig ist, dass sie zunächst als Gründe geprüft werden. Statt „Du hast nur Angst“ könnte man fragen: „Würdest du auch ohne diese Angst ablehnen?“ Statt „Du bist empfindlich“: „Was ist konkret geschehen, und was hat es an deiner Möglichkeit zu wählen verändert?“
Der Satz „Ich bin noch nicht sicher, dass du recht hast, aber dein Grund zwingt uns, die Sache neu anzusehen“ löst den Konflikt nicht. Er bringt den Menschen jedoch zurück an den gemeinsamen Tisch. Geliebt zu werden heißt nicht nur, gut behandelt zu werden. Es heißt auch, dass das eigene Warum die Welt des anderen erreichen darf.
Die tiefste Einsamkeit besteht vielleicht nicht darin, dass niemand die Gefühle versteht. Sie besteht darin, dass jemand jede Regung kennt, aber nie zulässt, dass das Urteil, auf das sie zeigt, irgendetwas verändert. Der andere muss nicht zustimmen. Er darf das Warum nur nicht schon vor seinem Erscheinen für ungültig erklären.