Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 52

Bei den Früchten die Wurzeln nicht vergessen

Chinesischer Text dieses Kapitels

Seidenhandschriften · chinesische Textfassung dieses Kommentars

天下有始,以为天下母,既得其母,以知其子,既知其子,复守其母,没身不殆。塞其兑,闭其门,终身不堇。启其兑,济其事,终身不救。见常曰明,守柔曰强。用其光,复归其明,毋遗身殃,是谓袭常。

Zur Textfassung und Zeichensetzung

Der chinesische Text folgt dem kommentierten Dao De Jing des Autors (《道德经注·君子不器》). Diese Fassung berücksichtigt beide Seidenhandschriften, A und B, sowie editorische Berichtigungen und Ergänzungen; sie gibt keine der beiden Handschriften Zeichen für Zeichen wieder. Die Kapitelnummern folgen der überlieferten Standardfassung, die Satzzeichen dem Kommentar. Beim Wechsel der Lesesprache bleibt der chinesische Wortlaut unverändert.

Den zugrunde liegenden Aufsatz lesen (Englisch / Chinesisch)

I. Immer auf dem neuesten Stand, nie am eigenen Ort

Auf dem Bildschirm liegen die Möglichkeiten dicht nebeneinander. Eine neue Technik soll den Beruf verändern. Ein Kurs verspricht den Vorsprung, den bald alle brauchen werden. In einem anderen Fenster steigen Zahlen, an denen sich zeigen soll, ob die eigene Arbeit noch etwas wert ist. Wer eines schließt, hat bereits das Gefühl, etwas zu versäumen.

So kann ein fleißiger Tag vergehen, ohne dass die einfachste Frage vorkommt: Wozu wollte ich all das lernen? Die Fähigkeiten nehmen zu, die Nachrichten werden aktueller, die Kennzahlen genauer. Aber die Richtung wird von dem bestimmt, was als Nächstes aufleuchtet.

Kapitel 52 beschreibt einen anderen Rhythmus. Es spricht von Mutter und Kindern, von Ursprung und Erscheinungen: den Ursprung finden, die einzelnen Dinge verstehen und zum Ursprung zurückkehren. Nicht immer weiter den Früchten hinterherlaufen, sondern nachsehen, was sie wachsen lässt und wovon wir leben wollen.

Die Frage nach der Wurzel verspricht keine Formel, mit der jede neue Technik und jede Marktbewegung vorhergesagt werden kann. Sie kann etwas Bescheideneres und Nützlicheres leisten: uns daran erinnern, welche Aufgabe eine Gelegenheit überhaupt beantworten soll. Dann ist eine neue Möglichkeit nicht automatisch eine neue Pflicht.

II. Die Mutter ist ein Bild für das, was trägt

„天下有始,以为天下母。“ Die Welt hat einen Anfang, der als ihre Mutter gelten kann. Das Bild verbindet Ursprung und fortdauernde Versorgung. Eine Mutter steht nicht nur am Anfang einer Geschichte; das Wort lässt auch an das denken, woraus Leben sich weiter nährt.

Im Zusammenhang des Daodejing verweist diese Mutter auf das Dao. Die einzelnen Wesen sind die Kinder, die vielen bestimmten Erscheinungen eines umfassenderen Entstehens. Sie sind verschieden und haben dennoch Voraussetzungen, die sich nicht erst mit jedem einzelnen Wesen neu erfinden.

Für unseren Alltag lässt sich daraus eine Frage gewinnen. Hinter wechselnden Geräten bleibt etwa die Aufgabe, verständlich miteinander zu sprechen. Hinter Karrierewegen stehen Lebensunterhalt, Können, Zusammenarbeit und die Frage, welche Art von Arbeit wir verantworten wollen. Die Antworten darauf sind nicht für alle Menschen gleich. Aber sie reichen tiefer als die Rangfolge der gerade beliebtesten Möglichkeiten.

Wer diese Voraussetzungen sucht, darf die Welt nicht durch einen Lieblingssatz ersetzen. „Menschen wollen Anerkennung“ erklärt nicht jedes Verhalten. „Gute Arbeit setzt sich durch“ übersieht vielleicht eine ungerechte Organisation. Eine tragfähige Grundannahme muss an den einzelnen Erfahrungen geprüft werden können.

