Essay 1: Freiwillige Machtübergabe – ein scheinbar geschlossener Aufbau
Die Erzählungen von den Drei Erhabenen und den Fünf Kaisern haben etwas Merkwürdiges: Je weiter sie zurückreichen, desto mehr gleichen sie Mythen. Mit Yao, Shun und Yu klingen sie plötzlich nach politischer Theorie.
Die Erzählungen von den Drei Erhabenen und den Fünf Kaisern haben etwas Merkwürdiges: Je weiter sie zurückreichen, desto mehr gleichen sie Mythen. Mit Yao, Shun und Yu klingen sie plötzlich nach politischer Theorie.
Fuxi zeichnet die Trigramme, Nüwa flickt den Himmel, Shennong kostet hundert Kräuter. Das sind Bilder für die Anfänge der Zivilisation. Man kann sie wie Gedichte lesen; niemand verlangt, dass man sie für bare Münze nimmt. Doch dann überlässt Yao die Herrschaft Shun, Shun überlässt sie Yu, Yu überlässt sie Yi. Da ändert sich die Art der Erzählung. Sie ist kein Sinnbild mehr. Sie will wörtlich genommen werden. Sie verlangt von uns zu glauben, dass es in jener fernen Zeit tatsächlich eine Form der Machtübergabe gab, die ohne Blutsverwandtschaft und ohne Gewalt auskam. Ihr Fundament war die Tugend.
Spätere Generationen nannten das Shanrang: die freiwillige Übergabe der Herrschaft an den Würdigsten.
Schon das Wort ist aufschlussreich. Shan bezeichnet das Opfern an Himmel und Erde, rang das Abtreten. Zusammengenommen heißt das: Die Macht, die ich vom Himmel empfangen habe, übergebe ich einem Menschen, der ihrer würdiger ist als ich. Das ist kein bloßer Rücktritt, kein Verzicht auf den Thron und auch kein anständiges Zeremoniell, das man einer Machtübernahme nachträglich anheftet. Darin steckt eine vollständige politische Logik: Das Mandat des Himmels ist übertragbar. Maßstab für seine Übertragung ist die Tugend. Vollzogen wird sie, indem der amtierende Herrscher aus eigenem Antrieb einen Nachfolger auswählt und ihn über lange Zeit prüft.
Wenn diese Logik trägt, ist sie in sich stimmig. Sie beantwortet zugleich zwei Grundfragen der politischen Philosophie: Warum gerade du – die Frage nach der Legitimität. Und wer kommt nach dir – die Frage nach der Nachfolge. Die Antwort lautet beide Male: Tugend. Dank der eigenen Tugend gelangt man an die Macht; nach der Tugend wählt man den Nächsten aus. Das System könnte unbegrenzt weiterlaufen. Es bräuchte keine Dynastien, keine Revolutionen, kein Blutvergießen.
In ihrem tiefsten Inneren entkam Chinas politische Vorstellungskraft auch in den folgenden zweitausend Jahren nie der Anziehung dieses Modells. Bei jeder Krise, bei jedem Umbruch holte jemand das Shanrang hervor: als Ideal, als Werkzeug oder als Feigenblatt. Es ist die Schöpfungserzählung der chinesischen Politik. Sein Rang entspricht dem der Polis bei den Griechen, der Republik bei den Römern und des Bundes bei den Hebräern.
Es lohnt sich also, eine Frage ernsthaft zu stellen: Warum ist dieser Aufbau gescheitert?
I. Wie der Aufbau funktioniert
Rekonstruieren wir zunächst, wie das Shanrang im Einzelnen funktionieren sollte.
Yao war seit siebzig Jahren an der Macht, als er sich alt fühlte und die Vier Berge, die Oberhäupter der Fürsten in den vier Himmelsrichtungen, nach einem Nachfolger fragte. Sie empfahlen Shun. Shun war damals ein einfacher Mann, lebte am Berg Li und war für seine kindliche Pietät bekannt. Sein Vater Gusou bevorzugte Xiang, den Sohn seiner zweiten Frau, und schmiedete mehrfach Pläne, Shun zu schaden. Shun vereitelte sie jedes Mal, trug seinem Vater nichts nach und erfüllte weiter seine Pflichten als Sohn.
