Einundachtzig Kapitel – und doch nur wenige Gedanken
Eine Mauer, die Laozi nicht gebaut hat
Fast jeder kennt den Namen des Daodejing, doch erstaunlich wenige Leser gelangen über den ersten Satz hinaus. „Ein Dao, das sich aussprechen lässt, ist nicht das beständige Dao“ scheint gleich am Eingang eine metaphysische Mauer zu errichten. Diese Mauer ist jedoch zum guten Teil das Ergebnis der späteren Anordnung. Die 1973 in Mawangdui entdeckten Seidenmanuskripte teilen den Text nicht in einundachtzig Kapitel; sie kennen lediglich zwei große Teile und stellen den De-Teil vor den Dao-Teil. Der ältere Text begann also mit menschlicher Haltung und politischem Handeln, nicht mit der abstraktesten Passage des Buches.
Diese Ausgabe nimmt deshalb die Seidenhandschrift A als philologischen Ausgangspunkt. Ihre Lesarten liegen zeitlich vor vielen Tabuisierungen und redaktionellen Glättungen. Das berühmte „chang“ des überlieferten ersten Kapitels steht dort als „heng“, das aus Rücksicht auf Kaiser Wen vermieden wurde. Ähnlich verändert „Menschen-Dao: handeln, ohne zu streiten“ am Ende des Buches die Perspektive gegenüber dem späteren „Dao des Weisen“. Solche Varianten sind keine Antiquitäten im Fußnotenapparat; sie können den Sinn einer ganzen Passage umkehren.
Acht Linien in einem offenen Gewebe
Weil die Kapitelgrenzen nachträglich sind, liegt die eigentliche Ordnung des Werkes nicht in einer linearen Beweisführung. Sie besteht aus Linien, die verschwinden und später wiederkehren: kein Schild mit der Aufschrift „Ich bin dies“ aufstellen; handeln, ohne um Rang und Anerkennung zu kämpfen; wie Wasser nach unten gehen; dem Lebendigen seinen eigenen Rhythmus lassen; niemanden preisgeben; einen Rest und damit Spielraum bewahren; wissen, wo das eigene Wissen endet. Ein Bild aus Kapitel 8 kann in Kapitel 66 politisch werden und im letzten Kapitel als schlichte menschliche Praxis wiederkehren.
Daraus folgt auch eine andere Art des Lesens. Man muss das Buch weder in Ehrfurcht von vorn bis hinten durcharbeiten noch jedes dunkle Kapitel sofort entschlüsseln. Man darf bei Wasser, Genügsamkeit oder der Weichheit des Lebendigen beginnen. Das Daodejing ist kein System, das den Menschen in eine endgültige Definition einschließt. Es zeigt vielmehr, warum jedes Konstrukt einen Rest erzeugt und wie ein Mensch handeln kann, ohne diesen Rest gewaltsam zu beseitigen. Sein Schluss ist deshalb kein Privileg eines Heiligen: Tu, was zu tun ist – aber streite nicht um den Besitz des Getanen.