Die Mutter ist deshalb in dieser praktischen Lektüre keine Geheimformel hinter allen Tatsachen. Sie erinnert an die Bedingungen, ohne die die Tatsachen ihren Zusammenhang verlieren: Was soll hier erhalten, ermöglicht oder verstanden werden? Was nährt das Vorhaben, wenn der kurzfristige Beifall vorbei ist?

III. Hinausgehen und zurückkehren

„既得其母,以知其子,既知其子,复守其母,没身不殆。“ Wer die Mutter gefunden hat, erkennt die Kinder; wer die Kinder erkannt hat, kehrt zur Mutter zurück und bewahrt sie. Der letzte Teil verbindet diese Bewegung mit dem Vermeiden von Gefährdung.

Zunächst braucht es einen Ausgangspunkt. Wer weiß, welches Problem eine Arbeit lösen soll, kann eine neue Technik gezielter prüfen. Die Frage lautet dann nicht allein, ob alle sie verwenden, sondern ob sie hier wirklich nützt. Das Grundanliegen macht einen Unterschied zwischen Gelegenheit und Ablenkung möglich.

Danach kommt die Begegnung mit den Einzelheiten. Ein Werkzeug wird ausprobiert, ein Ergebnis überprüft, die Erfahrung anderer gehört. Die Wurzel befreit nicht von dieser Arbeit. Vielleicht zeigt sich sogar, dass die ursprüngliche Frage zu eng war. Dann verändert sich auch das Verständnis des Grundes.

Schließlich folgt die Rückkehr. Eine erfolgreiche Kennzahl sagt noch nicht, ob die Arbeit ihren Zweck erfüllt. Mehr Kontakte bedeuten nicht notwendig eine verlässlichere Zusammenarbeit. Die gewonnene Erfahrung wird deshalb wieder auf das bezogen, wofür man überhaupt angefangen hat.

没身不殆 lese ich als starke Zusage innerhalb dieser Ausrichtung, nicht als lebenslange Versicherung gegen Unfall, Irrtum oder Verlust. Wer seinen Grund kennt, kann weiterhin erschüttert werden. Er hat aber einen Ort der Prüfung, der nicht mit jeder Nachricht wechselt. Der Nutzen besteht nicht darin, niemals unruhig zu werden, sondern darin, eine Bewegung zurück zur eigenen Urteilskraft zu kennen.

IV. Nicht jede offene Tür muss offen bleiben

„塞其兑,闭其门,终身不堇。“ Öffnungen verschließen, Tore schließen: Das Bild klingt zunächst wie ein Rückzug aus der Welt. Hier interessiert mich daran eine Grenze für das unablässige Greifen nach außen. Nicht alles, was Aufmerksamkeit verlangt, muss ungehindert eintreten.

Die Zeichenfolge 不堇 wird in der zugrunde liegenden Auslegung auf ein Leben ohne innere Verarmung bezogen. Die verbreitete Fassung 不勤 setzt einen anderen Akzent, auf das Nachlassen von Mühsal; auch Wang Bis Kommentar liest sie so. Das Bild von Fülle ist daher eine gewählte Deutung, keine zweifelsfreie Wörterbuchgleichung.

Man kennt die Bewegung, die es anspricht: Nach zehn Nachrichten fehlen noch die elfte und zwölfte. Nach einem Einkauf fehlt das passende Zubehör. Ein abgeschlossener Kurs zeigt vor allem, welche Kurse man noch nicht gemacht hat. Das Außen liefert nicht nur Antworten, sondern immer neue Formen des Mangels.

Eine Tür zu schließen kann bedeuten, einer Sache ungeteilte Zeit zu geben. Das Telefon liegt außer Reichweite, während ein schwieriger Gedanke zu Ende geführt wird. Ein Kauf wartet, bis das ursprüngliche Bedürfnis wieder erkennbar ist. Nicht jede Anregung wird sofort in einen Termin verwandelt. Wirklicher materieller Mangel verlangt dagegen erreichbare Mittel und Unterstützung; er verschwindet nicht durch eine andere Haltung zur Aufmerksamkeit.