Gewöhnlich liest man das als moralische Erzählung: Shun war ein vorbildlicher Sohn und deshalb würdig, Sohn des Himmels zu werden. Aus der Perspektive des Aufbaus erzählt sie jedoch etwas anderes. Shun konnte in einer kleinen, von Bosheit beherrschten Umgebung Ordnung erhalten, ohne Gewalt anzuwenden. Das war ein Extremtest seiner Regierungsfähigkeit. Wer nicht einmal mit der eigenen Familie zurechtkommt, wird auch mit dem Reich nicht zurechtkommen. Wer seine Familie nur durch Unterdrückung und Gewalt in den Griff bekommt, wird das Reich ebenfalls mit Unterdrückung und Gewalt regieren. Shun unterwarf sich weder, noch suchte er die Konfrontation. Er setzte beharrlich auf Wohlwollen, bis die Bosheit keinen Ansatzpunkt mehr fand.
Yao hörte sich die Geschichte nicht einfach an und entschied dann. Er gab Shun seine beiden Töchter Ehuang und Nüying zur Frau und beobachtete, wie dieser seine Familie führte. Er machte ihn zum Regenten und ließ ihn konkrete Regierungsgeschäfte erledigen. Nach dem Shangshu, dem Buch der Urkunden, dauerte diese Prüfung achtundzwanzig Jahre. Achtundzwanzig Jahre. Fast eine ganze Generation.
Geprüft wurde nicht nur sein Können. Was Yao wirklich wissen wollte, war: Würde die Nähe zur Macht Shun verderben? Während seiner achtundzwanzig Jahre als Regent besaß Shun tatsächliche Macht, aber noch nicht den Titel. Kaum eine Stellung nährt den Ehrgeiz stärker. Hätte er begonnen, sich eine eigene Machtbasis aufzubauen, Andersgesinnte auszuschalten und Yao zur bloßen Fassade zu machen, wäre er der Nachfolge nicht würdig gewesen. Im Kern war die Prüfung ein Langzeit-Stresstest der menschlichen Natur.
Shun bestand. Nach Yaos Tod – oder nach dessen Abdankung – bestieg er offiziell den Thron. Mit Yu verfuhr er anschließend ähnlich. Yu arbeitete dreizehn Jahre an der Bändigung der Fluten, kam dreimal an seiner eigenen Haustür vorbei, ohne einzutreten, und bewies sich durch konkrete Leistungen für das Gemeinwesen. Shun prüfte Yu siebzehn Jahre lang.
Legt man diese Einzelheiten nebeneinander, wird die Struktur des Shanrang-Aufbaus erkennbar. Er besteht aus fünf Elementen:
Erstens steht der Kreis der Kandidaten offen. Shun war ein einfacher Mann, kein Adliger. Das System konnte seine Kandidaten also theoretisch aus dem ganzen Reich wählen.
Zweitens beruht die Empfehlung auf einer mittleren Ebene. Die Vier Berge entdecken und empfehlen geeignete Kandidaten. Der Herrscher zieht nicht selbst durchs Volk und veranstaltet ein reichsweites Casting.
Drittens ist die Prüfungszeit außerordentlich lang. Kein Vorstellungsgespräch, kein Probejahr: Beobachtet wird in Jahrzehnten. Lange genug, um jede Verstellung zu durchschauen.
Viertens umfasst die Prüfung mehrere Dimensionen: die Haltung innerhalb der Familie, sichtbar im Umgang mit Gusou und Xiang; die Fähigkeit zu regieren, erprobt in der Regentschaft; die Beständigkeit des Charakters, der trotz langjähriger Nähe zur Macht nicht verdirbt; und die fachliche Leistung, bewiesen bei der Bändigung der Fluten.
Fünftens geht die Übergabe vom amtierenden Herrscher aus. Kein automatischer Wechsel nach Ablauf einer Amtszeit, kein erzwungener Abgang. Der Herrscher selbst kommt zu dem Urteil: „Ich sollte jetzt Platz machen.“
Zusammen ergeben diese fünf Elemente ein theoretisch äußerst ausgeklügeltes System. Das Auswahlproblem wird durch einen offenen Kandidatenkreis und eine mehrdimensionale Prüfung gelöst; das Legitimitätsproblem durch Tugend und die Übertragbarkeit des Himmelsmandats; das Übergangsproblem durch eine lange Regentschaft, die den reibungslosen Wechsel ermöglicht. Könnte dieses System dauerhaft funktionieren, wären der politischen Geschichte der Menschheit viele Umwege erspart geblieben.