Solche Grenzen schützen Aufmerksamkeit; sie verlangen keine Abschottung gegen Menschen, Kritik oder neue Tatsachen. Ein Haus braucht Türen gerade deshalb, weil es Verbindungen braucht. Es muss sie öffnen und schließen können. Dauernd offen zu stehen ist ebenso wenig Freiheit wie sie dauerhaft zu verriegeln.

V. Wenn jede Unruhe eine weitere Aufgabe erzeugt

Der Gegenzug lautet: „启其兑,济其事,终身不救。“ Die Öffnungen aufmachen, die Geschäfte vermehren und aus dieser Bewegung keine Rettung finden. Die Schärfe des Satzes trifft einen Kreislauf: Unruhe führt zu mehr Tätigkeit, mehr Tätigkeit zu größerer Unübersichtlichkeit, und diese Unübersichtlichkeit soll durch noch mehr Tätigkeit behoben werden.

Im Berufsleben kann jeder Zweifel an der eigenen Zukunft einen weiteren Kurs auslösen. Das erworbene Wissen ist dabei nicht wertlos. Doch ohne eine Frage, an der es sich sammeln könnte, wird auch wertvolles Wissen zum Stoff einer endlosen Aufholjagd. Die nächste Anmeldung beruhigt für einen Abend; am Morgen ist der Abstand zu den anderen wieder da.

„Nicht gerettet“ bedeutet in dieser Lektüre nicht, dass ein Mensch nach einem bestimmten Wunsch für immer verloren wäre. Der Kreislauf trägt nur seine Lösung nicht in sich. Solange jede Belastung mit einer weiteren Belastung beantwortet wird, bleibt seine Richtung dieselbe. Hilfe, ein Gespräch, ein gestrichener Termin oder eine andere Arbeitsverteilung können sie verändern.

Das verbindet dieses Kapitel mit Kapitel 46: Auch ein bereits starkes Habenmüssen nimmt uns nicht jedes spätere Vermögen zum Anhalten. Und mit Kapitel 48: Weniger werden soll nicht das Wissen, sondern das zusätzliche Müssen, das sich daran geheftet hat.

Entscheidend ist nicht die bloße Zahl der Tätigkeiten. Ein voller Tag kann sinnvoll geordnet sein, ein leerer von ständigem innerem Greifen beherrscht. Die Frage lautet, ob die Tätigkeiten einem Anliegen dienen oder ob das Anliegen inzwischen nur noch dazu dient, immer weitere Tätigkeiten zu rechtfertigen.

VI. Beständigkeit sehen, beweglich bleiben

„见常曰明,守柔曰强。“ Das Beständige sehen heißt Klarheit; das Weiche bewahren heißt Stärke. Die hier verwendete Fassung hat 常. Die bekannte Lesart 见小 betont dagegen das Kleine, die unscheinbaren Anfänge, die einer groben Aufmerksamkeit entgehen. Beide lenken den Blick weg vom bloß Auffälligen, ohne deshalb dasselbe zu sagen.

Beständigkeit muss keine unveränderliche Erklärung für alles sein. Manchmal liegt sie in einer wiederkehrenden Aufgabe: Vertrauen braucht verlässliche Handlungen; ein Körper braucht Erholung; gemeinsames Lernen braucht die Möglichkeit, einen Fehler einzugestehen. Solche Voraussetzungen bleiben wichtig, während ihre konkrete Gestaltung sich ändert.

守柔 ergänzt diese Aufmerksamkeit um Beweglichkeit. Wer die eigene Richtung nur mit einer einzigen Methode verbinden kann, wird durch jede Veränderung bedroht. Wer Mittel prüfen und anpassen kann, muss nicht schon deshalb seinen Grund aufgeben. Eine berufliche Umstellung kann demselben Anliegen dienen, das zuvor einen ganz anderen Arbeitsalltag getragen hat.

Weichheit meint hier nicht, sich einer Misshandlung anzupassen oder jedem Druck nachzugeben. Beweglichkeit kann gerade heißen, einen belastenden Zusammenhang zu verlassen, Unterstützung zu suchen oder eine deutliche Grenze anders durchzusetzen. Stark ist nicht bloß, wer den bisherigen Zustand länger aushält.