Aber es kann nicht dauerhaft funktionieren.
II. Die verborgenen Voraussetzungen des Aufbaus
Jeder Aufbau erscheint deshalb geschlossen, weil seine Voraussetzungen im Verborgenen bleiben. Holt man sie hervor, werden die Risse sichtbar.
Der Shanrang-Aufbau hat mindestens drei solcher Voraussetzungen.
Erste Voraussetzung: Der amtierende Herrscher kann und will wahre „Tugend“ erkennen.
Auf welche Informationen stützte Yao sich, als er Shun auswählte? Die Empfehlung der Vier Berge war der Ausgangspunkt, doch das abschließende Urteil fällte Yao selbst. Dass er achtundzwanzig Jahre darauf verwendete, es zu überprüfen, zeigt, dass auch er seiner Sache nicht völlig sicher war. Doch selbst in achtundzwanzig Jahren konnte er nur prüfen, wie Shun sich innerhalb seines Einflussbereichs verhielt. Wie war Shun außerhalb dieses Bereichs? Wie würde er sein, wenn er absolute Macht besäße? Das konnte Yao nicht prüfen. Solange Yao lebte, blieb Shun der Geprüfte, nicht der Herrscher.
Mit anderen Worten: Der Shanrang-Aufbau verlangt vom Herrscher ein Urteil, das sich nie vollständig überprüfen lässt. Anschließend soll er das ganze Reich darauf setzen. Das ist keine institutionelle Ordnung. Das ist Glücksspiel. Der Einsatz ist das Reich. Gewettet wird darauf, dass ein Mensch einen anderen nach achtundzwanzig Jahren Beobachtung richtig einschätzt.
Zweite Voraussetzung: Der Auserwählte verändert die Auswahlmaßstäbe nicht, sobald er die Macht erhalten hat.
Shun wurde wegen seiner „Tugend“ ausgewählt. Auch Shun wählte Yu nach dessen „Tugend“. Doch wer bestimmt, was Tugend ist? Der amtierende Herrscher. Verstand Yao darunter dasselbe wie Shun? Verstand Shun darunter dasselbe wie Yu? Auf dem Papier sieht es so aus. Doch in jedem konkreten politischen Urteil wird neu ausgelegt, was als Tugend gelten soll.
Der Shanrang-Aufbau besitzt folglich keinen Maßstab, der von den Menschen unabhängig wäre, die ihn betreiben. Der Maßstab steckt in ihrem persönlichen Urteil. Wechseln die Menschen, kann auch der Maßstab verrutschen. Über drei Generationen mag die Verschiebung gering sein. Aber über zehn? Über zwanzig?
Dritte Voraussetzung: Der amtierende Herrscher ist bereit, aus eigenem Antrieb auf die Macht zu verzichten.
Das ist die gefährlichste Voraussetzung. Shanrang verlangt vom Machthaber, selbst zu entscheiden: „Ich sollte jetzt Platz machen.“ Und dann tatsächlich Platz zu machen. Das widerspricht der grundlegenden Dynamik von Macht. Nicht, weil die menschliche Natur egoistisch wäre; diese Erklärung ist zu grob. Sondern weil Macht die Wahrnehmungs- und Denkstruktur ihres Inhabers verändert. Wer seit vierzig Jahren regiert, dessen Fähigkeit, zwischen „Das Reich braucht mich“ und „Das Reich braucht mich nicht mehr“ zu unterscheiden, ist selbst längst von der Macht zerfressen. Die Menschen um ihn herum geben ihm keine ehrlichen Rückmeldungen. Informationen erreichen ihn erst nach zahllosen Filtern. Sein Selbstbild entfernt sich immer weiter von der Wirklichkeit. Unter solchen Bedingungen das Urteil „Ich sollte jetzt Platz machen“ zu verlangen, heißt: Ein Mensch, der seine Urteilskraft bereits verloren hat, soll sein wichtigstes Urteil fällen.
Nimmt man diese drei Voraussetzungen zusammen, liegt die Verletzlichkeit des Shanrang-Aufbaus offen. An jeder Stelle, an der ein Mensch ihn in Gang hält, muss ein Weiser sitzen. Kein bloß guter Mensch, kein bloß fähiger Mensch, sondern ein Weiser: einer, der Tugend erkennen kann, bereit ist, Macht aufzugeben, und während langer Herrschaft seine Urteilskraft nicht verliert.
Weise lassen sich nicht institutionell herstellen. Institutionen können Beamte ausbilden, Soldaten trainieren und Prüfungskandidaten auswählen. Weise können sie nicht hervorbringen. Weise sind ein Rest.
III. Wo der Rest bleibt
Unter der Oberfläche des Shanrang-Aufbaus bestanden immer mindestens drei Reste fort.
Der erste Rest: Blutsverwandtschaft.
Yao hatte einen Sohn, Danzhu. Shun hatte einen Sohn, Shangjun. Yu hatte einen Sohn, Qi. Jede freiwillige Machtübergabe bedeutete, den eigenen Sohn zu übergehen und die Herrschaft einem Außenstehenden anzuvertrauen.
Es lohnt sich, genau hinzusehen, wie das Shiji, die Aufzeichnungen des Historikers, damit umgeht. Sima Qian schreibt, Yao habe gewusst, dass Danzhu unwürdig sei, „nicht würdig, die Herrschaft über das Reich zu erhalten“. Ebenso hielt Shun seinen Sohn Shangjun für unwürdig. Beide Übergaben werden nach demselben Muster erzählt: „Der Sohn war nun einmal ungeeignet, also musste man jemand anderen wählen.“
Schon diese Erzählstrategie ist ein Beleg. Sie zeigt, dass in Sima Qians Denkschema die erbliche Nachfolge der Normalfall war. Shanrang war nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Eine Ausnahme braucht einen Grund. Der Grund lautet: „Der Sohn taugt nicht.“
Was aber, wenn Danzhu getaugt hätte? Wenn Shangjun getaugt hätte? Die Erzählung beantwortet das nicht. Eine Antwort würde nämlich das Fundament der ganzen Shanrang-Erzählung erschüttern. Ihre Legitimität beruht auf dem Grundsatz „Tugend vor Blut“. In der Praxis tritt dieser Grundsatz aber erst dann in Kraft, wenn die Erbfolge versagt. Er ist die Ausweichlösung, nicht die Voreinstellung.
Als Rest wurde die Blutsverwandtschaft vom Shanrang-Aufbau niemals beseitigt. Sie wurde unterdrückt, beiseitegeschoben, von der Erzählstrategie „Der Sohn war nun einmal ungeeignet“ verdeckt. Doch sie war die ganze Zeit da und wartete auf den Augenblick ihrer Freisetzung.
Der zweite Rest: Gewalt.
Was liegt auf der anderen Seite der Shanrang-Erzählung? Die Überlieferung, Shun habe Yao gefangen gesetzt.
In den Bambusannalen heißt es: „Als einst Yaos Tugend schwand, wurde er von Shun eingesperrt.“ Han Feizi formuliert es noch direkter: „Shun bedrängte Yao, Yu bedrängte Shun, Tang verbannte Jie, König Wu zog gegen König Zhou. Diese vier Könige waren Untertanen, die ihren Herrscher töteten.“
Ob diese Berichte wahr sind, ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass es sie gibt. Sie zeigen, dass in der Zeit vor der Qin-Dynastie eine andere Lesart des Shanrang nie verstummt war: als Beschönigung einer gewaltsamen Machtübernahme. Die Legalisten übernahmen diese Lesart ohne Zögern.
Schon das Nebeneinander beider Erzählungen zeigt, dass der Shanrang-Aufbau nie eine unbestreitbare Geschlossenheit erreicht hat. Ein hinreichend stimmiger Aufbau muss nicht immer wieder verteidigt werden, weil alternative Deutungen nur schwer Zugkraft gewinnen. Die Shanrang-Erzählung muss unablässig verteidigt werden, weil die Gewalterzählung als Alternative immer vorhanden ist. Gewalt ist ein Rest dieses Aufbaus. Das heißt nicht, dass jede Machtübergabe gewaltsam gewesen wäre. Es heißt, dass Gewalt als Möglichkeit nie ausgeschlossen wurde. Sie lauerte immer im Schatten des Aufbaus.