Wie in Kapitel 16 entsteht Klarheit durch die Aufmerksamkeit für Wiederkehr und Grundlage. Sie bewährt sich nicht darin, dass nichts mehr überrascht. Sie bewährt sich darin, auch nach einer Überraschung noch lernen und entscheiden zu können.

VII. Leuchten, ohne sich dabei zu verlieren

„用其光,复归其明,毋遗身殃,是谓袭常。“ Das Licht gebrauchen, zur Klarheit zurückkehren, sich kein Unheil zuziehen: so nennt der Text 袭常. Für diesen Essay lese ich 袭 als Sichverbinden oder Übereinstimmen mit dem Beständigen, nicht als einzig mögliche Bedeutung des Zeichens.

Auch die Unterscheidung zwischen 光 und 明 ist hier eine hilfreiche Denkfigur: Licht als nach außen gerichtetes Wirken, Klarheit als erneutes Prüfen der eigenen Ausrichtung. Der klassische Wortgebrauch lässt sich nicht überall in diese beiden sauberen Fächer einsortieren. Für die Bewegung dieses Kapitels macht sie jedoch etwas anschaulich.

Man darf auftreten, etwas herstellen, lehren und Einfluss gewinnen. Danach stellt sich erneut die Frage: Ist die Arbeit noch mit ihrem Grund verbunden? Hat der erfolgreiche Auftritt etwas geklärt, oder muss er nun ständig wiederholt werden, um das eigene Bild zu erhalten?

Zurückkehren bedeutet nicht, jedes Wirken zu widerrufen. Es schafft den Abstand, aus dem weiteres Wirken möglich wird. Wer einen Entwurf fertiggestellt hat, darf wieder lesen; wer gesprochen hat, wieder zuhören; wer eine Methode beherrscht, ihre Grenzen untersuchen.

Mit der Zeit kann diese Rückkehr eine Gewohnheit werden. Dann muss man sich nicht jedes Mal mit Gewalt vom nächsten Reiz losreißen. Das ist keine endgültig erreichte Einheit, in der alle Schwierigkeiten verschwinden. Es ist ein eingeübter Zusammenhang zwischen dem, was wir tun, und dem, was dieses Tun tragen soll.

VIII. Eine einzige offene Frage genügt für den Anfang

Wählen Sie eine Sache, der Sie gerade nachlaufen: eine Zahl, einen Kauf, eine zusätzliche Qualifikation, einen beruflichen Schritt. Fragen Sie nicht zuerst, ob sie grundsätzlich gut oder schlecht ist. Fragen Sie, welches Bedürfnis oder welche Aufgabe sie für Sie erfüllen soll.

Dann prüfen Sie die Einzelheiten. Hilft diese Möglichkeit tatsächlich dabei? Was spricht dafür, was dagegen, und welche Erfahrung fehlt noch? Eine Wurzel ist nicht besser, nur weil sie innerlich klingt. Auch ein vertrauter Grund muss sich korrigieren lassen.

Schließlich können Sie eine einzige Öffnung begrenzen. Eine Nachricht muss nicht sofort gelesen, ein Kauf nicht heute entschieden, ein weiterer Kurs nicht aus Angst gebucht werden. Der frei werdende Raum soll nicht zum neuen Leistungsziel werden. Er kann schlicht dazu dienen, die angefangene Sache zu Ende zu bringen oder jemanden wirklich anzuhören.

Kehren wir zu den vielen Fenstern auf dem Bildschirm zurück. Vielleicht bleiben einige offen. Eine neue Technik kann hilfreich sein, eine Kennzahl kann etwas zeigen, ein Kurs kann eine echte Lücke schließen. Aber nicht jedes Fenster darf bestimmen, wohin der ganze Tag geht.

Die Früchte zu sehen gehört zum Leben. Die Wurzel nicht zu vergessen bedeutet, dabei in Beziehung zu dem zu bleiben, wovon man leben möchte. Wir müssen nicht alles einholen, um irgendwo anzukommen.


Ausführlicher Kommentar und Textentscheidungen: Aufsatz 6 online und auf Zenodo. Frühere Teile: Aufsatz 1, Aufsatz 2, Aufsatz 3, Aufsatz 4, Aufsatz 5.