Der dritte Rest: Größe.
Zur Zeit Yaos, Shuns und Yus – wenn wir vorläufig von der historischen Existenz dieser Herrscher ausgehen – waren politische Gebilde winzig. Das sogenannte Reich bestand womöglich nur aus einigen Stammesbünden am Mittel- und Unterlauf des Gelben Flusses. In dieser Größenordnung konnte ein Herrscher die Kandidaten persönlich kennen. Die Vier Berge konnten verlässliche Informationen liefern. Eine achtundzwanzigjährige Prüfung war praktisch durchführbar.
Sobald ein politisches Gebilde jedoch wächst, bricht die operative Grundlage des Shanrang-Aufbaus weg. In einem Staat, der sich über tausend Li erstreckt und eine Million Menschen zählt, kann man den „tugendhaftesten Menschen“ nicht durch das persönliche Urteil eines Einzelnen ermitteln. Es fehlen die Informationen. Es fehlt die Zeit. Es fehlt die geistige Verarbeitungskapazität.
Größe ist ein schweigender Rest. Beim Entwurf des Aufbaus denkt niemand an sie, weil seine Entwerfer in einer kleinräumigen Welt leben. Doch Zivilisation bewegt sich in Richtung Ausdehnung, in Richtung unumkehrbaren Wachstums. Die grundlegenden Annahmen des Shanrang-Aufbaus – ausreichende Information, verlässliches persönliches Urteil, eine hinreichend lange Prüfungszeit – vertragen sich allesamt nicht mit wachsender Größe. Die Ausdehnung ist nicht der Feind dieses Aufbaus. Sie ist sein Schicksal.
IV. Von Yu zu Qi – das Ende des Aufbaus und die Freisetzung des Rests
Kehren wir zu jenem entscheidenden Augenblick zurück.
In seinen späten Jahren bestimmte Yu gemäß dem Brauch des Shanrang Yi zu seinem Nachfolger. Yi, auch Boyi genannt, war während der Flutbändigung einer seiner wichtigsten Helfer gewesen. Weil er sich dabei verdient gemacht hatte, schlug Yu ihn für die Nachfolge vor. Theoretisch war das dasselbe Muster wie bei Yaos Wahl Shuns und Shuns Wahl Yus.
Doch diesmal kam es anders. Nach Yus Tod gelangte Yi nicht auf den Thron. Das Shiji schildert den Vorgang so:
Yu übergab Yi die Macht. Doch die Fürsten erschienen nicht zur Huldigung bei Yi, sondern bei Qi. Daraufhin bestieg Qi den Thron.
In diesen wenigen Worten steckt ungeheuer viel. Mindestens drei Dinge werden deutlich:
Erstens reichte Yus persönlicher Wille nicht mehr aus. Als Yao Shun wählte, genügte Yaos Autorität, um die Übergabe zu sichern. Als Shun Yu wählte, genügte auch Shuns Autorität. Bei Yus Wahl Yis konnte die persönliche Autorität des Herrschers erstmals eine konkurrierende Machtlogik nicht mehr unterdrücken. Vielleicht hing das mit Yus im Vergleich zu Yao kürzerer Regierungszeit zusammen. Vielleicht hatte Yu auch so viel Kraft auf die Flutbändigung verwendet, dass er den Aufbau einer politischen Basis für Yi vernachlässigte. Der grundlegende Fehler war jedoch, dass dem Shanrang-Aufbau eine institutionelle Absicherung fehlte. Jede Übergabe hing an der persönlichen Autorität des Herrschers. Wurde sie schwach, versagte der Aufbau.
Zweitens folgte die Wahl der Fürsten dem Grundsatz: Blut geht vor. „Alle Fürsten verließen Yi und huldigten Qi.“ Sie wählten Yus Sohn, nicht den von Yu bestimmten Nachfolger. In ihrem Denkschema war die Erbfolge also seit jeher die rechtmäßige Ordnung. Shanrang war die Ausnahme, die mit Nachdruck durchgesetzt werden musste. Ließ der Nachdruck nach, kehrte die Voreinstellung von selbst zurück.
Drittens besaß Qi selbst Macht. Hier kam kein unfähiger, verwöhnter Sohn allein dank seiner Abstammung nach oben. Qi war fähig, hatte Anhänger und verfügte über eine eigene politische Basis. Vor die Wahl zwischen Yi und Qi gestellt, entschieden sich die Fürsten für den Stärkeren. Der Shanrang-Aufbau unterlag also nicht nur der Logik des Blutes, sondern auch der Logik tatsächlicher Macht. Zwei Reste wirkten gleichzeitig.
Die Bedeutung des Übergangs von Yu zu Qi für Chinas politische Geschichte lässt sich kaum überschätzen. Es ging nicht einfach darum, dass „aus dem Reich aller das Reich einer Familie wurde“. Das ist ein Ergebnis, keine Analyse. Was dieser Übergang wirklich beweist, ist Folgendes:
Wenn ein Aufbau nur funktioniert, solange seine Beteiligten einen instinktiven Impuls unablässig zügeln, dann ist seine Geschlossenheit eine Täuschung.
Shanrang verlangt vom Herrscher, den Impuls zu zügeln, die Macht dem eigenen Sohn zu hinterlassen. Es beseitigt diesen Impuls nicht durch Institutionen, sondern unterdrückt ihn durch moralischen Druck. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Beseitigen heißt: Der Impuls besteht nicht mehr. Unterdrücken heißt: Er besteht weiter, wird aber aufgehalten. Was aufgehalten wird, sucht unweigerlich nach einem Riss. Drei Generationen genügten, um einen zu finden.
Kein Aufbau kann sich jemals vollständig schließen. Das folgt aus der Erhaltung des Rests. Doch ein haltbarerer Aufbau verlangt von seinen Beteiligten nicht, Weise zu sein. Er erkennt an, dass Menschen Eigeninteressen haben, und plant den Rest mit ein. Durch Institutionen lässt er Eigeninteressen einander in Schach halten oder sorgt dafür, dass ihre Befriedigung den Zielen des Systems nicht widerspricht. Der Shanrang-Aufbau hat das nicht geleistet. Er braucht Weise. Ob Weise zur Verfügung stehen, ist jedoch Zufall und entzieht sich institutioneller Kontrolle.
Aus der Sicht der Resterhaltung setzte der Übergang von Yu zu Qi jenen Rest der Blutsverwandtschaft frei, den der Shanrang-Aufbau unterdrückt hatte. Das geschah weder durch Gewalt – Qi tötete Yi nicht – noch durch eine Verschwörung, zumindest nicht in der vorherrschenden Erzählung. Es geschah auf schlichtere Weise: Die Logik des Shanrang hatte im Denken der Gesellschaft nie Fuß gefasst. Shanrang war eine Übereinkunft einiger weniger Weiser an der Spitze geblieben. Bis nach unten war sie nicht gedrungen. Die Fürsten spielten nicht mit. Ihre Voreinstellung hatte immer gelautet: „Den Platz des Vaters bekommt der Sohn.“ Als die Übereinkunft der Weisen nicht mehr genügend Kraft besaß, stellte sich der alte Zustand wieder her.
Der Rest wurde nicht erst geschaffen. Er war die ganze Zeit da. Der Aufbau versuchte, ihn zu überdecken. Drei Generationen lang gelang es. Dann gelang es nicht mehr.
V. Der tote Aufbau und der Rest, der nicht stirbt
Als praktizierte politische Ordnung endete Shanrang in dem Augenblick, als Qi auf Yu folgte. Als politische Idee begann sein Leben da erst.
In den folgenden zweitausend Jahren wurde es immer wieder hervorgeholt. Die Art und der Zusammenhang wechselten jedes Mal. Doch schon die ständige Rückkehr verrät das Problem: Der Aufbau des Kaisertums fand nie eine in sich stimmige Lösung für die Machtübergabe. Deshalb musste er immer wieder zu diesem gescheiterten Urmodell zurückkehren und sich Legitimität von ihm leihen.
Am aufrichtigsten taten das die Konfuzianer. Wenn Konfuzius von Yao und Shun sprach und Menzius vom Shanrang, hielten sie es wirklich für die beste Ordnung. Doch eine Frage haben die Konfuzianer nie ernsthaft beantwortet: Wie lässt sich dieses System ohne Weise betreiben? Sie setzten die Weisen voraus, anstatt ihre Ordnung für den Fall zu entwerfen: „Was tun, wenn es keine Weisen gibt?“ Dieses Ausweichen prägte zweitausend Jahre konfuzianischer politischer Theorie. Immer wurden Weise herbeigerufen. Nie wurden die Einzelheiten institutioneller Gestaltung ernst genug genommen.
Am heuchlerischsten bedienten sich seiner die mächtigen Minister. Cao Pi zwang Kaiser Xian der Han zur Abdankung und inszenierte dazu das vollständige Ritual des dreimaligen Ablehnens und dreimaligen Anbietens der Herrschaft. Liu Yu zwang Kaiser Gong der Jin, Xiao Daocheng Kaiser Shun der Song, Yang Jian Kaiser Jing der Nördlichen Zhou. Auch Zhao Kuangyin ließ, nachdem man ihm das gelbe Kaisergewand umgelegt hatte, noch ein Shanrang-Verfahren folgen. Das waren alles gewaltsame Machtübernahmen. Und doch mussten ausnahmslos alle Usurpatoren ihnen den Mantel des Shanrang umhängen. Warum? Weil ihre Legitimität ohne diesen Mantel nackt dastand. Das Kaisertum hatte keine andere Quelle der Legitimität hervorgebracht, die diese Erzählung hätte ersetzen können – außer der „Revolution von Tang und Wu“, einem anderen erzählerischen Urmodell, auf das wir im nächsten Essay zu sprechen kommen. Ein Reich kann man mit Gewalt erobern. Um es zu regieren, braucht man eine Geschichte. Und Shanrang war die beste Geschichte.
Am absurdesten griff Wang Mang darauf zurück. Er borgte sich nicht nur die Shanrang-Erzählung. Er versuchte, den gesamten Shanrang-Aufbau wiederzubeleben. Er wollte die Riten der Zhou wiederherstellen, in die Zeit Yaos und Shuns zurückkehren und die Machtübergabe wieder auf Tugend gründen. Er scheiterte. Er scheiterte katastrophal. Doch die Art seines Scheiterns ist von großer Bedeutung: Sie beweist, dass sich die Entwicklung der Aufbauten nicht umkehren lässt. Die gesellschaftlichen Grundlagen des Shanrang – kleine Stammesbünde, überschaubare Information, eine Gesellschaft, in der man einander kennt – waren längst verschwunden. Diesen Aufbau in einem Reich von zehntausend Li Ausdehnung und zehn Millionen Einwohnern wiederzubeleben, wäre so, als wollte man in einer modernen Stadt die Sammelwirtschaft wiederherstellen. Es ist nicht so, dass man es nicht tun könnte. Man könnte davon nur nicht leben.
Zusammengenommen ergeben diese Rückgriffe einen verblüffenden Verlauf: Eine Ordnung, die als praktische Einrichtung keine drei Generationen überdauerte, lebte als Erzählung mehr als zweitausend Jahre fort. In der Praxis starb sie. In der Sprache lebte sie. Sie ist der Zombie des chinesischen politischen Diskurses: tot, aber immer noch unterwegs; ohne Lebenskraft, aber voller Wirkung.
Von der Erhaltung des Rests her lässt sich das so erklären: Das Scheitern des Shanrang-Aufbaus setzte den Rest der Blutsverwandtschaft frei. Dieser Rest – das Reich als Erbbesitz einer Familie – wurde zur Grundlage sämtlicher späterer kaiserlicher Aufbauten. Doch auch der Aufbau dieser Familienherrschaft hatte seine eigenen tödlichen Schwächen, auf die wir in jedem der folgenden Essays immer wieder zurückkommen werden. Die Spannungen, die daraus entstanden, brauchten eine Sprache, die sie milderte. Diese Rolle übernahm die Shanrang-Erzählung. Sie war kein institutioneller Entwurf mehr, sondern ein moralischer Maßstab. Ihre Aufgabe bestand nicht darin, verwirklicht, sondern darin, zitiert zu werden. Sie lebte im Sollen, um das Sein zu kritisieren.
Ein gescheiterter Aufbau wurde zum Werkzeug, mit dem sich alle späteren Aufbauten kritisieren ließen. Das ist die erste Weise, in der ein Rest nicht verschwindet: Er besteht nicht als Institution fort, sondern als Sprache. Er zieht sich von der Ebene des Handelns auf die Ebene des Sprechens zurück. Aus dem Entwurf wird ein Maßstab, aus der Wirklichkeit ein Ideal.
Das ist dauerhafter als ein Leben in der Wirklichkeit. Denn wirkliche Institutionen lassen sich stürzen, sprachlich bewahrte Ideale nicht. Man kann eine Dynastie vernichten. Ein „So sollte es sein“ kann man nicht vernichten. Genau in dieser Gestalt, als ein „So sollte es sein“, durchzog Shanrang als Rest die gesamte Geschichte des chinesischen Kaisertums, bis das Kaisertum selbst endete.
Selbst danach blieb sein Schatten. Als Sun Yat-sen Yuan Shikai seinen Platz überließ, geschah das vordergründig unter dem Zwang der Verhältnisse. Doch wie sehr glich die tiefere Struktur seiner politischen Sprache dem Shanrang: Ich bin nicht vertrieben worden. Ich bin freiwillig gegangen, zum Wohl des Landes. Die Macht der Sprache überdauert den Wandel der Institutionen. Der Aufbau ist tot. Seine Sprache aber lebt als Rest länger als jeder Aufbau.
VI. Ausblick: Der erste Riss im Reich als Familienbesitz
Der Übergang von Yu zu Qi beantwortete eine Frage: Soll das Reich an den Sohn gehen? Die Antwort war ja.
Sofort aber warf er drei neue Fragen auf:
An welchen Sohn? An den ältesten oder den fähigsten? An den Sohn der Hauptfrau oder den einer Nebenfrau?
Wie soll die Übergabe erfolgen? Nach dem Tod des Vaters an den Sohn oder nach dem Tod des älteren Bruders an den jüngeren?
Und wie verhindert man nach der Übergabe, dass unwürdige Nachkommen alles zugrunde richten?
Die vierhundert Jahre der Xia-Dynastie – wenn wir der traditionellen Zeitrechnung folgen – waren ein fortwährender Kampf im Sog dieser drei Fragen. Taikangs Verlust des Reiches war der erste große Zusammenbruch. Shaokangs Wiederherstellung der Herrschaft war die erste Reparatur. Jies Gewaltherrschaft war der endgültige, nicht mehr reparierbare Schaden.
Wichtiger als diese einzelnen Ereignisse ist jedoch eine strukturelle Einsicht: Das Reich als Familienbesitz ist kein Aufbau. Es ist eine Voraussetzung, die durch einen Aufbau gestützt werden muss. Man hat entschieden, dass der Sohn erben soll. Gut. Und dann? Man braucht ein ganzes Gefüge von Institutionen, um zu regeln, wie dieses „an den Sohn vererben“ tatsächlich abläuft. Das Erbrecht des ältesten Sohnes der Hauptfrau ist ein solcher Aufbau. Die Xia hatten ihn aber noch nicht erfunden. Der Übergang der Herrschaft vom älteren an den jüngeren Bruder ist ein anderer. Die frühe Shang-Dynastie erprobte ihn und brachte damit die Wirren der neun Generationen hervor.
Jeder Aufbau, der die Erbfolge zu ordnen versucht, erzeugt neue Reste. Das Erbrecht des ältesten Sohnes der Hauptfrau löst die Frage „Welcher Sohn?“, erzeugt aber einen neuen Rest: „Was, wenn dieser älteste Sohn nichts taugt?“ Die Nachfolge von Bruder zu Bruder löst die Aufgabe, das fähigste Familienmitglied zu finden. Dafür erzeugt sie einen neuen Rest: „Wer hat Vorrang: der Onkel oder der Neffe?“
Ein Rest wird in den Aufbau aufgenommen. Drei neue Reste dringen durch seine Ritzen hervor.
Das ist der Motor des Zyklusgesetzes. Er begann nicht erst mit irgendeiner bestimmten Dynastie zu laufen. Er sprang in dem Augenblick an, als Qi auf Yu folgte. Jeder Kaiser, jeder institutionelle Entwurf, jede politische Krise, denen wir in den folgenden Essays begegnen werden, ist eine andere Drehzahl dieses Motors.
Im nächsten Essay: Xia – der Preis des Reiches als Familienbesitz.
Diese deutsche Ausgabe wurde für deutschsprachige Leser eigenständig neu geschrieben.